Wenn der Kaiser keine Kleider, dafür aber drei Pressekonferenzen am Tag hat – und Venezuela zum 51. US-Bundesstaat werden soll

VonRainer Hofmann

Mai 11, 2026

Es gibt Tage, da fragt man sich, ob man eigentlich noch eine Zeitung liest oder schon das Drehbuch einer abgesetzten Satire-Sendung, die niemand mehr produzieren wollte, weil sie zu unglaubwürdig war. Heute war wieder so ein Tag. Donald Trump hat geredet, und wenn Donald Trump redet, dann redet er nicht, sondern er entlädt sich. Wie ein defekter Wasserkocher in einer Küche, in der niemand mehr den Notausschalter findet.

Im Oval Office stand eine Veranstaltung zur Müttergesundheit an. Frauen waren da, echte Frauen, die echte Probleme haben und über echte Versorgungslücken im amerikanischen Gesundheitssystem sprechen wollten. Trump hörte sich das ungefähr so lange an, wie ein Kleinkind einer Predigt zuhört, und schob dann den Satz hinterher, sie mögen sich bitte „nicht zu lang“ ausbreiten, weil eine „große Gruppe Generäle“ auf ihn warte, um über den Iran zu sprechen. Müttergesundheit gegen Bomben. So sieht in der Welt von Trump eine Prioritätenliste aus. Die Frauen durften noch atmen, mehr aber auch nicht.

Dann das nächste Kapitel. Trump erklärt bei Fox News, er denke „ernsthaft darüber nach, Venezuela zum 51. US-Bundesstaat zu machen“. Begründung, die ihm selbst offenbar reichte: „Venezuela liebt Trump.“ Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu verstehen, dass er ihn nicht ironisch gemeint hat. Ein Land, das er bis vor Kurzem noch sanktioniert, blockiert und beschimpft hat, soll jetzt eingemeindet werden, weil es ihn angeblich liebt. Auf der gleichen Logik könnte er auch Grönland heiraten oder Kanada adoptieren. Was als außenpolitische Doktrin verkauft wird, ist in Wahrheit der Tagesausstoß eines Mannes, der die Weltkarte mit dem Speiseplan eines Kindergartens verwechselt.

Es geht weiter. Die Kurden. Jene Kurden, die im Kampf gegen den IS gestorben sind, während die USA ihre Drohnen aus klimatisierten Containern flogen. Trump sagt wörtlich, die Kurden würden „nehmen, nehmen, nehmen“. Sie hätten einen guten Ruf im Kongress, weil dort gesagt werde, „oh, die kämpfen so hart“. Und dann der Satz, der eigentlich auf jede Pinnwand jeder Geschichtsfakultät dieser Welt gehört: „Sie kämpfen hart, wenn sie bezahlt werden.“ Das sagt der Mann, der jeden Tag eine andere Bezahlung für seine eigene Loyalität verlangt. Erdogan in Ankara wird sich bei einem dieser süßen türkischen Tees verschluckt haben vor Freude. Trump hat ihm gerade die Tür geöffnet, weiter zu tun, was er ohnehin tut, nämlich Kurden umbringen, ohne dafür amerikanischen Widerstand befürchten zu müssen.

Und dann der Höhepunkt, der eigentlich keiner mehr sein kann, weil jeder vorherige Satz schon ein Höhepunkt war. Die Iran-Waffenruhe. Trump hat das Papier nicht gelesen, sagt er selber. Es sei „unglaublich schwach“ und „Müll“. Er habe nach ein paar Zeilen aufgehört, weil er „seine Zeit nicht verschwenden“ wolle. Stattdessen wendet er sich an Dr. Oz, einen Fernsehmediziner, den er aus irgendeinem Grund in Regierungsdienste gehievt hat, und vergleicht die Waffenruhe mit einem Sterbenden auf der Intensivstation, dem der Arzt eröffnet, sein geliebter Mensch habe „ungefähr ein Prozent Chance zu überleben“. So spricht ein Präsident über einen Vorgang, an dem das Leben von Millionen Menschen im Nahen Osten hängt. Mit der Wortwahl eines Reality-Show-Moderators, der gerade die Spannung vor der Werbepause hochzieht.

Man liest das alles und denkt, es muss doch jemanden geben, der ihn am Ärmel zupft. Einen Stabschef, einen Vizepräsidenten, irgendeinen Erwachsenen im Raum. Aber die Erwachsenen sind alle weg, gegangen, gefeuert, oder sie haben sich selbst zu Kindern gemacht, um nicht mehr aufzufallen. Was übrig bleibt, ist ein Mann am Schreibtisch, der zwischen Müttergesundheit und Atomverhandlungen hin- und herspringt, als wären es Werbeunterbrechungen, und der dabei das ganz große Format des Cäsaren-Kindischen erreicht hat, bei dem niemand mehr weiß, ob man lachen, weinen oder einfach das Land verlassen soll.

Das Schlimmste ist nicht, dass er solche Dinge sagt. Das Schlimmste ist, dass es nicht mehr auffällt. Vor zehn Jahren wäre jeder dieser Sätze ein Skandal von Wochen gewesen. Heute sind es vier Sätze an einem Vormittag, und am Nachmittag kommen die nächsten vier. Die Welt hat sich an den Wahnsinn gewöhnt, und das ist die eigentliche Diagnose. Nicht Trump ist krank, sondern die Geduld einer Öffentlichkeit, die immer noch glaubt, das gehe irgendwann von selbst vorbei. Das tut es nicht. Es wird schlimmer, und zwar jeden Tag genau in dem Maß, in dem man es zulässt.

Ein Beipackzettel würde nicht reichen. Man bräuchte einen ganzen Aktenordner mit Warnhinweisen, und am Ende stünde wahrscheinlich nur ein Satz: Nicht ohne ärztlichen Rat einnehmen. Aber den ärztlichen Rat gibt es nicht. Es gibt nur Dr. Oz im Oval Office, und der nickt.

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Lea
Lea
22 Stunden vor

Wo nimmst du all diese wundervollen Formulierungen her? Dieser dein Text ist wieder eine sprachliche Meisterleistung und versöhnt einen die Lesezeit über mit dem Inhalt.

Ela Gatto
2 Stunden vor

Hitler ging auch nicht einfach vorbei… Trump auch nicht.

Die Mütter müssen MAGA sein.
A) wären sie sonst nicht eingeladen worden und b) hätten sie nicht bei Trumps Herabsetzung weiter so freundlich gelächelt.
Man (Frau) bekommt, was man wählt.

Trump hat den Plan vom Iran nicht gelesen.
Sagt er öffentlich.
Gleichzeitig weißt er ihn als nicht gut genug in einer anderen Rede oder war es ein Posting als unannehmbar zurück.

Venezuela als 51. Bundesstaat.
Halt, war der nicht für Kanada reserviert.
Sonst macht er doch gerne Schritt 3 vor Schritt 1.
Da wäre es doch nur konsequent gewesen, Venezuela als 52. Bundesstast vorzustellen.

Um es mal zynisch zu sagen:
Kein Venezulaner müsste dann noch die Abschiebung fürchten. Die Venezulaner könnten ohne Beschränkungen in die anderen 50 Bundesstaaten reisen.
Ja, sie könnten sogar wählen.
Denn als Bundesstaat wären sie plötzlich alle US-Amerikaner.
DAS hat wohl niemand Trump gesagt 🤣

Deine Formulierung „…Wie ein defekter Wasserkocher in einer Küche, in der niemand mehr den Notausschalter findet…“ ist genial 🤣

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