Hinweis vor dem Lesen: Es empfiehlt sich, den folgenden Text nicht auf nüchternen Magen zu lesen, aber auch nicht direkt nach dem Essen. Mögliche Nebenwirkungen sind ein leises Kopfschütteln, ein längeres Schweigen am offenen Fenster und der Verdacht, dass die Welt im Jahr 2026 von jemandem geschrieben wird, der sich selbst nicht mehr ernst nimmt. Wer empfindlich auf Goldlack, Pastoren oder Patriotismus in Großbuchstaben reagiert, sollte in Begleitung lesen.
Es gibt Bilder, die braucht man nicht zu kommentieren, sie kommentieren sich selbst. Ein Mann aus Gold, sechseinhalb Meter hoch mitsamt Sockel, vergoldet wie ein Kerzenhalter aus dem Wohnzimmer einer Großtante, die rechte Faust in den Himmel gestreckt, dazu eine Palme, ein Golfplatz, ein Pastor mit Mikrofon. So sieht im Mai 2026 das aus, was die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Demokratie nennen.
Auf dem Trump National Doral Golfplatz in Miami wurde der „Don Colossus“ eingeweiht, eine 22 Fuß hohe Goldstatue von Donald Trump, in einer Pose, die der nachempfunden ist, mit der er am 13. Juli 2024 nach dem Attentat in Butler, Pennsylvania, wieder auf die Beine kam. Die Faust nach oben, das Blut im Gesicht, Hollywood hätte es nicht besser inszenieren können. Jetzt steht das Ganze in Gold, vergoldet, gekauft für 450.000 Dollar, finanziert von einer Gruppe Kryptoinvestoren, die parallel einen Memecoin namens $PATRIOT bewerben. Die Republik als Werbeträger für Spielgeld. Gold gegen Glaube an die Blockchain. Ein Geschäft, das nur noch eines fehlt – Würde.

Geleitet wurde die Zeremonie von Pastor Mark Burns, seit 2023 Mitglied der „Pastors for Trump“ und so etwas wie der spirituelle Berater des Präsidenten, falls man sich diese beiden Wörter nebeneinander noch leisten kann. Trump selbst schaltete sich telefonisch zu, dankte Burns und den Anwesenden, ein vergoldetes Bild seiner selbst im Rücken, eine Stimme aus dem Lautsprecher im Vordergrund. Burns sprach von einem historischen Moment, von Dankbarkeit, Ehre und Erinnerung, von „mehr als einer Bandschneidezeremonie“. Er sagte auch den Satz, an dem man hängenbleibt – die Statue sei „kein goldenes Kalb“. Wer das aussprechen muss, weiß, was er da aufgestellt hat.
„Wir beten den Herrn Jesus Christus an und ihn allein“, fuhr Burns fort, das Ding vor sich, sechseinhalb Meter Goldlack auf Bronze, und nannte es ein Symbol für Widerstandskraft, Freiheit, Patriotismus, Mut und den Willen, weiter für Amerika zu kämpfen. Er dankte Gott dafür, dass Trumps Leben mehrfach bewahrt wurde, zuletzt beim Dinner der White-House-Korrespondenten. Ein Pastor, der vor einer goldenen Statue eines lebenden Präsidenten den Allmächtigen dafür preist, dass dieser Präsident noch lebt. Wenn man einen Satz suchen müsste, der das Jahr 2026 zusammenfasst, dann diesen.
Das Weiße Haus ließ ausrichten, man sei in das Projekt nicht involviert gewesen. Burns selbst sagte etwas anderes. Welche der beiden Versionen stimmt, ist am Ende egal, beide beschreiben dieselbe Republik, nur aus unterschiedlichen Winkeln.
Gefertigt wurde die Statue vom 73-jährigen Bildhauer Alan Cottrill aus Zanesville, Ohio. Er erzählte, wie leicht es war, Trumps Leuten den 60.000-Dollar-Aufpreis für die Goldlack-Beschichtung zu verkaufen. Sie hätten die Idee „natürlich geliebt“, das sei gewesen, als verkaufe man einem Verdurstenden ein Glas Eiswasser. Schwer war es jedenfalls nicht. Es ist selten, dass ein Künstler so offen darüber spricht, wie billig die Eitelkeit der Mächtigen zu kaufen ist. Cottrill hat es getan, und niemand widerspricht, weil niemand widersprechen kann.
Das Gold ist nicht zufällig. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wurde das Oval Office umgestaltet, vergoldete Möbel, vergoldete Lampen, vergoldete Dekoration. Der West-Wing-Säulengang ist jetzt eine „Presidential Walk of Fame“, mit den Porträts früherer Präsidenten in goldenen Rahmen. Selbst die Politik trägt mittlerweile Gold im Namen, die „Trump Gold Cards“ etwa, ein Visa-Programm für reiche Investoren, die sich Zugang zum amerikanischen Markt kaufen wollen. Ein Land, das sich selbst zur Verkaufsfläche macht, in der Farbe seiner Selbstüberschätzung.

Und dann gibt es noch die großartigen amerikanischen Patrioten. So jedenfalls nennen sie sich selbst, und der Präsident bedankt sich auf Truth Social für die Statue in seinem eigenen Resort – „The Real Deal – GOLD – At Doral in Miami. Put there by great American Patriots!!!“. 23.100 Herzen. Patriotismus ist im Jahr 2026 das Wort, mit dem man sich selbst beschreibt, wenn einem das passende fehlt. Es sind nicht die, die für ein Land einstehen, es sind die, die ein Land in Gold gießen, weil Gold leichter zu verstehen ist als Verfassung. Sie verraten täglich das, worauf sie sich berufen, und nennen den Verrat Liebe. Sie stellen einen Mann auf einen Sockel, der jeden Sockel einreißt, auf dem die Republik einmal stand, und halten das für eine Ehrung. Es ist eine. Nur nicht für ihn. Es ist die Ehrung ihrer eigenen Leere, gegossen in das Material, das am besten reflektiert, was nicht da ist.
Die Statue wird stehen bleiben, bis irgendwann jemand kommt und sie umwirft. Vielleicht ein Sturm, vielleicht ein nüchterner Tag. Bis dahin ist sie das, was sie ist – ein Denkmal für eine Zeit, in der ein Pastor neben einer goldenen Skulptur eines lebenden Präsidenten stehen konnte und das Wort „Kalb“ aussprechen musste, weil alle anderen es längst dachten. Wir werden es weiterbekämpfen, denn alles andere wäre die stille Erlaubnis, mit der die Welt jeden Morgen ein Stück tiefer in sich selbst versinkt.
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