„Herr, sende mich“: Hegseth ruft in Quantico zum himmlischen Kampf gegen Kommunisten, Rotröcke, Medien und Islamisten

VonTEAM KAIZEN BLOG

1. Oktober 2026

Vor den aufgereihten Soldaten des Marinestützpunkts Quantico stand am Mittwoch ein Mann und sprach über Testosteron. Pete Hegseth, an der Spitze eines Hauses, das unter dieser Regierung wieder offiziell Kriegsministerium heißt, hielt eine Ansprache, die er „Lage der Streitkräfte“ nannte. Den Ton dazu lieh er sich bei einem Sektenführer, der sein Publikum längst verloren hat. Alte Parolen, neu gemischt, vorgetragen wie ein einstudierter Auftritt. Der Saal blieb still. Wer die Aufnahmen sieht, erkennt kein Mitreißen, nur Dienst nach Vorschrift. Dass ein solcher Auftritt an der Spitze der mächtigsten Streitmacht der Welt möglich ist, sagt mehr über den Zustand dieser Regierung als jede Analyse von außen.

Er begann mit dem, was er für seinen größten Erfolg hält, der Entlassung altgedienter Generäle. Die Generäle hätten die Botschaft verstanden, sagte Hegseth. Wer positiv reagiert habe, führe nun fokussiertere und diszipliniertere Verbände. Und die anderen? Jene, die am „woken“ Ministerium festgehalten oder die zivile Kontrolle über das Militär für einen bloßen Vorschlag gehalten hätten, arbeiteten eben nicht mehr dort. Der Satz klingt beiläufig, bis man ihn zu Ende denkt. Der Eid eines amerikanischen Offiziers gilt der Verfassung, nicht der Person des Ministers. Hegseth dreht dieses Verhältnis um. Treue zur Verfassung wird zum Kündigungsgrund, Gefolgschaft zur Beförderungsgrundlage. Ein Heer, das nach diesem Maßstab umgebaut wird, verliert genau die Offiziere, die im Ernstfall widersprechen könnten.

„Es lohnt sich, das noch einmal zu sagen, damit es auch die Fake News verstehen. Wir sind nicht länger die woke Abteilung oder die schwache Abteilung. Einfach übersetzt heißt das: keine Dicken, keine Transen, keine Bärtigen, keine Freaks, keine Weicheier, keine Radikalen. Nur Krieger.“

Dann kam die Passage, die er selbst für den Höhepunkt hielt. Man sei nicht länger das „woke“ und nicht das „schwache“ Ministerium, sagte er, und schob die Übersetzung gleich nach. „No fatties, no trannies, no beardos, no weirdos“, ein Spruch, den er schon mehrfach benutzt hat und der einen transfeindlichen Schmähbegriff trägt. „No wimps, no radicals. Just warriors.“ Die „ideologischen Clowns“ seien draußen, die „patriotischen Cowboys“ drin, im Wortlaut, „mit Testosterontests obendrauf“. So beschreibt der oberste Vorgesetzte von über einer Million Soldaten seine Personalpolitik, in der Sprache einer Umkleidekabine. Testosterontests als Einstellungskriterium hat er dabei nicht als Scherz vorgetragen, er hat sie als Politik angekündigt. Die Stärke einer Armee lag nie in Hormonwerten. Sie lag im Urteil der Menschen, die sie tragen.

Von dort war es nur ein kurzer Weg zur Presse, der er selbst einmal angehörte. Die „sogenannte Presse“ lasse das iranische Staatsfernsehen vernünftig wirken, sagte Hegseth. Reporter, aufgeputscht vom „Trump-Derangement-Syndrom“, bildeten sich ein, gegen den Präsidenten zu kämpfen, in Wahrheit untergrüben sie die eigenen Soldaten. Ein Minister, der die freie Presse seines Landes unter das Niveau einer Diktatur stellt, verrät damit, wovon er selbst träumt. Die Berichterstatter des eigenen Landes zu Handlangern eines erfundenen Syndroms zu erklären, bereitet den Boden, auf dem jede kritische Frage als Verrat gilt.

Es blieb nicht bei der Rede. Hegseth kündigte „Project Meridian“ an, eine groß angelegte Untersuchung über die „Zukunft der Kriegsführung“, eingebettet in einen Umbau des Pentagons, der autonome Waffensysteme und neue Technik tiefer ins Militär ziehen soll. Geleitet wird das Vorhaben von Elon Musk und Newt Gingrich, dazu tritt der Rüstungsunternehmer Palmer Luckey. Die Zukunft der amerikanischen Streitkräfte, Kampfdrohnen und selbststeuernde Systeme eingeschlossen, legt der Kriegsminister damit in die Hände eines Milliardärs und eines Politrentners aus den neunziger Jahren. Luckey, der Dritte im Bunde, verdient am Geschäft mit ebendieser Technik. Für das, was hier entsteht, ist das Wort Interessenkonflikt zu klein. Keiner der drei wurde je gewählt oder vom Senat bestätigt. Uniform trägt ebenfalls keiner. Über die Richtung, in die sich tödliche Technik entwickelt, bestimmen damit Männer, die niemandem Rechenschaft schulden außer dem Minister, der sie geholt hat.

„Heute richte ich auf meine Weisung hin das Büro für Religionsangelegenheiten ein. Es wird direkt an die Spitze berichten – mit einer direkten Verbindung zum Minister … wie es in Psalm 33,12 heißt: Gesegnet ist die Nation, deren Gott der Herr ist.“

Der nächste Schlag war ein neues Amt. Hegseth richtete ein „Büro für Religionsangelegenheiten“ ein, das ihm ohne Zwischenstufe unterstehen soll. „Ab heute, und für die Kriegsminister nach mir, wird das Büro für Religionsangelegenheiten direkt an die Spitze berichten“, sagte er den Soldaten. Kein Stab solle die Seelsorge noch vom Minister trennen, versprach er, eine Leitung schnurstracks nach oben. Papier schieben werde dort niemand. Zur Begründung die Zahlen: Weniger als 5 Prozent der Truppe bezeichneten sich als nicht religiös, 95 Prozent erkannten einen allmächtigen Gott an, also trage sein Ministerium eine „heilige Pflicht“, die Seelsorge an die Spitze zu holen. Die Verfassung der Vereinigten Staaten trennt Staat und Kirche aus guten Gründen. Ein Ministerium, das den Glauben seiner Soldaten zählt und bewertet, nähert sich einer Linie, hinter der aus Seelsorge Gesinnungskontrolle wird.

Die Prozentsätze wechseln, je nachdem, was sie gerade stützen sollen. Im März hatte Hegseth noch von 82 Prozent religiösen Soldaten gesprochen, als er die anerkannten Glaubenscodes von über 200 auf 31 zusammenstrich. Das alte System sei unpraktisch und unbrauchbar gewesen, viele Codes nie benutzt, die große Mehrheit habe ohnehin nur 6 davon verwendet. Als die neue Liste öffentlich wurde, fehlte den Mormonen das Etikett „christlich“. Erst nachdem 2 republikanische Senatoren aus Utah, John Curtis und Mike Lee, protestiert hatten, ruderte das Pentagon zurück und ordnete die Kirche wieder unter das Christentum ein. Ein Ministerium, das über die Seele seiner Soldaten Buch führt, wusste zunächst nicht einmal, wen es als Christen zählt.

Zur verkündeten Frömmigkeit passt die Praxis. Im April entließ Hegseth den Chef der Militärseelsorge, Generalmajor William Green Jr., am selben Tag wie den Generalstabschef des Heeres, General Randy George. Green hatte das Amt 2023 übernommen, 4 Jahre waren vorgesehen, bis 2027. Der Mann, der nun ein eigenes Büro für den Glauben gründet, hatte zuvor den obersten Geistlichen der Armee vor die Tür gesetzt. Erst entmachtet er die Seelsorge, dann feiert er sie als Chefsache, und der Widerspruch darin scheint ihm nicht aufzufallen.

„Herr, hier bin ich. Sende mich. Sende mich, um gegen die Rotröcke zu kämpfen, sende mich, um gegen die Kommunisten zu kämpfen, sende mich, um gegen die Islamisten zu kämpfen. Sende mich.“

Zum Schluss griff er zur Bibel. Psalm 33, Vers 12, „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist“. Vor 250 Jahren habe man einen irdischen König abgelehnt, einen Ozean entfernt, und sich stattdessen an einen himmlischen König gewandt. Dann ein Vers aus dem sechsten Kapitel des Buches Jesaja, den er zu einem Schlachtruf umbog. „Hier bin ich, sende mich. Sende mich gegen die Rotröcke, sende mich gegen die Kommunisten, sende mich gegen die Islamisten. Sende mich.“ Ein Kriegsminister, der im Jahr 2026 noch gegen Rotröcke in den Krieg ziehen will, hat die Gegenwart mit einem Historienfilm verwechselt.

Was an diesem Mittwoch verkündet wurde, war der Irrsinn in Reinkultur. Ein Mann mit Zugriff auf das größte Waffenarsenal der Erde entlässt Generäle für ihre Treue zur Verfassung. Er kürzt die militärische Führung um weitere 20 Prozent. Er stellt die eigene Presse unter das Niveau Teherans und das Seelenheil seiner Soldaten unter seine persönliche Aufsicht. Hegseth hat sich an diesem Tag selbst gesendet, gegen Rotröcke und gegen Gespenster, die nur er sieht. Ein Mann, der sich dem Himmel direkt unterstellt, muss irdische Einwände nicht mehr fürchten.

Ein Tag im September. Ein Tag, an dem ein Kriegsminister die Wirklichkeit verlassen hat und die Tür hinter sich zuzog. Und doch müssen wir ihm nach, müssen ihn zurückholen aus dem Land der Rotröcke und der himmlischen Befehlsketten, in das er ausgewandert ist. Er weiß seit langem nicht mehr, was er tut. Schlimmer ist, dass auch wir es nicht mehr wissen. Ein ganzer Apparat schaut einem Mann hinterher, der sich für einen Propheten hält, und findet nicht mehr heraus, wer hier noch bei Verstand ist.

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12 Comments
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Esther Portmann
Esther Portmann
11 Tage vor

Tiefes Mittelalter….es erinnert mich an die Kreuzzüge.

Rainer Hofmann
Administrator
11 Tage vor
Antwort auf  Esther Portmann

… ja, der Abend war denkwürdig, aber er hat jetzt die gesamte Presse gegen sich als Feind gemacht. Das wird ihm den Kopf kosten.

Esther Portmann
Esther Portmann
11 Tage vor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Das hoff ich doch sehr….

Rainer Hofmann
Administrator
11 Tage vor
Antwort auf  Esther Portmann

 👍 

Muras R.
Muras R.
11 Tage vor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Hoffentlich war dieser Auftritt jetzt „the straw that broke the camel’s back“

Rainer Hofmann
Administrator
11 Tage vor
Antwort auf  Muras R.

… davon gehen wir aus und medial wird er richtig feuer bekommen

Muras R.
Muras R.
10 Tage vor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Eine Frage habe ich noch dazu: wer, um Himmels Willen 🙄schreibt dem Mann solche Reden? KI 🤔

Rainer Hofmann
Administrator
10 Tage vor
Antwort auf  Muras R.
Ela Gatto
10 Tage vor
Antwort auf  Rainer Hofmann

Das ist zu hoffen

Rainer Hofmann
Administrator
10 Tage vor
Antwort auf  Ela Gatto

… ja, aber hegseth hat sich nun mit zu vielen medien angelegt und das gibt ein echo

Irene Monreal
Irene Monreal
11 Tage vor

Wir wissen zwar nicht „wer hier noch bei Verstand ist“, aber wir wissen, wer es definitiv nicht ist.
Wie konnte das nur passieren? In einem Land der Einwanderer, der Vielfalt?
Meine einzige Erklärung sind Minderwertigkeitsgefühle aus der Tatsache heraus, eben nie ein homogenes Volk gewesen zu sein und zudem lähmend klebenden Dreck (man könnte das auch Gewissen nennen) unter den Füssen mitzuschleppen, was die Vertreibung/Vernichtung des indigenen Urvolkes und das Einschleppen, sprich, die Versklavung von Afrikanern betrifft.
Der Mensch, der sich seiner Vergangenheit nicht stellt, wird aggressiv, wenn ihn jemand daran erinnert. Deshalb auch die Fixierung darauf, alles zu beseitigen, was ihm den Spiegel vorhält. Und das ausschließlich mit Macht und zerstörerischer Gewalt, denn Argumente haben diese Irren nicht.

Rainer Hofmann
Administrator
11 Tage vor
Antwort auf  Irene Monreal

… hegseth war immer schon durchgeknallt, alleine ihn die position zu setzen zeigt, auf was es trump ankam, bzw eben nicht

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