Zwischen dem 6. April und dem 9. August sind in Deutschland rund 14.000 Menschen vorzeitig gestorben, weil es zu heiß war. Die Zahl steht im jüngsten Wochenbericht des Robert Koch-Instituts, veröffentlicht am 20. August, und sie ist die höchste seit 10 Jahren. Eine zurückhaltende Schätzung, sagen die Forscher, die volle Zahl kenne niemand, sie liege nur höher. Ein Sommer tötet, ohne zu lärmen, und hinterlässt eine Ziffer, die selbst noch zu klein geraten ist.

Ein Erdbeben mit so vielen Opfern hätte tagelang die Meldungen beherrscht. Die Wärme aber kommt ohne Einsturz und ohne Bild, sie legt sich über Wochen auf die Schwächsten und nimmt sie einzeln. So bleibt eine Katastrophe, die niemand als solche empfindet, aufgeteilt in Hunderte stille Tage. Tote ohne Foto und ohne gemeinsames Datum verlangen keine sofortige Antwort, sie lassen sich vertagen. Solche Zahlen entstehen in der Statistik. Man vergleicht, wie viele in diesen Wochen starben, mit dem, was ein durchschnittlicher Sommer gefordert hätte, und diese Differenz beziffert der Bericht. Ein Verfahren, das keine Namen kennt, nur den Überschuss an Gräbern. Genau deshalb bleibt die Zahl eine Näherung und die Trauer ohne Adresse.
Klima und Demokratie gehören zusammen
Auf 100.000 Einwohner kommen damit etwa 17 Tote. Im Hitzejahr 2018 waren es 8.900 Menschen, der Abstand zeigt, wohin sich die Sommer bewegen. In ihnen wird sichtbar, wie die Erwärmung hierzulande tötet, jedes Jahr ein wenig früher im Kalender und ein wenig länger. Das Institut zählt die Folgen einer Politik, die das Klima jahrzehntelang als Sorge für später behandelt hat. Der Rekord von heute wird die Normalzahl von morgen, wenn die Erwärmung ihren Lauf behält. Zwischen 2018 und heute liegen nur wenige Jahre und ein Zuwachs, den keine Statistik mehr als Ausreißer verbuchen kann. Dieses Jahr steht vorläufig an der Spitze einer Reihe, die noch offen ist.
Die Wärme trifft die Alten zuerst. Von den Menschen ab 85 Jahren kamen 7.040 ums Leben, die mit Abstand größte Gruppe. Bei den 75- bis 84-Jährigen waren es 3.450, bei den 65- bis 74-Jährigen 2.170. Jünger als 65 Jahre waren 1.320 der Gestorbenen. Frauen traf es häufiger als Männer, was auch daran liegt, dass sie unter den Hochbetagten die Mehrheit stellen. Ein alter Körper hält die Wärme schlechter aus, und die wenigsten dieser Wohnungen haben eine Kühlung. Nach vielen sah über Wochen niemand. In den Statistiken taucht die Ursache oft gar nicht auf. Auf dem Totenschein steht dann Organversagen, und die Wärme, die es auslöste, bleibt ohne Namen. Meist wirken hohe Temperaturen mit einem kranken Herz oder einer schwachen Lunge zusammen, auch geschädigte Nieren spielen hinein, bis der Körper aufgibt. So stirbt es sich unauffällig, versteckt in einer Diagnose, die harmloser klingt als die Hitze, die sie erzwang. Erst die Statistik holt diese Toten aus ihrer Tarnung, und selbst sie tut es zögernd.
Am härtesten traf es den Südwesten. Im Saarland kamen 46 Tote auf 100.000 Einwohner, in Rheinland-Pfalz 42. Hessen und Baden-Württemberg lagen mit 31 und 28 etwas darunter. Die Karte der Toten liest sich wie eine Karte der Wärme selbst. Wo die Sommer am heißesten werden, füllen sich die Register am schnellsten.
Die Regierung wirkt erstaunlich passiv. Noch Ende Juni erklärte die Bundesregierung auf die Frage nach einem bundesweiten Hitzeaktionsplan, man lasse zunächst in einem Forschungsprojekt prüfen, ob ein solcher Plan überhaupt eingerichtet werden sollte.
Die Politik antwortet auf dieses Sterben mit Vorschlägen. Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, für die SPD im Bundestag, habe Informationsportale und telefonische Auskunft gegen die Hitze angeregt. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumwelt- und Klimaschutzministerium, halte einen nationalen Hitzeplan bis zum Sommer 2027 für nötig. Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetages und Oberbürgermeister von Leipzig, verlange, das Geld gegen Hitze und Klimafolgen im Grundgesetz festzuschreiben.

Ein Portal beantwortet Fragen und senkt keine Temperatur. Eine telefonische Auskunft nützt nur dem, der noch zum Hörer greift, und die Toten dieses Sommers lagen meist allein. Ein Plan, der erst später fertig wird, kommt für die Sommer bis dahin zu spät, und ein Posten im Grundgesetz bindet Geld, das fließt, wenn längst der nächste Bericht vorliegt. Was nicht als Katastrophe erscheint, verlangt kein Notprogramm und erträgt geduldig die Arbeitsgruppen und Fristen. Jede dieser Ideen mag für sich vernünftig sein, zusammen ergeben sie das Eingeständnis, dass für diesen Sommer nichts mehr zu tun war. Ein Sommer wie dieser gewöhnt das Land an seine eigenen Toten. Was sich jährlich wiederholt, verliert die Kraft zu erschrecken, und die Wiederholung selbst wird zum Argument, nichts zu ändern.
Die Regierung kürzt, aber niemand geht auf die Straße
Aus den Kliniken kommt der nüchternste Befund. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft mahnt, die Kühltechnik der Häuser sei veraltet, nur wenige Patientenzimmer verfügten über eine Klimaanlage. Gleichzeitig hat die Bundesregierung aber bei der Krankenhausfinanzierung gekürzt. Allein durch die Aussetzung einer Finanzierungsregel wurden den Kliniken 2026 nach Angaben des Bundesrates rund 1,8 Milliarden Euro entzogen. Im Juli wurde zudem das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen, das weitere Einsparungen bei den Krankenhäusern vorsieht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezeichnet das ausdrücklich als „Spargesetz zulasten der Krankenhäuser, ihrer Patienten und der Beschäftigten“. Der Ort, der Rettung verspricht, hält der Wärme selbst kaum stand, und die Kranken finden drinnen dieselbe Last, die sie draußen schon geschwächt hat.
Das Sterben endet nicht an der Grenze. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte im Juni, in einer einzigen Woche seien in Europa 1.300 Menschen der Hitze erlegen, gezählt vom 21. bis 28. Juni. In Frankreich registrierte man während der Junihitze 5.764 Tote über dem Erwartbaren, 36 Prozent mehr, als eine gewöhnliche Sterblichkeit gebracht hätte. Überall dieselbe Rechnung, gezählte Übersterblichkeit, unterschieden nur durch die Sprache der Totenscheine. Der Juni allein forderte auf dem Kontinent Tausende, und dieser Monat ist nur einer von vielen, die noch kommen.
„Die Klimaziele stehen noch auf dem Papier, doch die Werkzeuge, mit denen sie erreicht werden sollen, hat die Bundesregierung gleich mehrfach stumpf gemacht. Der Hitzeschutz im Land bleibt derweil hinter dem zurück, was die Erwärmung anrichtet. Bei rund 14.000 geschätzten Toten in 4 Monaten reicht das Ressort Umwelt nicht mehr aus, um das Versäumnis zu fassen. Verantwortungslosigkeit trifft es genauer.“
Das Wissen bleibt folgenlos, während die Zahl der Toten steigt

28 Prozent für die AfD, der beim Klima gerade 9 Prozent etwas zutrauen. 55 Prozent halten die Grünen für die Kompetentesten, gewählt werden sie von 16. Die Deutschen wissen, wer gegen die Hitze hilft, und stimmen für die anderen. Auf der Gegenseite dieser Rechnung stehen 14.000 Tote.
14.000 Hitzetote, und kaum Gegenwehr
Ein Sommer hat in Deutschland rund 14.000 Menschen das Leben gekostet, und die Straßen bleiben leer. Von einer gesellschaftlichen Massenbewegung ist nichts zu sehen. Am 14. August versammelten sich in Lüneburg etwa 40 Menschen zu einer Klimaaktion, in Oldenburg zählte die Polizei 15. Auf jeden, der protestiert, kommen Hunderte, die gestorben sind, und niemand scheint sich an diesem Verhältnis zu stören. Zahlen, die in fast jeder anderen Lage einen Ausnahmezustand auslösten, verhallen hier ohne Echo.

Die Bilder vom Frühjahr fallen nicht größer aus. Am 24. April zog Fridays for Future gegen die Rückschritte der Klimapolitik und für erneuerbare Energien durch mehrere Städte. In Bingen am Rhein kamen etwa 50 Menschen, die Zahl stammt von der Polizei. In Münster standen kurz vor Beginn ähnlich viele, sie hätten in der Innenstadt fast verloren gewirkt, wie es in einem Bericht hieß. In Passau protestierten etwas mehr als 50 gegen die Energiepolitik der Bundesregierung und für einen rascheren Abschied vom fossilen Gas. Ein paar Dutzend auf weiten Plätzen, mehr trägt der Protest gerade nicht.
Am 1. August, mitten in einer neuen Hitzewelle, forderten in Freiburg rund 60 Menschen besseren Schutz vor der Wärme. Kurz zuvor hatte die Region 40,2 Grad gemessen. Gegen eine Temperatur, die Menschen tötet, trat eine Menge an, die in einen Reisebus passt. Leere Straßen liest man in den Ministerien als Erlaubnis. 14.000 geschätzte Hitzetote – und in den größten Städten des Landes findet sich im August keine Klimademonstration, die auch nur durch ihre Teilnehmerzahl bundesweit auffällt. Wo niemand aufbegehrt, kostet das Abschwächen der Klimapolitik keine einzige Stimme, und was keine Stimme kostet, wird billig weitergeführt. Die Rechnung steht schief. Tausende sterben, Dutzende stehen auf, und die Stille zwischen beiden Zahlen ist lauter als jeder Aufzug. Zwischen den Zahlen steht eine Frage, die keine Statistik beantwortet, wie viel ein Leben noch zählt, das fast zu Ende ist. Diese Toten schreien nicht, sie stehen in Tabellen, unter Nummern, die man überliest. Gezählt werden sie spät und unscharf, die Klimaanlagen der Kliniken, der Widerstand kommen vielleicht in einigen Jahren. Der nächste Sommer wartet nicht so lange.
Diese Ruhe erspart der Politik den Druck, den so viele Gräber eigentlich erzeugen müssten. Ein Schweigen dieser Größe ist selbst schon eine Antwort.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten