Es begann, wie alle großen zivilisatorischen Leistungen beginnen: mit einem Schuh. Nicht irgendwelcher Schuh. Der Schuh. Schwarz, geschlossen, mit Sohle. Ein Schuh, der sagt: Ich bin hier. Ich bleibe. Ich trete. Man hat berichtet — aus Kreisen, die nah genug dran sind, um die Schuhgröße zu kennen, und klug genug, sie für sich zu behalten — dass der Präsident der mächtigsten Nation der Erde Wert darauf legt, dass seine Mitarbeiter dasselbe Modell tragen wie er. Schwarz. Geschlossen. Mit Sohle.

„Alle haben Angst, sie nicht zu tragen“, soll ein Mitarbeiter gesagt haben. Anonym, versteht sich. Denn wer Angst vor einem Schuh hat, hat erst recht Angst vor einem Namen.
I. Vom Wesen der Verbesserung
Kaizen ist die japanische Kunst der kontinuierlichen Verbesserung. Man nehme einen Prozess. Man schaue ihn lange an. Man frage: Was fehlt? Und dann verbessere man es, täglich, unermüdlich, millimeterweise. Das Weiße Haus hat Kaizen entdeckt. Man beginnt mit den Schuhen. Der Schuh ist, wenn man es durchdenkt, das Fundament des Staatsmannes. Cicero trug Sandalen und wurde dennoch ermordet. Napoleon trug Stiefel und wurde trotzdem verbannt. Der Schuh allein rettet niemanden — aber der falsche Schuh, so lehrt uns diese neue Leitlinie, kann eine Karriere beenden, bevor sie begonnen hat, ihren ersten Satz Memos zu produzieren.
Der Unterschied zwischen einem loyalen Mitarbeiter und einem Verräter ist oft kleiner als man denkt. Manchmal ist er genau 3,2 Zentimeter Absatzhöhe.
II. Das Gleichheitsprinzip
Orwell schrieb 1984 als Warnung. Animal Farm als Fabel. Beide Male hoffte er vermutlich, dass die Leser nicken und sagen: Gut, dass wir so nicht sind. Beide Male haben die Leser genickt. Und sind so geworden. Der Schuh ist schwarz. Die Moral ist einfach. Alle tragen gleich — aber manche tragen gleicher.
George Orwell ließ die Tiere auf der Manor Farm eine einzige, unverrückbare Wahrheit in die Scheunenwand schreiben: Alle Tiere sind gleich. Später, als die Schweine lernten, auf zwei Beinen zu gehen, kam der Zusatz. Klein, fast unauffällig. Aber er veränderte alles. Im Weißen Haus braucht man keine Scheunenwand. Man braucht einen Schuh. Alle Mitarbeiter sind gleich. Alle Mitarbeiter tragen gleich. Einige Mitarbeiter tragen gleicher — nämlich genau das Modell, das der Präsident trägt, woraufhin sie Zugang zu Räumen bekommen, die anderen verschlossen bleiben. Der Zusatz steht nicht geschrieben. Er muss nicht. Er wird verstanden. Das ist die Effizienz des Systems: Es erklärt sich nicht. Es zeigt sich. Wer den Schuh sieht und versteht, gehört dazu. Wer ihn nicht versteht, gehört bald nicht mehr dazu — in seinen alten Schuhen, mit seinem alten Urteilsvermögen, draußen vor der Tür.
III. Effizienzgewinn
Die Logik ist einwandfrei, wenn man sie zu Ende denkt, was man nicht sollte, es aber trotzdem tut: Wer dieselben Schuhe trägt, geht in dieselbe Richtung. Wer in dieselbe Richtung geht, denkt in dieselbe Richtung. Wer in dieselbe Richtung denkt, stimmt zu. Wer zustimmt, ist loyal. Wer loyal ist, bekommt Zugang. Wer Zugang hat, trägt die Schuhe. Der Kreislauf ist perfekt. Der Kreislauf ist geschlossen. Der Kreislauf hat schwarze Sohlen. Man beachte die Ersparnis: keine aufwendigen Loyalitätstests, keine komplizierten Fragebögen, keine kostspieligen Verhöre. Der Schuh fragt und beantwortet gleichzeitig. Das ist Disruption im öffentlichen Dienst. Das ist Innovation. Das ist — möglicherweise — das erste wirklich skalierbare Governance-Modell des 21. Jahrhunderts.
IV. Das eigentliche Problem
Hier aber, an dieser Stelle, muss die Satire kurz innehalten und die Larve abnehmen. Nicht aus Sentimentalität. Nur aus Präzision. Was beschrieben wird, ist kein Schuhproblem. Was beschrieben wird, ist ein Klima. Und Klima, das haben uns die letzten Jahre gelehrt, verändert alles — auch das, was wir für unveränderlich hielten. Ein Mitarbeiter, der seine eigenen Schuhe ablegt, weil er fürchtet, aufzufallen, hat bereits etwas anderes abgelegt. Er hat das abgelegt, was ihn zu einem guten Mitarbeiter machen würde: das Urteilsvermögen, das sagt, hier stimmt etwas nicht. Der Impuls, der warnt, bevor gewarnt werden muss. Die leise, nervige, notwendige Kompetenz des Widerspruchs.
Orwell, der in verrauchten Londoner Zimmern schrieb, mit kaputten Lungen und klarem Blick, hätte es kürzer gesagt: „Die gefährlichsten Räume sind nicht die, in denen laut gelogen wird — sondern die, in denen leise geschwiegen wird.“
V. Ausblick und weiterer Optimierungsbedarf
Wenn der Schuh erst gesichert ist, kommen die Hosen. Dann die Krawatte. Dann die Gedanken. Dann die Lücken zwischen den Gedanken. Kaizen ist geduldig. Kaizen hat Zeit. Kaizen trägt schwarze Schuhe, die schwarze Spuren hinterlassen, die man lange Zeit nicht sieht — bis der Boden vollständig bedeckt ist.
Und dann? Dann heißt es, das sei immer so gewesen. Und niemand mehr kann widersprechen, weil niemand mehr eigene Schuhe besitzt, um wegzugehen.
Das ist der Maßstab. Nicht die Schuhgröße.
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Ich finde keine passenden Worte.
Es ist einfach tragisch….