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Die Frage nach dem Warum

VonRainer Hofmann

Juni 2, 2026

Zwei Katastrophen mit elf Toten, und eine Regierung, die ausgerechnet jetzt die Behörde abschaffen will, die nach den Ursachen fragt!

Zwei Katastrophen in wenigen Tagen haben Amerika daran erinnert, wozu Chemie fähig ist, wenn man sie sich selbst überlässt. In der Papierfabrik von Nippon Dynawave Packaging in der Stadt Longview im Bundesstaat Washington kamen elf Menschen ums Leben. In der Anlage für Luftfahrtkunststoffe von GKN Aerospace im kalifornischen Garden Grove mussten Zehntausende ihre Wohnungen verlassen. Beide Unglücke ereigneten sich, nachdem Fachleute und Gewerkschaften über Monate hinweg davor gewarnt hatten, welche Folgen der Abbau von Sicherheitsvorschriften durch die Regierung von Präsident Donald Trump haben werde. Und es ist nicht vorbei. In den kommenden Monaten sind weitere Streichungen bei den Regeln zur Chemiesicherheit zu erwarten.

GKN Aerospace im kalifornischen Garden Grove, 21. Mai 2026

Schon Ende März hatten Mitglieder der Stahlarbeitergewerkschaft United Steelworkers in Washington demonstriert, um gegen einen Plan der Umweltbehörde EPA zu protestieren. Die Behörde will jene Vorschriften abschaffen, die unter dem früheren Präsidenten Joe Biden erlassen worden waren. Sie sahen unter anderem vor, sicherere Technologien und chemische Alternativen zu ermitteln, in bestimmten Fällen Schutzmaßnahmen verbindlich umzusetzen, Vorfälle gründlicher zu untersuchen und Prüfungen durch unabhängige Dritte vornehmen zu lassen. Phil Stagg, Fachmann für Prozesssicherheit bei der USW-Ortsgruppe 13-228, warnte damals, die Abschaffung der Regel stelle „Profite über Sicherheit“, weil sie das Sparen über den Schutz der Arbeiter setze.

Nach den beiden Unglücken der vergangenen Woche bezeichnete auch die Coalition to Prevent Chemical Disasters die Pläne, die unter Biden erlassenen Vorschriften zu schwächen, als schweren Fehler, der die amerikanischen Arbeiter einem größeren Risiko aussetze. „Die tödlichen und erschütternden Vorfälle, die die betroffenen Orte in den vergangenen Tagen erlebt haben, zeigen, wie dringend bestehende Schutzregeln umgesetzt und ausgebaut werden müssen, damit die Menschen in der Nähe von Chemieanlagen vor solchen Katastrophen bewahrt bleiben“, erklärte die Gruppe. „Doch statt Arbeiter und Familien vor Tod, Verletzung und Krankheit zu schützen, setzt Trumps EPA die Gemeinden einem größeren Schaden aus, indem sie die wichtigste Verteidigung des Landes gegen Unglücke in Chemieanlagen schwächt.“

GKN Aerospace im kalifornischen Garden Grove, 21. Mai 2026

Die Regierung nimmt zudem das Chemical Safety Board ins Visier, eine unabhängige Bundesbehörde, deren Auftrag darin besteht, die eigentlichen Ursachen von Chemieunfällen zu untersuchen. Der Haushaltsentwurf Trumps schafft diese Behörde so gut wie ab, indem er ihre Mittel auf null setzt, mit der Begründung, sie wiederhole bloß, was die EPA ohnehin schon leiste.

Hier lohnt es sich innezuhalten, denn an dieser Begründung entscheidet sich mehr, als ihre Knappheit vermuten lässt. Jordan Barab, früher stellvertretender Staatssekretär bei der Arbeitsschutzbehörde OSHA, erklärte vergangene Woche in einem Interview, das Chemical Safety Board liefere unschätzbare Erkenntnisse über die eigentlichen Ursachen von Chemiekatastrophen, während sich die Arbeit der EPA darauf beschränke, ob ein Unglück durch den Verstoß gegen Bundesvorschriften verursacht wurde. Das Board könne, so Barab, „auch andere Probleme, andere Ursachen betrachten, die nicht unbedingt von Vorschriften oder Standards erfasst werden“. Und er fügte hinzu: „Viele der Wege, auf denen die Industrie ihre Sicherheit verbessert hat, gehen auf Empfehlungen zurück, die vom Chemical Safety Board stammen.“ Von einer Doppelung kann also keine Rede sein. Die beiden Behörden stellen zwei verschiedene Fragen.

GKN Aerospace im kalifornischen Garden Grove, 21. Mai 2026

Die Abgeordnete Marie Glusenkamp Perez aus dem Staat Washington schrieb am Sonntag in den sozialen Netzwerken, das Chemical Safety Board leiste wesentliche Arbeit, um künftige Unfälle zu verhindern, und gelobte, gegen die Pläne der Regierung zu kämpfen, seinen Etat zu streichen. „Ich werde es mir zur vorrangigen Aufgabe machen, dafür zu sorgen, dass die Behörde die Mittel erhält, die sie für eine gründliche und unvoreingenommene Untersuchung braucht“, sagte Perez. „Außerdem sind dort derzeit drei Plätze im Direktorium unbesetzt, und ich hoffe, dass wir gemeinsam mit der Regierung erreichen, dass Menschen mit echter Erfahrung aus dem Handwerk in dieses Gremium berufen werden.“

Nippon Dynawave Packaging in der Stadt Longview, 26. Mai 2026

Damit ist der eigentliche Gehalt dieser Sparmaßnahme benannt. Eine Vorschrift fragt, ob ein Gesetz gebrochen wurde. Das Chemical Safety Board fragt, warum elf Menschen sterben mussten, und es stellt diese Frage auch dann, wenn niemand ein Gesetz gebrochen hat. Es sind zwei verschiedene Fragen, und nur die zweite führt dazu, dass sich ein Unglück nicht wiederholt. Wer die Behörde abschafft, die nach dem Warum fragt, behauptet damit nicht, dass es kein Warum gebe. Er erklärt nur, dass er es nicht mehr wissen will.

Nippon Dynawave Packaging in der Stadt Longview, 26. Mai 2026

Eine Gesellschaft, die Sicherheitsregeln erlässt, tut etwas Bemerkenswertes. Sie kümmert sich um Menschen, die noch gar nicht zu Schaden gekommen sind, um Tote, die es noch nicht gibt. Diese Sorge ist teuer, und gerade deshalb lässt sie sich als Kostenposten ausweisen und streichen. Schwerer zu beziffern ist der Preis der anderen Seite. Er erscheint nicht in der Bilanz eines Unternehmens, sondern in einer Papierfabrik in Washington, in der elf Familien auf jemanden warten, der nicht mehr nach Hause kommt.

Wer in diesen Tagen auf die Vereinigten Staaten blickt, sieht, wie sich der Abbau von Umweltregeln vollzieht. Er kündigt sich selten mit einem lauten Auftakt an, sondern meist mit dem freundlichen Versprechen von weniger Bürokratie und mehr Freiheit. Auch die AfD verlangt in wichtigen Bereichen weniger staatliche Eingriffe in die Klima- und Umweltpolitik und stellt bestehende Schutzregeln immer wieder in Frage. Kritiker warnen deshalb, ein solcher Kurs beschleunige am Ende nicht nur Verfahren, sondern schwäche auch jene Kontrollen, die Luft, Wasser, Gesundheit und Natur bewahren. Umweltbehörden wirken oft unscheinbar. Wie viel sie wert sind, zeigt sich meist erst dann, wenn man ihnen die Mittel nimmt.

„Profite über Sicherheit“ ist als Formel beinahe zu schlicht, um wahr zu sein, und doch beschreibt sie genau, was hier vor sich geht. Der Gewinn fällt heute an und bei wenigen. Die Rechnung kommt später und trifft andere. Es ist eine sehr alte Art, Geschäfte zu machen. Neu an ihr ist allein die Offenheit, mit der man sie heute betreibt.

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Ela Gatto
Ela Gatto
15 Tage vor

Leider ist es nicht nur „Profite über Sicherheit“ es ist Profite über Allem.
Umwelt, Flora und Fauna, Menschen.

EPA ist unter Trump nur noch eine leere Worthülse.

Es wäre an den Bundesstaaten eigene Richtlinien zu erlassen.
Aberauch das wird leider, aus Angst vor Abwanderung nicht passieren.

So werden sich solch Unfälle häufen.
Menschensterben und die Umwelt leiden 😞

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