Pentagon will redaktionelle Kontrolle über Stars and Stripes – langjähriger Verleger geht

Nach Jahrzehnten bei Stars and Stripes zieht Max D. Lederer Jr. die Konsequenz aus dem neuen Kurs des Pentagons und geht. Sein Rücktritt als Verleger wird Ende September wirksam, doch seine Begründung lässt wenig Raum für Missverständnisse. Seine Vorstellung von Führung und vom Wert und Auftrag der Zeitung unterscheide sich grundlegend von dem, was die Leitung des Verteidigungsministeriums mit ihr vorhabe.
Damit verliert Stars and Stripes innerhalb weniger Monate den zweiten wichtigen Verantwortlichen, der für die redaktionelle Unabhängigkeit des Blattes stand. Erst vor weniger als vier Monaten hatte das Pentagon Jacqueline Smith entlassen, deren Aufgabe als Ombudsfrau ausdrücklich darin bestand, diese Unabhängigkeit zu schützen. Smith schrieb danach offen, niemand solle überrascht sein, dass ausgerechnet die vom Kongress mit diesem Schutz beauftragte Person entfernt worden sei. Stars and Stripes wird etwa zur Hälfte vom Verteidigungsministerium finanziert, seine Beschäftigten gelten als Mitarbeiter des Ministeriums, redaktionell soll die Zeitung aber unabhängig arbeiten.
Genau diese Trennung gerät unter Verteidigungsminister Pete Hegseth immer stärker unter Druck. Bereits im Januar kündigte sein Sprecher Sean Parnell an, Stars and Stripes werde auf seinen ursprünglichen Auftrag zurückgeführt und künftig stärker nach den Vorstellungen des Pentagons berichten. Die Zeitung solle sich auf Soldaten, Kriegführung, Waffensysteme, körperliche Leistungsfähigkeit und militärische Themen konzentrieren. Politisch progressive Themen, Beiträge aus Washington und übernommene Artikel investigativer Redaktionen sollten nach dem Willen des Ministeriums verschwinden. Das ist keine gewöhnliche Modernisierung einer Militärzeitung, denn zugleich hat das Pentagon seinen Umgang mit unabhängigen Journalisten massiv verschärft.

Dass ausgerechnet europäische Medien bei einem offenen Angriff auf die Pressefreiheit im Pentagon weitgehend zusahen, war ganz schwach. Fast alle großen amerikanischen und englischsprachigen Nachrichten- und Investigativredaktionen verweigerten die neuen Regeln und gaben ihre Presseausweise zurück. Wer Pressefreiheit nur verteidigt, solange andere dafür den Preis zahlen, meint es mit diesem Grundrecht offenbar nicht besonders ernst.
Im vergangenen Jahr wurden neue Zugangsbeschränkungen für Journalisten im Pentagon eingeführt, worauf zahlreiche, fast nur amerikanische und englische, Medien ihre Ausweise zurückgaben und das Gebäude verließen. In diesem Sommer erklärte das Ministerium sogar sein Pressebüro zum geheim eingestuften Bereich und verlangt inzwischen, dass Journalisten im Pentagon von einer Begleitperson geführt werden. Gegen diese Regelung wird vor Gericht geklagt, ein Berufungsgericht erlaubte dem Pentagon im Juli jedoch vorerst, sie weiter anzuwenden. Smith hatte bereits im April geschrieben, die Leitung des Verteidigungsministeriums versuche sie zum Schweigen zu bringen und schränke die Arbeit der Presse seit fast einem Jahr immer weiter ein. Ihre Warnung für Stars and Stripes war eindeutig: Die Zeitung dürfe nicht der Kontrolle der militärischen Führung unterstellt werden.
Dass diese Frage keineswegs theoretisch ist, zeigt die eigene Berichterstattung der Zeitung über die USS Abraham Lincoln. Stars and Stripes berichtete zuletzt ausführlich über die Bedingungen an Bord, die lange Einsatzdauer und Sorgen um die psychische Gesundheit der Seeleute. Präsident Donald Trump hatte die Sorgen der Angehörigen dagegen heruntergespielt. Lederer widersetzte sich auch einem anderen Teil der geplanten Veränderungen, nämlich der weitgehenden Verlagerung der gedruckten Zeitung ins Digitale. Er warnte, dass Soldaten dadurch schlechteren Zugang zu den Informationen bekommen könnten und das Pentagon den Wert verschiedener Veröffentlichungswege nicht ausreichend anerkenne. Hinzu kommt ein Vorgang, den Stars and Stripes selbst bislang nicht bestätigen konnte, der innerhalb der Zeitung aber für zusätzliche Unruhe sorgt. Demnach soll das Pentagon Lederer in den vergangenen Wochen einen neuen Stellvertreter vor die Nase gesetzt haben, ohne ihn vorher darüber zu informieren.
Rufus Friday, Vorsitzender des Beratergremiums von Stars and Stripes, schrieb deshalb an führende Mitglieder des Kongresses und warnte, dieser Schritt gefährde die redaktionelle Unabhängigkeit. Gerade diese Unabhängigkeit gehört ausdrücklich zum Auftrag der Zeitung. Stars and Stripes erklärt selbst, außerhalb seiner eigenen redaktionellen Leitung dürfe niemand in seine Arbeit eingreifen und für das Blatt gälten die Grundsätze des Ersten Verfassungszusatzes. Seit dem Zweiten Weltkrieg berichtet die Zeitung kontinuierlich für amerikanische Soldaten, besonders für jene, die außerhalb der Vereinigten Staaten stationiert sind. Nun will das Pentagon bestimmen, welche Art von Berichterstattung diese Soldaten bekommen sollen, während diejenigen gehen, deren Aufgabe es war, genau diese politische Kontrolle zu verhindern. Lederer weiß nicht einmal, ob Hegseths Ministerium ihn bis zum 30. September noch im Amt lässt oder vorher einen kommissarischen Nachfolger einsetzt.
Kreml-Botnetz greift erstmals in Schweden ein – kurz vor der Wahl

Das kremlnahe Botnetz „Matrjoschka“ hat erstmals eine bekannte Kampagne gegen Schweden gestartet, und der Zeitpunkt ist kaum zufällig. Weniger als einen Monat vor der Parlamentswahl verbreiten die Konten auf X gefälschte Videos, die wie Beiträge großer europäischer Medien aussehen. Darin werden schwedische Politiker mit Pädophilen und Finanzkriminellen in Verbindung gebracht, Wahlbetrug angekündigt und angebliche Angriffe auf Oppositionspolitiker erfunden. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz wird in die Kampagne hineingezogen.
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Eines der Videos trägt die Aufmachung des Spiegel und behauptet, Griechenland habe Finanzgeschäfte von mehr als 500 Unternehmen eingefroren, die mit Merz und Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson verbunden seien. Diese Firmen sollen angeblich Geld aus dem Drogenhandel gewaschen und eine pädophile Gruppe namens „04/09“ finanziert haben. Offenbar wird dabei auf ein tatsächliches internationales Ermittlungsverfahren Bezug genommen, bei dem am 9. April des vergangenen Jahres mehr als hundert Verdächtige in zwölf Ländern festgenommen wurden. Aus einem realen Polizeieinsatz wird so eine frei erfundene Verbindung zu zwei Regierungschefs gebaut. In dem gefälschten Beitrag wird außerdem der frühere Chef des polnischen Militärgeheimdienstes Radosław Kujawa mit der angeblichen Aussage zitiert, die Vorgänge seien ein „Sieg für die schwedische und deutsche Opposition“. Ein weiteres Video benutzt das Logo des schwedischen Fernsehsenders SVT und behauptet, eine mit der deutschen CDU verbundene Lobbyorganisation namens Landa verbreite gezielt Falschinformationen gegen schwedische Oppositionspolitiker. Ein drittes Video gibt sich als Beitrag von Euronews aus und behauptet, deutsche Hacker hätten das schwedische Identifikationssystem BankID geknackt, um die Wahl zu beeinflussen.
Die Bots greifen damit genau dort an, wo Schweden wenige Wochen vor einer möglichen Regierungsablösung besonders empfindlich ist. Am 13. September wird der Reichstag gewählt, anschließend bestimmen die Abgeordneten den Ministerpräsidenten. Die derzeitige Regierungsseite aus Moderaten, Christdemokraten, Liberalen und Schwedendemokraten liegt in Umfragen deutlich hinter dem linken Bündnis aus Sozialdemokraten, Linkspartei, Grünen und Zentrum. Der Abstand beträgt derzeit rund zehn Prozentpunkte, 53,9 zu 43,9 Prozent, womit ein Regierungswechsel sehr wahrscheinlich geworden ist.

Deutschland läuft in derselben Kampagne gleich mit. Dort stehen im September mehrere Regional- und Kommunalwahlen an, und das Bundesamt für Verfassungsschutz hat bereits offiziell vor russischer Desinformation gewarnt. Im August verbreiteten Konten des „Matrjoschka“-Netzes auf X Beiträge mit dem Schlagwort „TimeToDivideGermany“, auf Deutsch „Zeit, Deutschland zu teilen“. Darin wurde eine erneute Trennung Deutschlands in Ost und West propagiert und als „historische Notwendigkeit“ bezeichnet.
Was in Schweden jetzt erstmals sichtbar wird, ist deshalb kein loses Sammelsurium schräger Internetbehauptungen. Gefälschte Beiträge werden mit den Logos realer Medien versehen, reale Ereignisse mit erfundenen Verbindungen vermischt und kurz vor Wahlen gezielt gegen Politiker und Parteien ausgespielt. Schweden steht am 13. September vor einer Wahl, bei der die Regierung nach heutigen Umfragen abgelöst werden könnte. Genau jetzt taucht erstmals ein russisches Botnetz auf, das den Schweden erklären will, ihre Politiker seien mit Pädophilen verbunden und deutsche Hacker wollten ihre Wahl manipulieren.
Kennedy Center verspricht Gericht eine Pause – Trumps Name soll trotzdem zurück

Das Kennedy Center hat einem Bundesgericht zugesichert, Trumps Namen frühestens nach dem 8. September wieder an der Fassade anzubringen. Vom Plan selbst rückt die Trump-nahe Leitung allerdings keinen Zentimeter ab. In einem neuen Schriftsatz erklären die Gegner des Vorhabens, der Verwaltungsrat scheine entschlossen, eine frühere gerichtliche Entscheidung zu umgehen, nach der Trumps Name bereits einmal entfernt werden musste. Das Kennedy Center will nun lediglich bis nach dem Labor Day warten, damit die juristischen Argumente ausgetauscht werden können. Die demokratische Kongressabgeordnete Joyce Beatty, die kraft ihres Amtes dem Verwaltungsrat angehört, verlangt deshalb eine frühere Entscheidung von Bundesrichter Christopher Cooper.
Ihre Anwälte halten es für wahrscheinlich, dass die Verantwortlichen unmittelbar nach dem 8. September versuchen werden, zumindest Teile ihres Beschlusses umzusetzen. Eigentlich sollte es bei der jüngsten Sitzung des Verwaltungsrats vor allem um die geplante Sanierung und eine mögliche Schließung des Hauses gehen. Stattdessen wurde erneut darüber abgestimmt, Donald Trump dauerhaft am Gebäude zu verewigen. Der Platz vor dem Kennedy Center soll nach Trump benannt werden, an der Fassade soll künftig stehen: „The John F. Kennedy Center for the Performing Arts Restored and Renovated By President Donald J. Trump.“ Sollte der eigens eingerichtete Trump Kennedy Center Fund 100 Millionen Dollar erreichen, soll noch ein weiterer Hinweis auf Trump folgen.
Das Gericht hatte bereits im Mai entschieden, dass die zuvor angebrachten Buchstaben mit Trumps Namen rechtswidrig montiert worden waren, und ihre Entfernung angeordnet. Die Regierung scheiterte anschließend mit dem Versuch, diese Entscheidung aufheben zu lassen. Seitdem hängt über dem früheren Schriftzug eine Plane, die weiterhin dort bleiben soll. Das Kennedy Center behauptet, sie werde auch für Wassertests und Reparaturen am Dachüberhang benötigt. Gleichzeitig beschloss der Verwaltungsrat eine vollständige Schließung des Hauses für zwei Jahre. Große Veranstaltungen wie die Kennedy Center Honors und der Mark-Twain-Preis sollen in dieser Zeit an anderen Orten stattfinden. Auch das National Symphony Orchestra verteilt seine kommende Saison auf sechs Spielstätten in Washington und Umgebung.
Die Leitung beruft sich dabei auf einen Gutachter der Delta Consulting Group, der eine teilweise Schließung über vier Jahre für teurer und sicherheitstechnisch problematischer hält. Beattys Anwälte stellen dagegen die Vorbereitung der Entscheidung infrage. Wichtige Unterlagen seien den Mitgliedern erst zwei Tage vor der Sitzung übergeben worden, einige Dokumente stammten offenbar sogar aus der Zeit vor Coopers Urteil vom Mai und bezögen sich noch auf eine ursprünglich für den 6. Juli geplante Schließung. Schon eine frühere Abstimmung hatte Cooper als schlecht informiert und offenbar vorentschieden bezeichnet. Genau diese Probleme, argumentieren Beattys Anwälte, wiederholten sich nun. Das Kennedy Center steht damit erneut vor Gericht, weil seine Leitung Trumps Namen an ein Gebäude bringen will, dessen Name gesetzlich und historisch mit John F. Kennedy verbunden ist. Der erste Versuch wurde für rechtswidrig erklärt. Jetzt wartet man bis September – und versucht es danach offenbar noch einmal.
Während der Iran-Krieg läuft, führt Trump Journalisten über seinen neuen Hubschrauberlandeplatz
Es war eine dieser Szenen, bei denen man sich irgendwann fragt, ob im Weißen Haus noch jemand merkt, wie absurd das alles inzwischen wirkt. Während der Krieg gegen Iran auf den sechsten Monat zugeht, die Zustimmungswerte fallen und sich die Sorgen über die Wirtschaft häufen, führte Donald Trump am Mittwoch Journalisten über den Rasen des Weißen Hauses, um ihnen seinen neuen Hubschrauberlandeplatz zu zeigen. Minutenlang schwärmte der Präsident über den dort verlegten weißen Granit, seine Haltbarkeit und darüber, wie beeindruckt ausländische Staatschefs davon sein würden. Besonders Chinas Präsident Xi Jinping, der im kommenden Monat erwartet wird, werde das Ergebnis sicher zu schätzen wissen.
Trump erklärte den Reportern sogar, der Stein halte einem Druck von 35.000 Pfund pro Quadratzoll stand. Man könne den ganzen Tag mit einem Hammer darauf einschlagen und würde keinen Kratzer sehen, versicherte er, während hinter ihm die Bauarbeiten weiterliefen. Nebenbei verkündete Trump, dass inzwischen auch der Weg vom diplomatischen Eingang des Weißen Hauses und Teile der Asphaltzufahrt am Südrasen durch weißen Granit ersetzt worden seien. Asphalt gehöre schlicht nicht an ein großartiges Haus wie das Weiße Haus, sagte er und erinnerte die anwesenden Journalisten daran: „Eine Sache kann ich, und das ist bauen.“ Dass sein 400 Millionen Dollar teurer Ballsaal gerade Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren ist und ein Berufungsgericht den Weiterbau ohne Zustimmung des Kongresses untersagt hat, störte die Führung kaum. Trump sprach ausführlich darüber, wie großartig auch dieses Projekt werde, und zeigte sich überzeugt, dass der Oberste Gerichtshof ihm am Ende erlauben werde, einfach weiterzubauen. Inzwischen verkauft er den Ballsaal zusätzlich als Sicherheitsprojekt für das Weiße Haus und verweist auf Drohnenabwehr und andere militärische Technik. Seine Regierung hatte sogar versucht, eine Milliarde Dollar vom Kongress für militärische Verbesserungen an dem Gebäude zu bekommen, war damit aber gescheitert. Trump fand dafür am Mittwoch eine eigene Bezeichnung: Es werde der „größte Militärkomplex mit Ballsaal der Welt“.
Viel Zeit widmete der Präsident auch dem Rasen und lobte ausführlich den Hersteller Scotts-Miracle Gro. Dessen ehemaliger Vorstandschef unterstützt Trump, das Unternehmen spendete eine Million Dollar für die Reparatur des Rasens, der durch Trumps UFC-Veranstaltung zu seinem 80. Geburtstag und die Arbeiten am Hubschrauberlandeplatz beschädigt worden war. Zwischendurch unterschrieb Trump auf der Rückseite eines Granitsteins, der eigens mit „Donald Trump 45-47 President“ versehen worden war. Auf der Vorderseite befindet sich ein Adler, der später Teil des Präsidentensiegels auf dem neuen Landeplatz werden soll. Auch einige Bauarbeiter durften unterschreiben, anschließend scherzte Trump darüber, den Stein verkehrt herum einzubauen, damit seine eigene Unterschrift noch für kommende Generationen sichtbar bleibe. „Netter Job, Jungs“, sagte er zu den Arbeitern und fragte anschließend: „Kennt jemand von euch das Wort Medien?“ Trump erklärte den Reportern, eigentlich habe man den Stein privat unterschreiben und einbauen wollen, doch er habe entschieden, dass die Presse dieses Ereignis sehen müsse. Er hoffe, dass es ihnen gefallen habe.
Der Präsident bestätigte außerdem, dass er die Arbeiten am Hubschrauberlandeplatz zwischenzeitlich stoppen ließ, weil das Gelände noch einmal neu eingeebnet werden sollte. Der verwendete Granit habe eine Lebensdauer von einer Million Jahren, behauptete Trump, werde niemals brechen, niemals undicht werden und überhaupt niemals irgendwelche Probleme machen. Das wäre immerhin eine Verbesserung gegenüber seinem Projekt am Spiegelteich vor dem Lincoln Memorial. Dort hatte Trump ebenfalls erklärt, die Arbeiten würden hundert Jahre halten, bevor Farbe und Verkleidung bereits wenige Tage später wieder abplatzten.
Am Mittwoch schien diese Erfahrung vergessen, stattdessen erklärte Trump den Granit nahezu zum Material für die Ewigkeit und sagte, die Natur sei stärker als alles, was Menschen herstellen könnten. „Das wird noch hier sein, lange nachdem wir weg sind“, sagte er über seine Bauprojekte, „egal, was mit der Welt passiert.“ Der Satz hätte kaum besser zu diesem Nachmittag passen können.
Ein Krieg läuft, Gerichte beschäftigen sich mit seinem Ballsaal, Wähler sorgen sich um Preise und Arbeitsplätze, und zweieinhalb Monate vor den Zwischenwahlen fallen seine Zustimmungswerte weiter. Der Präsident stand derweil auf dem Rasen des Weißen Hauses und erklärte Reportern, wie viel Druck sein Granit aushält. Am Ende war nicht einmal klar, ob Trump eine Pressekonferenz gegeben, eine Baustellenführung veranstaltet oder schlicht vergessen hatte, welchen Beruf er inzwischen ausübt.
4.500 Soldaten in Washington – und bei 98,7 Prozent der Strafverfahren spielen sie keine Rolle

Donald Trump schickte im vergangenen Sommer Tausende Nationalgardisten nach Washington und erklärte den Einsatz zu einem zentralen Teil seines Kampfes gegen die Kriminalität. Ein Jahr später stehen inzwischen rund 4.500 Soldaten in der Hauptstadt, mehr als die 3.200 Beamten der Stadtpolizei. Sie patrouillieren an Denkmälern, U-Bahn-Stationen, rund um das Baseballstadion und an Orten, an denen Touristen sie kaum übersehen können. Bei der Bekämpfung tatsächlicher Kriminalität tauchen sie dagegen erstaunlich selten auf.
Eine Auswertung sämtlicher öffentlich zugänglicher Anklageschriften des zuständigen Gerichts zeigt, dass Nationalgardisten seit Beginn des Einsatzes lediglich in rund 1,3 Prozent der Strafverfahren erwähnt werden. Insgesamt fanden sich 217 Fälle mit Beteiligung der Truppe. In nur 62 davon stoppten Soldaten allein einen Verdächtigen, weitere 43-mal halfen sie Polizisten bei einer Festnahme. In 35 Fällen waren sie lediglich Zeugen eines Verbrechens und warteten teilweise einfach auf die Polizei. Besonders auffällig ist, wo die Soldaten stehen und wo nicht. Ihre Einsätze konzentrieren sich auf wohlhabendere, weißere und deutlich sicherere Teile Washingtons sowie auf das Stadtzentrum und U-Bahn-Stationen. In den Vierteln, in denen während der vergangenen fünf Jahre 82 Prozent der insgesamt 859 Morde begangen wurden, findet sich in den Gerichtsakten kein einziger Hinweis auf Strafverfolgung durch die Nationalgarde. Salim Adofo, der in einem einkommensschwachen Teil der Stadt arbeitet, beschreibt seine Erfahrung entsprechend knapp: „Ich habe sie das ganze Jahr nicht gesehen.“

Dafür finden sich andere Einsätze. Soldaten jagten einen Mann, der zwei Stück Pizza genommen und dafür zwei Dollar als Teilzahlung angeboten hatte. Eine Woche später stoppten sie jemanden, der einen Stein auf einen Bus geworfen hatte. Im April hielten sie einen Mann wegen zweier gestohlener Beef-Jerky-Stangen im Wert von ungefähr sieben Dollar fest. Im vergangenen Monat brauchte es sechs Soldaten, um eine Frau festzuhalten, die eine Flasche Root Beer getrunken hatte, ohne sie zu bezahlen. Gruppen von 20 oder mehr Nationalgardisten standen nachts vor U-Bahn-Stationen und hinderten Jugendliche daran, wegen einer Ausgangssperre die Rolltreppen hinunterzugehen.
Bei einem Angriff vor einem Nachtclub zeigte sich noch deutlicher, wie eigenartig dieser Einsatz funktioniert. Drei Polizisten trafen dort auf einen Mann, der auf eine junge Frau eintrat, die bereits auf dem Bürgersteig lag. Die Beamten stoppten den Angriff und nahmen ihn fest. Im Polizeibericht hielt einer von ihnen ausdrücklich fest, dass sich ungefähr 15 Nationalgardisten auf ihrer normalen Patrouille unmittelbar in der Gegend befanden. Sie griffen nicht ein.
Noch schwerer wiegt der Fall des im April getöteten Keon Jones. Soldaten fanden ihn nach einer Auseinandersetzung bewusstlos an der Waterfront und alarmierten den Rettungsdienst. Sie hielten ihn zunächst offenbar für betrunken und bemerkten nicht, dass er so schwer erstochen worden war, dass seine Eingeweide aus der Wunde traten. Erst als Polizisten eintrafen, wurde die Schwere seiner Verletzungen erkannt. Jones starb rund zwei Stunden später im Krankenhaus. Seine Tante Evelyn Jones sagt: „Sie hätten mehr tun können, um ihm zu helfen.“
Die Soldaten werden dabei selbst immer wieder zu Opfern. In 62 Verfahren wurden Menschen beschuldigt, Nationalgardisten geschubst, geschlagen oder bedroht zu haben, neun weitere spuckten sie an. Ein Mann soll versucht haben, einem Soldaten die Pistole abzunehmen, ein anderer drohte einer Gruppe von Gardisten damit, sie mit einer Bazooka zu erschießen. Zwei Soldaten wurden außerhalb ihres Dienstes sogar selbst wegen Verstößen gegen Washingtons Waffengesetze festgenommen, die Bundesstaatsanwaltschaft ließ beide Verfahren später fallen.
Militärisch klingt der Einsatz größer, als er rechtlich ist. Die Soldaten wurden zwar zu stellvertretenden US-Marshals ernannt, ihre Polizeibefugnisse bleiben aber begrenzt. Das Pentagon bezeichnet ihre Arbeit als Präsenzpatrouillen, bei denen die sichtbare Anwesenheit bewaffneter Soldaten abschrecken soll. Sie dürfen Verdächtige festhalten, müssen für eine tatsächliche Festnahme jedoch die Polizei rufen. Die Regierung will diese Konstruktion trotzdem bis zum Ende von Trumps Amtszeit 2029 fortsetzen. Billig ist sie nicht. Bereits vor der Verdoppelung der Truppenzahl in diesem Sommer kostete der Einsatz nach Regierungsangaben rund 1,65 Millionen Dollar pro Tag. Das gesamte tägliche Budget der Washingtoner Polizei lag zuletzt bei ungefähr 1,5 Millionen Dollar. Bis 2029 rechnet die Regierung mit weiteren Kosten von 1,4 Milliarden Dollar für die Nationalgarde, ohne bisher zu sagen, wie viele Soldaten in den kommenden Jahren überhaupt eingesetzt werden sollen.
Trump behauptet, seine Maßnahmen hätten die Kriminalität gesenkt, die Stadt verschönert und die Lebensqualität verbessert. Tatsächlich sank die Zahl der Morde in Washington im dritten Jahr hintereinander, allerdings geschah dasselbe auch in Städten, in die keine Nationalgarde geschickt wurde. Die Gesamtzahl schwerer Gewaltverbrechen aus Körperverletzungen, Raub, Sexualdelikten und Tötungsdelikten lag zwischen Januar und Mitte August sogar rund vier Prozent höher als im vergangenen Jahr. Eine Untersuchung des überparteilichen Niskanen Center kam im Mai zu dem Ergebnis, dass der Einsatz zwar Autodiebstähle verringerte, auf Gewaltverbrechen jedoch keinen messbaren Einfluss hatte.

Inzwischen haben die Soldaten noch eine weitere Aufgabe bekommen. Sie bewachen den Spiegelteich am Lincoln Memorial, den die Trump-Regierung für Millionen Dollar renovieren ließ, bevor sich das Wasser grün färbte und sich die neue Verkleidung wieder löste. Trump behauptete zunächst, Vandalen hätten das Becken sabotiert. Später räumte Bundesstaatsanwältin Jeanine Pirro ein, dass ein Regierungsauftragnehmer die Arbeiten vermasselt hatte.
Damit stehen in Washington mehr Soldaten als Polizisten auf den Straßen, sie kosten mehr als die Polizei und sollen bis 2029 noch einmal 1,4 Milliarden Dollar verschlingen. In den Vierteln, in denen der überwältigende Teil der Morde geschieht, sind sie in den Strafakten praktisch nicht vorhanden. Dafür bewachen sie Denkmäler, halten Schwarzfahrer fest, verfolgen gestohlene Beef-Jerky-Stangen und stehen in großen Gruppen vor U-Bahn-Stationen. Trump nennt das Kampf gegen Kriminalität. Nach einem Jahr Einsatz zeigen die Zahlen vor allem, wie wenig davon bei der schweren Kriminalität ankommt.
