Minneapolis (KB) – Ein Haftbefehl ist Papier, bis jemand bereit ist, ihm staatliche Gewalt zu geben. Minnesota wollte Christian Castro seit Monaten vor Gericht sehen. Der texanische Gouverneur Greg Abbott verweigerte die Auslieferung. Castro kam wieder frei. Am Mittwoch endete dieses Kapitel in der Innenstadt von Minneapolis: Beamte des Minnesota Bureau of Criminal Apprehension nahmen den ICE-Beamten auf Grundlage des weiter bestehenden Haftbefehls fest. Am Donnerstag saß er ohne Kaution im Hennepin County Jail und wartete auf seinen Termin vor einem Gericht des Bundesstaates.
Der Fall führt zurück in den Januar und mitten in Operation Metro Surge, den massiven Einwanderungseinsatz der Regierung von Präsident Donald Trump im Raum Minneapolis und Saint Paul. Dabei wurde der 24-jährige Venezolaner Julio Cesar Sosa-Celis am Bein angeschossen. Die Staatsanwaltschaft wirft Castro vor, er habe durch die Eingangstür eines Hauses gefeuert und Sosa-Celis getroffen. Danach habe er Ermittlern erzählt, Männer hätten ihn mit einem Besenstiel und einer Schneeschaufel angegriffen, bevor er seine Waffe abgefeuert habe.

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Aus dem Schuss entstanden zwei Strafverfahren. Der Bundesstaat Minnesota wirft Castro Körperverletzung sowie die falsche Anzeige einer Straftat vor. Auf Bundesebene ist er wegen Falschaussagen gegenüber Ermittlern angeklagt. Seine Verteidiger im Bundesverfahren erklärten, Castro werde auf nicht schuldig plädieren. Daniel Gerdts, der in den Gerichtsakten als sein Verteidiger im Verfahren Minnesotas geführt wird, reagierte am Donnerstag zunächst weder auf telefonische Anfragen noch auf E-Mails. Die beiden Verfahren betrachten denselben Vorgang aus verschiedenen Richtungen. Minnesota verfolgt die Vorwürfe rund um den Schuss an der Haustür und die angeblich falsche Anzeige. Der Bund befasst sich mit Castros Aussagen gegenüber den Ermittlern zu diesem Schuss. Damit stehen dieselben Minuten aus dem Januar in zwei Gerichtssystemen, während die Frage der Zuständigkeit zwischen Minnesota und der Bundesregierung seit Monaten umkämpft ist.
Die Reihenfolge erklärt diesen Streit. Minnesota hatte Castro bereits Monate vor seiner Anklage durch den Bund beschuldigt. Im Mai wurde er in Texas wegen der Vorwürfe aus Minnesota festgenommen. Dann verweigerte Abbott im August seine Unterschrift unter den Auslieferungsbefehl. Castro wurde freigelassen. Kurz darauf folgte die Anklage auf Bundesebene. Er stellte sich den Bundesbehörden und kehrte anschließend aus eigener Entscheidung nach Minnesota zurück. Dort wartete der alte Haftbefehl weiterhin auf ihn.
Am Mittwoch griff das Minnesota Bureau of Criminal Apprehension in Minneapolis zu, bevor Castro zu einem gesonderten Termin im Bundesverfahren erscheinen sollte. Für Donnerstag war die Anhörung vor dem Gericht Minnesotas vorgesehen. Für Freitag ist Castros Termin vor dem U.S. District Court in Minneapolis angesetzt. Der Schuss beschäftigt damit zwei Gerichtssysteme, und zwischen beiden liegt ein Streit, der längst bis nach Washington reicht.
Das Department of Homeland Security erklärte, die Strafverfolgung durch Minnesota sei rechtswidrig und lediglich ein politisches Manöver. Für ein Verfahren gegen Castro seien allein Bundesbehörden zuständig. Minnesota hält an seinen Anklagen fest. Monatelang standen sich damit unterschiedliche Vorstellungen staatlicher Zuständigkeit gegenüber, während der Mann im Mittelpunkt des Falls zeitweise in Texas saß und schließlich wieder freikam. Recht hat Grenzen auf Landkarten. Ob ein Abzeichen diese Grenzen überragt, entscheiden jetzt Gerichte.
Auch das Bundesverfahren trägt eigenes Gewicht. Castros Anklage ist die 1. Strafverfolgung des Justizministeriums gegen einen Bundesbeamten wegen Handlungen während Operation Metro Surge. Der Einsatz brachte Tausende Bundesbeamte in den Großraum Minneapolis und Saint Paul. Es kam zu massiven Protesten und zahlreichen Festnahmen. 2 US-Bürger wurden bei getrennten Einsätzen von Bundesbeamten erschossen. Castros Fall betrifft einen nicht tödlichen Schuss, doch er steht in derselben Periode einer Einwanderungsoperation, deren Folgen längst Gerichte beschäftigen.


Die Staatsanwaltschaft zeichnet dabei ein schlichtes Bild des Januarabends: Castro habe durch eine Haustür geschossen und Sosa-Celis am Bein verletzt. Anschließend habe er gegenüber Ermittlern den Angriff mit Besenstiel und Schneeschaufel geschildert. Ob diese Angaben strafbar falsch waren und wie der Schuss rechtlich zu bewerten ist, müssen die jeweiligen Gerichte entscheiden. Für Castro gilt die Unschuldsvermutung.
Minnesota musste dafür einen langen Umweg nehmen. Erst die Anklage, dann die Festnahme in Texas. Danach Abbotts Weigerung und Castros Freilassung. Nun sitzt der ICE-Beamte wieder in Haft, diesmal dort, wo das Verfahren gegen ihn begonnen hat. Ein Haftbefehl kann an einer Grenze hängen bleiben. Verschwinden muss er deshalb noch lange nicht.
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