Ein Rahmen ist noch kein Schutz: Wenige Tage vor dem Anpfiff hat die FIFA zwar eine allgemeine Schutzrichtlinie beschlossen, doch das für das Turnier 2026 zugesagte Kinderschutzkonzept über alle Gastgeberstädte hinweg fehlt nach Einschätzung mehrerer Organisationen weiterhin!
In wenigen Tagen, am 11. Juni, beginnt in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in Mexiko die Fußballweltmeisterschaft, das voraussichtlich größte und einträglichste Sportereignis, das je ausgetragen wurde. Millionen von Besuchern werden erwartet, und unter ihnen, um sie herum und in den Gemeinden, die das Turnier beherbergen, leben und reisen Kinder. Ob die FIFA und die Gastgeber sie ausreichend schützen, ist bis heute, am 4. Juni 2026, nicht zweifelsfrei beantwortet.
Die Gefahren, die Kindern im Umfeld solcher Großveranstaltungen drohen, sind seit Langem bekannt und benannt. Human Rights Watch zählt Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung, Kinderarbeit und die Trennung von Familien dazu, neben weiteren Formen von Gewalt und Missbrauch. Es sind keine entlegenen Befürchtungen, sondern Erfahrungen früherer Turniere, und wer Millionen Menschen für Wochen in sechzehn Städte dreier Länder zieht, schafft die Bedingungen, unter denen sich diese Gefahren entfalten. Kinder können nicht für sich selbst eintreten, sie wählen den Austragungsort nicht und verhandeln keine Verträge. Die Pflicht, sie zu schützen, fällt deshalb ungeteilt auf jene, die das Ereignis veranstalten und daran verdienen.
Diese Pflicht hat sich die FIFA selbst auferlegt, und sie hat aus ihr Vorteil gezogen. Als der Weltverband 2018 den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2026 zusprach, geschah dies auch wegen einer neuen Auflage, nach der sich Bewerberländer zu einer Menschenrechtsstrategie verpflichten mussten. Diese Strategie versprach ausdrücklich, „Schutzkonzepte für Kinder zu entwickeln und umzusetzen“. Das Versprechen war also Teil dessen, womit der Zuschlag errungen wurde. Ein solches Konzept müsste die Gefahren für Kinder ebenso behandeln wie die Schwächen des innerstaatlichen Rechts und die Abstimmung über sechzehn Städte in drei Ländern hinweg.

Gianni Infantino
Wer an der Spitze einer Einrichtung steht, der das Spiel anvertraut ist, wird nicht an der Größe dessen gemessen, was er verwaltet, sondern an dem Geringsten, das er darin zu schützen vermag. Infantino verwaltet das größte und einträglichste Turnier, das je gespielt wurde, und lässt ausgerechnet den Schutz der Kinder als das eine Unerledigte zurück. Darin liegt auch die Schande für den Sport, denn er hat das höchste Amt des Spiels zu einem des Rechnens gemacht und nicht zu einem der Obhut. Und darin liegt das menschliche Versagen, denn ein Mensch zeigt sich an dem, was er unter anderes stellt, und wer das Wehrlose unter das Schauspiel und den Ertrag stellt, hat über sich selbst bereits entschieden.
Im April 2025, sieben Jahre nach der Vergabe, hat eine Untersuchung diese Zusage am Wirklichen gemessen. Der Bericht „Keeping the Game Safe“, auf Deutsch etwa „Das Spiel sicher halten“, erstellt von der Menschenrechtsklinik der juristischen Fakultät der University of Miami und dem Zentrum für Sport und Menschenrechte, hat die Gefahren für Kinder bei sportlichen Großereignissen erfasst und der FIFA wie den Gastgebern des Jahres 2026 greifbare Empfehlungen vorgelegt. Die Veranstalter sollten verpflichtende Schulungen einführen, verbindliche Schutzstandards setzen, an jedem Spielort und in jeder Gastgeberstadt geschulte und erfahrene Schutzbeauftragte benennen und eine zentrale Meldestelle einrichten. Die Stätten selbst sollten kindgerecht gestaltet und mit strengen Vorkehrungen gegen Kinderarbeit versehen sein. Vor allem aber, so die Forderung, müsse die FIFA ein einheitliches Kinderschutzkonzept schaffen, das für alle Gastgeberstädte in den Vereinigten Staaten, in Mexiko und in Kanada gilt, das die wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse ebenso berücksichtigt wie die Bedürfnisse der Gemeinden und der gefährdeten Kinder und das unter Beteiligung von Gruppen Betroffener sowie örtlicher und nationaler Fachleute entsteht. Katherine La Puente und Minky Worden von Human Rights Watch haben darauf gedrungen, dass der Schutz der Kinder, die zu diesem Turnier reisen, es besuchen, verfolgen und in den ausrichtenden Gemeinden leben, nicht hinter dem Geschäft zurückstehen dürfe.
Seit diesem Bericht ist mehr als ein Jahr vergangen, und der Anpfiff steht nun bevor. Wir haben den Sachstand in diesen Tagen noch einmal recherchiert und geprüft, und das Ergebnis ist bedenklich.
Hier ist der Befund von heute genauer zu fassen, als es der ursprüngliche Vorwurf war. Es trifft nicht mehr zu, dass die FIFA gar keine Schutzregeln besitze. Im März 2026 hat der FIFA-Rat eine neue, allgemeine Schutzrichtlinie verabschiedet, die den Schutz vor Missbrauch und Belästigung im Fußball förmlich regeln soll und die der Verband als organisationsweiten Rahmen mit klaren Rollen, Verantwortlichkeiten und Schutzpflichten beschreibt. Das ist mehr als nichts, und es wäre unredlich, es zu verschweigen. Doch ein allgemeiner Rahmen ist nicht das eigene, veröffentlichte Kinderschutzkonzept, das für die Weltmeisterschaft 2026 zugesagt war. Ein Nachweis, dass die FIFA ein solches turnierbezogenes und über alle Gastgeberstädte einheitliches Konzept öffentlich vorgelegt hätte, ist bis heute nicht zu finden. Es gibt Programme, Meldewege und Leitfäden, aber die konkrete, in der Bewerbung versprochene Schutzarchitektur für dieses Turnier ist als nicht erfüllt zu betrachten. Wenn Kinder zu Werbezwecken an den Händen der Spieler den Platz betreten, dann ist das keine Geste der Zuneigung, sondern ihre Vorführung. Das Bild der Unschuld wird gezeigt, weil es sich verkauft, und es verkauft sich gerade an jenes Publikum, das die Rührung mit dem Schutz verwechselt. Hier wird das Kind nicht behütet, sondern benutzt, zum Mittel gemacht für einen Eindruck, den die Veranstalter erzeugen wollen und den ihre Taten widerlegen. Eine Einrichtung, die kein Konzept besitzt, um Kinder vor Schaden zu bewahren, lässt dieselben Kinder vor laufenden Kameras die Liebe zum Kind darstellen. Was als Zärtlichkeit erscheint, ist die Nachahmung einer Fürsorge, die es nicht gibt. Und so führt die Heuchelei sich selbst vor, denn wer das Wehrlose zum Schmuck seines Geschäfts macht, hat den Begriff des Schutzes in sein Gegenteil verkehrt.
Damit verlagert sich der Vorwurf, ohne kleiner zu werden. Es geht nicht mehr um die Behauptung, es gebe keinen Schutz, sondern um den Unterschied zwischen einer Regel, die besteht, und einem Schutz, der das einzelne Kind am Eingang des Stadions und in der Gemeinde tatsächlich erreicht. Ein Rahmen auf dem Papier beruhigt den Verband und die Öffentlichkeit, doch er bewahrt niemanden, solange die geschulten Beauftragten, die verbindlichen Standards und die zentrale Meldestelle nicht an jedem der sechzehn Orte stehen. Ein allgemeines Bekenntnis ist die billigere Hälfte der Pflicht; die teurere, mühsamere Hälfte ist die Einrichtung des Besonderen, und gerade sie scheint auszubleiben.
Bleibt die Frage, die jedes Versprechen begleitet, das man gibt, um etwas zu gewinnen. Was schuldet einer, der den Zuschlag mit einer Zusage errungen hat, sobald das Gewonnene ihm sicher ist? Die FIFA hat die Ausrichtung auch deshalb erhalten, weil sie den Schutz der Kinder versprach. Wenige Tage vor dem Anpfiff ist dieser Schutz in seiner zugesagten, besonderen Form öffentlich nicht erkennbar, und das ist nun keine Frage des Zeitmangels mehr, sondern eine des Willens. Ein Turnier, dessen Erträge in die Milliarden gehen, kann sich die Beauftragten, die Schulungen und die Meldewege leisten. Dass sie noch fehlen, sagt weniger über das Können als über die Rangordnung dessen, was diesem Verband wichtig ist.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English