Bing, Bing, Gone – und niemand hebt mehr die Hand

VonRainer Hofmann

Mai 8, 2026

Es gibt Tage, an denen man auf einen Bildschirm schaut und nicht mehr weiß, ob man die Welt sieht oder ihre Karikatur. Heute ist so ein Tag. Ein Mann, 79 Jahre alt, Präsident der mächtigsten Streitmacht des Planeten, sitzt irgendwo in einem vergoldeten Zimmer und veröffentlicht ein computergeneriertes Bild, auf dem ein amerikanischer Zerstörer mit einem roten Laserstrahl eine iranische Drohne zerfetzt. Darüber, in fetten Lettern, drei Wörter, die kein Staatsmann je in den Mund nehmen sollte – „Lasers: Bing, Bing, GONE!!!“. Aktueller Stand des Spektakels: 14.900 Herzen. 3.510 Mal weitergereicht. 571 Kommentare. Die Welt nickt, scrollt, schließt das Fenster, Brötchen beißen …

Man kann an diesem Punkt zwei Dinge tun. Man kann lachen. Oder man kann sich fragen, was eigentlich passiert ist mit dem Begriff der Amtstauglichkeit, jenem altmodischen Wort, das einmal bedeutete, dass jemand in der Lage sein muss, das Amt, das er bekleidet, mit der Würde des Amtes zu bekleiden. Beides scheint nicht mehr zu gelten. Vielleicht hat es nie gegolten, vielleicht haben wir es uns nur eingebildet, weil die Männer früher bessere Krawatten trugen.

Und dann gibt es noch die großartigen amerikanischen Patrioten. So jedenfalls nennen sie sich selbst, und der Präsident bedankt sich auf Truth Social für eine vergoldete Statue, die er sich in seinem eigenen Resort in Doral hat aufstellen lassen, Faust nach oben, Goldlack auf Kunstharz, „The Real Deal – GOLD – At Doral in Miami. Patriotismus ist im Jahr 2026 das Wort, mit dem man sich selbst beschreibt, wenn einem das passende fehlt. Es sind nicht die, die für ein Land einstehen, es sind die, die ein Land in Gold gießen, weil Gold leichter zu verstehen ist als Verfassung. Sie verraten täglich das, worauf sie sich berufen, und nennen den Verrat Liebe. Sie stellen einen Mann auf einen Sockel, der jeden Sockel einreißt, auf dem die Republik einmal stand, und halten das für eine Ehrung.

Ein Präsident, der sich selbst als Heldenfigur veröffentlicht. Ein Präsident, der Krieg in Comicsprache schreibt, als wäre er ein achtjähriger Junge im Kinderzimmer mit zwei Plastikflugzeugen in der Hand. „Bing, Bing. Gone!!!“ – Drei Silben für etwas, das Menschenleben bedeutet, gleich auf welcher Seite.

Und doch ist das Verstörende nicht der Präsident. Verstörend ist, dass es niemanden mehr verstört. Die Senatoren schweigen, die Verbündeten schweigen, die Edelfedern schreiben über etwas anderes. Der Vorgang wird abgehakt, eingeordnet als „typisch Trump“, als wäre Typizität ein Argument, als wäre die Wiederholung eines Skandals seine Aufhebung. Sie ist es nicht. Sie ist seine Bestätigung. Wer lange genug das Inakzeptable wiederholt, macht es nicht akzeptabel, er macht das Akzeptieren zur Gewohnheit. Das ist nicht dasselbe.

Im Jahr 2026 sitzen in den Parlamenten der westlichen Welt Menschen, deren Hauptfähigkeit darin besteht, dem Treiben zuzuschauen. Sie nennen es Pragmatismus. Sie nennen es Realpolitik. Sie nennen es vermutlich auch Verantwortung, denn jedes Schweigen findet irgendwann sein eigenes vornehmes Wort. In Wahrheit ist es ein Sich-Einrichten in der Verkommenheit. Man baut sich ein Häuschen am Rand des Abgrunds und nennt es Aussichtspunkt.

Das Leben ist das, was wir aus ihm machen, und meistens machen viele nichts daraus. Bei den Politikern dieser Tage scheint das Prinzip auf die Geschichte übertragen worden zu sein. Sie machen nichts. Sie posten, sie kommentieren, sie sitzen in Ausschüssen, in denen Ausschüsse beschlossen werden, die später in anderen Ausschüssen wieder aufgelöst werden. In der Zwischenzeit zeichnet ein Algorithmus Drohnen, die in Flammen aufgehen, und ein Präsident drückt auf „Veröffentlichen“.

Die Frage, ob dieser Mann amtstauglich ist, ist falsch gestellt. Er ist im Amt, also ist er per Definition tauglich, denn die Tauglichkeit definiert sich heute nicht mehr durch das, was jemand kann, sondern durch das, was niemand mehr verhindert. Tauglich ist, wer durchkommt. Tauglich ist, wer nicht abgesetzt wird. Tauglich ist der, dessen Posts trotzdem 14.900 Herzen bekommen.

Die richtige Frage wäre eine andere. Sie wäre die nach uns. Nach denen, die zuschauen. Nach den Abgeordneten, die in ihren Stuhlreihen sitzen und die Hand nicht heben. Nach den Journalisten, die das Bild einbetten und darunter „Trump postet erneut“ schreiben, als wäre Wiederholung eine Erklärung. Nach den Bürgern, die scrollen, die liken, die teilen, die sich abends fragen, warum die Welt sich so anfühlt, als sei jemand mit einer Schreibmaschine in einen Heizungsraum eingesperrt.

Vielleicht ist das die richtige Antwort, die man auf die Frage geben kann. Amtstauglich ist im Jahr 2026 niemand mehr, aber das gilt nicht nur für die Präsidenten. Es gilt für ein ganzes System, das sich darauf geeinigt hat, das Würdelose nicht mehr würdelos zu nennen, weil das Wort dafür längst abgenutzt wäre, wenn man es noch benutzte. Man benutzt es nicht mehr. Man postet stattdessen ein Bild. Lasers. Bing, Bing. Gone.

Und der Rest der Welt gibt Herzen. Wir werden es weiterbekämpfen, denn alles andere wäre die stille Erlaubnis, mit der die Welt jeden Morgen ein Stück tiefer in sich selbst versinkt.

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