Dreißigtausend Menschen haben einer Maschine beigebracht, wie man sie ersetzt

VonRainer Hofmann

Mai 5, 2026

Oracle hat zwischen zwanzigtausend und dreißigtausend Menschen entlassen, rund achtzehn Prozent der weltweiten Belegschaft, und die Art, wie es geschah, sagt mehr als jede Zahl. Keine Vorwarnung, kein Gespräch, ein Brief in der Mailbox am frühen Morgen, danach war der Zugang zu den Systemen gesperrt. Fertig. Eine technische Redakteurin mit dreißig Jahren Berufserfahrung erfuhr davon telefonisch – am Tag ihrer geplanten Wirbelsäulenoperation. Dreihunderttausend Dollar in noch nicht ausgezahlten Aktien waren in diesem Moment weg.

Ein leitender Softwareentwickler wurde vier Monate bevor er Aktien im Wert von einer Million Dollar erhalten hätte, aus dem Unternehmen geworfen. Was viele dieser Menschen kurz vor ihrer Entlassung noch getan hatten: sie dokumentierten ihre eigenen Arbeitsprozesse, offiziell zur Schulung interner KI-Systeme. Sie haben der Maschine beigebracht, wie man ihre Arbeit macht, und wurden danach nicht mehr gebraucht. Mehr als sechshundert Entlassene haben am 17. April einen gemeinsamen Brief an die Unternehmensführung unterzeichnet und bessere Abfindungen, verlängerte Krankenversicherung und Unterstützung für Visa-Inhaber gefordert. Oracle antwortete, man werde nur individuelle Anfragen prüfen. Die angebotenen Konditionen – vier Wochen Grundgehalt plus eine Woche pro Dienstjahr – liegen weit unter dem, was Google und Meta bei ihren jüngsten Entlassungen zahlten. Für die Beschäftigten mit H-1B-Visa bedeutet das alles noch etwas anderes: sechzig Tage, um einen neuen Arbeitgeber zu finden, sonst Ausreise.

Zur gleichen Zeit meldet Oracle das stärkste Quartalswachstum seit fünfzehn Jahren, der Wert laufender Verträge liegt bei 553 Milliarden Dollar. Larry Ellison, fleissiger Geldgeber für Trumps Ballroom, stand im Januar 2025 neben Donald Trump und Sam Altman, als das Stargate-Infrastrukturprojekt über 500 Milliarden Dollar angekündigt wurde, im September folgte ein Cloud-Vertrag mit OpenAI über 300 Milliarden.

Analysten von TD Cowen schätzen, dass die Entlassungen acht bis zehn Milliarden Dollar freisetzen – für den Bau neuer Rechenzentren. Eine der entlassenen Mitarbeiterinnen sagte es so: Menschen werden hier wie Anlagen behandelt, wie die Anlagen eines Rechenzentrums, die man abschreiben kann, wenn sie nicht mehr die günstigste Option sind. In den ersten Monaten des Jahres 2026 wurden allein im Technologiesektor über neunzigtausend Menschen entlassen, ein erheblicher Teil davon direkt durch Automatisierung. Was bei Oracle begann, könnte nach Einschätzung der Organisatoren des Protestbriefs der Beginn einer breiteren Gewerkschaftsbewegung unter IT-Beschäftigten sein. Ob das reicht, ist offen. Was nicht offen ist: dass hier Menschen nicht gekündigt, sondern verwertet wurden.

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Wuschitz
Wuschitz
4 Tage vor

Es schnürt mir die Kehle zu bei diesen Zuständen. Der Mensch eine Aktie. Und das scheint erst der Anfang. Kann nur hoffen, dass sie mit einer gewerkschaftlichen Organisation Erfolg haben. Bei der jetzigen Regierung in den USA wahrscheinlich nicht. Und früher oder später wird es auch bei uns Wellen schlagen.

Ela Gatto
1 Tag vor

Reiche sind nicht reich geworden, weil sie Menschen schätzen, sondern weil sie wissen, wie man sie ausnutzt jnd ungeschoren weiter macht.

Tech-Giganten sehen Menschen nur Produkte.
Man nutzt sie, so lange man sie braucht.
Dann wirft man sie weg.
Ohne Rücksicht.

Leider sind die Führungsetagen, CEO und Inhaber die Letzten, die spüren, wenn der Fortschritt ihren Arbeitsplatz ausradiert.

Fortschritt ist wichtig.
Aber man muss nicht jeden Schritt gehen.

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