Ein Stimmzettel ist der stillste Satz einer Demokratie. Er wird im Verborgenen geschrieben und verschlossen abgegeben. Dann wartet er. Und wenn er gezählt wird, widerspricht ihm niemand mehr, auch kein Präsident. In Amerika liegen wenige Tage vor der Wahl mehr als 43 Millionen solcher Sätze bereit. Fast 10 Millionen mehr als vor vier Jahren. Sie stapeln sich in den Büros der Wahlleitungen, während Donald Trump noch durch das Land reist und redet, als ließe sich ein Urteil umstimmen, das vielerorts längst gefällt ist. Am 3. November wählen die Vereinigten Staaten ihren Kongress neu. Auf dem Stimmzettel steht sein Name nirgends. Gewählt wird trotzdem über ihn.
Und es sieht schlecht aus für ihn. Sehr schlecht.

Rund 43,7 Millionen Amerikaner haben bereits vorzeitig gewählt. In den Bundesstaaten, die entsprechende Daten veröffentlichen, sind 41,4 Prozent dieser Wähler registrierte Demokraten, 32,4 Prozent Republikaner und 26,2 Prozent parteiunabhängig oder anderen Parteien zugeordnet.
Die Demokraten liegen bei den bisher erfassten Parteiregistrierungen damit 9 Prozentpunkte vor den Republikanern. Da die Registrierung nicht zwingend bestimmt, wie jemand abstimmt, handelt es sich noch um kein offizielles Wahlergebnis. Die tatsächliche Stimmenverteilung wird am 3. November bekannt.
Die jüngsten Umfragen geben den Demokraten landesweit einen Vorsprung, wie ihn jede Regierungspartei fürchtet, im Schnitt rund acht Punkte, unter den Menschen, die sicher wählen gehen wollen, sogar neun. Nur noch 32 Prozent der Befragten finden, dass Trump seine Arbeit gut macht. Fast drei von vier Amerikanern sehen ihre Lebenshaltungskosten auf dem falschen Weg. Seit den amerikanischen Angriffen auf den Iran kostet auch das Benzin mehr. Eine Rechnung an der Zapfsäule lässt sich von keiner Rede beeindrucken.
Aufschlussreich ist, was die Umfragen nicht zeigen. In der Wirtschaftspolitik trauen die Amerikaner den Demokraten kaum mehr zu als den Republikanern, der Abstand ist dort schmal. Die Wähler laufen weit weniger zu den Demokraten über als von Trump davon. Eine Ablehnung, die keine Liebe zur Alternative braucht, ist die gefährlichste Sorte, denn sie lässt sich mit keinem Versprechen besänftigen. Gewiss, ein Präsident mit schlechten Werten ist damit noch nicht geschlagen. Aber er regiert gegen ein Land, das ihm zunehmend die Gefolgschaft verweigert.

Hinzu kommt etwas, das sich nicht verordnen lässt. Begeisterung. Unter den Anhängern der Demokraten nennt sich fast die Hälfte sehr motiviert, unter den Republikanern nicht einmal ein Drittel. Wut trägt eine Bewegung weit. Enttäuschung bleibt am Wahltag zu Hause.
Am deutlichsten sieht man das in Texas. Ein Staat, in dem die Demokraten seit mehr als 30 Jahren keine landesweite Wahl gewonnen haben, erlebt einen Ansturm auf die Wahllokale, wie ihn dort niemand kannte. 50 Prozent mehr vorzeitige Stimmen als vor 4 Jahren, mehr als 6,3 Millionen bis Mittwoch. Im Großraum Houston, einer Hochburg der Demokraten, wählten gut die Hälfte mehr Menschen als damals. Im Senatsrennen steht der Demokrat James Talarico gegen Generalstaatsanwalt Ken Paxton, und die Umfragen schwanken von Tag zu Tag, mal liegt der eine vorn, mal der andere. Hunderte Millionen Dollar sind in diesen Wahlkampf geflossen. Auch Gouverneur Greg Abbott muss sich gegen die Demokratin Gina Hinojosa behaupten. Trump reiste binnen eines Monats dreimal nach Texas.
Ein Präsident, der so oft in einen Staat fährt, den seine Partei für sicher hielt, kommt zum Löschen.
Noch auffälliger ist South Carolina. Trump gewann den Staat vor 2 Jahren mit fast 18 Punkten Vorsprung. Jetzt liegt die vorzeitige Stimmabgabe dort 83 Prozent über dem Stand von 2022. Gesucht wird ein Nachfolger für den verstorbenen Senator Lindsey Graham, einen der treuesten Verbündeten des Präsidenten. Wo vor kurzem kaum jemand an einem Ergebnis zweifelte, stehen die Menschen jetzt Schlange. Der Sitz, den ein Freund des Präsidenten hinterlassen hat, wird so zur Probe, ob Treue den Treuen überdauert. In einem Staat, den Trump für seinen sichersten Besitz halten durfte, ist das eine Frage, die er sich vor einem Jahr nicht hätte stellen müssen.
Das Bild wiederholt sich auf der Landkarte. In Kansas, einem Staat, den Republikaner gewöhnlich nicht einmal verteidigen müssen, liegt der Pfarrer Adam Hamilton in Umfragen vor Senator Roger Marshall. Ein Methodist, der sonntags vor Tausenden predigt, wirbt dort um Wähler, denen man jahrzehntelang erzählt hat, Gott und die Republikaner stünden auf derselben Seite. Offenbar hören manche inzwischen genauer hin. In Maine führt Troy Jackson, einst Präsident des Staatssenats, vor der langjährigen Senatorin Susan Collins, und die Zahl der Frühwähler liegt dort gut 40 Prozent über dem Stand von 2022. In Alaska ist Mary Peltola dem Amtsinhaber Dan Sullivan dicht auf den Fersen, und Michigan wie Ohio neigen sich den Demokraten zu. Nur Iowa bleibt ein Münzwurf. Fast überall schnellt die Zahl der vorzeitigen Stimmen nach oben, um ein Viertel bis beinahe die Hälfte.
Natürlich verrät kein Umschlag vor der Zählung, welches Kreuz er trägt. Dort, wo die Staaten die Parteizugehörigkeit der Frühwähler melden, haben bislang rund 6,8 Millionen eingetragene Demokraten gewählt und 5,2 Millionen Republikaner. Ein Ergebnis wird daraus erst am Dienstag. Die Richtung zeigt sich schon. Doch Menschen stehen selten Schlange, um alles so zu lassen, wie es ist. In Michigan dürfen die Bürger bei einer Zwischenwahl erstmals überall im Staat vorzeitig im Wahllokal abstimmen. Sie haben sich dieses Recht 2022 selbst gegeben, per Volksentscheid. Während in Washington darüber gestritten wird, wie viel Demokratie ein Präsident aushält, haben die Wähler in Michigan still mehr davon beschlossen. Jetzt nutzen sie es.
Was am Dienstag entschieden wird, reicht weit über eine gewöhnliche Zwischenwahl hinaus. Bislang regiert Trump mit Mehrheiten in beiden Kammern, die ihm keine unbequeme Frage stellen. Eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus könnte das ändern. Sie könnte Untersuchungsausschüsse einsetzen und Mitarbeiter der Regierung unter Eid vorladen. Den Haushalt könnte sie als Druckmittel nutzen. Untersuchungen, die bisher an der eigenen Mehrheit des Präsidenten zerschellten, bekämen plötzlich einen Saal und eine Tagesordnung. Und sie könnte Anklage erheben, denn für ein Amtsenthebungsverfahren genügt dort die einfache Mehrheit. Ein anderer Senat wiederum könnte Trumps Personalentscheidungen blockieren, Richter und Minister, die er bislang ohne Widerstand durchwinken ließ.
Hier beginnt die Frage, die im Weißen Haus niemand laut stellt. Um einen Präsidenten aus dem Amt zu entfernen, muss der Senat ihn mit zwei Dritteln verurteilen, bei voller Besetzung mit 67 Stimmen. Heute halten die Republikaner dort 53 Sitze. Von 67 Stimmen sind die Demokraten weit entfernt, und auch eine große Welle trägt sie nicht allein dorthin. Es bräuchte Republikaner, die sich gegen ihren Präsidenten stellen. Doch Parteitreue ist eine Rechnung, die sich mit den Umfragen ändert. Mancher Senator, der seine Wähler davonlaufen sieht, entdeckt plötzlich ein Gewissen, das er lange nicht gebraucht hat. Je größer die republikanischen Verluste am Dienstag ausfallen, desto schwieriger könnte es für manche Senatoren werden, ihre bisherige Treue zu Trump zu rechtfertigen. Trump weiß das. Er hat in seiner ersten Amtszeit zwei Amtsenthebungsverfahren überstanden, beide mit einem Senat, der ihn schützte. Ein Senat, der seine Wähler mehr fürchtet als den Präsidenten, ist ein anderer Senat.
Für das Repräsentantenhaus zählen landesweite Zahlen weniger, als sie versprechen. Gewählt wird in 435 Wahlkreisen, und viele davon wurden über Jahre so zurechtgeschnitten, dass die herrschende Partei möglichst wenig Überraschungen erlebt. Ein Vorsprung von Millionen Stimmen kann so in erstaunlich wenige Sitze münden. Gerecht ist das nicht. Gesetz ist es trotzdem. Eine Welle muss deshalb höher sein als das Ufer, das man ihr gebaut hat.
Trump wird bis Dienstag weiterreden, von Siegen, die ihm niemand bestätigt, und über Umfragen, die er nicht glaubt. Macht lebt von der stillen Annahme, dass sie bleibt. Jeder Senator und jeder Beamte richtet sich danach, wie lange er sie noch für gültig hält. Wenn diese Annahme zu wanken beginnt, fällt eine Herrschaft selten auf einen Schlag. Sie verliert erst ihre Sicherheit, dann ihre Verbündeten. Die Macht eines Präsidenten beginnt mit seinem Wort. Sie endet dort, wo andere zu zählen beginnen.
Am Dienstag wird gezählt. In 43 Millionen Umschlägen steht schon jetzt eine Antwort, die er nicht mehr widerrufen kann.
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