Was über Rahmanullah Lakanwal wirklich bekannt ist – unsere Recherche, die gesicherten Fakten, die offenen Fragen

VonRainer Hofmann

November 28, 2025

Immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Was bringt einen Menschen dazu, eine solch abscheuliche Tat zu begehen? – Wir haben die letzten Stunden intensiv zu Rahmanullah Lakanwal recherchiert – Gespräche geführt, Behördenangaben überprüft und mit Menschen gesprochen, die ihn kannten. Was dabei sichtbar wird, ist weit weniger dramatisch als vieles, was online behauptet wird, und zugleich ernster, weil die Lücke zwischen belastbaren Fakten und frei erfundenen Erzählungen immer größer wird.

Rahmanullah Lakanwal

Fest steht: Lakanwal ist 29 Jahre alt, afghanischer Staatsbürger und kam 2021 über „Operation Allies Welcome“ in die USA – Teil jener Gruppe, die nach dem Fall Kabuls ausgeflogen wurde. Nach seiner Ankunft wurde er im US-Bundesstaat Washington angesiedelt, in Bellingham, einer ruhigen Stadt nördlich von Seattle. Dort lebte er mit seiner Frau und fünf Kindern in einer Mietwohnung. Die Familie steht vollkommen unter Schock. Nachbarn beschreiben die Familie als unauffällig und freundlich, niemand, der Probleme machte oder auffiel. Seine Vergangenheit in Afghanistan ist bruchstückhaft, aber nicht frei erfunden: Offizielle Stellen bestätigen, dass er mit US-Behörden zusammengearbeitet hat, einschließlich CIA, als Teil einer Partnertruppe in der Region Kandahar. Ein Angehöriger schildert ihn als langjährigen Soldaten der afghanischen Armee, der an der Seite amerikanischer Kräfte tätig war. Beide Linien passen grundsätzlich zusammen, bleiben aber in Details unbestätigt – auch das gehört zur Wahrheit.

Mohammad Sherzad, ein Nachbar von Rahmanullah Lakanwal, beschreibt ihn als höflich, ruhig und kaum Englisch sprechend. Beide besuchten dieselbe Moschee, und Sherzad hörte aus der Gemeinde, dass Lakanwal Schwierigkeiten hatte, Arbeit zu finden. Einige ihrer Kinder gingen auf dieselbe Schule. Die Familie wirkte freundlich und unauffällig, sagt Sherzad, er habe „nichts Negatives“ bemerkt. Lakanwal sei vor rund zwei Wochen „verschwunden“.

Hier lebte Rahmanullah Lakanwal zusammen mit seiner Ehefrau und fünf Kindern

Für die Zeit in den USA ergibt unsere Recherche ein klares Bild: Er hatte einen regulären Status, sein Asylantrag wurde im April 2025 bewilligt, also bereits zu einem Zeitpunkt, wo die Trump-Regierung im Amt war. Behörden betonen, dass es keine Hinweise auf frühere Straftaten gibt, keine Einträge in Datenbanken, keine bekannten Verdachtsmomente. Er arbeitete in Washington State unter anderem für Amazon und Amazon Flex, typische Jobs, die viele Neuankömmlinge annehmen, um ihre Familien über Wasser zu halten. Von Studium oder höheren Abschlüssen ist nichts Belastbares bekannt. Zum Angriff in Washington ist die Informationslage dünn, aber eindeutig in ihrem Rahmen: Die Staatsanwaltschaft sagt, Lakanwal sei bewaffnet quer durchs Land gefahren und habe die beiden National-Guard-Angehörigen aus nächster Nähe beschossen. Er wurde selbst verletzt, nicht lebensgefährlich. Die Ermittlungen laufen unter möglicher Terrorprüfung, doch ein Motiv ist offiziell nicht benannt. Auch dazu gibt es mehr Spekulationen als Substanz.

Ein Großteil des viralen Materials, das seit der Tat durchs Netz geschoben wird – angebliche LinkedIn-Profile, vermeintliche NGO-Jobs „mit Einstein“, schlecht gemachte Ausweis-Screenshots und frei erfundene Lebensläufe – hält einer Überprüfung nicht stand. Viele dieser Bilder tauchen zuerst in anonymen Telegram-Kanälen auf und werden dann ohne jede Verifikation weitergereicht. Behörden haben bislang keinen dieser angeblichen „Belege“ verifiziert. Ebenso wenig liegen verlässliche Informationen zu seiner politischen Haltung, möglichen psychischen Belastungen, Traumatisierungen, finanziellen Sorgen oder einer gezielten Radikalisierung vor. Was auf X/Twitter und Telegram gerade mit Schlagworten wie „Schläfer“, „CIA-Asset“ oder „ISIS“ verbreitet wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nichts anderes als Spekulation, die sich gegenseitig hochschaukelt – und häufig mehr über die Ersteller dieser Gerüchte verrät als über den Täter selbst.

Dieses angebliche Einsatzdokument von Rahmanullah Lakanwal wirkt wie aus einer Parallelwelt. Wer sich mit afghanischen Partnertruppen oder CIA-Strukturen auskennt, erkennt schnell: So eine Karte hat es nie gegeben. Das Layout sieht nach Bastelarbeit aus, das Foto wirkt hineingeklebt, der Hintergrund künstlich „auf alt“ gemacht. Dazu kommen grobe Rechtschreib- und Tippfehler – genau das, was man bei offiziellen militärischen oder geheimdienstlichen Ausweisen so gut wie nie sieht, weil solche Dokumente zigmal gegengeprüft werden. Auch inhaltlich stimmt nichts. US-Dienstgrade wie „E-5“ finden sich nicht auf afghanischen Ausweisen. Partnerkräfte der CIA liefen nicht mit bunt laminierten Karten herum, auf denen ihre Zusammenarbeit mit den USA offen draufsteht – schon gar nicht mit einer privaten Handynummer, bei der man angeblich „bei Fragen“ anrufen soll. Dass auf der Karte auch noch „Fire Base Gecko“, eine streng gesicherte CIA-Einrichtung, namentlich genannt wird, macht die Sache vollends unglaubwürdig.

Dieses Bild ist kein Beleg, sondern eine improvisierte Requisite, die eine bestimmte Geschichte stützen soll. Es bedient den Wunsch nach schnellen Erklärungen, nicht den Anspruch auf Wahrheit. Genau deshalb muss man es früh als das benennen, was es ist: ein Fake, der politisch verwertet werden soll, bevor die echten Fakten überhaupt auf dem Tisch liegen.

Was bleibt, ist ein Mann zwischen zwei Welten und seine schreckliche Tat: in Afghanistan eingebunden in Strukturen, die von den USA selbst geschaffen wurden, und in Amerika gefangen in einem Alltag aus Niedriglohnjobs, fünf Kindern und dem Versuch, anzukommen. Nichts davon erklärt bisher den Angriff. Aber es zeigt, wie schmal die Faktenlage ist und wie schnell ein Mensch – kaum eine Stunde nach einer Tat – zum Projektionsfeld politischer Erzählungen wird. Doch welche Strafe auch immer folgen wird und was am Ende über seine Beweggründe ans Licht kommt – für die Familien Beckstrom und Wolfe ändert das nichts. Die Beckstroms haben ihre Tochter Sarah verloren. Die Wolfes hoffen jede Minute, dass ihr Sohn Andrew überlebt. Nichts davon lässt sich rechtfertigen, durch nichts erklären, durch kein persönliches Schicksal von Rahmanullah Lakanwal entschuldigen. Es spielt keine Rolle, aus welchem Land er stammt – entscheidend ist, dass er getötet hat.

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3 Gedanken zu „Was über Rahmanullah Lakanwal wirklich bekannt ist – unsere Recherche, die gesicherten Fakten, die offenen Fragen“
  1. Es ist nicht zu verstehen, wie Menschen andere Menschen töten. Was muss in deren Köpfen vorgehen. Die AFD und Trump werden das ausschlachten und daher finde ich die sehr sachliche, aber doch direkt Berichterstattung so gut von euch.

  2. Ich werde nie verstehen was Menschen zu solch einer Tat bringt.
    Mord ist so unvorstellbar grausam.

    Es wird Vieles im Dunklen bleiben.
    Was das Motiv angeht.

    Es wäre aber nicht das erste Mal, dass die CIA Menschen manipuliert.
    Gerade Menschen, die kein stabiles Umfeld haben, wenig englisch sprechen, nicht fest in der Gemeinde verankert sind, sind anfällig für geschickte Manipulation.

    Und wenn man ehrlich ist, passte es gerade sehr gut für die Trump Regierung.
    Fallende Zustimmung, die Epstein Files, das Urteil, das die Entsendung der Nationalgarde nicht rechtmäßig war ….und Zack, ein Attentat.
    So hält man MAGA bei der Stange.

    Genau wie mit Kirk.
    Umfragewerte fielen, er kritisierte Trump im Umgang nit den Epstein Files .. und Zack, machte man einen toten Märtyrer aus ihm.
    Nach dem großen Brimborium mut Gedenkfeier etc hat man nichts mehr.
    Man sollte doch annehmen, dass der Medienrummel um den Prozess riesig wäre.
    Aber da ist nichts… oder wißt ihr da mehr?

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