Am Freitagabend trat Donald Trump in Syracuse im Bundesstaat New York vor rund 2.500 Anhänger, die das Kongresszentrum Oncenter füllten. Mehr als eine Stunde und 20 Minuten redete er, und das meiste davon war Abrechnung. Er beschimpfte die Demokraten des Staates und zeichnete ein düsteres Bild jenes New York, das er selbst längst gegen Florida eingetauscht hat. Eine Ansprache über das, was er vorhat, wurde es nicht. Es wurde eine Liste dessen, was ihn ärgert.
„Radikale Dumokraten haben New York zu einer nationalen Blamage gemacht: hohe Kosten, hohe Kriminalität, massive Korruption und kommunistische Politiker, die Arbeitsplätze, Unternehmen und Wohlstand aus dem Bundesstaat New York vertreiben. Unter der Herrschaft der Dumokraten hat New York: die höchsten Steuern im ganzen Land. Das schlechteste Geschäftsklima im ganzen Land. Die höchste Obdachlosigkeit im ganzen Land. Und MEHR Menschen verlassen New York als jeden anderen Bundesstaat Amerikas.“
Fact-check: Trump hämmert acht Vorwürfe raus. Bei zwei hat er Substanz, beim Rest wird aus Wahlkampfrethorik eine angebliche Statistik. New York ist steuerlich teuer und liegt 2026 im Steuerwettbewerbsindex tatsächlich auf Platz 50. Auch Korruption ist kein erfundenes Thema: 2024 flog bei der New Yorker Wohnungsbehörde NYCHA ein Bestechungskomplex mit 70 Beschäftigten auf, unter dem damaligen demokratischen Bürgermeister Eric Adams. Bei Korruptionsvorfällen liegen die Republikaner jedoch weit vor den Demokraten. Bei der Kriminalität passt Trumps Bild nicht zu den jüngsten New Yorker Zahlen, die bei Morden und Schießereien deutlich gefallen sind. „Kommunistische Politiker“? Auch das ist erfunden. Mamdani nennt sich demokratischer Sozialist. Trump macht daraus Kommunismus, weil sich das auf einer Bühne härter verkauft. Und „mehr Menschen verlassen New York als jeden anderen Staat“ ist ebenfalls falsch. Trump nimmt hohe Steuern und einen älteren Korruptionsfall und hängt daran eine ganze Kette von Behauptungen, die keiner Überprüfung standhalten.
Trump bezeichnet Generalstaatsanwältin Letitia James als „widerlichen Hund“.
Gouverneurin Kathy Hochul bekam ihr Fett weg, für ihre Einwanderungs- und Energiepolitik. Generalstaatsanwältin Letitia James nannte er einen „Hund“, gleich mehrfach, und riet den New Yorkern, den beiden Frauen am Wahltag zuzurufen, sie seien gefeuert und sollten verschwinden. Dazu wiederholte er die falsche Behauptung, die Demokraten betrögen bei Wahlen. Ein Präsident, der vom Rednerpult herab Gegnerinnen als Tiere bezeichnet, hat den Ton längst festgelegt, in dem seine Anhänger über das Land reden.
Trump: „Ich habe Grönland bekommen. Ich hoffe, ihr seid damit glücklich. Erinnert ihr euch? Alle haben gesagt: ‚Oh, das wird er niemals bekommen.‘ Wir haben es bekommen, und zwar zum richtigen Preis.“
Fact-check: Trumps Satz ist schlicht falsch. Die USA haben Grönland nicht gekauft, nicht übernommen und nicht annektiert. Grönland gehört weiterhin zum Königreich Dänemark und bleibt politisch selbstverwaltet. Was Trump tatsächlich bekommen hat, sind weitergehende militärische Zugangs- und Nutzungsrechte. Aus einem Abkommen über Basen und militärische Präsenz macht er auf der Bühne kurzerhand: „Ich habe Grönland bekommen.“ Hat er nicht. Auch „zum richtigen Preis“ ist großspurig bis zur Groteske. Einen Kaufpreis für Grönland gibt es nicht, weil Grönland gar nicht verkauft wurde. Trump verkauft Militärrechte als Landkauf. Das ist keine Zuspitzung mehr, das ist sachlich falsch.
Vieles von dem, was er sich gutschrieb, gehörte ihm nicht. Trump beanspruchte den Plan des Chipherstellers Micron, 100 Milliarden Dollar in bis zu vier Halbleiterwerke im Ort Clay zu stecken, und behauptete, seine Zölle hätten das Unternehmen angelockt. In Wahrheit wählte Micron die Region Zentral-New York schon 2022 unter Joe Biden, angezogen von einem Fördergesetz der Demokraten und von Steuervorteilen des Staates. Der Mann erntet, wo ein anderer gesät hat, und nennt es seinen Verdienst. So wird aus einer Entscheidung, die unter seinem Vorgänger fiel, ein Triumph von heute, und niemand im Saal hält ihm die Jahreszahl entgegen.
Auch über die Interstate 81 log er. Hochul habe den auf Pfeilern verlaufenden Abschnitt „zerstört“, weil sie die Straße für rassistisch erklärt und den Verkehr mitten in die Stadt umgeleitet habe. Tatsächlich hatten Ingenieure befunden, die in den 1960ern gebaute Trasse sei am Ende ihrer Lebensdauer und müsse weichen. Hochul billigte einen von der Stadt getragenen Plan, an ihrer Stelle einen ebenerdigen Boulevard zu bauen und ein schwarzes Viertel wieder anzubinden, das die Schneise einst zerteilt hatte. Mit seinem Rassismus macht er Wahlwerbung. Das sagt bereits alles.
Durfte nicht fehlen: Mike Tyson flog mit der Air Force One ein und sagte der Menge: „ES GIBT KEINE CHANCE AUF DER WELT, DASS ICH HIER WÄRE, WENN ES NICHT EINEN PRÄSIDENTEN WIE DONALD TRUMP GÄBE.“
Trumps Antwort: „ICH WILL NICHT GEGEN IHN KÄMPFEN.“


Beim Strom wurde es vollends beliebig. Käme sein Mann Bruce Blakeman ins Amt, werde er die Stromrechnungen „um 70, 80 und 90 Prozent“ senken, das sei keine Vorhersage, das sei eine Tatsache. Wenig später, gegen Ende, waren es „50 bis 75 Prozent“, dazu die „größte Steuersenkung für den Mittelstand in der Geschichte des Staates“. Eine Zahl, die im selben Auftritt mehrfach wechselt, ist keine Glaubwürdigkeit mehr, sie ist ein Gefühl, das man dem MAGA-Saal ins Gesicht wirft.
Bruce Blakeman griff in Syracuse vor allem Kathy Hochul und die Demokraten frontal an. Er versprach niedrigere Steuern und Stromrechnungen und forderte, Migranten ohne legalen Status abzuschieben, die Mord, Einbruch, Vergewaltigung, Raub oder Drogenhandel begingen. Hochul nannte er „Clueless Kathy“, also etwa „ahnungslose Kathy“. Besonders hart attackierte er eine frühere Äußerung Hochuls, wonach schwarze Kinder in New York angeblich nicht wüssten, was ein Computer sei.
Blakeman nannte das „widerlich“ und sagte, jeder 12-jährige schwarze Junge in New York wisse mehr über Computer als Hochul. Außerdem warf er ihr vor, Menschen im Norden des Bundesstaats für nicht gebildet genug zu halten, wichtige Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen. Zum Schluss machte er aus der Rede einen offenen Mobilisierungsaufruf für die Republikaner: Trump wählen, die republikanische Mehrheit im Kongress sichern, mehr Republikaner in den Staatssenat und die Assembly bringen. Seine schärfste politische Botschaft lautete: Immer mehr langjährige Demokraten würden zu den Republikanern wechseln, weil ihre Partei sie nicht mehr vertrete. Dann der Satz, auf den alles zulief: „Sie hassen Amerika, und wir lieben Amerika. Und wir lieben Donald J. Trump.“
Fact-check: Blakeman lieferte keine politische Rede, sondern eine Mischung aus Beschimpfung, Angst und Parteipropaganda. Aus Hochuls ungeschicktem Satz über schwarze Kinder machte er eine Demütigungsnummer, Migranten wurden in einem Atemzug mit Mord, Vergewaltigung und Drogenhandel verbunden, und am Ende erklärte er Demokraten praktisch zu Amerika-Hassern. Das Niveau war entsprechend: Sehr niedrig.
Blakeman, mit 71 Jahren Verwaltungschef des Bezirks Nassau, fordert Hochul als Gouverneur heraus. Es war Trumps dritter Wahlkampfhalt in New York in diesem Jahr und sein erster im Norden, Teil einer Oktober-Rundreise, die seine Anhänger vor den Zwischenwahlen an die Urnen treiben soll. Beim Einzug begrüßte er den Saal vom „schönen Ufer des Lake America“ aus, so hatte er den Ontariosee im August per Dekret umgetauft, mitten im Handelskrieg mit Kanada. Eine Umfrage im Vormonat ergab, dass 75 Prozent der Menschen im Norden des Staates die Umbenennung ablehnen. Kurz darauf erklärte er den New Yorkern, sie säßen auf einigen der größten Ölreserven der Welt und dürften sie nur nicht anrühren. Gemeint war Erdgas, dessen Förderung der Staat untersagt. Wer einen See umbenennt und Öl mit Gas verwechselt, regiert mit dem Zeigefinger auf einer Landkarte, die er nicht liest.

Die Rede sprang von Thema zu Thema, unter anderem von Norwegen zu den Steuern und von der Sozialhilfe zu den „illegalen Ausländern“. Auf die hohen Preise, die seine eigenen Wähler drücken, hatte er nur den Satz übrig, die Preise fielen „ziemlich schnell“. Am lautesten brüllte der Saal, als er gegen „illegale Ausländer“ und gegen die „Verstümmelung“ von Transmenschen wetterte. Der Zorn bekam den Applaus, die Rechnung bekam eine Floskel.

Der Zweck des Abends lag nicht in Syracuse, er lag im November. Weniger als einen Monat vor den Zwischenwahlen zieht Trump durch das Land und ruft seine Leute an die Urnen. Das Mittel dieses Rufs ist der Zorn, nicht ein Versprechen, das sich halten ließe. Je weniger einer zu bieten hat, desto lauter muss der Feind sein, den er zeigt.

Viermal unterbrachen ihn Protester, jeder wurde unter „USA, USA“-Rufen hinausgeführt. Als er von seinem Amtsantritt 2017 sprach, drehte sich eine Frau am Ausgang noch einmal um und zeigte ihm beide Mittelfinger, ehe sie der Menge zuwinkte. Trump nannte die Störer „bezahlt vom radikal linken Abschaum“ und „Verlierer“, bei einem anderen fragte er, ob der ein Freund sei oder ein Feind, und befand dann, er sei ein „dummer Kerl“. Über einen spottete er, dessen Mutter rufe gerade an, und die wähle ihn, Trump. Einen Beleg für die angeblichen Bezahlungen blieb er schuldig. Bei einem seiner Auftritte in dieser Woche riss ein Mann mit roter Mütze einen Zwischenrufer an den Haaren zu Boden, worauf Trump vom Pult fragte, ob es irgendetwas Schöneres gebe als eine seiner Kundgebungen. Zwei Tage zuvor in San Antonio hatten ihn Protestierende mindestens sechs Mal unterbrochen.

Den Hass auf die Presse trug der Saal offen. Die Tribüne der Fotografen quittierte das Publikum mit Pfiffen und Rufen, man solle verschwinden, und viele sprachen laut über ihre Verachtung für die Berichterstatter. Doch das gehört zum Job. In derselben Woche, in der sein Außenminister ausländische Kritiker an der Grenze aussieben lässt, schreit sein Anhang die Reporter im eigenen Saal an.

Die Treue hat Grenzen, und sie zeigten sich am Zeitplan. Die Türen öffneten um 15 Uhr, manche hatten sich schon um 4.30 Uhr morgens angestellt und standen Schulter an Schulter, in Pyjamahosen und Paillettenjacken, bis die Geduld zu bröckeln begann. Trump betrat die Halle erst gegen 20.11 Uhr, über eine Stunde später als angekündigt, und als sich die Rede nach 21 Uhr zog, leerten sich die Ränge. Einer, der ging, spottete, bliebe er noch länger, werde er am Ende noch Hochul wählen. Eine Umfrage hatte zuvor ergeben, dass von 16 örtlichen Republikanern und Parteigrößen nur vier kommen wollten, um Trumps erste Rede in Syracuse seit 10 Jahren zu hören. Selbst die eigene Partei blieb lieber zu Hause.

Herein kam Trump zu „God Bless the USA“ von Lee Greenwood, hinaus tanzte er zu „YMCA“. Mitgereist waren, wie bereits oben erwähnt, der frühere Schwergewichtsboxer Mike Tyson und der Grenzbeauftragte Tom Homan, selbst ein Kind des nördlichen New York, dazu Umweltchef Lee Zeldin und Energieminister Chris Wright. An Bord der Air Force One saßen auch die Abgeordneten Claudia Tenney aus dem Bezirk Oswego und Nick Langworthy aus der Gegend von Buffalo. Zwei Stunden lang hatten Bewerber der Republikaner den Saal warmgeredet, darunter Kailee Buller, die dem Abgeordneten John Mannion den Sitz abnehmen will. Blakeman versprach, als Gouverneur am ersten Tag die „Sanctuary“-Politik zu beenden, den Schutz für Migranten ohne Papiere.


Draußen stand ihm eine zweite Stadt gegenüber. Auf dem Clinton Square versammelten sich rund 2.500 Menschen gegen ihn, genauso viele, wie drinnen jubelten. Etwa 1.500 zogen zum Oncenter und blieben hinter Absperrungen, als die Wagenkolonne vorfuhr. „Donald Trump muss weg“, riefen sie, wie ein studentischer Reporter festhielt.

Das Treffen gegen ihn hatte einen Namen. „Nicht in unserem Haus“ nannten es zwei örtliche Bündnisse, Indivisible Onondaga County und die CNY Solidarity Coalition. Auf den Schildern stand „Impeach“ und „Diese Orange ist in Syracuse nicht willkommen“. Es sprachen Gewerkschafter und Aktivisten, auch Lokalpolitiker. Die Themen reichten vom Klima bis zur Jagd auf Migranten, der Krieg im Iran gehörte dazu. Die Bürgermeisterin Sharon Owens stellte sich hinzu und forderte, die Einwanderungsbehörde ICE aufzulösen. Es sei ein geteilter Moment in der Stadt, sagte sie, die Menschen dächten sehr verschieden über die Richtung des Landes. Ein Mitorganisator sprach danach von Hoffnung, der Tag fühle sich nicht einsam an, es seien mehr Menschen gekommen als erwartet.

Mehrere Mandatsträger standen in der Menge, die Senatorin Rachel May und die Stadträtin Donna Moore, dazu die Bezirkspolitiker Mo Brown und Elaine Denton. May sagte, sie hätte nie gedacht, Trump noch einmal in Zentral-New York zu sehen, seine Politik schade der Region. Sie nannte die Hochschulen und die Dieselpreise der Bauern, dazu das zerrüttete Verhältnis zu Kanada. Dass die örtlichen Republikaner dem Auftritt fernblieben, nannte sie Feigheit. Mo Brown, ein erklärter demokratischer Sozialist, hielt dem Präsidenten entgegen, seine Werte seien nicht die Zentral-New Yorks, und sein Kommen sei eine Zumutung.

Die Stimmen aus der Menge trugen dieselbe Müdigkeit. Pam Dahlin, 71, hatte eine kanadische Flagge dabei, die eigene traue sie sich nicht mehr zu zeigen, das Land erkenne sie nicht wieder. Lori Schmidt, 66, Veteranin von Heer und Luftwaffenreserve, war über eine Stunde gefahren, mit ihrer Freundin Lydia Green, 63, die aus der Schweiz eingewandert ist. Der Präsident stecke die Verfassung in den Reißwolf, sagte Schmidt, und was er tue, treffe Soldaten wie Veteranen. Gayle Davis, 73, fürchtet um die Rente und die Krankenversicherung, für die sie ein Leben lang gearbeitet habe, während er nur reicher werde. Ein Lehrer, Martin Boatwright, 61, erzählte, manche seiner Schüler fürchteten, von ICE geholt zu werden, andere kämen hungrig in die Klasse, seit ihnen die Lebensmittelhilfe gestrichen wurde.



Gegen Abend drückten sich mehrere Hundert am War Memorial gegen die Absperrungen, manche Polizisten standen in Schutzmontur davor. „Kein Trump, kein KKK, kein faschistisches Amerika“, hallte es über die Straße, und „ICE, KKK, IDF“, riefen andere, „alle gleich“. Einer ließ die Hose herunter und trug seine Botschaft gegen den Präsidenten auf der Haut. Als Trump drinnen zu reden begann, löste sich die Menge langsam auf. Eine Fahne fehlte an diesem Abend auffällig oft, die amerikanische, und wo sie zu sehen war, hing sie verkehrt herum.
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Ein Auftritt, der nichts liefert, muss lauter werden, um den Mangel zu überdecken. Was Trump in Syracuse verteilte, war kein Programm, es war der Groll, der seit Jahren derselbe bleibt, während die Rechnungen am Küchentisch nicht fallen. Die Stromkosten sinken nur in seinen Sätzen, der See behält in jedem Mund außer seinem den alten Namen, und die Halle, die ihm vor Sonnenaufgang entgegenfieberte, war vor seinem letzten Wort schon halb leer. Was blieb, war der Lärm, und der Lärm reist schon am Wochenende weiter in die nächste Stadt, wo dieselbe Rede auf ein neues Publikum wartet.
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