Ein Telefon, das klingelt, verrät mehr über die Lage als jede Umfrage. Vor allem, wenn es beim Präsidenten klingelt. Am Donnerstag, dem 29. Oktober, war die Welt für Donald Trump noch in Ordnung. Nach Kansas wollte er nicht mehr, nach Iowa auch nicht. Die Republikaner seien dort gut aufgestellt, versicherte das Weiße Haus, und seine Anhänger erreiche der Präsident am Telefon ohnehin viel wirkungsvoller. Trump selbst sah keinen Grund für die Reise. Senator Roger Marshall schlage sich ausgezeichnet, am Wahlabend werde seine Partei einen großen Erfolg feiern. Ein Reporter fragte, ob die Absagen vielleicht mit der Last des Wahlkampfs zu tun hätten. Da wurde Trump persönlich, beschimpfte den Mann und versicherte, er fühle sich vollkommen gesund.
Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters stellt eine Frage. Der amerikanische Präsident antwortet mit einer Beschimpfung: „Sie sind ein kranker Kerl! Sehen Sie sich diesen Mann an. Er ist völlig außer Form. Sie sind widerlich! Bringen Sie sich in Form! Sie sehen fürchterlich aus!“ Dann greift er auch die Nachrichtenagentur an. „Reuters ist schrecklich!“
Gesund genug jedenfalls, um einen Tag später alles umzuwerfen.
Am Freitag stand der Reiseplan wieder. Am Sonntag, dem 1. November, will Trump erst nach Iowa fliegen, dann nach Kansas, wenige Stunden vor den Zwischenwahlen am 3. November. Die Reise, die eben noch überflüssig war, ist über Nacht dringend geworden. Verbessert hat sich die Lage in dieser Nacht kaum. Geändert hat sich der Blick auf sie.
Die Begründung lieferte der Präsident gleich mit, und sie ist ein kleines Kunstwerk. Menschen aus beiden Staaten hätten ihn angerufen, darunter besonders gute Freunde. Sie hätten ihn gebeten, persönlich zu kommen, das sei besser als eine Veranstaltung am Telefon. Er habe zunächst versucht, sie umzustimmen. Doch sie hätten darauf bestanden. Also halte er am Sonntag 2 Veranstaltungen ab.
Reporter: Können Sie irgendetwas sagen, um die ganzen Änderungen im Terminplan zu erklären?
Trump: Also, ich wollte telefonische Wahlkampfveranstaltungen machen. Ich bin unglaublich gut darin. Ich mache das hervorragend, und es ist ein großartiges Mittel. Aber dann bekam ich Anrufe von Leuten aus Iowa und Kansas, die sagten, wenn ich persönlich kommen könnte, wäre das besser als eine telefonische Wahlkampfveranstaltung. Und am Montag werden wir dann jede Menge telefonische Wahlkampfveranstaltungen machen. Das sind Wahlkampfveranstaltungen per Telefon.
Ein Mann, der sich ungern bitten lässt, lässt sich bitten. Aus Freundschaft. Mit der Landkarte der Senatsrennen hat das selbstverständlich nichts zu tun. Freundschaft ist in Wahlkampfzeiten eine erstaunlich zielgenaue Kraft. Sie ruft genau aus den Staaten an, in denen es eng wird.
Seine Liebe zum Telefonauftritt hat der Kurswechsel nicht beschädigt. Darin sei er unglaublich erfolgreich, erklärte Trump. Andere Politiker könnten anrufen, doch bei ihnen nehme niemand ab. Bei ihm funktioniere das hervorragend. Für Montag kündigte er weitere solcher Auftritte an. Das Weiße Haus sprach inzwischen von fast 20 zusätzlichen Telefonterminen, nach denen der Reiseplan ausgerichtet worden sei. Die offizielle Erklärung wechselte so schnell wie der Kalender, und beide zeigten zuletzt in dieselbe Richtung, nach Westen, in die Prärie.
Die Umfragen erklären, warum. In Kansas, wo ein Republikaner seit Menschengedenken eher gekrönt als gewählt wird, liegt Marshall gegen den Demokraten Adam Hamilton zurück. Eine Befragung vom 26. bis 28. Oktober sah Hamilton mit 50 zu 47 Prozent vorn. Andere zeichneten ein engeres Bild, einzelne sahen Marshall bis zu 10 Punkte hinten. Von dem ausgezeichneten Stand, den Trump am Donnerstag beschwor, bleibt wenig. Ein Senator, der sich ausgezeichnet schlägt, braucht am Sonntag keinen Präsidenten.
In Iowa kämpft die republikanische Abgeordnete Ashley Hinson gegen den Demokraten Josh Turek um einen Sitz im Senat. Mehrere Umfragen zeigen ein Rennen ohne Sieger. Im Durchschnitt der bis zum 28. Oktober erfassten Befragungen lag Hinson ganze 0,5 Punkte vorn. Ein halber Punkt ist eine Ziffer, die man mit dem Daumen verdecken kann. Für einen Präsidentenbesuch reicht er offenbar. Seit Wochen reist Trump durch Staaten, in denen republikanische Siege lange als Naturgesetz galten. Selbst Florida und South Carolina zeichnen sich inzwischen als enge Rennen ab. Manche seiner Auftritte finden in kleineren Hallen statt. Bei einzelnen wurden Zuschauer beobachtet, die gingen, bevor er zu Ende geredet hatte. Trump spricht dennoch von gewaltigen Menschenmengen. Die Halle schrumpft, die Zahl in seinem Mund wächst.
Am Sonntag also Iowa und Kansas. Seine Freunde hätten darum gebeten, sagt Trump. Seine Kandidaten brauchen jede Stimme, sagen die Zahlen. Zwischen beiden Erklärungen liegen zwei abgesagte Auftritte, Zwei neue Termine und ein Präsident, dessen Telefon erst klingeln musste, bevor er hörte, was die Wähler längst sagen.
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