Der erste Anruf kam von einem Journalisten. Michael und Susan Pretti erfuhren am 24. Januar 2026 durch die Presse, dass ihr Sohn Alex in Minneapolis erschossen worden war. Dann sahen sie die Aufnahmen. Ihr 37-jähriger Sohn lag auf der Straße, Bundesbeamte über ihm, Schüsse aus nächster Nähe. Die Bilder verfolgen seine Eltern bis heute. Am 27. Oktober sitzen sie vor Kameras und fordern etwas, das in einem Rechtsstaat keiner öffentlichen Bitte bedürfen sollte: Antworten über die Tötung ihres Kindes. Seit neun Monaten habe niemand aus der Bundesregierung bei ihnen angerufen, sagt Michael Pretti. Für Anschuldigungen gegen den Toten fand die Regierung dagegen sofort Zeit.
Alex Prettis Vater: „Unser Sohn wurde am 24. Januar 2026 von der Regierung erschossen und getötet, von Bundesbeamten der Einwanderungsbehörden. Wir haben aus den Medien von seinem Tod erfahren, als wir sahen, wie ihm mehrfach in den Rücken geschossen wurde, nachdem er einer Frau aus seiner Nachbarschaft geholfen hatte. Alex nahm an keiner Demonstration teil. Seine Hände waren in der Luft, und sein Gesicht lag auf dem Boden, als er von ICE-Beamten hingerichtet wurde. Wir wissen genau, was wir mit eigenen Augen gesehen haben. Niemand aus der Bundesregierung hat uns an diesem Tag angerufen. Aber sie sind vor die Fernsehkameras getreten, um Lügen über Alex zu verbreiten. Seitdem hat uns niemand angerufen. Niemand hat diese Lügen zurückgenommen.“
Alex Pretti arbeitete als Intensivpfleger in einem Veteranenkrankenhaus. Er war amerikanischer Staatsbürger, nicht vorbestraft und hatte nach Darstellung seiner Eltern die Einsätze der Einwanderungsbehörden in seiner Nachbarschaft beobachtet. Sie betonen, er habe friedlich gehandelt und an keiner Demonstration teilgenommen. An jenem Januartag half er laut seinem Vater einer Frau, die von Beamten zu Boden gestoßen worden sei. Pretti trug seine eigene Schusswaffe bei sich. Aufnahmen von Augenzeugen zeigen jedoch ein Mobiltelefon in seiner Hand, unmittelbar bevor Beamte ihn zu Boden brachten und auf ihn schossen. Ein Video, auf dem er in diesen Augenblicken seine Waffe gezogen oder Bundesbeamte angegriffen hätte, ist bislang nicht bekannt. Das ist entscheidend, gerade weil die Regierung nach seinem Tod so viel anderes behauptete.

Kristi Noem, damals Heimatschutzministerin, bezeichnete den Krankenpfleger als inländischen Terroristen, der Bundesbeamten gewaltsam Widerstand geleistet habe. Regierungsvertreter zeichneten das Bild eines bewaffneten Angreifers. Sein Tod war noch kaum öffentlich bekannt, da begann bereits die Verurteilung seines Charakters. „Die Bundesregierung hat sich vor die Fernsehkameras gestellt und über Alex gelogen“, sagt Susan Pretti. „Sie haben versucht, seinen Ruf zu beschmutzen, um ihr Verbrechen zu vertuschen.“ Ihr Sohn konnte nichts mehr entgegnen. Seine Mutter musste es 9 Monate später übernehmen, während die Bilder seiner letzten Sekunden längst um die Welt gegangen waren.
Die tödlichen Schüsse werden dem Grenzschutzbeamten Jesus Ochoa und dem Beamten der Zoll- und Grenzschutzbehörde Raymundo Gutierrez zugeschrieben. Die Eltern verlangen Ermittlungen und strafrechtliche Verantwortung. „Wir wollen den Namen unseres Sohnes reinwaschen“, erklärt Susan Pretti. „Wir wollen, dass die Welt versteht, wer Alex wirklich war. Wir wollen, dass die Mörder unseres Sohnes endlich vor Gericht gestellt werden.“ Sie beschreibt ihren Erstgeborenen als außergewöhnlich fürsorglich. Er habe seine Arbeit mit Veteranen geliebt und Menschen, die andere schikanierten, widersprochen. Seine Eltern seien keine politischen Aktivisten, betont sie. Ein Sohn, der andere Menschen pflegte, wurde auf offener Straße getötet. Anschließend musste seine Familie öffentlich um seinen guten Namen kämpfen.
Das Schweigen hat Namen. US-Justizminister Todd Blanche und der leitende Bundesstaatsanwalt in Minnesota, Dan Rosen, sind Adressaten der Vorwürfe. Michael Pretti berichtet, seine Familie sei bei ihren Versuchen, Auskunft zu erhalten, ignoriert und in die Irre geführt worden. Erst im Juli habe Rosen einem Gespräch zugestimmt. Doch selbst grundlegende Angaben zum Stand der Ermittlungen habe er verweigert, sagen die Eltern und ihr Anwalt Steven Schleicher. Der Jurist wirft dem Justizministerium vor, die im Bundesrecht verankerten Rechte von Verbrechensopfern zu verletzen. Er wandte sich deswegen bereits im Juli schriftlich an Blanche. Ausgerechnet jene Behörden, die Antworten geben müssten, verwalten das Schweigen.
Während die Eltern auf Informationen warten, kämpfen auch die Ermittler Minnesotas um Zugang zu den Beweisen. Generalstaatsanwalt Keith Ellison und Bezirksstaatsanwältin Mary Moriarty verklagten die Trump-Regierung im März, gemeinsam mit Ermittlungsleiter Drew Evans. Gegenstand sind die tödlichen Schüsse auf Pretti und Renee Good sowie der Einsatz gegen Julio Cesar Sosa-Celis, der verletzt überlebte. Bundesstaatsanwälte räumten in Gerichtsunterlagen ein, dass sie die Weitergabe von Beweismitteln an den Bundesstaat eingestellt haben. Minnesota fordert weiterhin die Mobiltelefone der beteiligten Beamten und Aufzeichnungen wichtiger Vernehmungen. Die Trump-Regierung stellt die Zuständigkeit der staatlichen Ermittler infrage. Minnesotas Behörden wiederum erklären, sie vertrauten einer Bundesregierung nicht, die ihre eigenen Beamten untersuche.
Die Staatsanwältin des Hennepin County, Mary Moriarity, hat einen „wichtigen Meilenstein“ bei den Ermittlungen zu den tödlichen Schüssen auf Renee Good und Alex Pretti sowie zur Schussverletzung von Julio Sosa-Celis bekannt gegeben. Die Ermittlungsbehörde BCA verfügt inzwischen über die Festplatten mit zuvor zurückgehaltenem Beweismaterial. Außerdem befindet sich nun auch das Fahrzeug von Renee Good in ihrem Besitz, bevor sie am 7. Januar von ICE-Beamten Jonathan Ross erschossen wurde.
Staatsbedienstete erschießen einen Bürger, und staatliche Ermittler müssen klagen, um überhaupt die Unterlagen sehen zu dürfen. Die Bundesregierung entscheidet darüber, welche Beweise andere Ermittler erhalten. Das Vertrauen, das sie von den Menschen erwartet, verweigert sie den Behörden Minnesotas. Zu den Vorwürfen der Eltern äußerten sich weder Rosens Dienststelle noch das Justizministerium zunächst. Schweigen ist hier längst mehr als die Abwesenheit eines Satzes. Es hält Menschen fern von dem, was über den Tod ihres Angehörigen bekannt ist.
Renee Good war 37 Jahre alt, Mutter und Schriftstellerin. Am 7. Januar erschoss ICE-Beamter Jonathan Ross sie in Minneapolis in ihrem Fahrzeug, während sie und ihre Partnerin Einsätze der Einwanderungsbehörde beobachteten. Ihre Angehörigen reichten am 1. Oktober Klagen gegen die Bundesregierung und Beamte ein, auch wegen des Vorwurfs einer Verschwörung zur Beeinträchtigung von Bürgerrechten. Ihr Bruder Brent Ganger erklärte, das Geschehen widerspreche dem, wofür Amerika stehen sollte. Wenige Tage später, am 8. Oktober, machten auch Angehörige von Silverio Villegas González Ansprüche gegen die Regierung geltend. Der 38-jährige Mexikaner war am 12. September 2025 in Illinois durch einen Einwanderungsbeamten erschossen worden. Seine Familie bezeichnet die Tötung als hinrichtungsartig. Ein Jahr später sei der Schmerz unverändert, erklärten die Angehörigen.

Michael Pretti sagt, er und seine Frau liebten dieses Land und vertrauten seinen Institutionen. Sie glaubten an die Rechtsstaatlichkeit. Gerade diese Worte machen die Pressekonferenz so bitter. Der Vater muss den zuständigen Staatsanwalt auffordern, endlich seine Arbeit zu erledigen und die Männer, die auf Alex geschossen haben, nicht weiter zu schützen. „Bei jedem einzelnen Schritt haben sie uns ignoriert, uns in die Irre geführt und die Mörder von Alex geschützt“, sagt er. Seine Frau nennt die Behandlung durch die Regierung Grausamkeit. Neun Monate nach dem Tod ihres Sohnes haben sie noch immer keinen Anruf aus der Bundesregierung erhalten.
Was Michael Pretti am meisten fehlt, hat mit politischen Ämtern nichts zu tun. Er möchte nach Minneapolis fahren, seinen Sohn besuchen und mit ihm über Autos reden. Vielleicht wandern gehen, vielleicht Fahrrad fahren. Einfach zusammensitzen und sehen, wohin ein Gespräch führt. „Wir wünschten, Alex wäre noch am Leben“, sagt er. „Diese Regierung hat uns das für immer genommen.“ In den Akten geht es um Zuständigkeiten und Beweise. In Colorado sitzen zwei Eltern, denen seit dem 24. Januar niemand ihren Sohn zurückgeben kann. Sie verlangen wenigstens, dass die Wahrheit über seinen Tod nicht ebenfalls unter Verschluss bleibt.
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…das stimmt leider