Eine Auswertung von Güterzugdaten zeigt, wie Moskaus Waffenchemie an wenigen Werken hängt, während aus Nachodka weiter nordkoreanische Munition rollt, allen Meldungen vom Gegenteil zum Trotz. Der Chemiker Dmitri Mendelejew soll das Geheimnis des französischen Schießpulvers aus den Frachtbüchern der Eisenbahn gelesen haben. Aus dem Jahresbericht einer Bahngesellschaft über die Güterbewegungen, so erinnerte sich sein Sohn Iwan, habe der Vater das nötige Verhältnis der Stoffe errechnet. Wissenschaftshistoriker zweifeln, ob ein Kind später genau wiedergeben konnte, was es früh gehört hatte. Doch der Gedanke trägt bis heute. Was eine Kriegswirtschaft herstellt, verrät sich in dem, was auf ihren Gleisen fährt.
Genau das leistet die Recherche der Gütertransporte zwischen August 2025 und Februar 2026. Aus den Warenbeschreibungen und den Zielorten lässt sich das Verhältnis von Produktion und Verbrauch explosiver Stoffe rekonstruieren. Das Ergebnis liest sich zunächst wie eine Erfolgsmeldung für Moskau und kippt bei näherem Hinsehen in eine Abhängigkeit. Russlands Herstellung von Schießpulver und Sprengstoff hat sich gegenüber der Vorkriegszeit ungefähr verdreifacht, und trotzdem reicht sie für die Front nicht.

Das Foto zeigt ein neues Gebäude im nördlichen Teil des Fabrikkomplexes „11. Februar“, das nach Abschluss der Dacharbeiten schrittweise mit Erde bedeckt und in den Berghang eingebettet wurde. Heute ist die Anlage von außen kaum noch zu erkennen.
Denn parallel rollt Nachschub heran. Rund 59.000 Tonnen explosiver Materialien kamen im untersuchten Zeitraum über den Fernen Osten ins Land, größtenteils über Nachodka. Die wahrscheinlichste Herkunft ist Nordkorea, das Artilleriegeschosse und Ladungen liefert. Dazu kommen Raketen des Typs KN-23. Die Ware geht selten direkt an die Front, sie verschwindet zuerst in Depots im Hinterland. Dass hinter dieser Fracht Nordkorea steht, hatten westliche Recherchegruppen längst gezeigt. Das CSIS kam 2024 anhand hochauflösender Satellitenbilder zu dem Schluss, bis Anfang 2024 seien rund 2,5 Millionen Artilleriegeschosse nach Russland gelangt, vor allem über den Hafen Wostotschny bei Nachodka und den benachbarten Hafen Dunaj. Spätere Auswertungen zählten zwischen August 2023 und März 2025, also in 20 Monaten, zwischen 4,2 und 5,8 Millionen gelieferte Geschosse.

Der südkoreanische Geheimdienst schätzte, bis Juli 2025 seien rund 12 Millionen Geschosse ins Land gekommen, 2- bis 2,5-mal so viele wie nach den Zahlen aus Recherchen. Belege dafür blieb er schuldig, weshalb die niedrigere Schätzung für diesen Zeitraum die besser begründete ist.
Dann kam die Wende, jedenfalls in den Meldungen. Ende 2025 erklärte Wadym Skibizkyj, stellvertretender Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR, Nordkorea seien die Granaten ausgegangen. Im September 2025 habe es angeblich gar keine Lieferung mehr gegeben, stattdessen sei Pjöngjang auf Drohnen umgestiegen. Auch aus Südkorea hieß es Anfang 2026, die Munitionslieferungen seien stark zurückgegangen.
Die Gleise erzählen etwas anderes. Auch 2026 verließ Fracht mit der Kennung „explosive Materialien“ den Hafen Nachodka, und ihre Zielorte waren Artilleriedepots. Der Nachruf auf die nordkoreanische Belieferung kam zu früh.

Die großen Ketten für Schießpulver und brisante Sprengstoffe beginnen an derselben Stelle, bei der Salpetersäure. Ohne sie entsteht weder Schießpulver noch brisanter Sprengstoff. Ende 2025 und Anfang 2026 speisten praktisch nur 2 Lieferanten die Militärindustrie: EuroChem in Nowomoskowsk, das Andrej Melnitschenko gehört, und das Werk Azot in Beresniki. Beide Anlagen wurden bereits mit Drohnen getroffen, jene in Nowomoskowsk mehrfach. Ukrainische Drohnen kennen diese Schwäche und kehren dorthin zurück. Ein ganzer Rüstungsapparat hängt an 2 Adressen.
Von dort fließt die Säure in die Sprengstoffwerke. Das TNT entsteht vor allem in Bijsk in der Region Altai, im Swerdlow-Werk in Dserschinsk und bei Promsintez in Tschapajewsk. Bijsk erhielt zwischen August 2025 und Februar 2026 rund 16.000 Tonnen Toluol und 1.000 Tonnen Hexamethylentetramin, ein Hinweis auf hohe TNT-Mengen und auf eine eigene Hexogenfertigung. Dserschinsk bezog Essigsäure für Hexogen und Oktogen. Tschapajewsk erhielt 3.000 Tonnen Toluol, ungefähr so viel wie Dserschinsk, beides für TNT.
Hier steckt die schlechte Nachricht für die Ukraine. Über Jahre stellte allein Dserschinsk praktisch das gesamte Hexogen her. Nun hat Bijsk nach den Frachtdaten eine eigene Produktion aufgebaut, die zuvor nur als Vorhaben angekündigt war. Das alte Monopol ist gebrochen, und ein zweiter Standort speist die Munition.
Aus den großen Werken wandert die Ware weiter, ehe sie an die Front kommt. Das Swerdlow-Werk stellt selbst brisanten Sprengstoff her und bekommt zusätzlich 12.000 Tonnen aus Bijsk, um daraus fertige Munition zu formen. Von Bijsk laufen Lieferungen bis zum Werk Plastmass in Kopeisk und zum Patronenwerk Amur. In den Frachtdaten fehlen zugleich die Zelluloselieferungen und die Wege der fertigen Munition zu den Depots, weshalb jede dieser Zahlen eine Untergrenze bleibt.
Wie viel die Pulverwerke leisten, verrät die Menge der gelieferten Salpetersäure und Melange. Sie fließt an die Pulverwerke in Kasan und Perm. Auch Tambow gehört dazu, ebenso das Chemiewerk Aleksin. Weitere Mengen gehen an das Werk Ural in Solikamsk sowie an das Kombinat Kamenski in der Region Rostow. Das Werk Avangard in Sterlitamak steht ebenfalls auf der Liste. Der Sprung ist gewaltig. In den Halbjahren 2019 und 2020 erhielten die Militärwerke jeweils zwischen 21.000 und 24.500 Tonnen Salpetersäure samt Melange. Zwischen August 2025 und Februar 2026 waren es 76.500 Tonnen. Aufs Jahr gerechnet verbrauchen die Werke heute 131.000 Tonnen gegenüber 44.200 Tonnen vor dem Großangriff, also ungefähr das Dreifache.
Vor dem Krieg war der Ausstoß ein Rinnsal. Im zweiten Halbjahr 2020 verließen rund 40.000 Tonnen erfasste explosive Materialien die Werke, und die Einfuhren waren verschwindend gering. Das Pulverwerk Kasan lieferte in diesem Halbjahr gerade 146 Tonnen aus. Die tatsächliche Ausbeute liegt unter 100 Prozent, weil sich ein Teil der Säure zurückgewinnen lässt. Nach Angaben von Chemieexperten, mit denen wir gesprochen haben, seien unter russischen Bedingungen rund 90 Prozent realistisch. Daraus folgt eine Gesamtproduktion von höchstens 90.000 Tonnen Schießpulver und Sprengstoff im untersuchten Zeitraum, hochgerechnet etwa 154.000 Tonnen im Jahr.
Eine eigene Liga bildet der feste Raketentreibstoff. Sein Oxidationsmittel, das Ammoniumperchlorat, stellt in ganz Russland nur ein Werk her, Anosit in Kuibyschew in der Region Nowosibirsk. Im Januar 2026 kamen dort nur 4 Stoffe in größerer Menge an. 2 davon waren Salzsäure und Ammoniak. Die anderen beiden waren Natronlauge und Natriumchlorat. Das Natriumchlorat, Ausgangspunkt der ganzen Kette, bezog Anosit allein aus einem einzigen Betrieb, dem Chlorwerk des Zellstoff- und Papierkombinats der Ilim-Gruppe in Bratsk. 1.600 Tonnen Chlorat gingen im untersuchten Zeitraum dorthin. So wurde eine Papierfabrik, die eigentlich Zellstoff bleicht, unmittelbar zum Zulieferer der Raketen.
Anosit produzierte in den 7 Monaten 4.200 Tonnen Ammoniumperchlorat. Der größte Teil, 3.300 Tonnen, ging an das Pulverwerk Perm, der Rest an das Kombinat Kamenski. Von dort führt die Spur zu fast allem, was in Russlands Arsenal einen Feststoffmotor trägt.

Der Treibstoff steckt in der Rakete 57E6E des Flugabwehrsystems Pantsir-S1 und in den Waffen des Systems Buk. Er treibt die S-300 und die S-400. Er sitzt in der Iskander-M und in der Kinschal. Auch die Oniks nutzt ihn. Und er reicht bis zu den Interkontinentalraketen. Topol und Bulawa gehören dazu. Auch die Jars zählt zu ihnen.
Wo die Gleise enden, stehen 4 Arten von Bahnhöfen. Jene, die eindeutig das Militär versorgen, schlugen 64.000 Tonnen Sprengstoff und Munition um. Die größte Menge trifft am Bahnhof Kawkas ein, von wo Fähren sie auf die Krim bringen. Die schwer zuzuordnenden Stationen glichen sich fast aus, ihr Nettoumschlag lag bei rund 1.000 Tonnen.
Die Militärdepots, anhand von Google Maps zuverlässig identifiziert, verschickten 182.000 Tonnen Munition und erhielten 189.000 Tonnen. Ihr Plus von 7.000 Tonnen fällt gering aus, weist aber zumindest in eine Richtung: Die erfassten Bestände wachsen. Der Bergbau bezog etwa 14.000 Tonnen, kaum mehr als in Friedenszeiten. Rund 4.000 Tonnen gingen nach Belarus, während sich der Handel mit Kasachstan und Aserbaidschan gegenseitig aufhob.
Das Bild, das die Waggons zeichnen, ist zwiespältig. Die großen Ketten für Schießpulver und Sprengstoff hängen nicht am Import, wohl aber an wenigen Betrieben, die fast Monopole sind. Alle Salpetersäure der Militärwerke stammt aus Nowomoskowsk und Beresniki. Das TNT kommt aus 3 Werken, das Hexogen inzwischen aus 2. Seit 2020 hat Russland seine Sprengstoffproduktion so ungefähr verdreifacht. Weiter nach oben dürfte vor allem die volle Auslastung der Linien den Weg versperren, zumal ein Großteil der Chemietechnik früher eingeführt wurde. Offenbar liefen die Werke vor dem Großangriff weit unter ihrer möglichen Auslastung, was den Sprung erst erklärt. Und selbst bei diesem Ausstoß bleibt Nordkorea entscheidend. Die 59.000 Tonnen aus dem Fernen Osten entsprechen ungefähr den mindestens 64.000 Tonnen, die an frontnahen Bahnhöfen erfasst wurden. Genau diese Zufuhr erlaubt es Moskau, die eigenen Lager wieder zu füllen.
Die Behauptung des ukrainischen Geheimdienstes, Nordkoreas Vorräte seien erschöpft und Russland auf sich gestellt, trifft die Lage nicht. Bis ins Frühjahr 2026 lief die Belieferung weiter, von Nachodka aus in Richtung Krieg.

Beide Seiten bessern nun sogar die Schwächen ihrer Wege aus. Die erste Straßenbrücke zwischen Russland und Nordkorea soll im September öffnen. Bislang hängt der Landverkehr an einer einzigen Bahnlinie, auf der Fracht wegen unterschiedlicher Standards teils umgeladen werden muss, ein Engpass, den Lastwagen umfahren könnten. Was offiziell Handel und Reisenden dient, öffnet zugleich einen weiteren Weg für Munition und Gerät.

Fast unsichtbar wächst der andere Teil im Land selbst. Satellitenbilder zeigen bei Hamhung an einem Werk für Kurzstreckenraketen eine neue Halle, die man baute und danach in einen Berghang schob. Dort entstehen Raketen der Hwasong-11-Familie, die Russland bereits gegen die Ukraine verschießt. Pjöngjang leert also nicht bloß alte Lager, es baut neue Fertigung und deckt sie gegen Luftangriffe. Aus kurzfristiger Waffenhilfe wird eine Rüstungsachse, die auf Jahre angelegt ist. Noch ehe eine Granate an der Front einschlägt, steht sie längst in einem Frachtbrief.
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