Es gibt einen Satz in den Gerichtsunterlagen aus Houston, der die amtliche Version in sich zusammenfallen lässt. Es sei kein einziger Beamter hinter oder vor ihnen gewesen, schreibt Jose Trinidad Rojas Pliego, sie hätten nur an den Seiten gestanden. Die Darstellung der Regierung nennt er eine Lüge und unmöglich.
Das Heimatschutzministerium hatte kurz nach dem 7. Juli erklärt, Lorenzo Salgado Araujo habe sein Fahrzeug zur Waffe gemacht und versucht, einen Beamten der Einwanderungsbehörde ICE zu überfahren, der daraufhin in Notwehr geschossen habe. Nun liegen die Aussagen zweier Männer vor, die im selben Wagen saßen. Daniel Tirado Pantoja schreibt, die Beamten seien nie vor dem Fahrzeug gewesen, und fügt eine Einzelheit hinzu, die keinen Raum mehr lässt. Salgado Araujo habe den Wagen in die Parkstellung gebracht, während die Beamten schossen.
Wer einparkt, überfährt niemanden
Den Morgen beschreiben beide gleich. Um 6.30 Uhr habe Salgado Araujo ihn abgeholt, schreibt Rojas Pliego, wie an jedem Tag, danach die beiden anderen. Bald sei ihnen ein Fahrzeug gefolgt und beinahe in ihren Wagen gefahren. Erschrocken hätten sie über einen Bordstein zu wenden versucht. Der Wagen der Behörde habe sie verfolgt, sie hätten ihn abgeschüttelt geglaubt, dann seien die Beamten plötzlich vor ihnen gewesen. Tirado Pantoja schreibt, das Fahrzeug der Behörde habe sie von hinten gerammt und dann noch einmal an der Fahrerseite. Das Ministerium behauptet das Gegenteil, Salgado Araujo habe die Wagen der Beamten gerammt. Ein Bundesstaatsanwalt in Texas erklärte unterdessen, die Beamten hätten in Wahrheit 2 guatemaltekischen Männern nachgestellt, die einen ähnlichen Lieferwagen fuhren.
Was nach den Schüssen geschah, steht ebenfalls in den Akten. Man habe den Verwundeten aus dem Auto gezogen, ihm Handschellen angelegt und ihn zu Boden geworfen, schreibt Rojas Pliego. Irgendwann habe Salgado Araujo gesagt, sie hätten ihn bereits getötet. Derselbe Beamte, der geschossen habe, habe danach auch sie gewaltsam herausgezerrt und zu Boden geworfen, gefesselt von Kopf bis Fuß.

Salgado Araujo war 52 Jahre alt, lebte seit 35 Jahren ohne Aufenthaltstitel im Land, führte ein Bauunternehmen und starb vor den Augen seiner Arbeiter, unter ihnen sein eigener Bruder. Ein Vorstrafenregister hatte er nicht. Sein Tod ist einer von mindestens 10 bei Einwanderungseinsätzen seit Beginn dieser Kampagne. Körperkameras trugen die Beamten nicht. Bilder oder Aufnahmen der Tat sind bis heute nicht aufgetaucht.
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Und hier beginnt der eigentliche Skandal, der über den einzelnen Schuss hinausreicht. Die 3 Männer, die alles gesehen haben, wurden festgenommen und sitzen seither in Abschiebehaft. Ihre Anwälte haben Haftbeschwerden eingereicht und nennen die Umstände außergewöhnlich, denn jene, die nun über ihre Haft bestimmten, hätten aus nächster Nähe auf sie geschossen. Ein Zeuge in der Gewalt des Beschuldigten ist kein Zeuge mehr. Er ist ein Faustpfand. Jede Aussage, die er macht, macht er im Wissen, dass die Behörde, gegen die sie sich richtet, über sein Bleiben entscheidet, und jedes Schweigen, das er wählt, wird man später als Zustimmung deuten.

Die Gerichte haben das erkannt, wenn auch spät. Es konnte erreicht werden, dass ein Gericht dem Vorgehen eine Grenze gesetzt hat. Der Bundesrichter Keith Ellison untersagte am Montag die Abschiebung von Jose Trinidad Rojas Pliego, einem der 3 Mitfahrer und Zeugen der Erschießung. Rojas Pliego müsse im südlichen Bezirk von Texas bleiben, solange seine Haftbeschwerde anhängig sei, denn er sehe sich verfassungswidrig in Gewahrsam der ICE. Das Heimatschutzministerium erklärte, man werde der Anordnung folgen. Am Mittwoch verlangte ein weiterer Richter, das Gericht müsse 5 Tage vorher unterrichtet werden, falls man Tirado Pantoja verlegen oder abschieben wolle. Beide Männer beantragten zudem jene Visa, die Opfer von Straftaten schützen sollen, die den Ermittlern helfen. Ihr Anwalt schreibt, sie hätten eine schwere Körperverletzung mit einer tödlichen Waffe überlebt und seien wesentliche Zeugen der Tötung.
Wer den Fall untersucht, ist die letzte Auskunft, und sie ist die bitterste. Der zuständige Bundesstaatsanwalt versprach eine vollständige Untersuchung durch seine Behörde, das FBI, das Heimatschutzministerium und die örtlichen Kräfte. Man tue alles, um die Wahrheit zu finden und das Richtige zu tun. Das Ministerium teilte auf Nachfrage am Mittwoch mit, auch die eigene Innenrevision ermittle. Das Büro des FBI in Houston aber führe eine Untersuchung wegen eines möglichen Angriffs auf einen Bundesbeamten.

Man lese diesen letzten Satz noch einmal. Ermittelt wird nicht in erster Linie gegen den, der geschossen hat, sondern gegen den, der erschossen wurde. Der Tote hat keine Verteidigung mehr, seine Zeugen sitzen in Haft, und die Kameras waren aus. Es fehlt nur noch, dass am Ende der Wagen selbst als Waffe verurteilt wird.
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Der Wolf im Schafspelz
Anders kann man es nicht benennen.
Die Festgenommenen werden mit Sicherheit täglich erfahren, dass sie keine Rechte haben und ihre Aussage passend zur Darstellung von ICE zu erfolgen hat.
Sonst wird ICE ihre Familien und Freunde besuchen.
Diese Zeugen müssten in eine Art Zeugenschutz.
Fernab vom Zugriff durch ICE, FBI und DOH.
Nur so könnte ihre Sicherheit gewährleistet sein.
Wie ICE und FBI aufklären weiß man ja leider nur zu gut, von den anderen Todesfällen.
Hoffentlich werden sie nicht abgeschoben.
Hoffentlich werden sie nicht so massiv bedroht, dass sie ihre Aussage ändern.
Gegen einen ganzen Staatsapparat zu kämpfen ist wie Don Quichttes Kampf gegen die Windmühlen.
Hoffentlich endet es, wie bei David gegen Goliath
…wird man hinbekommen, dass sie nicht abgeschoben werden