Die Lüge vom Angriff – Wie Sicherheitskameras, Recherchen und Videos den tödlichen ICE-Einsatz entlarven

VonRainer Hofmann

Januar 9, 2026

Mehrere Aufnahmen aus privaten Sicherheitskameras und unterschiedlichen Blickwinkeln zeichnen inzwischen ein klares, in sich stimmiges Bild der Ereignisse in Minneapolis. Sie zeigen, dass Renee Nicole Good nicht versuchte, einen Beamten der Immigration and Customs Enforcement zu überfahren. Der entscheidende neue Kamerawinkel hält die Sekunden vor der Schussabgabe fest und widerspricht der offiziellen Darstellung der US-Regierung in einem zentralen Punkt. Der SUV der 37-jährigen Mutter steht quer auf der Portland Avenue. Das Fahrzeug setzt sich langsam in Bewegung, ohne auf einen Beamten zuzusteuern. Ein Agent steht vor dem Wagen, wird jedoch weder berührt noch gestreift. Das Auto fährt an ihm vorbei, ohne Kontakt. Forensische Auswertungen bestätigen inzwischen, dass es zu keiner Kollision kam. Die Behauptung, ein Beamter sei angefahren oder bedroht worden, lässt sich mit dem vorhandenen Bildmaterial nicht belegen.

Trotzdem zieht ein ICE-Beamter seine Waffe und feuert aus kurzer Distanz in den Innenraum. Die Fahrerin wird getroffen, während der Wagen weiterrollt. Später prallt der SUV gegen zwei geparkte Fahrzeuge und kommt zum Stillstand. Good bleibt schwer verletzt in ihrem Auto zurück. Sie wird mit lebensgefährlichen Kopfschüssen ins Hennepin County Medical Center gebracht, wo sie wenig später stirbt. Die Darstellung der Trump-Regierung, es habe sich um einen Akt „inländischen Terrorismus“ gehandelt, findet in diesen Abläufen keine Grundlage. Die Videos zeigen keinen Angriff, kein Zufahren, kein rücksichtsloses Beschleunigen. Sie zeigen eine Frau, die versuchte, sich aus einer Situation zu lösen, in der sie plötzlich von Bundesbeamten konfrontiert wurde.

Auch die Minuten vor den tödlichen Schüssen lassen sich inzwischen rekonstruieren. Die Sicherheitskamera zeigt, dass Renee Good zunächst an den rechten Fahrbahnrand fuhr und eine Person auf der Beifahrerseite aussteigen ließ. Anschließend setzte sie zum Wenden an, weshalb ihr Fahrzeug quer zur Straße stand. Währenddessen ließ sie andere Autos passieren. Erst dann hielten Fahrzeuge der Einwanderungsbehörde an, Beamte stiegen aus und näherten sich ihr zu Fuß.

Als die Agenten auf sie zukamen, setzte Good zurück, offenbar um nach rechts auszuweichen und wegzufahren. Der Wagen bewegte sich langsam und kontrolliert. Es gab kein plötzliches Beschleunigen und keinen Kontakt mit einem Beamten. Trotzdem zog ein Agent sofort seine Waffe und schoss.

Inzwischen ist auch die Identität des Schützen bekannt. Es handelt es sich um Jonathan Ross, einen Veteranen des Irakkriegs und langjährigen Bundesbeamten. Ross steht seit fast zwei Jahrzehnten im Dienst von Grenzschutz und Einwanderungsbehörde und arbeitet seit 2015 als Abschiebeoffizier bei ICE. Bundesbehörden hatten seinen Namen zunächst nicht öffentlich genannt. Heimatschutzministerin Kristi Noem verteidigte den tödlichen Einsatz dennoch früh und verwies auf einen Vorfall aus dem vergangenen Sommer, bei dem ein Beamter von einem flüchtenden Fahrzeug mitgeschleift worden war. Später bestätigte ein Sprecher ihres Ministeriums, dass Noem sich auf den Fall in Bloomington, Minnesota, bezog – und dass der dabei verletzte Beamte Jonathan Ross war.

Die Staatsanwältin von Hennepin County, Mary Moriarty, widersprach der Darstellung aus Washington, wonach der ICE-Beamte, der Renee Good erschoss, über vollständige rechtliche Immunität verfüge, und stellte klar, dass dies so nicht zutreffe. Es sei noch zu früh, um über eine mögliche Anklage gegen Jonathan Ross zu entscheiden, doch eine automatische Abschirmung vor strafrechtlicher Verantwortung gebe es in diesem Fall nicht.

Noem und andere Vertreter der Trump-Regierung erklärten, der Schütze habe nach seiner Ausbildung gehandelt und geglaubt, die Fahrerin wolle ihn oder andere Agenten überfahren. Genau diese Annahme wird durch die neuen Videoaufnahmen und die forensische Auswertung infrage gestellt. Sie zeigen keinen Moment, in dem ein Beamter tatsächlich angefahren wurde. Der tödliche Schusswaffeneinsatz wird inzwischen vom Federal Bureau of Investigation untersucht. In Minneapolis und darüber hinaus fordern Demonstrierende strafrechtliche Konsequenzen gegen den Schützen. Auch die Behörden des Bundesstaates Minnesota haben angekündigt, eigene Ermittlungen aufzunehmen, da die Bundesstaatsanwaltschaft Minnesota die Ermittlungen entzog. Was bleibt, ist eine getötete Frau, eine Familie ohne Mutter – und eine offizielle Rechtfertigung, die mit jedem neuen Bild, jeder Recherche und jeder Auswertung weiter zerfällt.

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Tesfay Mehari
Tesfay Mehari
1 Monat zuvor

Schade, als ich das Videos gesehen habe meine Herz ist gebrochen

Bibs Duell
Bibs Duell
1 Monat zuvor

Ein Präsident, der jede Möglichkeit nützen will, um von seinen kriminellen Verbindungen zu Epstein abzulenken, der megaloman jede Kontrolle über sich verliert, wird auch jede Möglichkeit nützen, seine ICE-Verbrecher zu schützen.

Ela Gatto
Ela Gatto
1 Monat zuvor
Antwort auf  Bibs Duell

so sieht es aus

Ela Gatto
Ela Gatto
1 Monat zuvor

Danke für diese Aufarbeitung, die Details und die forensische Analyse.

Und egal, was diese vielen Videos beweisen.
MAGA bleibt dabei, dass Renee Good ICE vorher gestalkt hat, als linke Demonstrantin bekannt war und ja, dass sie den ICE Typen angefahren hat und die tödlichen Schüsse absolut gerechtfertigt waren.
Ross wird auf deren Seiten als Held gefeiert, dem man eine Medaille verleihen sollte 🤬

Wenn Ross der Beamte war, der damals mitgeschleift wurde und er jetzt so vollkommen überzogen reagiert hat:
1. er hat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine PTBS. Von seinen Einsätzen und getriggert von dem Vorfall im letzten Jahr
2. Der Mann hätte gar nicht ohne umfangreiche psychologische Evaluierung wieder in den aktuven Dienst gedurft. wäre interessant, ob das alles eingehalten wurde.

Fakt ist, der Tod ist tragisch. Er war vermeidbar, wenn Trump nicht so viel Hass schüren würde und ICE bicht seit Wochen komplett frei drehen würde.

Stimmt es, dass bei einem GoFundme für die Familie binnen kürzester Zeit w,5 Millionen zusammen gekommen sind?

Ela Gatto
Ela Gatto
1 Monat zuvor
Antwort auf  Ela Gatto

Es sollte 1,5 Millionen heißen

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