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„Zeit, Deutschland zu teilen“: Der Absender sitzt in Moskau

VonTEAM KAIZEN BLOG

13. August 2026

Ein kurzes Video, aufgemacht wie die Nachrichtensendung eines bekannten deutschen Senders, englisch untertitelt, fordert die Teilung des Landes in Ost und West. Es trägt die Handschrift keiner Redaktion, sondern eines Rechners. Unter dem Schlagwort TimeToDivideGermany, „Zeit, Deutschland zu teilen“, verbreiteten im August 2026 automatische Konten auf der Plattform X die Behauptung, eine erneute Trennung sei eine „historische Notwendigkeit“. Der Absender saß nicht in Sachsen oder Berlin, sondern in einer russischen Operation, die wir seit Wochen verfolgen.

Nun hat das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigt, was unsere Recherche vor Wochen zu „Matrjoschka“ vorzeichnete. Die Behörde warnt nun endlich offiziell vor einer Desinformationskampagne, die Russland vor mehreren Landtags- und Kommunalwahlen im September gestartet haben soll, und bringt sie ausdrücklich mit dem Netzwerk „Matrjoschka“ in Verbindung. Die Machart ist wiederkehrend: kurze englischsprachige Videos, die das Erscheinungsbild bekannter deutscher Medien nachahmen, dazu reißerische Überschriften und einseitige Behauptungen. Ihr Ziel sei es, so das Amt, den Osten gegen den Westen zu stellen und die Ablehnung des Bundesstaats zu nähren. Auch Politiker in Ländern und Kommunen sollen verächtlich gemacht werden. Getroffen würden vor allem jene Parteien, deren Haltung den Interessen Moskaus zuwiderläuft.

Der Zeitpunkt ist gewählt. Im Herbst wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern der Landtag gewählt, beide auf dem Boden der früheren DDR, dazu das Berliner Abgeordnetenhaus und die Kommunen in Niedersachsen. Wer eine Gesellschaft an ihrer empfindlichsten Naht trennen will, sucht die Wochen vor solchen Abstimmungen. Die alte Grenze, längst gefallen, wird als Wunde wieder geöffnet. Die Erzählung von der „historischen Notwendigkeit“ einer neuen Teilung kommt nicht von ungefähr. Ein Bundesstaat, dessen Länder sich gegeneinander aufbringen lassen, verliert die Kraft zum gemeinsamen Handeln, und ein Osten, der sich vom Westen verraten fühlt, ist für jeden empfänglich, der den Bruch verspricht. Dass sich die Angriffe besonders gegen Parteien richten, deren Haltung Moskaus Interessen zuwiderläuft, zeigt die politische Richtung der Kampagne. Die Teilung, die 1990 überwunden schien, kehrt als Bild zurück, das jeden Tag ein wenig realer wird, je öfter es geteilt wird.

Doch was ist „Matrjoschka“ überhaupt? Man muss die Puppe kennen, um die Kampagne zu begreifen. Dieser Name ist eine Betriebsanleitung, vergeben durch das Projekt „Bot Blocker“. Eine Fälschung steckt in der nächsten, ein Konto verbirgt sich hinter dem anderen, und eine Meldung wandert Schicht um Schicht durch die Netzwerke, bis der Ursprung nicht mehr auffindbar ist. Öffnet man die äußerste Puppe, liegt darin die nächste, und ganz innen liegt nichts. Das ist keine Panne, sondern der Bauplan: eine Nachricht ohne Herkunft, eine Kopie, deren Vorlage nie bestanden hat. Das gefälschte Video zeigt eine Sendung, die niemand je ausgestrahlt hat, das untergeschobene Zitat stammt von einem Menschen, der es nie gesagt hat. Wo die Lüge früher eine Wahrheit verbog, tritt hier ein Zeichen an die Stelle einer Sache, die es gar nicht gibt.

Der Apparat dahinter arbeitet in zwei Richtungen. Auf der einen Seite entstehen im Dutzend falsche Profile, die einen als gewöhnliche Bürger, die anderen als unabhängige Medien oder Forschungsstellen, und alle stoßen täglich Beiträge aus, im Tonfall der jeweiligen Gegend, damit niemand den Fremdkörper bemerkt. Auf der anderen Seite läuft dieselbe Botschaft im Gleichtakt über viele Plattformen, versehen mit den geborgten Logos westlicher Medien und Menschenrechtsorganisationen als Siegel der Echtheit. So entsteht nicht die eine große Lüge, sondern ein künstliches Chaos, in dem sich wahr und falsch nicht mehr auseinanderhalten lassen, in Russland wie im Ausland. Und hier setzt der Angriff in Wahrheit an. Er gilt nicht diesem oder jenem Fakt, sondern der Fähigkeit zu urteilen. Die alte Propaganda wollte überzeugen, diese will ermüden. Wer mit genug widersprüchlichen Fassungen desselben Ereignisses überschüttet wird, glaubt am Ende keiner mehr, auch nicht der belegten, und ein Mensch, der nichts mehr für gewiss hält, ist nicht mehr frei, sondern nur noch lenkbar.

Schon 2016 und 2017 warnte man öffentlich vor russischen „psychologischen Operationen“, Desinformation, Einflussnahme, Propaganda und Zersetzung. Das BfV beschäftigte sich unter Maassen, genau der Herr Maassen auf dem Bild unter diesem Absatz, auch mit APT28 und möglichen russischen Cyberangriffen im Umfeld der Bundestagswahl 2017. Das Problem wurde erkannt, aber Deutschland baute damals noch keine annähernd ausreichende Abwehr gegen die heute sichtbare industrielle Manipulation über Bots, Fake-Medien und koordinierte soziale Netzwerke auf.

Wie diese Maschine gegen einen Einzelnen läuft, zeigt Frankreich. Dort richtet sich dieselbe Infrastruktur gegen Gabriel Attal, den Vorsitzenden der Partei Renaissance und Präsidentschaftsbewerber im Lager von Emmanuel Macron. Attal hat wegen mutmaßlicher ausländischer Einmischung Anzeige erstattet. Zuvor hatten das französische Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit und die Aufsichtsstelle Viginum ihn gewarnt. Viginum ordnete die Operation mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Netzwerk „Matrjoschka“ zu. Einen Tag vor seiner ersten Anzeige, am 4. August, hatten wir über 8 gefälschte Videos berichtet, aufgemacht wie Sendungen und Titelseiten großer französischer Medien. Die erste Anzeige datiert vom 5. August, tags darauf, am 6. August, folgte die nächste Operation.

Gabriel Attal

In der Anzeige geht es um Einmischung von außen und um gefälschte, manipulierte Inhalte, die geeignet seien, die französische Präsidentschaftswahl 2027 in ihrer Redlichkeit zu beschädigen. Konten gaben sich als Medien aus, verbreiteten erfundene Videoberichte und Titelseiten und legten Attal wie seinen Angehörigen Worte in den Mund, die nie gefallen sind.

Die Fälschungen folgen einem verräterischen Handwerk: Sie nehmen ein Körnchen Wahrheit und umbauen es mit Erfindung. Man dichtete Attal eine Parkinson-Erkrankung an, dazu eine Drogensucht, die er von seinem 2015 gestorbenen Vater geerbt habe, der an einer Überdosis gestorben sein soll. Man unterstellte ihm nachsichtige Worte über illegale Zuwanderung. Hinzu kamen der Vorwurf, er habe für die Ukraine bestimmte Militärhilfsgelder mitgewaschen, und eine erfundene Millionenspende an die israelische Armee. Realen Chefredakteuren bekannter Blätter wurden erfundene Zitate untergeschoben, teils rassistische und schwulenfeindliche, um den Fälschungen das Gewicht seriöser Stimmen zu leihen. Jedes Video endete mit derselben Ansage, der jeweilige Skandal werde Attals Aussichten schmälern.

Acht gefälschte Videos wurden so gestaltet, als stammten sie von BFM, Le Monde, AFP, France 24 und vier weiteren großen französischen Medien. Jedes Video endet gleich: „Der Skandal wird Attals Position vor 2027 schwächen“, obwohl in jedem Clip ein anderer Skandal erfunden wird. Attal gab seine Präsidentschaftskandidatur am 22. Mai bekannt und gilt weithin als politischer Erbe Macrons.

Nichts davon hält der Prüfung stand. Wahr ist allein das Gerüst. Attal lebt offen homosexuell und war mit dem Politiker Stéphane Séjourné eingetragen verpartnert. Als Bildungsminister untersagte er 2023 das muslimische Gewand Abaya an Schulen. Die Antikorruptionsorganisation Anticor verlor 2023 tatsächlich ihre Zulassung, doch durch ein Gericht und ohne jede Verbindung zu einer „Stiftung seines Vaters“. Yves Attal, Filmproduzent, starb 2015. Für die Überdosis fehlt jeder Beleg, ebenso für Parkinson und Sucht wie für die ihm angedichteten Sätze über Migranten. Aus einem wahren Rest wird ein falsches Ganzes. So arbeitet die Puppe. Die Wirkung hängt nicht davon ab, dass die Lüge geglaubt wird. Es genügt, dass sie im Umlauf bleibt. Ein Zweifel, einmal gesät, wächst auch ohne Beweis, und ein Bewerber, der ständig dementieren muss, steht schon dadurch geschwächt da. Die Fälscher rechnen mit der Trägheit der Erinnerung, die den Vorwurf behält und die Richtigstellung vergisst.

Die Kampagne gegen Attal war die erste große Operation dieser Art, die eigens auf die Wahl 2027 zielt. Frankreich wird regelmäßig angegriffen. Zuvor streuten die Konten angebliche Nachrichten aus dem gehackten Staatsmessenger Tchap und schrieben Verteidigungsministerin Catherine Vautrin den Plan zu, Armenien in einen Aufmarschplatz gegen Russland zu verwandeln. Attal selbst hatte seine Bewerbung am 22. Mai 2026 im aveyronesischen Mur-de-Barrez erklärt. Als früherer Premierminister gilt er als politischer Erbe Macrons, der nach der Verfassung kein drittes Mal antreten darf. Im eigenen Lager steht ihm Édouard Philippe gegenüber, der schon im September 2024 angetreten war.

Zwischen Berlin und Paris liegt kein Zufall, sondern dieselbe Rechnung. Wo gewählt wird, ist eine offene Gesellschaft am angreifbarsten, weil sie von jenem Vertrauen lebt, das die Kampagne gerade zersetzt. Der Verfassungsschutz kann warnen, Viginum kann zuordnen, doch beide kommen erst, wenn die Bilder schon laufen. Die mühsame Vorarbeit leisten kleine Redaktionen und ehrenamtliche Beobachter, deren Mittel in keinem Verhältnis zur Größe des Gegners stehen.

So schützt ihr euch vor Matryoshka-Fakes

Prüft zuerst, ob der angebliche Beitrag tatsächlich auf der Website oder dem offiziellen Account des genannten Mediums existiert. Achtet auf falsche Logos, ungewohnte Schriftarten, merkwürdige Untertitel, schlechte Schnitte oder eine Sprache, die für das Medium untypisch wirkt. Verlasst euch nicht darauf, dass ein Video echt aussieht, denn Bild, Ton, Sprecherstimmen und Untertitel lassen sich inzwischen sehr glaubwürdig fälschen. Sucht die konkrete Behauptung separat und prüft, ob andere seriöse Quellen sie bestätigen. Schaut euch auch den Account an, der den Beitrag verbreitet: Wann wurde er angelegt, was hat er vorher gepostet und veröffentlicht er auffällig viele ähnliche Inhalte? Besonders empörende oder sensationelle Beiträge sollte man nicht sofort weiterleiten, denn genau auf diese Reaktion zielen solche Kampagnen. Wenn euch etwas verdächtig vorkommt, sichert Screenshot, Link, Datum und Account, weil solche Inhalte oft schnell wieder verschwinden. Und wenn sich eine Behauptung nicht verifizieren lässt, ist „unbestätigt“ immer besser, als sie ungeprüft weiterzutragen. Der wichtigste Satz dabei lautet: Wenn ein Video echt aussieht, ist das heute noch lange kein Beweis dafür, dass es echt ist.

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Es sind zwei Länder und dieselbe Puppe. In Deutschland soll ein Land an seiner alten Teilung zerschnitten, in Frankreich ein Bewerber vor der Wahl beschmutzt werden, und beide Male ist das Werkzeug nicht die einzelne Lüge, sondern die schiere Menge, die am Ende jedes Vertrauen zermürbt. Die Abwehr ist unspektakulär. Sie besteht darin, die Quelle zu benennen, bevor sie sich in der nächsten Puppe versteckt, und geduldig das Wahre vom Erfundenen zu scheiden. Dass eine Redaktion die Operation früher erkannte als das Amt, ist kein Ruhm, sondern eine Mahnung. Wo die prüfenden Stimmen verstummen, gewinnt die leere Puppe. Sie hat keinen Inhalt, nur ein Ziel. Die Gefahr ist nicht, dass die Menschen eine bestimmte Lüge glauben, sondern dass sie das Wahre und das Erfundene für gleich gültig halten und aufhören, den Unterschied zu suchen. Zwischen dieser Müdigkeit und dem eigenen Urteil steht am Ende nur, wer noch nachfragt.

Solche Recherchen sind extrem aufwendig, weil jede Behauptung, jedes Video, jeder Account und jede angebliche Quelle einzeln geprüft, zurückverfolgt und miteinander abgeglichen werden muss. Darum geht dieser Bericht jeden etwas an, der Nachrichten liest, teilt oder über soziale Netzwerke bekommt. Wenn gefälschte Beiträge echter Medien nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen sind, wird nicht nur ein Kandidat angegriffen, sondern das Vertrauen darin, überhaupt noch unterscheiden zu können, was wahr und was erfunden ist.

Warnhinweis an alle WordPress-Nutzer

Derzeit treffen mehrere Dinge gleichzeitig aufeinander. Neue Sicherheitslücken werden entdeckt, WordPress schiebt deshalb in kurzer Folge Core-Updates nach, während automatisierte Bots und Scanner massenhaft Webseiten nach offenen Login-Seiten, veralteten Plugins, bekannten Schwachstellen und falsch konfigurierten Servern durchsuchen. Wer WordPress 7.0 nutzt, sollte deshalb auf die aktuell veröffentlichte Version 7.0.4 aktualisieren. Solche Zugriffe laufen oft völlig automatisiert und betreffen nicht nur große Seiten. Wird eine verwundbare Installation gefunden, können Angreifer im schlimmsten Fall Schadcode einschleusen, neue Benutzer mit Administratorrechten anlegen, Inhalte verändern, Daten auslesen, Besucher auf fremde Seiten umleiten oder die Website für weitere Angriffe missbrauchen. Viele 404-Aufrufe und fehlgeschlagene Loginversuche bedeuten deshalb noch keinen erfolgreichen Angriff, zeigen aber, dass Seiten permanent abgeklopft werden. Wer WordPress nutzt, sollte Core, Plugins und Themes aktuell halten, unnötige Erweiterungen entfernen und den Zugang zum Backend zusätzlich absichern.

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