Wahnsinn, Tod und Teufel

VonRainer Hofmann

30. Oktober 2026

Donald Trump steht vor Journalisten und verliert die Beherrschung. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters stellt eine Frage. Der amerikanische Präsident antwortet mit einer Beschimpfung: „Sie sind ein kranker Kerl! Sehen Sie sich diesen Mann an. Er ist völlig außer Form. Sie sind widerlich! Bringen Sie sich in Form! Sie sehen fürchterlich aus!“ Dann greift er auch die Nachrichtenagentur an. „Reuters ist schrecklich!“ Im Hintergrund ertönen laute Buhrufe. Ein Präsident, der über Krieg und Frieden entscheidet, beschäftigt sich vor laufenden Kameras mit dem Körpergewicht eines Journalisten. Die Frage verschwindet unter persönlichen Beleidigungen. Trump steht vor dem Mikrofon, und die Macht des Amtes verkommt für diesen Augenblick zum Recht, jemanden öffentlich herunterzumachen.

In South Carolina wird ihm inzwischen der Mittelfinger gezeigt. Auch in Ohio begegnet ihm diese Geste. Menschen, die ihre Verachtung kaum noch in Worte fassen wollen. Trump wiederum spricht über Jeffrey Epstein. Epstein sei Demokrat gewesen, behauptet er. Er habe ihn aus Mar-a-Lago hinausgeworfen und sei vollständig entlastet worden. Ein Demonstrant ruft etwas über Trumps Verbindung zu Epstein dazwischen. Trump reagiert gereizt. Seine Vergangenheit soll abgeschlossen sein, weil er sie für abgeschlossen erklärt. Doch die Erinnerung besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie lässt sich durch die Lautstärke eines Präsidenten nicht aus der Welt schaffen.

Und an alle AfD-Anhänger, die so begeistert die angebliche Meinungsfreiheit in den USA hochhalten: Selbst bei aller politischen Verblendung müsste noch zu erkennen sein, was es bedeutet, wenn ein Zwischenruf in einer großen Veranstaltungshalle genügt, um von Sicherheitskräften abgeführt zu werden. Wer darin das große amerikanische Freiheitsversprechen erkennt, macht sich etwas vor. Und Deutschland? Wir sind keineswegs überzeugt, dass solche Zustände nicht auch in Deutschland weiter Einzug halten werden.

Zur selben Zeit trifft eine russische Drohne einen überfüllten Bahnsteig im ukrainischen Dnipro. Mindestens 14 Menschen sterben, weitere 14 werden verletzt. Zwei Personenzüge stehen am Bahnhof, einer soll nach Saporischschja fahren. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe werden drei Drohnen abgefangen. Die vierte schlägt ein. Menschen, die auf eine Abfahrt warteten, erleben den letzten Augenblick ihres Lebens zwischen Gleisen und Bahnsteigen. Nur wenige Stunden zuvor hatte Trump von großen Fortschritten bei den Verhandlungen über ein Ende des Krieges gesprochen. Ein Treffen zwischen Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj werde sehr bald stattfinden. In Washington werden künftige Begegnungen angekündigt. In Dnipro müssen die Überlebenden die Toten bergen.

In Airway Heights bei Spokane im Bundesstaat Washington erscheinen Beamte der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE. Sie nehmen Arias fest. Sein 7-jähriger Enkel Mateo, ein autistischer Junge, muss mitansehen, wie die Einsatzkräfte seinen Großvater überwältigen. Arias ruft seiner Tochter zu, sie solle Hilfe holen. Die Frau fleht die Beamten an, ihren Vater wenigstens außerhalb der Sichtweite des Kindes festzunehmen. Eine Bitte, für die niemand ein Gesetz ändern müsste. Ein paar Schritte hätten genügt. Mateo sieht trotzdem zu. In den politischen Reden heißen solche Einsätze Durchsetzung des Einwanderungsrechts. Für einen 7-Jährigen besteht dieser Staat in diesem Augenblick aus Menschen, die seinen Großvater zu Boden bringen, während seine Mutter um Rücksicht bittet.

Diese Aufnahmen haben wir bewusst hart zusammengeschnitten. Zwischen dem Präsidenten, der einen Journalisten beschimpft, und den Menschen, die in Dnipro auf einem Bahnsteig sterben, liegt eine Entfernung, die sich auf Google Maps bestimmen lässt. Die Gleichzeitigkeit ihrer Wirklichkeit bleibt davon unberührt. Aus Respekt und Anstand haben wir die Toten des russischen Drohnenangriffs überdeckt. Ihre letzten Augenblicke gehören zur Dokumentation dieses Krieges. Ihre Körper gehören weiterhin ihnen und ihren Angehörigen. Die Festnahme von Arias zeigen wir dagegen bewusst in Ausschnitten. Das Gesicht eines Kindes, das staatliche Gewalt gegen seinen Großvater erlebt, verdient mehr Aufmerksamkeit als die hundertste Versicherung eines Politikers, alles geschehe nach Recht und Gesetz.

Barack Obama hat die amerikanische Außenpolitik unter Trump mit ungewöhnlicher Härte angegriffen: „Während wir wichtige Verbündete wie Kanada vor den Kopf stoßen, wirft sich das Weiße Haus Wladimir Putin zu Füßen und verrät die Ukrainer, die für ihre Freiheit und Demokratie kämpfen.“ Diese Worte treffen auf einen Krieg, der sich nicht nach den Ankündigungen aus Washington richtet. Während Trump über diplomatische Fortschritte spricht, fliegen russische Drohnen weiter. Während er Journalisten beschimpft, kämpfen Menschen um ihr Leben. Und während amerikanische Beamte einen Großvater festnehmen, bittet dessen Tochter um ein paar Schritte Menschlichkeit.

Irgendwo schlägt Donald Trump einen Golfball. Der Ball fliegt, die Welt dreht sich weiter. Nur für die Menschen auf dem Bahnsteig in Dnipro wird sich nichts mehr drehen.

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