Trump verlängert, Iran pokert – und beide tun so, als gäbe es einen Waffenstillstand

VonTEAM KAIZEN BLOG

April 22, 2026

Trump hatte gesagt, er werde ihn niemals verlängern. Dann rief Pakistans Feldmarschall Asim Munir an. Und Trump verlängerte ihn trotzdem. Der Waffenstillstand, dessen Ablauf er seit Tagen mit Bombendrohungen begleitet hatte, lebt weiter – offiziell auf Bitten Islamabads, während Amerika auf einen einheitlichen Vorschlag aus Teheran wartet. Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif bedankt sich auf X persönlich und im Namen von Feldmarschall Munir für Trumps gnädige Zustimmung. Ein Satz, der nach Höflichkeit klingt und nach Erleichterung schmeckt.

Iran lehnte die Verlängerung als einseitige Erklärung ab, die man nicht anerkenne. Und dann verhielt sich Teheran so, als gelte sie trotzdem. Die Revolutionsgarden schießen nicht. Schiffe bewegen sich entlang koordinierter Routen. Die Blockade besteht fort. Alle handeln, als gäbe es einen Waffenstillstand, während Iran offiziell sagt, dass es keinen gibt. Das ist nicht Widerspruch. Das ist Diplomatie in ihrer ehrlichsten Form – man tut, was nötig ist, und sagt, was man sagen muss.

Vance bleibt, der Markt zittert

JD Vance reist nicht nach Islamabad. Das Weiße Haus teilt mit, angesichts der Entscheidung des Präsidenten, den Waffenstillstand zu verlängern und auf einen iranischen Vorschlag zu warten, werde die amerikanische Delegation vorerst nicht reisen. Steve Witkoff und Jared Kushner kehren nach Washington zurück, um darüber zu beraten, wie es weitergehen soll. Die Märkte registrieren das sofort. Der S&P 500 dreht ins Minus, verliert 0,6 Prozent, nachdem er zuvor um 400 Punkte gestiegen war. Der Dow Jones fällt um 293 Punkte. Der Brent-Ölpreis schwankt zwischen unter 95 und knapp 100 Dollar, bevor er sich bei 98,48 Dollar einpendelt. Ein Anstieg von 3,1 Prozent an einem einzigen Tag, der zeigt, wie eng die Welt an diesem Krieg hängt und wie wenig es braucht, um sie zu erschüttern.

Was Trump zugibt, ohne es laut zu sagen

Als offizielle Begründung für die Verlängerung nennt Trump, die iranische Führung sei ernsthaft gespalten, was er nicht unerwartet nennt. Ein Satz, der mehr enthält, als er preisgibt. Die USA räumen damit ausdrücklich ein, dass die Vertreter, die möglicherweise an den Verhandlungstisch in Islamabad kommen würden, möglicherweise nicht für jene sprechen, die in Teheran die Waffen kontrollieren. Genau das haben wir vor Tagen beschrieben – und jetzt ist es Teil der offiziellen amerikanischen Begründung für die Verlängerung eines Waffenstillstands, dem die andere Seite gar nicht zugestimmt hat.

Irans Führung funktioniert seit dem Tod des Obersten Führers Ali Chamenei, den israelische Angriffe am ersten Kriegstag töteten, anders als zuvor. Sein Sohn Mojtaba Chamenei folgte ihm nach, aber er ist verletzt, versteckt, nicht öffentlich aufgetreten, und wie er Entscheidungen trifft und Befehle erteilt, bleibt für Außenstehende im Dunkeln. Was geblieben ist, ist der Oberste Nationale Sicherheitsrat, ein Gremium mit zivilen und militärischen Vertretern, das die Macht zwischen sich aufgeteilt hat wie eine Erbschaft, bei der niemand genau weiß, was dem anderen zusteht.

Ghalibaf, der Mann in der Mitte

Mohammad Bagher Ghalibaf, Spitzname „Der Metzger von Teheran“, ist das Gesicht dieses Gremiums geworden und Irans Chefunterhändler gegenüber den USA. Er ist 64 Jahre alt, hat einen Doktortitel in Politischer Geographie, ehemaliger General der Revolutionsgarden, früherer Polizeipräsident, zwölf Jahre lang Teherans Bürgermeister. Ein Mann, der in jeder Ecke des Systems Verbindungen hat und der deshalb der einzige sein könnte, der einen Deal nach Hause bringen kann, ohne dass das System über ihm zusammenbricht. Er hatte eine Anreise nach Islamabad in der Agenda, doch die Rechnung ohne die Revolutionsgarde gemacht. Ali Vaez von der International Crisis Group sagt, Irans Führung habe überlebt, weil es mehrere Machtzentren mit überlappenden Zuständigkeiten gebe – Fraktionismus sei in die DNA dieses Systems eingebaut. Ghalibaf verfügt über politisches Kapital bei den Konservativen, aber auch über Unterstützung von Reformisten und politischen Kräften der Mitte. Der Reformist Ali Rabie nannte ihn in einem Zeitungskommentar den Vertreter des Landes und des Regimes. Das ist keine Schmeichelei. Das ist eine politische Funktionszuweisung.

Ghalibaf hat im iranischen Staatsfernsehen gesagt, Iran wolle ein umfassendes Abkommen, das dauerhaften Frieden bringe und sicherstelle, dass die USA das Land nicht mehr angreifen. Dieser gefährliche Kreislauf müsse durchbrochen werden, sagte er. Die Revolutionsgarde verstand das anders: Schwäche, wie sie es nennen, das Gesicht zu verlieren. Die USA haben Iran zweimal während laufender Verhandlungen angegriffen – einmal im zwölftägigen Krieg im Juni, dann wieder im aktuellen Konflikt. Das ist keine Paranoia. Das ist Erfahrung. So formulieren sie es.

Während in Islamabad die Gespräche ins Stocken geraten, rollen in Teheran andere Argumente durch die Straßen. Hardliner der Revolutionsgarden versammeln sich in der Nacht, und was sie mitbringen, braucht keine Erklärung. Das iranische Staatsfernsehen zeigt eine Qadr-Rakete auf einem mobilen Abschussgerät, Männer mit Kalaschnikows sitzen darauf, als wäre das der normalste Anblick der Welt. Die Qadr kann Streumunition abfeuern – dieselbe, die Iran im Krieg gegen Israel einsetzte. Was hier durch Teherans Straßen rollt, ist kein Volksfest. Es ist ein Satz, der keine Worte braucht, gerichtet an jeden, der gerade glaubt, Diplomatie sei das einzige Gespräch, das noch geführt wird.

Die Straße von Hormus, das Wochenende und die Risse

Was am Wochenende rund um die Straße von Hormus passierte, gab einen Einblick in die Bruchlinien, die Ghalibaf zusammenhalten soll. Außenminister Abbas Araghchi verkündete auf X, Iran öffne die Meerenge für den kommerziellen Verkehr als Teil der Waffenstillstandsvereinbarung. Stunden später erklärte Trump, die Blockade bleibe bestehen. Am nächsten Morgen schloss Irans Militär die Meerenge wieder, als Vergeltung für die Blockade. Iranische Medien, die den Revolutionsgarden nahestehen, kritisierten Araghchi, sein Beitrag habe den Eindruck erweckt, Iran zeige Schwäche. Die Tasnim-Nachrichtenagentur schrieb, die Position zur Straße hätte vom Nationalen Sicherheitsrat selbst kommen müssen, nicht vom Außenministerium. Araghchis Büro wies das zurück und erklärte, das Außenministerium handle nicht ohne Koordination mit übergeordneten Stellen. Ghalibaf versuchte am Sonntag, die Risse zuzukleistern, und betonte, alle in der Führung seien einer Meinung über Irans Strategie. Wer so etwas betonen muss, weiß, dass es nicht stimmt.

Teheran schlägt zurück, New York klagt an

Teheran

Iran wandte sich am Dienstag an den UN-Sicherheitsrat und forderte eine eindeutige Verurteilung der amerikanischen Beschlagnahme eines iranischen Frachters. Irans UN-Botschafter Amir Saeid Iravani nannte die Blockade eine Verletzung des Waffenstillstands und erklärte, sobald Washington die Blockade aufhebe, werde die nächste Verhandlungsrunde in Islamabad stattfinden. Er sagte auch, sein Land habe Zeichen erhalten, dass die USA bereit sein könnten, die Blockade zu beenden. Eine vorsichtige Formulierung, aber keine bedeutungslose. Araghchi nannte die Beschlagnahme eines iranischen Öltankers am Dienstag einen Kriegsakt und fügte hinzu, Iran wisse, wie es Einschränkungen neutralisiere, seine Interessen verteidige und Einschüchterungen widerstehe. General Majid Mousavi, der Luft- und Raumfahrtchef der Revolutionsgarden, ging noch weiter und warnte, falls Nachbarländer den USA erlaubten, ihre Einrichtungen für Angriffe auf Iran zu nutzen, sollten sie sich von ihrer Ölproduktion verabschieden.

Was die UN sagt, und was Rafael Grossi meint

UN-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßt die Verlängerung als wichtigen Schritt zur Deeskalation und sagt, sie schaffe kritischen Raum für Diplomatie und Vertrauensbildung. Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, warnt beide Seiten, dass jeder Friedensdeal die IAEA von Anfang an einschließen müsse, um die Aufsicht über Irans Atomprogramm durchzusetzen. Andernfalls, sagt er, werde man eine Illusion einer Vereinbarung haben. Ein Satz, der sitzt. Grossi kandidiert nebenbei für das Amt des UN-Generalsekretärs, was seinen Worten zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft.

Neun Frauen, ein Tweet und eine Randbemerkung, die keine ist

Bita Hemmati, zum Tod verurteilt wegen ihrer Teilnahme an den Januarprotesten. Mahboubeh Shabani, in Mashhad verhaftet, angeklagt wegen Feindschaft gegen Gott, ein Vergehen, das mit dem Tod bestraft wird. Diana Taher Abadi und Ghazal Ghalandari, beide 16 Jahre alt, in verschiedenen Städten verhaftet. Venus Hossein Nejad, Angehörige der Bahai-Minderheit, im Staatsfernsehen zu einem Geständnis gezwungen, beschuldigt, Teil eines satanischen Netzwerks unter israelischem Einfluss zu sein. Golnar Naraqi, 37 Jahre alt, Notärztin, in Teheran verhaftet. Irans Staatsfernsehen dementierte, dass die Frauen hingerichtet werden sollen, und sagte, einige seien bereits freigelassen worden. Welche, sagte es nicht.

Menschenrechtsorganisationen und Recherchen kommen zu einem anderen Resultat: Mindestens zwei der Frauen sind mit Anklagen konfrontiert, auf die die Todesstrafe steht. Trump nannte ihre mögliche Freilassung einen großartigen Auftakt für die Verhandlungen. Ein Satz, der zwischen Anteilnahme und Verhandlungstaktik steht, ohne dass man sagen könnte, was überwiegt. Man ist schlicht sprachlos.

Diplomatie im Nebel

Das ist der Schleier der Diplomatie, nicht der Nebel des Krieges. Und genau das zeigt, wo die Dinge stehen. Trump verlängert einen Waffenstillstand, den er nie verlängern wollte. Iran lehnt die Verlängerung ab und hält sie trotzdem ein. Vance bleibt in Washington. Pakistans Premierminister bedankt sich. Die Bomben schweigen. Die Blockade besteht. Und irgendwo zwischen all diesen Widersprüchen laufen Gespräche, die niemand bestätigt und die trotzdem stattfinden. Wie wir seit Tagen berichten – beide Seiten sitzen längst am Tisch. Nur nicht dort, wo die Kameras stehen.

Kurz nach der Verlängerung schreibt Trump auf Truth Social, Iran wolle die Straße von Hormus gar nicht geschlossen halten, sondern offen – um sein Öl verkaufen zu können. Falls er das zulasse, werde es nie einen Deal geben, es sei denn, man zerstöre den Rest des Landes samt seiner Führung. Ein kampflustiger Abschluss eines Tages, der eigentlich nach Entspannung aussah. Wie es in Islamabad weitergehen soll, weiß gerade niemand. Auch das ist eine Antwort.

Was bleibt

Islamabad

Wir werden Islamabad am Donnerstag verlassen. Den Mittwoch warten wir noch ab. Eine Rückkehr in den Iran schließen wir aus – drei Wochen waren wir dort, und die Lage für Journalisten ist inzwischen zu extrem, um das zu verantworten.

Teheran, 7. April 2026

Die großen Verlierer dieses Krieges sitzen nicht in Islamabad und nicht in Washington. Sie sitzen in Teheran, in europäischen Wohnzimmern, an Küchentischen in aller Welt, wo Mütter die Benzinpreise rechnen, Väter die Nachrichten lesen und Kinder in eine Zukunft wachsen, die Männer in geschlossenen Räumen für sie entworfen haben. Sie sitzen unter unseren Lesern. Der unüberlegte Angriff der USA und Israels hat die Revolutionsgarde nicht geschwächt. Er hat sie gestärkt – und sie dehnt ihre Unterdrückungsmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung aus, als wäre der Krieg ein Freibrief für das geworden, was vorher schon nicht zu rechtfertigen war.

Die Gespräche, die es offiziell nicht gibt, werden weitergehen. Die Menschenrechtsverstöße werden zunehmen. Dieser Krieg hat nur Verlierer – außer man gehört zum Club derer, die an Insidergeschäften verdienen, während andere sterben. 2026 – Ein Jahr der Machthaber und der Feiglinge. Und das Volk zahlt die Rechnung, die niemand von ihnen unterschrieben hat.

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