Tanker, Hunger, Explosionen – Die Zahlen zeigen: Hormus wird zum Zentrum der globalen Krise

VonTEAM KAIZEN BLOG

Mai 11, 2026

Bandar Abbas – Die Straße von Hormus ist nur 34 Kilometer breit. An ihrer engsten Stelle wirkt sie auf Karten fast unscheinbar. Ein schmaler Streifen Wasser zwischen Iran und Oman, gekrümmt wie ein Ellenbogen. Doch genau dort entscheidet sich inzwischen nicht nur die Zukunft des Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Iran, sondern auch die Stabilität der Weltwirtschaft. Seit Wochen stauen sich im Persischen Golf Tanker, Containerschiffe und Frachter. Manche treiben nahezu bewegungslos vor Anker, andere warten auf neue Befehle, wieder andere versuchen verzweifelt, sichere Routen zu finden. Während Washington und Teheran über eine mögliche Vereinbarung sprechen, sitzen inzwischen 1.550 Schiffe aus 87 Staaten in der Region fest.

Die Zahlen zeigen, wie tief dieser Krieg längst in den Alltag weit entfernter Länder eingreift. Vor dem Krieg passierten täglich etwa 100 bis 130 Schiffe die Meerenge. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls lief durch Hormus, dazu enorme Mengen an Erdgas, Dünger und anderen petrochemischen Produkten. Seit Beginn der Kämpfe Ende Februar ist dieser Verkehr nahezu zusammengebrochen. Zwischen Kriegsbeginn und dem 6. Mai schafften laut Lloyd’s List Intelligence nur noch 542 Schiffe die Passage. Unter normalen Bedingungen wären es in derselben Zeit zwischen 6.500 und 8.450 gewesen.

Ein LNG-Tanker hat Hormus am Sonntag durchquert. Das für die Stromversorgung wichtige Flüssiggas wurde von QatarEnergys „Al Kharaitiyat“ transportiert, die von Ras Laffan zum pakistanischen Hafen Port Qasim unterwegs war. Recherchen ergaben, dass die Passage nach Gesprächen zwischen Iran, Pakistan und Katar erfolgte.

Der Grund dafür liegt in einem Machtkampf, der sich immer weiter zuspitzt. Nachdem die Vereinigten Staaten und Israel Iran am 28. Februar angegriffen hatten, begann Teheran Schritt für Schritt, die Kontrolle über Hormus auszubauen. Hinzu kam die amerikanische Seeblockade iranischer Häfen. Wochen schwerer Luftangriffe und militärischer Operationen konnten Irans Einfluss auf die Wasserstraße bisher nicht brechen. Die iranische Führung macht deutlich, dass Hormus erst wieder vollständig geöffnet werde, wenn der Krieg endet und die amerikanische Blockade aufgehoben wird. Donald Trump fordert dagegen weitere Zugeständnisse, darunter Einschränkungen des iranischen Atomprogramms.

Die wirtschaftlichen Folgen treffen inzwischen weite Teile der Welt. In den Vereinigten Staaten ist der durchschnittliche Benzinpreis seit Kriegsbeginn um etwa fünfzig Prozent gestiegen. Eine Gallone kostete zuletzt durchschnittlich 4,50 – 4,56 Dollar. Auch die Preise für Kerosin haben sich beinahe verdoppelt. Die Lage belastet nicht nur private Haushalte. Fluggesellschaften geraten unter Druck, Lieferketten werden teurer, Unternehmen kalkulieren neu, Reedereien verlangen massive Aufschläge.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung bei den Versicherungen. Die Kosten für Schiffe in der Region lagen vor dem Krieg oft bei etwa einem Prozent des Warenwertes. Inzwischen verlangen Versicherer laut Experten teilweise bis zu zehn Prozent. Für viele Reedereien wird die Passage damit wirtschaftlich kaum noch tragbar. Manche Schiffe warten deshalb lieber tagelang vor der Meerenge, statt das Risiko einzugehen.

Während in westlichen Hauptstädten vor allem über Ölpreise gesprochen wird, geraten andere Folgen zunehmend in den Hintergrund. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt inzwischen davor, dass bis zu 45 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein könnten, falls Hormus nicht bald wieder vollständig geöffnet wird. Besonders gefährdet seien Regionen in Asien und Afrika. Dort könnten steigende Preise für Treibstoff, Dünger und Lebensmittel viele Menschen an den Rand des Überlebens bringen.

Die Krise ist längst auch zu einer humanitären Belastung für Seeleute geworden. Nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation wurden seit Beginn des Krieges zehn Seeleute getötet. 32 Schiffe gerieten unter Beschuss oder wurden angegriffen. Insgesamt sitzen etwa 22.500 Seeleute auf den festliegenden Schiffen fest, viele von ihnen aus Süd- und Südostasien. Wochenlanges Warten auf engstem Raum, Unsicherheit über die Sicherheitslage und die Angst vor Angriffen bestimmen inzwischen ihren Alltag. Auch die Folgen für die Umwelt sind durch den Krieg verheerend geworden. Vor der iranischen Insel Kharg treibt inzwischen ein gewaltiger Ölteppich durch den Persischen Golf. Satellitenbilder zeigen eine verschmutzte Fläche von rund 71 Quadratkilometern. Die Spur wurde bereits Anfang der Woche entdeckt und breitet sich weiter aus. Kharg gilt als wichtigster iranischer Umschlagplatz für Rohölexporte und liegt mitten in jener Region, in der amerikanische und iranische Streitkräfte seit Tagen militärisch aufeinandertreffen. Woher das Öl stammt, ist weiterhin unklar.

Gleichzeitig zeigt sich, wie begrenzt die amerikanische Kontrolle in der Region tatsächlich geworden ist. Trump hatte mit großem Aufwand das Projekt „Freedom“ angekündigt. Ziel war es, feststeckende Schiffe unter militärischem Schutz durch Hormus zu eskortieren. Die Vereinigten Staaten stellten dafür rund 15.000 Soldaten und etwa 100 Flugzeuge bereit. Doch die Realität sieht ernüchternd aus. Das Programm wurde bereits zwei Tage nach seiner öffentlichen Vorstellung wieder gestoppt. Nach amerikanischen Angaben konnten lediglich zwei Schiffe erfolgreich durch die Meerenge begleitet werden.

Die Bilder aus Bandar Abbas zeigen inzwischen eine Region im Ausnahmezustand. Vor der iranischen Küste liegen Tanker dicht an dicht vor Anker. Patrouillenboote ziehen zwischen den Schiffen hindurch. Mannschaften warten auf neue Anweisungen, während über ihnen jederzeit die Gefahr neuer Angriffe hängt. In Teheran schwenken Unterstützer der Regierung iranische Fahnen unter riesigen Plakaten, auf denen Donald Trump mit zugenähtem Mund dargestellt wird. Der Konflikt hat sich längst weit über militärische Ziele hinaus entwickelt. Er ist zu einem globalen Druckmittel geworden.

Die strategische Bedeutung von Hormus war schon immer enorm. Doch selten zuvor war so sichtbar, wie abhängig die Welt von dieser schmalen Wasserstraße tatsächlich ist. Eine Passage von nur 34 Kilometern Breite entscheidet inzwischen darüber, ob Treibstoffpreise explodieren, Lieferketten kollabieren, Millionen Menschen hungern oder ganze Handelsrouten stillstehen.

Regierungsfreundliche Kampagne im Zentrum von Teheran im Iran mit einer Darstellung der Straße von Hormus und den zugenähten Lippen von US-Präsident Donald Trump.

Gleichzeitig wächst die Gefahr weiterer militärischer Eskalationen. Iranische Angriffe auf Schiffe in der Nähe der Meerenge haben die Unsicherheit zusätzlich verschärft. Jede neue Explosion, jedes beschädigte Schiff und jede weitere Konfrontation zwischen amerikanischen und iranischen Einheiten erhöht das Risiko, dass die fragile Feuerpause endgültig zusammenbricht.

Irans Außenminister Abbas Araghchi warf den Vereinigten Staaten nach den nächtlichen Zusammenstößen in der Straße von Hormus vor, statt auf Diplomatie auf ein „rücksichtsloses militärisches Abenteuer“ zu setzen.

Washington und Teheran sprechen derzeit zwar über eine mögliche Vereinbarung zur Beendigung des Krieges. Doch solange beide Seiten Hormus als Druckmittel betrachten, bleibt die Lage extrem instabil. Iran nutzt die Kontrolle über die Wasserstraße als Hebel gegen Sanktionen und militärischen Druck. Die Vereinigten Staaten versuchen gleichzeitig, Stärke zu demonstrieren und den Einfluss Teherans zurückzudrängen. Dazwischen sitzen tausende Seeleute fest, während die Weltwirtschaft immer tiefer in die Krise rutscht.

Die Zahlen machen deutlich, dass dieser Krieg längst nicht mehr nur den Nahen Osten betrifft. Wenn nur noch ein Bruchteil der üblichen Schiffe Hormus passiert, wenn Ölpreise um fünfzig Prozent steigen und Millionen Menschen von Hunger bedroht sind, dann geht es nicht mehr um einen regionalen Konflikt. Dann hält eine einzige Wasserstraße einen großen Teil der Weltwirtschaft fest.

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