Daphy Michel, einunddreißig, Asylsuchende aus Haiti, schwer psychisch krank und unbehandelt, erfror nach ihrer Entlassung aus der Obhut von ICE an einer Bushaltestelle in Pittsburgh. Die Gerichtsmedizin spricht von einer Tötung durch das Tun oder Unterlassen eines anderen. Die Familie wird klagen!
Es ist Juni, und der Tod, von dem hier die Rede ist, liegt Monate zurück, er geschah im Winter. Doch erst an diesem Freitag sprach der Gerichtsmediziner des Allegheny County sein Urteil aus, und es wiegt schwer genug, um diesen Fall noch einmal vor uns hinzustellen. Es ist einer von denen, die uns nicht loslassen. Nach dem ausdrücklichen Urteil des Gerichtsmediziners trägt der Tod einer asylsuchenden Frau aus Haiti, die kurz zuvor aus der Obhut der Bundesbehörden entlassen worden war, nun einen Namen, Tötung.

Daphy Michel, einunddreißig Jahre alt, starb am 2. März. Man fand sie an einer Bushaltestelle in Pittsburgh. Als Todesursache stellte das gerichtsmedizinische Amt des Allegheny County eine Unterkühlung fest, und dass es die Art des Todes eine Tötung nennt, bedeute, dass der Tod durch das Handeln eines anderen Menschen verursacht worden sei, ohne dass damit eine strafrechtliche Schuld ausgesprochen werde. Michel stammte aus Haiti und suchte in den Vereinigten Staaten Asyl, nachdem sie 2022 über die Südgrenze gekommen war, sagt Joseph Patrick Murphy, der Anwalt der Familie. Aus dringenden humanitären Gründen war ihr der Aufenthalt gewährt worden, doch die Anhörung, die für zwei Wochen nach ihrem Tod angesetzt war, erlebte sie nicht mehr.
Zum Zeitpunkt ihrer Entlassung am 27. Februar sei sie eine schutzbedürftige Erwachsene gewesen, so das gerichtsmedizinische Gutachten, die unter schweren, unbehandelten seelischen Leiden litt und der zudem die Sprache fehlte. Im vergangenen Sommer war sie festgenommen worden, weil sie aus ihrer Krankheit heraus eingebildete Menschen angeschrien hatte. Sechs Monate verbrachte sie im Gefängnis von Washington County, wo man sie mehrfach psychiatrisch untersuchte, während sie auf ihre erste Anhörung wartete. Bundesrichter Eric G. Porter erklärte, er könne sie nicht weiter in Haft halten, nur weil sie eingebildete Menschen bedroht habe. Danach nahm ICE sie in ihrer Zelle fest und legte ihr eine Fußfessel an, ehe man sie vierzig Kilometer weit nach Pittsburgh brachte, wo sie tagelang im Winter an einer Bushaltestelle saß.

Sie habe Kleidung für den September getragen, und es war Februar, das Wetter hat sie überwältigt, und sie war einer dauerhaften Unterkühlung ausgesetzt. Der Befund einer Tötung ist etwas anderes als eine Anklage. Er bedeute, dass jemand etwas getan oder zu tun unterlassen habe, das ihren Tod herbeiführte. Die Familie wird nun Klage gegen ICE einreichen. Es ist kein Trost, sagen sie, sondern das Letzte, was sie für Daphy noch tun kann, andere zu warnen und zu verhindern, dass sich solche Fälle in Amerika weiter ereignen. So das Wort einer erschütterten Familie gegenüber uns.
Das Heimatschutzministerium widerspricht. Natürlich. ICE habe mit dem Tod dieser Frau nichts zu tun, schrieb dessen Sprecherin Lauren Bis in einer E-Mail, in großen Buchstaben, sie sei drei Tage nach der Begegnung mit ICE gestorben. Sie nannte Michel eine illegale Ausländerin aus Haiti, gegen die nach ihrer Festnahme ein Abschiebeverfahren eingeleitet worden sei. Bei der Entlassung habe Michel all ihre Sachen bei sich gehabt und ein voll geladenes Telefon, dazu sei der Nahverkehr verfügbar gewesen. Einen Tag nach ihrem Tod habe ICE erfahren, dass ihre Fußfessel manipuliert worden sei, eine Behauptung, die sich als unwahr herausstellte, doch die Mitarbeiter der Gerichtsmedizin hätten sich geweigert, mit den Beamten von ICE auch nur zu sprechen. ICE habe den US Marshals Service gerufen, der die Fußfessel holte, dem man aber keine Auskunft über Michels Zustand gab. Vom Tod der Frau habe ICE aus den Nachrichten erfahren.
Sara Innamorato, die Verwaltungschefin des Allegheny County, nannte Michels Tod eine Tragödie, die sich mit ein wenig Menschlichkeit wohl gänzlich hätte vermeiden lassen. Die Abgeordnete Summer Lee aus Pennsylvania erklärte, der Tod sei abwendbar gewesen, Michel hätte Fürsorge und Obdach verdient, einen Zugang zu ihrer Sprache und ärztliche Hilfe. Unterdessen meldet ICE die Todesfälle von Inhaftierten nicht mehr, wenn sie binnen dreißig Tagen nach der Entlassung sterben, und beendet damit eine Regel aus dem Jahr 2021. Fachleute des Gesundheitswesens sagen, die Änderung werde weniger Tote ausweisen, als es tatsächlich gibt, ohne die Mängel der ärztlichen Versorgung zu beheben.

So bleibt eine Tötung ohne einen, den man Mörder nennen könnte, ein Tod, den das Tun und das Unterlassen vieler herbeiführten und für den sich am Ende niemand verantwortlich fühlt. Die Sprache der Behörde machte aus einer kranken Frau eine illegale Ausländerin und aus einem geladenen Telefon einen Einwand. Die Fußfessel wusste, wo ihr Körper war, nicht aber, dass er fror. Ein Richter ließ sie frei, und ICE nahm sie noch in der Zelle wieder an sich, um sie vierzig Kilometer weiter in einer fremden Stadt abzusetzen, in Septemberkleidung und im Februar, mit einer Bushaltestelle als letzter Adresse. Und während ein Mensch so stirbt, beschließt die Behörde, solche Toten künftig nicht mehr zu zählen, sodass die Zahl sinkt, während das Sterben bleibt. Mit ein wenig Menschlichkeit, sagte eine, wäre es zu vermeiden gewesen. Es ist das Kleinste, was man ihr vorenthielt, und es kostete sie das Leben. Sie war gekommen, um Zuflucht zu suchen, und man gab ihr die Kälte.
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Diese Unmenschlichkeiten lassen mich immer unfassbar zurück. Denke,wie sind die Verantwortlichen in ihrem Alltag? Genau so völlig empathielos, brutal. Unterstützung soweit mir möglich für alle die dieser Haltung entgegentreten
…ja, ein sehr schlimmer fall, leider haben wir von dieser art 7 weitere auf dem tisch
Ganz furchtbar 😞
So unmenschlich 😞
Das erinnert mich an den alten Mann. Der blind (? Oder war es taub) war und irgendwo im Winter abgesetzt wurde.
Auch er erfror 😞
Und wer weiß, wie viele Fälle es noch gibt, die gar nicht publik werden.
…ja, die akte liegt auch bei uns auf dem tisch