Eine Zelle kostet den Kreml manchmal mehr als ein Flugticket. Ein inhaftierter Künstler zieht Aufmerksamkeit auf sich, ein vertriebener verliert sein Publikum. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB scheint diese Rechnung wieder häufiger aufzumachen. Den Betroffenen wird die Alternative mitunter persönlich mitgeteilt. Sie können gehen. Bleiben sie, droht Gefängnis. Die Behörden ersparen sich einen aufsehenerregenden Prozess.
Im August 2026 erzählte Margarita Konowalowa alias Rita Flores, früher Mitglied von Pussy Riot, wie sie 2023 unter Druck zur heimlichen Mitarbeiterin des FSB geworden sei. 3 Jahre lang habe sie Informationen über Künstler und Aktivisten gesammelt, über deren Pläne und Gewohnheiten. Ihr Auftrag habe sich unter anderem auf Pawel Krissewitsch und den Straßenkünstler Philippenzo bezogen. Beide verließen später Russland. Flores räumte ein, auf Weisung ihres Führungsoffiziers selbst auf ihre Ausreise hingewirkt zu haben. Für den Mann beim Geheimdienst habe die Entscheidung schlicht gelautet: fortgehen oder eingesperrt werden.

Krissewitsch hatte bereits 3,5 Jahre Straflager hinter sich, als er im Januar 2025 freikam. Eine Aktion auf dem Roten Platz hatte ihn ins Gefängnis gebracht. Danach folgten neue Auftritte, Hausdurchsuchungen und wiederholte Verwaltungshaft. Ende 2025 holten ihn nach seiner Darstellung 2 FSB-Mitarbeiter aus der Zelle in einen dunklen Raum. Mit dem Gesicht zur Wand hörte er ihre Drohungen: Er und seine Angehörigen würden weinen; er solle seine Sachen packen und ausreisen, sonst werde man ihn einsperren.
Zuletzt hatte Krissewitsch in einem Cowboykostüm ein Denkmal für die sowjetische Flugabwehrrakete S-75 in Istra bei Moskau bestiegen. Er stellte eine Szene aus Stanley Kubricks Film „Dr. Seltsam“ nach, in der Major Kong auf einer Atombombe reitet. Er habe die Gewöhnung an Krieg und atomare Drohungen angeprangert. Die Aufnahmen habe er eigentlich erst nach seiner Ausreise oder in einem freien Russland veröffentlichen wollen. Festgenommen wurde er schon während der Fotos. Flores kannte den Plan. Ob sie ihn verriet, bleibt ungeklärt. Ihr Führungsoffizier habe jedenfalls angekündigt, man werde Krissewitsch bei der Aktion festnehmen, falls er nicht aufhöre. Nach zwei aufeinanderfolgenden Verwaltungshaftstrafen besprach der Künstler die Lage mit seiner Frau. Ende Dezember kam er frei und verließ kurz darauf Russland. Ausschlaggebend sei für ihn die unmittelbare Drohung des FSB gewesen.

Philipp Koslow, bekannt als Philippenzo, hatte seine Antwort auf den Krieg an eine Moskauer Brückenwand geschrieben. Am 12. Juni 2023 erschien dort unter der Elektrosawodski-Brücke sein riesiges Graffito „AusRussgewaltigung“, zusammen mit dem russischen Staatswappen. Schon 2022 war er wegen angeblicher „Diskreditierung“ der Armee 3-mal bestraft worden, unter anderem für eine Arbeit mit Särgen. Nach dem neuen Graffito suchte ihn die Polizei zu Hause auf. Er reiste vorübergehend aus. Als er am 29. Juli aus Georgien zurückkehrte, wurde er am Flughafen Domodedowo abgefangen. Auf 15 Tage Verwaltungshaft folgten weitere 15, jeweils wegen angeblichen Ungehorsams gegenüber der Polizei. Erst am 26. August kam er frei.
Wenige Tage später bemerkte Koslow seine Verfolger. Am 31. August wurden Wohnung und Werkstatt durchsucht. Wegen des Graffitos lief inzwischen ein Strafverfahren wegen politisch motivierten Vandalismus. Flores berichtete später, ihr Führungsoffizier habe verlangt, den Künstler schnell außer Landes zu schaffen; andernfalls werde er für lange Zeit ins Gefängnis gebracht. Sie drängte ihn zur Flucht, provozierte nach eigener Darstellung sogar einen Streit. Koslow bestätigte später ihre Warnungen. Im Oktober 2023 lebte er in Litauen. Russland schrieb ihn zur Fahndung aus.

Die Aktion „Изроссилование“ („Russische Vergewaltigung“) des Künstlers Philippenzo. Das russische „Изроссилование“ ist selbst ein Wortspiel aus „изнасилование“ (Vergewaltigung) und „Россия“ (Russland).
Dem Petersburger Straßenkünstler BFMTH machte niemand die Mühe einer verdeckten Überredung. 2023 verbrachte er wegen angeblichen Ungehorsams 15 Tage in Haft. Drei Stunden vor seiner Entlassung erschien ein Unbekannter mit medizinischer Maske und drohte ihm für den Fall, dass er Russland nicht verlasse, schwerste Folgen an. Der Künstler vermutete einen Mitarbeiter der Extremismusbekämpfung. BFMTH hatte Putin hinter Gittern dargestellt und mit Kriegsgegnern auf russischen Straßen gearbeitet. Er wollte weitere Städte mit seinen Arbeiten besuchen. In Moskau griff ihn die Polizei nach 2 Tagen auf. Offenbar wusste sie genau, welche Arbeit er dort gerade angebracht hatte.

Protestaktion des Künstlers BFMTH gegen die Erwachsenenwelt
Nach der Entlassung wollte BFMTH im russischen Murom untertauchen. Schon am nächsten Tag folgten ihm Personen durch die Stadt, ein Wagen tauchte am Busbahnhof wieder auf, ein Beobachter am Bahnhof. Vor dem Zug nach Kasan wurde er unter dem Vorwand einer Drogensuche kontrolliert. Man fand nichts. In Kasan warteten Polizisten am Waggon und verlangten, er solle bis 9 Uhr Fahrkarten kaufen und die Stadt verlassen. Sonst werde man anders mit ihm sprechen. Er buchte Eriwan; sogar beim Umsteigen in Sotschi wurde er erneut festgehalten. Aus Armenien erklärte er, man habe ihn aus seinem Land hinausgeworfen. Zuvor hatte er eine Auswanderung grundsätzlich abgelehnt.
Bei bekannten Politikern wird die offene Tür ebenfalls zur Drohung. Boris Nadeschdin wollte im Sommer 2026 nach seiner gescheiterten Präsidentschaftskandidatur von 2024 an der Dumawahl teilnehmen. Im Juli wurde er zum „ausländischen Agenten“ erklärt, verwaltungsrechtlich belangt und mit einem Ausreiseverbot belegt. Dann folgte die Vorladung zum Ermittlungskomitee. Ausgerechnet am 21. Juli, dem Tag der Vorladung, verschwand das Reiseverbot aus dem staatlichen Behördenportal. Am nächsten Tag flog Nadeschdin nach Astana. Er führte den Druck auf seine Wahlpläne zurück. Seine Bekanntheit hätte auch unabhängigen Kandidaten helfen können.

Der Soziologe Boris Kagarlizki traf eine andere Entscheidung. Im Juli 2023 wurde er wegen angeblicher „Rechtfertigung des Terrorismus“ verhaftet. Am 12. Dezember erhielt er überraschend eine Geldstrafe von 600.000 Rubel und kam frei. Die Staatsanwaltschaft ging dagegen vor. Zwei Monate lang hätte er Russland verlassen können. Er blieb. Am 13. Februar 2024 wurde die Geldstrafe durch 5 Jahre Straflager ersetzt. Für ihn setzten sich Jeremy Corbyn und Jean-Luc Mélenchon ein, auch Yanis Varoufakis und Amnesty International. Unterstützung kam aus Brasilien. Was den Behörden bei einem öffentlichen Prozess unangenehm werden kann, geschah hier tatsächlich.
Der Gedanke ist älter als der heutige FSB. Am 7. Januar 1974 beriet das sowjetische Politbüro über Alexander Solschenizyn, Literaturnobelpreisträger von 1970 und Autor des gerade im Ausland erscheinenden „Archipel Gulag“. Leonid Breschnew fragte, ob Haft politisch nützlich sei. KGB-Chef Juri Andropow schlug die zwangsweise Ausweisung vor. Nikolai Podgorny bevorzugte einen Prozess; Außenminister Andrej Gromyko befürchtete bei einer Ausweisung internationale Proteste. Zunächst fiel die Entscheidung für Strafverfolgung. Andropow drängte weiter. Am 7. Februar beantragte der KGB die Abschiebung in die Bundesrepublik. Am 12. Februar wurde Solschenizyn verhaftet, am 13. ausgebürgert und gegen seinen Willen nach Westdeutschland gebracht. Erst 1994 kehrte er zurück.

Auch Joseph Brodsky hatte nach einem Verfahren wegen „Arbeitsscheu“ Zwangspsychiatrie und Verbannung erlitten. Am 10. Mai 1972 verlangte die sowjetische Passbehörde, er solle binnen 3 Tagen Ausreisepapiere einreichen. Andernfalls beginne eine „heiße Zeit“, wie er die Drohung verstand. Er ging wider Willen. Lew Kopelew durfte 1980 zu einer wissenschaftlichen Reise in die Bundesrepublik aufbrechen; zwei Monate später entzog Moskau ihm und seiner Frau die Staatsbürgerschaft. „Ich bin kein Emigrant, ich wollte nicht weg“, sagte er später. Dutzende wurden damals ebenso vertrieben.
Die heutige Auswahl folgt derselben grausamen Sparsamkeit. Ein bekannter Gefangener kann Solidarität auslösen. Ein Verbannter fehlt an der Hauswand in Moskau, vor Gericht oder auf dem Wahlzettel. Den weniger bekannten Menschen bieten die Sicherheitskräfte diese Wahl häufig gar nicht erst an. Sie bekommen ihre Haftstrafe.
Fortsetzung folgt …
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