Die Märkte kippen – Öl, Krieg und die Angst vor dem, was noch kommt

VonRainer Hofmann

März 27, 2026

Die Nervosität ist zurück, aber diesmal wirkt sie anders. Wochenlang hielten sich die Kurse erstaunlich stabil, obwohl Raketen flogen und Drohnen eine der sensibelsten Energie-Regionen der Welt durchzogen. Jetzt bricht diese Ruhe sichtbar auf. Der S&P 500 ist fünf Wochen in Folge gefallen und steht so tief wie zuletzt im August. Dow Jones und Nasdaq haben jeweils mehr als zehn Prozent von ihren jüngsten Höchstständen verloren. Das ist keine kurzfristige Reaktion mehr, sondern ein klarer Stimmungswechsel.

Die Märkte handeln nicht mehr nach Hoffnung, sondern nach Risiko. Was zuvor ausgeblendet wurde, rückt in den Mittelpunkt. Der Krieg mit Iran wird nicht mehr als begrenztes Ereignis gesehen, sondern als offenes Szenario mit globalen Folgen. Selbst Signale aus Washington reichen nicht mehr aus, um gegenzusteuern. Als Donald Trump am Freitag mögliche Auswege aus einer weiteren Eskalation andeutete, blieb der Ölpreis unbeeindruckt. Für Händler ist das ein klares Zeichen: Worte verlieren an Wirkung, Fakten gewinnen an Gewicht.

Im Pentagon wird parallel geprüft, ob bis zu 10.000 zusätzliche Soldaten in die Region entsandt werden sollen. Gleichzeitig laufen Gespräche mit Teheran. Diese Mischung aus militärischer Vorbereitung und diplomatischer Annäherung sorgt für Unsicherheit, nicht für Entspannung. Anleger reagieren darauf mit Rückzug. Sie reduzieren Risiken und greifen auf Erfahrungen aus früheren Konflikten zurück, vom Irakkrieg bis zur russischen Invasion in der Ukraine.

Dan Alamariu, geopolitischer Chefstratege bei Alpine Macro, bringt es auf den Punkt: Die eigentliche Panik komme erst noch. Märkte könnten Panik nicht berechnen, weil sie per Definition irrational sei. Genau das zeigt sich gerade. Die Bewegungen sind nicht mehr sauber erklärbar, sondern folgen einem Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut. Der entscheidende Faktor ist Öl. Die Straße von Hormus ist faktisch blockiert. Iran meldet Einschränkungen für Schiffe aus Ländern, die als Unterstützer der USA oder Israels gelten. Gleichzeitig berichten Daten von MarineTraffic, dass selbst große Frachter umdrehen. Zwei Schiffe der chinesischen Cosco Shipping wurden am Freitag zurückgeschickt. Der Verkehr durch die Meerenge, durch die täglich rund zehn Millionen Barrel Öl fließen, ist auf ein Minimum reduziert.

Damit wird Energie zum zentralen Hebel dieses Konflikts. Die USA versuchen, die Preise zu stabilisieren. Iran setzt genau dort an, um Druck aufzubauen. Für die Märkte entsteht daraus ein Spannungsfeld, das sich nicht mehr politisch einordnen lässt. Max Meizlish von der Foundation for Defense of Democracies sieht zwar Vorteile für Washington im Informationskampf, doch an den Handelsplätzen zählt das kaum noch. Händler achten weniger auf Aussagen, sondern auf Truppenbewegungen, Tankerpositionen und reale Liefermengen.

Der Ölpreis steigt nicht wegen Schlagzeilen, sondern weil sich die Realität durchsetzt. Produzenten sichern sich bereits höhere Gewinne für die kommenden Monate, halten aber bewusst Reserven zurück. Niemand glaubt ernsthaft, dass dieser Konflikt in wenigen Wochen vorbei ist. Am Freitag erreichte Brent-Öl 112,57 Dollar pro Barrel, der höchste Stand seit Juli 2022. Gleichzeitig bewegen sich Ölpreis und Aktienmärkte fast spiegelverkehrt. In zwölf der letzten dreizehn Handelstage ging es für das eine nach oben und für das andere nach unten. Diese gegenläufige Dynamik zeigt, wie stark Energie aktuell die Richtung vorgibt.

Die Verluste an den Börsen sind entsprechend deutlich. Der Dow Jones fiel um 793 Punkte, ein Minus von 1,7 Prozent. Der Nasdaq verlor 2,1 Prozent, der S&P 500 ebenfalls 1,7 Prozent. Fünf Wochen am Stück im Minus gab es zuletzt, als der Ukrainekrieg die Märkte erschütterte. Parallel steigt die Nachfrage nach Absicherungen gegen weitere Verluste. Optionen, die auf fallende Kurse setzen, werden stärker nachgefragt. Ein Indikator namens Skew liegt laut Citadel Securities auf einem der höchsten Werte der letzten fünf Jahre. Anleger rechnen nicht mehr mit Stabilität, sondern mit weiteren Rückschlägen.

Dabei ist die wirtschaftliche Ausgangslage in den USA eigentlich solide. Doch ohne klare Entwicklung im Konflikt und ohne Stabilisierung der Energiepreise fehlt die Grundlage für steigende Kurse. Mark Hackett von Nationwide sieht genau darin das Problem. Solange diese beiden Faktoren offen sind, bleibt jede Erholung fragil. Die Aufmerksamkeit richtet sich inzwischen auf Details, die früher kaum eine Rolle spielten. Satellitenbilder von Tankern, Lagerbestände von Öl und Benzin, Lieferketten einzelner Regionen. Viele Tanker haben ihre Ladung bereits ausgeliefert. Neue Lieferungen bleiben aus. Der Puffer, der Preissprünge bislang abgefedert hat, verschwindet.

Die Folgen reichen längst über den Energiemarkt hinaus. Inflationserwartungen steigen wieder, Zinssenkungen rücken in die Ferne. In den USA liegt der durchschnittliche Benzinpreis laut AAA bei rund vier Dollar pro Gallone. Das trifft vor allem Haushalte mit geringem Einkommen, aber inzwischen auch wohlhabendere Gruppen, deren Vermögen stark an den Aktienmärkten hängt. Eine Umfrage der University of Michigan zeigt, dass sich die wirtschaftliche Stimmung im März spürbar verschlechtert hat. Besonders auffällig ist der Einbruch bei den oberen Einkommensgruppen. Dort schlägt der Rückgang an den Börsen direkt auf das Sicherheitsgefühl durch.

Die Märkte sind damit an einem Punkt angekommen, an dem sich mehrere Risiken gleichzeitig verstärken. Energiepreise, militärische Entscheidungen, unterbrochene Lieferketten und eine zunehmende Skepsis gegenüber politischen Aussagen greifen ineinander. Die Phase, in der Investoren auf schnelle Lösungen gesetzt haben, ist vorbei. Jetzt wird bewertet, wie lange dieser Konflikt dauert und wie tief er in die globale Wirtschaft eingreift.

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Lili Fullerton-Schnell
Lili Fullerton-Schnell
14 Tage vor

Danke für die tiefgehende Hintergrunddarstellung.

Ela Gatto
13 Tage vor

Solch Zusammenhänge, gut recherchiert und erklärt, sind so wichtig.

Aber sie erreichen weder MAGA, AfD und sonstige Extremisten.

Die Weltwirtschaft ist extrem eng verzahnt.
Man kann solch Probleme bicht isoliert betrachten.

Aber das begreift Trump nicht.
Er tanzt und verweist auf die „Goldene Ära“ in den USA.

Seine Sekte, die MAGA, glaubt und folgt ihm.
Trotz hohem Benzinpreis, teurere Lebensmittel.
Das ist die Schuld der Demokraten.
Trump wird es natürlich gerade biegen.

Bis dahin sterben US-amerikanische Soldaten in einem unnötigen Krieg.
Wissen Familien in den USA nicht, wie sie morgen Essen auf den Tisch bringen sollen
Verlieren Farmer ihre Ranches.

Dennoch hat Trump immer noch gut 38% der US Amerikaner hinter sich.
Quasi 1/3 😞

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