Brasiliens Oberstes Wahlgericht hat gesprochen. Luiz Inácio Lula da Silva ist wiedergewählt, die Stimmen sind ausgezählt, der Abstand beträgt nahezu 4,4 Millionen. 51,8 Prozent für Lula, 48,2 Prozent für Flávio Bolsonaro. Das amtlich bestätigte Ergebnis gilt. Dennoch tritt der unterlegene Senator vor die Öffentlichkeit und verlangt, die Wahl zu annullieren. Die Bürger haben abgestimmt, der Staat hat gezählt. Nun soll das Urteil verschwinden, weil es dem Verlierer missfällt. Papier lässt sich zerreißen. Millionen abgegebene Stimmen behalten ihr Gewicht.
Die Begründung des Sohnes von Jair Bolsonaro besitzt eine besondere Widersprüchlichkeit. Am 25. Oktober 2026 wurden die Wahllokale kurzfristig für weitere zwei Stunden geöffnet. Bolsonaro nennt die Entscheidung beispiellos, spricht von einem unzulässigen Eingriff und weigert sich, Lulas Sieg anzuerkennen. Ausgerechnet seine eigene Wahlkampfmannschaft hatte die Verlängerung ebenfalls beantragt. Als im Süden des Landes starke Regenfälle die Stimmabgabe erschwerten, verlangte sein Lager mehr Zeit für die Wähler. Lulas Mannschaft verwies auf Busprobleme in São Paulo und Salvador. Beide Seiten wollten die Verlängerung. Nur 1 Seite erklärte sie nach der Niederlage zum Grund, das ganze Ergebnis zu beseitigen.
Der zuständige Richter Cristiano Zanin ordnete die zusätzlichen Stunden drei Minuten vor dem vorgesehenen Ende der Abstimmung an. Das warf organisatorische Probleme auf. In Brasília wussten Wahlhelfer zeitweise nicht, welche Anweisungen galten. In Rio de Janeiro waren Wahlmaschinen bereits abgeschaltet und konnten nach der kurzfristigen Entscheidung nicht wieder eingeschaltet werden. Wie viele Wahllokale tatsächlich länger geöffnet blieben, war zunächst unklar. Die Auszählung verzögerte sich um zwei Stunden. Diese Vorgänge verlangen eine genaue Untersuchung. Der Schluss, deshalb müssten Millionen gültige Stimmen für bedeutungslos erklärt werden, folgt daraus allerdings nicht.

Bolsonaros Verbündeter Nikolas Ferreira verwies auf Zanins frühere Tätigkeit als Anwalt Lulas. Der Hinweis ist politisch brisant, ersetzt aber keinen Nachweis einer manipulierten Abstimmung. Bei der Forderung nach einer Annullierung bleibt die entscheidende Frage, welche Fehler das Ergebnis beeinflusst haben sollen und in welchem Umfang. Eine bloße Behauptung hebt kein amtlich festgestelltes Wahlergebnis auf. Rechtliche Schritte stehen dem unterlegenen Kandidaten offen. Bis eine zuständige Stelle etwas anderes entscheidet, bleibt Lula der gewählte Präsident. Bolsonaros Weigerung verändert daran nichts.
Noch zu Monatsbeginn sah die politische Landschaft anders aus. Im 1. Wahlgang lag Flávio Bolsonaro mehr als 2,2 Millionen Stimmen vor Lula. Der Präsident musste um seine Wiederwahl kämpfen, und die Umfragen ließen den Ausgang offen. Er änderte seinen Wahlkampf, suchte stärker die Unterstützung junger Menschen und rief zur Verteidigung demokratischer Rechte auf. Große Kundgebungen begleiteten die letzten Tage vor der Stichwahl. Schließlich gewann erstmals seit dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur 1985 der Kandidat, der im 1. Wahlgang auf Platz 2 gelegen hatte. Der Wähler besitzt die Freiheit, beim nächsten Mal anders zu entscheiden. Politische Familienerbschaften lassen sich an einer Wahlurne nicht einklagen.

In São Paulo feierten Menschen auf der Avenida Paulista, Feuerwerk erhellte die Nacht. Autohupen waren bis in die Seitenstraßen zu hören. Lula küsste seine Frau Rosângela da Silva, während Anhänger den Wahlsieg bejubelten. Auf den Straßen von Rio de Janeiro rief eine Frau in Rot Männern in den gelb-grünen Farben der Bolsonaro-Bewegung zu, sie hätten verloren und sollten weiterweinen. Die Szene war grob. Die Feststellung stimmte. An einer Wahlurne zählen weder Familientraditionen noch Beziehungen zu ausländischen Präsidenten mehr als die Stimme eines einzelnen Bürgers.
Lulas Sieg fällt in eine Zeit, in der Donald Trump seinen politischen Einfluss in Lateinamerika mit erheblichem Nachdruck ausbaut. In mehreren Ländern hatten zuletzt rechte Kandidaten gewonnen, die Washington nahestehen. Flávio Bolsonaro hätte einen weiteren Verbündeten ins Präsidentenamt gebracht. Sein Vater Jair gilt seit Jahren als politischer Weggefährte Trumps. Der amerikanische Präsident setzte Brasilien unter Druck, auch durch erhöhte Zölle. Lula widersetzte sich dem offen. Brasiliens Wirtschaft erwirtschaftet jährlich etwa 2,6 Billionen Dollar. Dieses Land verfügt über genügend Gewicht, um selbst zu entscheiden, welchen Platz es in der Welt einnehmen will.

Mit Lula bleibt neben Mexiko auch die andere bevölkerungsreichste Nation Lateinamerikas unter einer linksgerichteten Führung. Für Trump bedeutet das eine Niederlage seiner politischen Verbündeten. Für Brasilien entscheidet das Wahlergebnis über die eigene Zukunft. Washington mag politische Gefolgschaft erwarten. Die brasilianischen Wähler haben keine entsprechende Verpflichtung unterschrieben.
Der Wahlkampf selbst war hart und von sehr konkreten Ängsten geprägt. Hohe Lebensmittelpreise belasteten Millionen Haushalte. Die Kriminalität blieb ein großes Thema. Bolsonaro versprach schärfere Sicherheitsmaßnahmen und niedrigere Lebenshaltungskosten. Lula setzte auf staatliche Hilfen und seine Erfahrung als Präsident. Beide politischen Lager mussten sich außerdem mit Korruptionsvorwürfen gegen Angehörige oder Verbündete auseinandersetzen. Der 51-jährige Unternehmer Rodrigo Valentim, ein Anhänger Bolsonaros, erklärte nach dem Ergebnis, er verstehe die Entscheidung für Lula nicht; das Land breche zusammen. Seine Stimme steht für jene Millionen Brasilianer, die den Sieger ablehnen. Ihr Recht auf Widerspruch bleibt bestehen. Das Recht auf ein selbst erfundenes Wahlergebnis erhalten sie dadurch nicht.
Lula begann seine politische Laufbahn in den 1970er-Jahren als Gewerkschafter und half später, die Arbeiterpartei zu gründen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen gewann er 2002 erstmals die Präsidentschaft und 2006 ein weiteres Mal. Ihm folgte Dilma Rousseff, die 2010 und 2014 gewählt wurde. Sie verlor ihr Amt 2016 nach einem Amtsenthebungsverfahren wegen haushaltsrechtlicher Vorwürfe. Die umfangreichen Korruptionsermittlungen jener Jahre erfassten auch Lula. Er verbrachte 580 Tage im Gefängnis. Später hob Brasiliens Oberster Gerichtshof seine Verurteilungen auf; bekannt gewordene Nachrichten hatten erhebliche Zweifel an der Unparteilichkeit des damaligen Richters ausgelöst.
2022 besiegte Lula Jair Bolsonaro knapp. Der frühere Präsident wurde später wegen eines versuchten Staatsstreichs im Zusammenhang mit der Niederlage verurteilt. Nun trat dessen Sohn Flávio an. Der Familienname versprach politische Kontinuität, die Unterstützung Trumps verlieh ihm zusätzlichen Rückhalt. Doch der Versuch, die Macht der Familie zurückzugewinnen, scheiterte an der Mehrheit. Dass Flávio Bolsonaro nun die Annullierung verlangt, verleiht diesem Wahlabend eine bedrückende historische Schärfe. In einem Land, das erst 1985 die Militärdiktatur hinter sich ließ, sollte die Anerkennung eines Wahlergebnisses keine Frage persönlicher Großzügigkeit sein.
Lula steht vor einer 4. Amtszeit, die am 5. Januar 2027 beginnt. Er wird dann 81 Jahre alt sein. Gemeinsam mit Donald Trump und Nicaraguas Präsident Daniel Ortega gehört er zu den ältesten Staatschefs des amerikanischen Kontinents. Während seiner kommenden Präsidentschaft könnten außerdem 4 Sitze am 11 Mitglieder umfassenden Obersten Gerichtshof neu besetzt werden. Die nächsten Jahre werden deshalb weit über die gewöhnliche Regierungspolitik hinausreichen. Wirtschaftliche Sorgen verschwinden nicht mit einem Wahlsieg, öffentliche Sicherheit lässt sich nicht durch Beifall herstellen. Lula trägt die Verantwortung für die Aufgaben, vor denen das Land steht.
Flávio Bolsonaro hingegen hat seine Niederlage bislang nicht anerkannt. Sein Verlangen nach Annullierung bleibt eine politische Forderung, die vor Gericht geprüft werden kann; die amtliche Bestätigung des Siegers ist davon unberührt. Besonders schwer wiegt, dass er eine Verlängerung der Wahlzeit angreift, um die sein Lager zuvor selbst gebeten hatte. Ein demokratisches Verfahren kann Fehler enthalten, für die Gerichte zuständig sind. Es verliert seine Gültigkeit nicht allein dadurch, dass ein Kandidat den Ausgang unerträglich findet. Lula gewann die Wahl. Das Oberste Wahlgericht bestätigte den Sieg. Flávio Bolsonaro möchte, dass Brasilien diese Entscheidung wieder vergisst.
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