Seit Jahren umkreist eine trübe Frage Eltern und Lehrer, Redaktionen und Netz: Was ist mit den jungen Männern los? Warum vertreten so viele von ihnen schroffe politische Positionen und reden verächtlich über Frauen? Riskante Kryptowetten und das Onlineglücksspiel ziehen sie an, während sie zugleich vereinsamen und ihre depressiven Verstimmungen oft unbemerkt bleiben. Bei der Präsidentschaftswahl 2024 gaben junge Männer mehrheitlich Trump ihre Stimme, nachdem die Republikaner sie mit einem grell überzeichneten Männerbild umworben hatten. An ihrer Wut hat die zweite Amtszeit wenig geändert, und ihr Zuspruch zum Präsidenten bröckelt inzwischen spürbar.
Die bequemste Erklärung lautet, jüngere Männer hätten sich im Netz unter dem Dach der sogenannten Manosphäre gesammelt, verstanden meist als eine von selbst gewachsene, rechte Auflehnung in den Kulturkämpfen der Gegenwart. Eine neue Untersuchung kommt zu einem anderen Ergebnis. Das digitale Gefüge, das die sogenannten „red-pilled“ Männer hervorbringt, gleicht weniger einer politischen Bewegung als einem Schneeballsystem.

In ihrem Bericht „The Grift Economy: How Young Men Are Being Sold Fake Belonging and Fake Wealth Online“ zeigen Forscher der Organisation für digitale Sicherheit Reset Tech und der gemeinnützigen Equimundo, wie Algorithmen Männer in kostenpflichtige Gemeinschaften lotsen, zu unregulierten Nahrungsergänzungen, in Kryptogeschäfte und zu maßlos teuren Coaching-Programmen. Zusammengenommen ergebe das eine Industrie im Milliardenwert. Männlichkeit, schreiben die Autoren des 153 Seiten starken Berichts, sei zur Handelsware geworden, im Netz erdacht und gepflegt, damit sich mit ihr Geld verdienen lässt.
Am Anfang steht selten etwas Bedrohliches. Wer nach Rat zur Partnersuche oder zur Geldanlage sucht, wer sich fitter machen will, stößt auf harmlos wirkende Selbstoptimierung. Erst danach greifen unseriöse Anbieter die Verunsicherung ab und liefern eine schiefe Erklärung, aus Frust und Feindbildern gezimmert, meist auf verifizierten X-Unternehmenskonten, die echte Wirtschaftsdaten heranziehen und daraus die falsche Behauptung stricken, die hohe Jugendarbeitslosigkeit treffe allein Männer. Aus belegten ökonomischen Ängsten werde so Zorn auf klar benannte Gruppen, auf Frauen und auf jene, die als Einwanderer oder ausländische Arbeitskräfte gelten.
Hat sich erst das Gefühl eingestellt, einer durch Kränkung und angeblichen Verrat verbundenen Gemeinschaft anzugehören, verkaufen dieselben Akteure die vorgebliche Rettung. Mal ist es ein Kurs oder der Zutritt zu einem abgeschotteten Zirkel, mal ein Präparat aus rechtlichen Graubereichen. Beim frauenfeindlichen Influencer Andrew Tate schätzen die Forscher, allein seine kostenpflichtige Lernplattform „Real World“ setze im Jahr brutto 184 Millionen Dollar um; die Mitgliedschaft kostet 99 Dollar monatlich. Reset Tech und Equimundo nennen solche Systeme Betrug im großen Stil, gestützt auf wiederverwertetes Material und Provisionspyramiden, auf absichtlich erschwerte Kündigungen und geschönte Erfahrungsberichte. Tates Anwalt äußerte sich zunächst nicht. Andrew Tate und sein Bruder Tristan wehren sich gegen ihre Auslieferung nach Großbritannien, wo ihnen Vergewaltigung und Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung vorgeworfen werden; ihr Anwalt erklärt, sie seien unschuldig.
Führende Livestreamer wie Adin Ross könnten dem Bericht zufolge zwischen 30.000 und 50.000 Dollar in der Stunde verdienen; Ross hält zudem Anteile an Kick, jener Plattform, über die er sendet. Für einen Auftritt von Leuten wie Joe Rogan verlange man mehr als 200.000 Dollar. Die erfolgreichsten Anbieter kämen über Zahlungen der Plattformen, über Werbung, Kurse, Mitgliedschaften und Honorare auf 1 bis 10 Millionen Dollar im Jahr.

Gary Barker, Gründer und Geschäftsführer von Equimundo, das für Gleichberechtigung und ein tragfähiges Bild von Männlichkeit eintritt, sagt, die Manosphäre erschließe sich am ehesten, wenn man betrachte, wie ihre Spitzenverdiener den Frust junger Männer erst schürten und dann zu Geld machten. Ein französischer Denker hat vor Jahrzehnten eine Warenwelt beschrieben, in der die Dinge hinter die Zeichen zurücktreten, die sie verheißen, und in der das Bedürfnis selbst zur Ware wird, erst erzeugt, dann bedient. Gehandelt wird am Ende mit der Zugehörigkeit, die man den Käufern zuvor entzogen hat, verpackt als Fitness und als Reichtum. „Sie werden getäuscht“, sagt Barker über die Kundschaft. Sie habe ein Recht auf ehrliche Auskunft über Produkte, die halten, was sie versprechen, statt ihr das Geld abzunehmen.
Auch die Plattformen verdienen mit. Sie behalten einen Anteil der Einnahmen und belohnen die Anbieter dafür, immer schärfere Ansichten zu vertreten, weil Streit und Entrüstung die Aufmerksamkeit binden. Reset Tech durchleuchtete das sogenannte Looksmaxxing, den Versuch, das eigene Aussehen mit teils drastischen Mitteln aufzubessern, in diesem Jahr besonders befeuert vom Kick-Streamer Braden Peters, bekannt als Clavicular. Die Forscher beobachteten 216 Influencer auf TikTok, Instagram und Facebook; entsprechende Inhalte kamen im untersuchten Zeitraum zusammen auf mehr als 14,6 Milliarden Aufrufe. Diese Reichweite folge den Empfehlungssystemen der Plattformen, von selbst habe sie sich nicht ergeben. Der Bericht zieht eine Linie zu Inhalten, die bei Frauen Essstörungen befeuern. Gegen diese gingen die Plattformen nach öffentlichem Druck immerhin teilweise vor; ein ebenso entschlossenes Vorgehen gegen Angebote, die Männern ein zerrüttetes Körperbild einreden und daraus Geschäft schlagen, fehle bislang.

Gegen Braden Peters alias Clavicular läuft seit April 2026 eine Zivilklage. Die damals 18-jährige Influencerin Aleksandra Mendoza wirft ihm vor, bereits mit ihr Sex gehabt zu haben, als sie noch minderjährig und aufgrund von Alkohol nicht einwilligungsfähig gewesen sei. Außerdem soll Peters ihr während eines Livestreams eine nicht zugelassene fettauflösende Substanz ins Gesicht gespritzt haben, die nach Darstellung der Klage möglicherweise mit Methamphetamin versetzt war. Peters bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Das Verfahren ist nach derzeit öffentlich bekanntem Stand nicht abgeschlossen.
Auch Deutschland steht längst nicht außerhalb dieses Geschäfts. Eine Untersuchung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen und der MaLisa Stiftung zeigt, wie eng Männlichkeitsbilder, politische Einstellungen und die Empfehlungssysteme sozialer Netzwerke inzwischen beieinanderliegen. 705 Jugendliche wurden repräsentativ befragt, zusätzlich untersuchten die Forscher, welche Inhalte ihnen auf den Plattformen begegnen. Rund 26 Prozent der Jungen fielen durch eine Verbindung rechter Einstellungen, traditioneller Männlichkeitsvorstellungen, Ablehnung sexueller Minderheiten und Leugnung des Klimawandels auf. Besonders bemerkenswert war, was bei den Empfehlungen geschah. Jungen, die sich zunächst für scheinbar unpolitische Dinge wie Fitness oder Luxusautos interessierten, bekamen verstärkt Beiträge aus der Manosphäre und von rechtsextremen Akteuren angeboten. Bei der Untersuchung von 300 Manosphären-Videos fanden die Forscher immer wieder Einsamkeit, gescheiterte Beziehungen und Verunsicherung als Einstieg, bevor Misstrauen gegenüber Frauen und Schuldzuweisungen folgten.
Eine weitere Untersuchung von Matthias Quent und Christian Stein mit 2.099 Menschen zwischen 16 und 27 Jahren fand einen positiven Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und rechtsextremen Einstellungen. Die Forscher fanden allerdings keinen Beleg dafür, TikTok allein zum außergewöhnlichen Radikalisierungsmotor gegenüber anderen Plattformen zu erklären. Das Problem ist größer als eine einzelne App. Junge Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihres Medienalltags in Systemen, die ihnen nicht einfach das zeigen, wonach sie ausdrücklich gesucht haben, sondern aufgrund ihres bisherigen Verhaltens entscheiden, was als Nächstes auf ihrem Bildschirm landet.
Wie politisch einseitig das werden kann, zeigte ein Test von Global Witness vor der Bundestagswahl 2025. Die Organisation richtete neue Konten ein und untersuchte, welche politischen Beiträge TikTok und X diesen Nutzern empfahlen. Auf TikTok waren 78 Prozent der politischen Inhalte von nicht abonnierten Konten, die das Empfehlungssystem vorsetzte, AfD-freundlich. Das beweist weder, dass TikTok einen jungen Mann zum AfD-Wähler macht, noch dass jeder Weg von Fitness und Selbstoptimierung irgendwann bei der Partei endet. Aber zusammen mit den anderen Untersuchungen entsteht ein bemerkenswerter Befund: Junge Männer können mit Fitness, Aussehen oder Geld beginnen, auf Inhalte der Manosphäre stoßen und gleichzeitig in einem digitalen Umfeld landen, in dem rechte politische Angebote stark vertreten sind. Die AfD muss diese Frustindustrie dafür nicht geschaffen haben. Sie trifft dort aber auf junge Männer, denen andere längst erzählen, sie seien die Verlierer gesellschaftlicher Veränderungen und jemand müsse dafür verantwortlich sein.

Graffiti als Ausdruck von Wut, politischem Protest und dem Gefühl, von bestehenden gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr vertreten zu werden – genau an solchen Bruchstellen finden auch die Botschaften der Manosphäre ihren Zugang zu jungen Männern.
Meta, TikTok und X antworteten auf Fragen zu ihren Regeln nicht. YouTube erklärte, Inhalte, die Selbstverletzung und Essstörungen förderten oder zu anderem gefährlichen Verhalten anhielten, seien untersagt, und für Material, mit dem sich Geld verdienen lasse, gälten strengere Vorgaben; Tates Kanäle seien schon 2022 entfernt worden. Kick teilte mit, auf verbotene Aktivitäten in Livestreams reagiere man mit Verwarnungen und Sperren, mitunter auch mit dem Entzug der Einnahmemöglichkeiten.
Wie unmittelbar sich Entrüstung in Geld verwandelt, führt Clavicular vor. Im Januar 2026 hörte er in einem Kleinbus in Miami, neben Andrew und Tristan Tate, Nick Fuentes und Sneako, während eines Livestreams Kanye Wests antisemitisches Stück „Heil Hitler“. Ausschnitte verließen rasch das ursprüngliche Kick-Publikum und liefen über Sammelkonten durch die großen Plattformen; der Sturm der Entrüstung war gewaltig. Die Reichweite der ohnehin bekannten Tate-Brüder blieb danach fast unverändert, während die Zahlen des zuvor kaum beachteten Clavicular hochschnellten. Zwei Wochen später erreichten seine Beiträge auf X im Schnitt fast 3 Millionen Aufrufe, zwei Wochen vor dem Stream waren es rund 500.000 gewesen. Mehr Zuschauer, das hieß mehr mögliche Kunden für seine Looksmaxxing-Akademie, deren günstigste Stufe 49 Dollar kostet, während privates Coaching bis zu 3.000 Dollar aufruft.
Hinweis der Redaktion: Wir zeigen dieses Video ausschließlich zu dokumentarischen und journalistischen Zwecken im Zusammenhang mit diesem Artikel. Die darin verbreiteten antisemitischen Inhalte werden von unserer gesamten Redaktion ausdrücklich und entschieden abgelehnt. Sie entsprechen weder unserer Haltung noch unserer Meinung. Wir halten die gezeigten Inhalte für menschenverachtend und verächtlich.
Barker verweist auf eine tückische Lücke. Jüngere Kinder ließen sich wenigstens teilweise durch Eltern und Verbände abschirmen, notfalls durch Schutzvorschriften; wer gerade erst erwachsen werde, habe diesen Schutz kaum noch. Ausgerechnet die 18- bis 29-Jährigen nutzten solche Angebote am häufigsten. „Niemand hält ihnen den Rücken frei“, sagt Barker. Sie fielen durchs Raster, weil man ihnen als Erwachsenen zutraue, im Netz von selbst zu erkennen, welchen Quellen zu trauen sei. Gesprächsrunden von Reset Tech nach der Wahl 2024 zeigten das Gegenteil. Manche Teilnehmer wüssten erstaunlich wenig darüber, woher ihre Nachrichten und Überzeugungen eigentlich stammten; Sendungen wie „The Joe Rogan Experience“ hielten sie beinahe für neutrale Quellen. Frauen wähnten sie zugleich in abgeschotteten Welten aus Schmink- und Lebensstilinhalten, sich selbst hingegen bestens und geprüft informiert.
Ein kritischerer Umgang sei deshalb entscheidend, sagt Barker. Viele junge Männer wollten sehr wohl merken, wenn ihnen Unfug angedreht werde, doch die Algorithmen hätten die Gelegenheiten beschnitten, überhaupt noch auf Ansichten zu stoßen, die den eigenen ernsthaft widersprechen. Solange die Plattformen nicht stärker eingriffen, bleibe vieles an den Nutzern hängen. Sie müssten begreifen, dass, wer ihnen Peptide und Tricks für die Partnersuche verkaufe und den schnellen Reichtum verheiße, womöglich ihre Verunsicherung ausbeute. Vielleicht werde eines Tages gerade ein junger Kommentator erfolgreich, der die Lügen dieser Frustindustrie offenlegt. Dass sich morgen eine ganze Schar junger Männer erhebt und ankündigt, im Netz gegen dieses Treiben zu Felde zu ziehen, erwartet Barker nicht. Aber genau dort, sagt er, müsse ein Teil der Gegenwehr beginnen.
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