Provo, Utah (KB) – Vor dem Vierten Bezirksgericht in Provo führten Polizisten am Mittwoch einen Hund an den Menschen vorbei, die sich um die wenigen öffentlichen Plätze bemühten. Drinnen sind Laptops, Telefone und Smartuhren verboten, und wer berichten will, muss sich auf sein Gedächtnis verlassen. Es ist der zweite Tag jener eine Woche dauernden Anhörung, in der Richter Tony Graf zu entscheiden hat, ob die Beweise ausreichen, um Tyler Robinson wegen schweren Mordes vor Gericht zu stellen. Zehn Anklagepunkte stehen im Raum, sie beziehen sich auf den Tod von Charlie Kirk, der am zehnten September auf dem Gelände der Utah Valley University erschossen wurde. Robinson hat sich bis heute nicht zur Schuldfrage geäußert, seine Anwälte auch nicht, und ihre Versuche, die Todesstrafe vom Tisch zu bekommen, sind bislang gescheitert.

Der Tag beginnt mit Tonstörungen und einer Leinwand, die der Richter verrücken lässt, damit alle im Saal die digitalen Beweise sehen können, ausdrücklich um der Offenheit willen. Die Bildschirme der Anwälte zeigen nichts, dann zeigen sie etwas. Graf erinnert daran, dass elektronische Geräte im Saal nichts verloren haben und dass alle Zuschauer sich still, gesittet und geordnet zu verhalten hätten. Der Ankläger Ryan McBride bringt eine Frage zur Zulassung mehrerer Beweisstücke vor, sein Kollege Gurmander kündigt den Zeugen an, und der Verteidiger Michael Burt lässt wissen, dass er noch zwei Zeugen der Bundesbehörde für Alkohol, Tabak, Feuerwaffen und Sprengstoffe aufrufen werde.
Jeremy Bentham, der Utilitarist, nannte die Öffentlichkeit die Seele der Gerechtigkeit. Derselbe Mann entwarf das Rundgefängnis, in dem der Einzelne allen Blicken ausgeliefert ist. In Provo stoßen beide Erfindungen desselben Kopfes aufeinander. Die Welt will sehen, und der Angeklagte hat ein Recht darauf, nicht vorverurteilt zu werden, ehe eine Geschworenenbank überhaupt einberufen ist.
Der Zeuge des Nachmittags ist Brian Davis von der Strafverfolgungsbehörden in Utah, ein Mann mit langer Laufbahn, mehr als sechzig Tötungsdelikten und einer Abteilung für ungelöste Fälle. Zusammen mit dem Ermittler Dave Hull führt er den Fall Kirk. Federführend sei seine Behörde, sagt er, beteiligt seien überdies die Bundespolizei, die Waffenbehörde, mehrere Ämter des Bundesstaates und der Kommunen, die Hochschulpolizei, die Polizei von Orem und die Sheriffbehörden der Bezirke Utah, Washington und St. George.

Am elften September zweitausendfünfundzwanzig, erzählt Davis, habe er den Tag im Einsatzzentrum verbracht. Gegen halb neun am Abend habe ihn ein Anruf erreicht, er möge nach St. George fahren, jemand wolle sich wegen seiner Beteiligung an der Tötung Kirks stellen. Im Sheriffbüro des Bezirks Washington habe man beraten, wie mit einem zu verfahren sei, der sich selbst ausliefert. Der Verdächtige sei mit seinen Eltern und einem Freund der Familie gekommen. Es sei Tyler Robinson gewesen. Man habe mit der Mutter gesprochen, mit dem Vater, und mit Mike Mitchell, jenem engen Freund der Familie, der geholfen habe, die Übergabe an die Polizei zu vermitteln. Davis selbst befragte die Mutter. Gegen vier Uhr morgens am zwölften September sei Robinson im Sheriffbüro förmlich festgenommen worden, und Davis sei der Beamte gewesen, der die Aufnahme durchführte. Schon vor der Ankunft in St. George sei Robinsons Mobiltelefon sichergestellt worden, nach der Festnahme habe man ihm die Kleidung abgenommen, seine Erbsubstanz abgestrichen und die Fingerabdrücke genommen. Am selben zwölften September seien mit Beschluss sowohl Robinsons Wohnung als auch das Haus seiner Eltern durchsucht worden, Davis war nicht dabei; Robinson habe mit einer anderen Person zusammengewohnt.
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Dann läuft ein Video, und was daran zu sehen ist, misst die Enge dieses Verfahrens. Es ist eine gekürzte Fassung, auf Absprache beider Seiten ohne Ton. Robinson tritt in einen Raum des Sheriffbüros, ein rotes Hemd, eine Baseballkappe, er bleibt an der Tür stehen. Dann wird das Bild schwarz. Ob er dort befragt wurde, bleibt offen, es ist der seltene Blick auf einen Menschen in der Stunde, in der er sich selbst ausgeliefert hat, und man hört ihn nicht.
Mike Mitchell gab am einunddreißigsten März zweitausendsechsundzwanzig eine zweite Erklärung ab, handschriftlich, sie kostete ihn etwa eine Stunde. Die Anklage zeigt sie als Beweisstück und will sie weder dem Zuschauerraum noch den Kameras zugänglich machen. Auf der Leinwand ist sie nicht zu lesen. Man geht weiter, ohne dass jemand außerhalb des Gerichts erführe, was darin steht. Am Tatort, sagt Davis, sei auf dem Dach des Informatikgebäudes an der äußersten Ostseite ein Geschoss gefunden worden, eine scharfe Patrone. Das Gebäude liege östlich der Aula, in der Kirk saß, und von der Stelle des Geschosses aus habe keine Sichtverbindung zu Kirks Zelt bestanden. Ein Detail, das nichts beweist und alles nahelegt, je nachdem, wer es deutet.
Dann kommt Lance Twiggs ins Spiel, Robinsons Mitbewohner und Lebensgefährte. Zweimal wurde er befragt, am zwölften September und erneut am zwanzigsten April zweitausendsechsundzwanzig. Man nahm ihm einen Abstrich der Mundschleimhaut und beschlagnahmte sein Telefon. Twiggs erhielt eine begrenzte Straffreiheit für seine Aussagen, was bedeutet, dass diese Aussagen nicht gegen ihn verwendet werden dürfen, ihn aber vor einer Verfolgung im Übrigen nicht schützen.

Um seine aufgezeichnete Vernehmung dreht sich der ganze restliche Tag, und dieser Streit ist der eigentliche Prozess. Die Anklägerin Hunt will den Ton hören lassen, das Bild aber nur im Saal zeigen, damit die Kameras es nicht ins Netz tragen. Die Verteidigung hat ihr anderthalb Tage zuvor elf Seiten Streichungen zu einer einundzwanzigseitigen Niederschrift übergeben. Der Verteidiger Richard Novak sagt, Teile der Vernehmung seien ohne Belang und unzulässig, und gesendet werden dürften sie ohnehin nicht. Twiggs spreche darin über Dinge, die in der Anhörung noch nie erwähnt worden seien, über Textnachrichten und einen Gruppenchat, und er gebe Sätze wieder, die Robinson gesagt haben solle.
Der Anwalt der Medienunternehmen und Journalisten hält dagegen. Eine Schließung der Sitzung komme nicht in Betracht, die Öffentlichkeit habe ein Recht zu erfahren, was geschehe, und alles, worauf der Staat seinen Fall stütze, gehöre vor ihre Augen. Nach dem Recht Utahs sei zu veröffentlichen, was zentral sei, und wie zentral diese Aufzeichnung sei, zeige die Erbitterung, mit der um sie gerungen werde. Werde sie zurückgehalten, entstehe der Eindruck, es gebe darin etwas, das jemand nicht sehen lassen wolle.
Novak verlangt eine kurze geschlossene Verhandlung. Ein Gespräch am Richtertisch genüge nicht, denn dessen Niederschrift lasse sich später beschaffen, und der Richter merkt an, es sei nicht seine Aufgabe, den Parteien zu sagen, wie sie ihre Sache zu führen hätten; Novaks Andeutung, er möge eingreifen, nimmt er sichtlich übel. Um zwanzig vor drei unterbricht das Gericht für angeblich fünfzehn Minuten. Es wird eine Stunde daraus. Der Richter sieht sich das Video an und prüft die vorgeschlagenen Streichungen, einige verwirft er, andere lässt er gelten.
Um siebzehn Minuten vor vier erklärt Graf, die Seiten neunzehn und zwanzig der Niederschrift enthielten Unerhebliches, darüber wolle er noch nicht befinden. Zwei Minuten später steht fest, dass der Abschnitt von zweiunddreißig Minuten fünfundfünfzig bis fünfunddreißig Minuten achtundvierzig nicht veröffentlicht wird. Novak sagt, die Anklage werde behaupten, Robinson habe Twiggs gegenüber gestanden; er selbst nenne es kein Geständnis, und dass etwas, das der Staat später vor Gericht ein Geständnis nennen werde, schon heute über die Augen dieses Gerichts hinausdringe, verletze die Rechte seines Mandanten in diesem Augenblick. Die Anklägerin wiederholt, der Ton möge laufen, das Bild nicht, und der Streit dreht sich, technisch und ermüdend, um dieselbe Achse.
Am späten Nachmittag fügt Graf hinzu, auch die Spanne von sechs Minuten sechsundfünfzig bis zwanzig Minuten siebenundzwanzig bleibe unveröffentlicht, sie werde aber zugelassen, damit er selbst sie in Erwägung ziehen könne. Der Anwalt der Kirk-Familie, Jeffrey Neiman, tritt vor. Werde ein Beweis zugelassen, dann solle die Welt ihn sehen dürfen, ungekürzt. Fehle es an Offenheit, so entstehe Zweifel und Misstrauen gegenüber der Rechtsprechung. Novak entgegnet, er achte die Familie, aber die Veröffentlichung dessen, was der Staat ein Geständnis nenne, gefährde ein faires Verfahren. Dann fällt die Entscheidung. Beide Spannen bleiben der Öffentlichkeit verschlossen. Er erkenne die Bedeutung der Offenheit an, sagt Graf, und er erkenne zugleich das Gewicht der verfassungsmäßigen Rechte, es sei ein schmaler Grat. Vieles von dem, was nicht gezeigt werde, sei Rede über die Textnachrichten, und die würden vermutlich gesondert vorgelegt.
Man merke sich diesen Satz. Nicht der Inhalt verschwindet, nur seine Stimme. Das Land wird lesen dürfen, was geschrieben wurde, und nicht hören, wie einer davon erzählt. Bentham hätte an dieser Trennung seine Freude gehabt und sein Entsetzen.
Die Anklägerin kündigt an, sie werde das Video kürzen und die zulässigen Teile am Donnerstag zeigen, und bittet, den Tag zu beenden. Die Verteidigung stimmt zu und meldet ein weiteres Beweisstück an, das sie gekürzt sehen möchte, fünf Bildschirmaufnahmen von Twiggs‘ Telefon. Der Richter bittet Novak um einen kurzen Schriftsatz, damit er dessen Argument voll erwägen könne. Die Anklage will dasselbe tun. Um neun Uhr am Donnerstag geht es weiter, und der Richter ließ erkennen, dass er dann den gekürzten Ton der Aussagen zulassen werde.
Was in dieser Aufzeichnung steckt, deutet die Anklage längst an. Robinson habe Twiggs geschrieben, er habe Kirk ins Visier genommen, weil er dessen Hass satt gehabt habe. In einer Nachricht, die er ihm hinterließ, habe gestanden, er habe die Gelegenheit, Charlie Kirk zu beseitigen, und er werde sie ergreifen.
Um die Erbsubstanz wurde ebenfalls gerungen. Die Verteidigung bezweifelt, dass die Untersuchungen Robinson mit der mutmaßlichen Tatwaffe verbinden. Michael Burt befragte eine Analystin der Bundespolizei über die Verfahren, mit denen sie Robinson einem Handtuch zuordnete, das um ein Gewehr gewickelt in einem Waldstück nahe dem Tatort lag, zusammen mit dem Repetiergewehr und einer abgefeuerten Patrone. Sie könne Robinson den fraglichen Proben nicht zuordnen, hielt Burt fest. Der Sachverständige Lawrence Quarino, Professor und Leiter des Studiengangs für forensische Wissenschaft am Cedar Crest College in Pennsylvania, nannte die Verfahren äußerst verlässlich und die Untersuchung der Erbsubstanz den Goldstandard der Forensik. Die Analystin Amanda Bakker sagte aus, nachdem Twiggs eine Vergleichsprobe abgegeben habe, habe sie ihre Untersuchungen erneut durchführen und das gesamte Material zwei Personen zuordnen können. Jennifer Faumuina vom Landeskriminalamt bezeugte, auf dem Handtuch fänden sich die Spuren zweier Menschen, der eine sei Twiggs, der andere sehr wahrscheinlich Robinson.
Die Ermittler sagen, Robinson sei auf ein Dach nahe der Bühne gestiegen und habe Kirk mit einem Schuss durch den Hals getroffen, während dieser vor mehreren tausend Menschen Fragen beantwortete. Im Krankenhaus wurde er für tot erklärt. Die Anklage hält es für einen erschwerenden Umstand, dass die Tat andere Anwesende gefährdet habe, was sie nach dem Recht Utahs mit dem Tod bedrohbar macht, und sie will die Strafe zusätzlich verschärfen lassen, weil Robinson Kirk seiner politischen Ansichten wegen ausgesucht habe. Genau dagegen wehrt sich die Verteidigung, und Novak versuchte, eine Erklärung über die traditionellen christlichen Werte von Turning Point USA aus dem Verfahren herauszuhalten.
Am Ende dieses Tages hat niemand ein Wort von Lance Twiggs gehört, und die Kameras standen still. Ein Verfahren, das über Leben und Tod befinden kann, verhandelte einen ganzen Nachmittag lang nicht die Tat, sondern die Frage, wer zusehen darf. Die Öffentlichkeit ist die Seele der Gerechtigkeit, und in Provo saß sie im Flur.
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