Wenn es wackelt, geht man – das Walretter-Team zerfällt, und einer beklagt den Schlafmangel

VonRainer Hofmann

April 21, 2026

Ein Wal liegt vor der Insel Poel in der Ostsee. Er liegt dort schon länger, als irgendjemand geplant hatte, und um ihn herum zerfällt gerade das, was sich als seine Rettung verstanden hat. Christiane Freifrau von Gregory, Pressesprecherin der privaten Initiative, tritt zurück. Sie macht den Weg frei, wie sie schreibt, weil eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich sei. Das Ziel sei stets die professionelle und ruhige Umsetzung eines Konzepts gewesen, das Mensch und Tier schütze. Die aktuellen Entwicklungen und die Dynamiken vor Ort entsprächen jedoch nicht mehr den Grundwerten, für die sie persönlich und das Team stünden. Welche Grundwerte sind gemeint? Die wurden bereits vor Wochen entsorgt. Ein klarer Schnitt sei unumgänglich. So klingt es, wenn jemand geht und dabei noch einmal erklärt, wie gut er war.

Die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert wurde am Montag mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht. Die aus Hawaii eingeflogene Kleintierärztin Jenna Wallace ist abgereist, nach Berichten wegen interner Differenzen im Team. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus sagt, er habe das mit großer Sorge zur Kenntnis genommen. Der Wal liege ruhig, sagt er auch. Nur das Team liegt nicht ruhig.

Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz, der die Aktion mitfinanziert, spricht von einer enormen Belastung für alle Beteiligten. Er selbst habe seit acht Tagen nur drei bis vier Stunden pro Nacht geschlafen und sei angeschlagen. Wir sind alle am Ende, sagt er. Aufgeben wolle man trotzdem nicht.

Drei bis vier Stunden Schlaf. Acht Tage lang. Das soll Erschöpfung bezeugen, Einsatz, Opferbereitschaft. Und vielleicht stimmt das sogar. Aber wer dieser Tage aus Teheran berichtet, wer in Islamabad auf Informationen wartet, die niemand offiziell bestätigt, wer in Gebieten arbeitet, in denen Nachrichtensperren greifen und jede falsche Bewegung Konsequenzen hat – der hört diesen Satz und schluckt. Nicht aus Böswilligkeit. Sondern weil zwischen dem Schlafmangel vor einem gestrandeten Wal und dem Schlafmangel in einem aktiven Kriegsgebiet ein Abstand liegt, den kein Pressemitteilung überbrückt. Alleinerziehende Mütter, die zwei Jobs jonglieren, um ihre kleine Familie am Leben zu halten, kaum Unterstützung, kein Netz das trägt – auch sie kennen diese Nächte. Nicht als Episode, nicht als acht Tage, sondern als Dauerzustand, über den niemand eine Mitteilung herausgibt. Aber es gibt in diesem Land Rentnerinnen und Rentner, die seit Jahren nicht mehr als drei bis vier Stunden schlafen – nicht weil sie einen Wal gegen jeden Sachverstand retten wollen, sondern weil die Altersarmut sie nachts wachhält, weil sie rechnen, wo nichts mehr zu rechnen ist, weil die Sorge schwerer wiegt als die Müdigkeit. Die halten keine Pressekonferenz darüber. Die klagen es niemandem. Die schlafen einfach nicht.

Das eigentliche Problem ist nicht die Erschöpfung. Das eigentliche Problem ist, was dieser Rückzug über die Initiative selbst sagt. Wer mit dem Anspruch antritt, ein Tier zu retten, und geht, sobald es intern schwierig wird, der hat nie verstanden, was Verantwortung bedeutet. Tiere warten nicht auf bessere Rahmenbedingungen. Wale halten keine Pressekonferenzen ab, um interne Differenzen zu erläutern. Und ein klarer Schnitt, wie von Gregory ihn nennt, klingt in diesem Zusammenhang weniger nach Haltung als nach einer Formulierung, die gut aussieht, wenn man sie googelt. Wer sich mit Walen auskennt, weiß, was da gelaufen ist – das hat mit Tierwohl rein gar nichts mehr zu tun.

Der Wal liegt vor Poel. Er liegt ruhig, sagt Backhaus. Vielleicht ist das das Würdevollste an dieser ganzen Geschichte.

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