Lutnick Anhörung zu Epstein: Die Insel, die Erinnerungslücken und die 250 Dokumente

VonRainer Hofmann

Mai 7, 2026

Howard Lutnick saß stundenlang hinter verschlossenen Türen im Ausschuss des Repräsentantenhauses und versuchte zu erklären, warum seine Geschichte über Jeffrey Epstein inzwischen kaum noch mit den freigegebenen Unterlagen und Recherchen übereinstimmen. Der Handelsminister der Vereinigten Staaten, einer der sichtbarsten Männer in Donald Trumps Kabinett, wurde am Mittwoch von Abgeordneten des House Oversight Committee zu seinen Kontakten mit dem verstorbenen Sexualstraftäter befragt. Am Ende verließen mehrere Demokraten den Raum mit dem Vorwurf, Lutnick habe gelogen, Fragen umgangen und sich in Widersprüche verstrickt.

Lutnick auf dem Weg zur Anhörung

Siehe auch unsere Recherchen: Recherchen zeigen auf: US-Handelsminister Howard Lutnick log: Sechs Jahre Geschäfte mit Epstein

US-Handelsminister: Vorladung fast sicher – Lutnick rückt im Epstein-Komplex ins Zentrum des Kongresses

Der Druck auf Lutnick war in den vergangenen Monaten immer größer geworden. Sein Name taucht laut einer Auswertung in mehr als 250 Dokumenten der Epstein-Akten auf, die vom Justizministerium veröffentlicht wurden. Besonders brisant war dabei nicht nur die Anzahl der Erwähnungen, sondern die Tatsache, dass mehrere Unterlagen früheren Aussagen Lutnicks widersprechen.

Über Jahre hatte Lutnick öffentlich erklärt, er habe nach einem Treffen mit Epstein im Jahr 2005 keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. In einem Podcast sagte er noch im vergangenen Jahr, seine Frau und er hätten damals beschlossen, niemals wieder mit Epstein in einem Raum zu sein. Epstein habe während einer Führung durch sein Haus sexuelle Geschichten erzählt, die beide abgestoßen hätten. „Meine Frau und ich entschieden, dass ich nie wieder mit diesem widerlichen Menschen in einem Raum sein werde“, sagte Lutnick damals.

Die inzwischen veröffentlichten Unterlagen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Dokumente des Justizministeriums zeigen, dass Lutnick 2012 gemeinsam mit seiner Familie Epsteins Privatinsel Little St. James besuchte – vier Jahre nachdem Epstein sich in Florida schuldig bekannt hatte, Minderjährige zur Prostitution angeworben zu haben. Laut Aussagen im Ausschuss reiste Lutnick damals nicht allein. Mit an Bord waren seine Frau, seine Kinder, mehrere Nannys sowie eine weitere Familie. Genau diese Reise wurde am Mittwoch zu einem der zentralen Punkte der Anhörung. Auch unsere Recherchen widerlegen faktisch jede Aussage von Lutnick.

Lutnick erklärte laut mehreren Teilnehmern der Sitzung, er habe Epstein insgesamt nur dreimal getroffen. Einmal für Kaffee und eine Hausführung in New York, nachdem beide Nachbarn auf der Upper East Side geworden waren. Ein weiteres Mal auf Epsteins Insel. Und ein drittes Mal wegen eines Bauprojekts an Epsteins Haus, das Auswirkungen auf sein eigenes Grundstück gehabt habe.

Doch genau diese Darstellung überzeugte viele Abgeordnete nicht mehr. Die demokratische Abgeordnete Yassamin Ansari erklärte nach der Sitzung, Lutnick habe seine Kontakte zu Epstein immer wieder als „bedeutungslos und belanglos“ dargestellt. Gleichzeitig habe er aber nicht erklären können, warum er Jahre nach Epsteins Verurteilung freiwillig dessen Insel besucht habe – obwohl er angeblich bereits 2005 von Epstein abgestoßen gewesen sei.

Yassamin Ansari

Besonders scharf wurde Ansari später vor Journalisten. Nach allem, was sie in der Anhörung gesehen habe, fühle sie sich „sehr wohl dabei“, Howard Lutnick als „pathologischen Lügner“ zu bezeichnen, der an „der schlimmsten Vertuschung der amerikanischen Geschichte“ mitwirke. Sie schilderte, wie Lutnick versucht habe zu behaupten, er habe damals praktisch nichts über Epstein gewusst. Ansari hielt dagegen, dass selbst sie als Kind damals überall Berichte über Epstein gesehen habe. Wie könne ein erwachsener Nachbar Epsteins, der zuvor bereits mit ihm Kontakt gehabt habe, angeblich nichts davon gewusst haben?

Auch der demokratische Abgeordnete Suhas Subramanyam ging Lutnick frontal an. Dieser sei „ausweichend, nervös und unehrlich“ gewesen. Besonders absurd sei gewesen, wie Lutnick versuchte, frühere Aussagen umzudeuten. Einerseits habe er behauptet, nie wieder mit Epstein „in einem Raum“ gewesen zu sein. Andererseits räumte er nun selbst ein, mit ihm auf der Insel gewesen zu sein. Subramanyam sagte später sarkastisch, er habe Lutnick zwischenzeitlich fragen müssen, ob beide gerade überhaupt im selben Raum säßen, weil dessen Definition offenbar völlig beliebig geworden sei.

Subramanyam: „Wir haben Lutnick immer wieder gefragt, warum er auf die Insel gefahren ist. Er sagt, er könne sich nicht erinnern …“

Mehrere Demokraten kritisierten außerdem, dass die Sitzung nicht auf Video aufgezeichnet wurde. Das Protokoll soll zwar veröffentlicht werden, doch Kameras waren nicht zugelassen. Ausgerechnet bei einem Verfahren, das sich um Glaubwürdigkeit, Körpersprache und Erinnerungslücken dreht, blieb der Öffentlichkeit damit nur eine schriftliche Mitschrift. Der republikanische Ausschussvorsitzende James Comer verteidigte die Entscheidung mit dem Hinweis, Lutnick habe freiwillig ausgesagt. Wer freiwillig erscheine, müsse nicht zwingend gefilmt werden.

Für viele Demokraten war genau das Teil des Problems. Der Abgeordnete Ro Khanna erklärte nach der Sitzung, nun wisse man auch, warum dieses Interview nicht aufgezeichnet worden sei. Hätte Donald Trump die Bilder gesehen, hätte er Howard Lutnick wahrscheinlich sofort entlassen. Auch Yassamin Ansari sprach offen von einer Situation, die ohne Video „unglaublich“ gewesen sei.

Rep. Khanna: „Jetzt wissen wir auch, warum dieses Interview mit Lutnick nicht auf Video aufgezeichnet wurde. Es war wirklich peinlich. Jeder weiß, dass er 2012 seine Frau und seine Kinder zu Epstein gebracht hat, und trotzdem bestand das Ganze nur aus Verrenkungen, Ausflüchten und Lügen – ohne irgendein Eingeständnis, dass er die Öffentlichkeit in die Irre geführt hat.“

Comer selbst versuchte hingegen, Lutnick zu schützen. Nach republikanischen Fragerunden erklärte er vor Journalisten, er halte Lutnicks Kontakte zu Epstein für vergleichsweise unsubstanziell. Drei Treffen über zehn Jahre hinweg seien nicht besonders außergewöhnlich. Lutnick sei „offen“ gewesen.

Doch genau diese Darstellung kollidiert erneut mit den veröffentlichten Dokumenten. Diese legen nahe, dass es auch nach 2005 weitere Kontakte gegeben haben könnte. Unterlagen deuten auf Begegnungen im Jahr 2011 hin. Zudem investierten beide offenbar in dieselbe private Firma und hatten Kontakt wegen Nachbarschafts- und Wohltätigkeitsthemen. Selbst Epsteins Interesse an einer ehemaligen Nanny der Familie Lutnick taucht in den Akten auf. Laut den Dokumenten ließ Epstein sich 2013 ihren Lebenslauf zuschicken.

Howard Lutnick ist damit der erste aktive Minister aus Donald Trumps Regierung, der wegen der Epstein-Affäre offiziell vor dem Ausschuss aussagte. Weitere Befragungen dürften folgen. Bereits jetzt wurde auch Pam Bondi vorgeladen, die Trump erst vor wenigen Wochen als Justizministerin entlassen hatte. Ihre Aussage ist für Ende Mai geplant.

Die eigentliche politische Gefahr für das Weiße Haus liegt inzwischen nicht mehr nur in den alten Akten selbst. Immer stärker entsteht der Eindruck, dass zentrale Figuren aus Trumps Umfeld ihre früheren Aussagen Stück für Stück korrigieren müssen, sobald neue Dokumente auftauchen. Genau das machte die Anhörung mit Howard Lutnick so explosiv. Nicht die bloße Bekanntschaft mit Jeffrey Epstein stand am Mittwoch im Mittelpunkt. Sondern die Frage, warum sich die Geschichten darüber ständig verändern.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut.

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen — und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x