In der Nationalkathedrale von Washington lag am 28. Juli der flaggenbedeckte Sarg des Senators Lindsey Graham, getragen von Soldaten, gestorben plötzlich am 11. Juli. Präsident Trump trat ans Pult und nannte den Verstorbenen eine Macht, mit der die ganze Welt habe rechnen müssen. Doch während drinnen der Nachruf auf einen der lautesten Kriegsverfechter Amerikas gehalten wurde, tagte draußen, hinter verschlossenen Türen, bereits der nächste Krieg. In den Bänken saßen der israelische Ministerpräsident Netanjahu und der ukrainische Präsident Selenskyj, und beide hatten den Präsidenten an diesem Tag noch anderes zu bereden als den Tod eines Freundes.

Grahams Nachruf geriet Trump ungewohnt persönlich. Es falle ihm schwer, das Wort Trauerfeier für Lindsey überhaupt auszusprechen, sagte er und hielt inne. Über 30 Jahre lang, so seine rund 12 Minuten lange Rede, sei in dieser Hauptstadt nichts von Belang geschehen, ohne dass Graham davon gewusst habe, und nichts von Gewicht irgendwo auf der Welt, ohne dass er eine Meinung dazu gehabt hätte. Graham habe Amerika das volle Maß seines gewaltigen Herzens gegeben, bis dieses Herz einfach versagte, und er sei auf dem Gipfel seiner Laufbahn gegangen. Gegen Ende blickte Trump nach oben und erklärte, er wisse ziemlich sicher, wo Graham nun sei, dort oben, und er sehe auf sie herab.

Bezeichnend war, was Trump als Grahams vielleicht schönste Stunde rühmte. Es war die leidenschaftliche Verteidigung des heutigen Verfassungsrichters Brett Kavanaugh, den Graham 2018 im Justizausschuss des Senats gegen den Vorwurf in Schutz nahm, er habe als Jugendlicher Christine Blasey Ford auf einer Party sexuell missbraucht, ein Vorwurf, den Kavanaugh bestritt und der ihn nicht an die Bestätigung hinderte. Diesen Auftritt, mit dem Graham einen, wie Trump es nannte, schändlichen Angriff beendet habe, feierte der Präsident als einen der größten Momente in der Geschichte des Senats. Dass ausgerechnet die Abwehr einer Missbrauchsklage als Höhepunkt eines Politikerlebens gilt, sagt einiges über die Werte derer, die hier Abschied nahmen. Kavanaugh saß unter den Trauernden.

Die Ehrungen fielen entsprechend groß aus. Die Luftwaffe hat begonnen, den Stützpunkt Joint Base Charleston in Joint Base Lindsey Graham umzubenennen; ein Memo dazu unterzeichnete der zuständige Minister Troy Meink am Montag, für den Stützpunkt neben dem internationalen Flughafen von Charleston. Graham hatte über 30 Jahre als Jurist in der Luftwaffe und ihren Reserven gedient und war als Oberst ausgeschieden. Zuvor war sein Sarg unter den Ehren der Streitkräfte ins Kapitol getragen worden, wo ihm in der Rotunde gehuldigt wurde, zum Auftakt zweier Tage der Feierlichkeiten, mit Vizepräsident Vance als Redner und Kabinettsmitgliedern wie dem Heimatschutzminister Markwayne Mullin und dem geschäftsführenden Justizminister Todd Blanche, dessen Bestätigung im Senat als wackelig gilt.
Der Mehrheitsführer im Senat, John Thune, würdigte Graham als eine überragende Gestalt, die von den Verbündeten in aller Welt geachtet worden sei, und erinnerte an dessen Humor, an den Mann, der jede Runde zum Lachen brachte und den man zu jedem Abendessen zuerst einlud. Mit brüchiger Stimme wünschte er ihm Ruhe. Auch die Senatoren nahmen persönlich Abschied. Katie Britt legte beide Hände auf den Sarg, Tammy Duckworth grüßte aus ihrem Rollstuhl, John Kennedy machte eine Faust, und der frühere Senator Richard Burr verneigte sich und küsste den Sarg. Grahams Schwester Darlene, die ihm im Senat nachfolgte, stand mit der Familie daneben.

So weit der Dom. Das eigentliche Geschäft aber lief nebenan, und es lief unter Ausschluss der Presse. Netanjahu traf Trump vor der Feier zum ersten Mal, seit die beiden ihren gemeinsamen Krieg gegen den Iran begonnen hatten, und es war die Gelegenheit, die Spannungen zu glätten, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatten. Rund 90 Minuten dauerte das Gespräch im Weißen Haus, kein Journalist war zugelassen. Danach lobten beide einander in höchsten Tönen. In einem Video im Netz nannte Netanjahu die Unterredung eine der besten, die er je mit dem Präsidenten geführt habe, in voller Partnerschaft und mit dem gemeinsamen Ziel, dass der Iran keine Atomwaffen erhalte. Israels Uno-Botschafter Danny Danon hatte zuvor erklärt, ganz oben auf der Tagesordnung stehe, wie der Krieg gegen den Iran heruntergefahren werden könne, man sei auf alle Szenarien vorbereitet, und auch Gaza werde zur Sprache kommen. Schon am Montagabend hatte Netanjahu ein Gedenkessen für Graham besucht und ihn einen lieben Freund genannt, tief verbunden der Sicherheit der Vereinigten Staaten, der Sicherheit Israels und dem Kampf gegen den Antisemitismus. Amerika habe einen großen Patrioten verloren, Israel einen seiner größten Freunde.
Kurz vor Netanjahu hatte Trump Selenskyj empfangen, ebenfalls ohne Presse, um 9.47 Uhr. Der Ukrainer bot zunächst sein Beileid zum Tod Grahams an, der Trump nahestand und die Ukraine entschieden unterstützt hatte. Danach sprachen die beiden über Lizenzen, damit die Ukraine ihre eigenen Patriot-Abfangraketen und weitere schlagkräftige Waffen bauen könne, sowie über Diplomatie. Selenskyj dankte für die feste Unterstützung und zeigte Fotos, auf denen er mit Trump posiert, im Beisein der Minister Rubio, Bessent und Hegseth. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, ließ verlauten, beide Begegnungen seien positiv und ertragreich gewesen. Auch diese Mitteilung ersetzte, was die Öffentlichkeit nicht sehen durfte.
Hier zeigt sich das eigentliche Bild dieses Tages. Eine Gesellschaft offenbart, wen sie verehrt, an dem, wen sie mit allen Ehren bestattet, und woran sie ihr höchstes Lob knüpft. Sie trauert im Angesicht der Kameras und regiert hinter geschlossenen Türen. Der Dom war offen für die Rührung, das Weiße Haus verschlossen für die Entscheidung, und zwischen beidem lag nur eine kurze Fahrt im schwarzen Wagen.
Was in diesen verschlossenen Räumen verhandelt wurde, trägt seine Folgen längst nach außen. In Teheran füllte sich am selben Tag der Große Basar, während die Regierung die Schäden der jüngsten Angriffe auflistete. Die amerikanischen Schläge dieses Monats, so die Sprecherin Fatemeh Mohajerani über die staatliche Nachrichtenagentur, hätten einen Flughafen und einen Kontrollturm für den Schiffsverkehr zerstört, 12 Brücken und 2 Tunnel beschädigt, dazu ein meteorologisches Zentrum und Fischerboote. Der internationale Flughafen von Buschehr am Persischen Golf sei unbrauchbar, die beiden Tunnel seien inzwischen wieder geöffnet und um die beschädigten Brücken herum Ausweichrouten eingerichtet. Washington erklärt, man habe militärische Ziele getroffen, als Antwort auf iranische Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus, und man habe kleine Boote ins Visier genommen, mit denen iranische Kräfte die Schifffahrt bedrängten. Der Iran hatte mit Raketen und Drohnen auf arabische Staaten geantwortet, die amerikanische Truppen beherbergen. Über das Wochenende pausierten beide Seiten, doch die Lage bleibt gespannt.
Zugleich verschärft sich der Streit um das Geld. Der Iran drohte, jedes Land und jede Firma, die sich an Trumps unrechtmäßiger Aktion beteilige, von der Straße von Hormus auszuschließen, durch die vor dem Krieg ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Gases floss. So kündigte es der Sprecher des iranischen Oberkommandos, Ebrahim Zolfaghari, im Staatsfernsehen an. Anlass war Trumps Ankündigung der Vorwoche, die Schäden an Schiffen mit eingefrorenem iranischem Geld zu bezahlen, das die Vereinigten Staaten in ihrem Besitz und unter ihrer Kontrolle hätten. Mit welchem Recht er sich dieser Mittel bemächtigen wollte, blieb offen.
Am Ende schließt sich der Kreis dort, wo die Politik den Bürger erreicht, an der Zapfsäule. Das Vertrauen der Amerikaner in die Wirtschaft sank in diesem Monat, wie eine Wirtschaftsforschungsstelle mitteilte, ihr Index fiel von 92,2 im Juni auf 90,8 im Juli, die Bewertung der aktuellen Lage um 3,6 Punkte auf 114,9, den dritten Monat in Folge, während der Ausblick auf die nahe Zukunft bei 74,7 verharrte. Der Grund liegt im selben Krieg, der im Dom betrauert und im Weißen Haus fortgesponnen wurde. Im Juni war der Preis für eine Gallone Benzin auf rund 3,70 Dollar gesunken, von über 4,50 im späten April, doch mit der Eskalation stieg er wieder, am Dienstag auf 4,10 Dollar. So trägt der einfache Autofahrer die Rechnung für eine Politik, die einen Mann als Helden feiert, der sie ihm eingebrockt hat, und deren nächste Kapitel an ebendiesem Tag geschrieben wurden, dort, wohin keine Kamera reichte.
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