Ein AfD-Landesvorstand will Götz Kubitschek nur auf Eis legen, bis wieder „normale Verhältnisse“ herrschen

VonTEAM KAIZEN BLOG

26. Oktober 2026

Ein Abschied mit Rückfahrkarte ist eine Verabredung.

Am 25. August 2025 um 19:01 Uhr schickt Hans Neuhoff, Professor für Musiksoziologie und Beisitzer im nordrhein-westfälischen Landesvorstand der AfD, eine E-Mail an den Düsseldorfer Kreisverband. Es geht um Götz Kubitschek, einen der bekanntesten Köpfe der extremen Rechten in Deutschland. Die förmliche Zusammenarbeit mit ihm solle man aussetzen, schreibt Neuhoff, „bis in Deutschland wieder normale Verhältnisse herrschen“. Dahinter setzt er eine Klammer. „(Ich gehe also davon aus, dass das kommen wird.)“

Den Schriftwechsel, folgt weiter unten im Artikel, haben wir nun vollständig ausgewertet und gesichert. Gestritten wird darin über einen Rechtsextremisten. Über seine Gesinnung fällt kaum ein Wort, über den richtigen Zeitpunkt für gemeinsame Auftritte umso mehr.

Götz Kubitschek

Kubitschek, Jahrgang 1970, lebt in Schnellroda in Sachsen-Anhalt. Dort gründete er im Jahr 2000 mit anderen das Institut für Staatspolitik, und das Dorf wurde über die Jahre zum Wallfahrtsort der extremen Rechten. Von dort gingen Vorträge und Schriften aus. Der Antaios-Verlag schuf einen eigenen Vertriebsweg für Bücher, die Volk und Nation ethnisch denken und die liberale Demokratie angreifen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte das Institut im April 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. 2024 löste sich der Trägerverein auf, das Umfeld blieb. Auch den Antaios-Verlag führt der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch. Dort erschienen Bücher von Martin Sellner, dem führenden Kopf der Identitären Bewegung, ebenso ein Buch von Maximilian Krah, damals AfD-Abgeordneter im Europaparlament. Mit Björn Höcke verbindet Kubitschek eine lange Geschichte. Den sogenannten Flügel um Höcke versorgte Schnellroda mit Gedanken, die Erfurter Resolution von 2015 gegen die Parteiführung um Bernd Lucke stammte im Entwurf aus Kubitscheks Feder.

Diese Nähe ist alt. Neu ist, wie offen die Partei intern über ihre Pflege spricht.

Der Streit beginnt Ende März 2025 in Dortmund. Elmar Salinger, Sprecher des Düsseldorfer Kreisverbands, sitzt als Zuhörer in einem Vortrag Kubitscheks. Kurz darauf sagen Redner der eigenen Partei ihre Düsseldorfer Termine ab. Veranstaltungen am 15. April und am 26. Mai müssen umgeplant werden. Peter Boehringer, stellvertretender Bundessprecher, habe auf Nachfrage mitgeteilt, ihm sei von einem „Auftrittsverbot“ für den Kreisverband berichtet worden, schreiben die Düsseldorfer. Schriftlich habe er sein Bedauern über die „Querelen“ geäußert und ausdrücklich den Landesvorstand als beteiligt genannt. Kris Schnappertz, damals Beisitzer im Düsseldorfer Vorstand und zugleich Pressesprecher der Landespartei, habe das in einer Vorstandssitzung bestätigt, laut Protokoll.

Schon am 11. April, so der Kreisvorstand, habe Salinger den Landesvorsitzenden Martin Vincentz schriftlich über Drohungen informiert, von einer „Fatwa“ ist die Rede, und über „Geraune“ aus Schnappertz, der inzwischen Kris von Gierke heißt’ Richtung. Eine schriftliche Antwort sei nie gekommen. Am 12. April habe stattdessen der Landespressesprecher angerufen und Boehringers Absage erneut angekündigt. Boehringer sagte dann tatsächlich schriftlich ab. Carsten Groß hatte schon vorher absagen lassen. Auch persönliche Gespräche mit dem Landessprecher brachten keine Verständigung, solche „übergriffigen Praktiken“ abzustellen. Die Düsseldorfer sprechen von „Feindseligkeiten“.

Im Mai und Juni schaukelt sich der Streit hoch. Ein Mitgliederbegehren erzwingt am 28. Juni 2025 einen außerordentlichen Parteitag, Schnappertz und 2 Mitstreiter werden abgewählt. Im Juli fällt er nach Darstellung des Kreisvorstands durch „fragwürdigste Aktivitäten“ gegen den Landtagsabgeordneten Sven Tritschler auf.

Dahinter steckt mehr als ein Kreisstreit. Schnappertz sprach seit Jahren für Fraktion und Landespartei und gilt als enger Vertrauter von Vincentz. Tritschler, stellvertretender Landeschef, warf ihm an einem Sonntag im Juli auf 7 Seiten eine „Intrige“ vor, adressiert an die Fraktionskollegen und an Weidel und Chrupalla. Schnappertz habe versucht, kompromittierendes Material über ihn zu beschaffen, und eine Hilfskraft zum Spitzeln gedrängt. Aus dem Büro des Landeschefs sei er „als Feind“ markiert worden, Vincentz führe einen „Dschihad“ gegen Teile der Partei. Schnappertz weist alle Vorwürfe zurück, ob sie zutreffen, ist ungeklärt. Am 25. Juli stellte ihn die Fraktion frei und forderte seine Dienstgeräte zurück. Zugleich bot sie ein einvernehmliches Ende des Arbeitsverhältnisses an. Mitglieder beantragten seinen Parteiausschluss, das Schiedsgericht lehnte ab. Vincentz schwieg.

Kris Schnappertz, inzwischen Kris von Gierke

Fatwa im April, Dschihad im Juli. Für ihre inneren Kriege leiht sich eine Partei, die vor dem Islam warnt, dessen Vokabular.

Pressesprecher des Landesvorstands blieb Schnappertz trotzdem, auch noch im August. Inzwischen heißt er Kris von Gierke und ist nach unserer Recherche weiter im Umfeld der AfD Nordrhein-Westfalen aktiv.

Dann der Termin, um den sich alles dreht. Für den 15. September 2025, unmittelbar nach den Kommunalwahlen, lädt der Kreisverband Kubitschek ins Bürgerhaus Bilk. Titel des Vortrags: „Die ersten 100 Tage – eine Vision“. Kubitschek werde wichtige Denkanstöße für die Zukunft Deutschlands und der AfD geben, wirbt der Kreisverband. Ein Mann, dessen Institut der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch führt, soll also erklären, was in den ersten 100 Tagen einer neuen Ordnung zu geschehen habe. Die Frage, welche Ordnung das sei, stellte in Düsseldorf offenbar niemand.

Am 24. August meldete sich ein Sprecher des Landesvorstands öffentlich zu Wort, gegenüber einem Nachrichtenportal. „Herr Kubitschek ist kein AfD-Mitglied und vertritt auch nicht die Werte der AfD.“ Ein weiterer Termin in Bonn sei dem Vorstand bis dahin unbekannt gewesen. Bei den Parteifreunden in Düsseldorf wolle man auf eine Absage drängen.

Der Sprecher blieb ohne Namen. Der Kreisvorstand vermutet Schnappertz, der an diesem Tag noch Sprecher des Landesvorstands war, 30 Tage nachdem ihn die Fraktion vor die Tür gesetzt hatte. Ob er die Sätze selbst formulierte, lässt sich aus den Unterlagen nicht belegen. Belegt ist etwas anderes. Die Düsseldorfer fragten ausdrücklich, ob der Landesvorstand einen Beschluss gefasst habe und mit welcher Begründung. Eine Antwort darauf findet sich im gesamten Verlauf nicht. Ein Beschluss auch nicht.

Das einzige öffentliche Nein der nordrhein-westfälischen AfD zu Kubitschek war durch keinen Beschluss in der vorliegenden Korrespondenz belegt und hatte keinen Absender, der mit seinem Namen dafür einstand. Gesprochen hat womöglich ein Mann, dessen eigene Stellung längst wankte. Vincentz, als dessen Vertrauter Schnappertz gilt, sagte nichts. Was ein gewähltes Mitglied des Landesvorstands tatsächlich dachte, stand einen Tag später in einer E-Mail.

Am nächsten Tag, um 14:57 Uhr, antwortete der Kreisverband. Betreff: „EILT — Klärung in Sachen Kubitschek und Adressierung ‚Düsseldorfer Auftrittsverbote‘“. Die Anrede ist ein kleines Gruppenbild der Partei. „Sehr geehrte Damen und Herren des AfD Landesvorstands NRW, liebe Alice Weidel, lieber Tino Chrupalla“. Beide Bundessprecher stehen mit ihren eigenen Adressen im Verteiler, oben auf dem Briefkopf der Vermerk „zur Kenntnisnahme AfD Bundessprecher“.

Mitten im Kommunalwahlkampf stehe man, heißt es zu Beginn, konzentriert auf „politische Sacharbeit“ und die Mobilisierung „möglichst breiter Wählerschichten“. Umso deutlicher registriere der Kreisvorstand „mit großer und zunehmender Irritation“ eine erneute Einmischung in seine Abläufe, einen weiteren Fall „destruktiver, parteiinterner Agitation“, die über die Presse laufe, statt das Gespräch zu suchen. „Übergriffige Aktivitäten sind umgehend einzustellen.“ Der Sprecher des Landesvorstands, „mutmaßlich Schnappertz“, werde von den Mitgliedsbeiträgen aller Parteifreunde für „satzungsfremde und übergriffige Aussagen“ bezahlt. Ein Schreiben des Landesvorstands liege nicht vor. „Wurde dies im Landesvorstand beschlossen? Wie ist die Begründung?“

Dann spielen die Düsseldorfer ihren stärksten Trumpf aus. Neuhoff selbst sei schon bei Kubitschek zu Gast gewesen, „ferner weitere Spitzenpolitiker der Partei, wie Frau Weidel oder Herr Krah“. Kubitschek sei auch Gast beim Parteitag in Riesa gewesen. Die Logik ist schlicht und kaum zu widerlegen: Was in Schnellroda und Riesa geduldet wird, kann in Bilk schwerlich verboten sein. Der Kreisverband verteidigt sich mit der Spitze der eigenen Partei. Er nennt die Bundesvorsitzende als Zeugin dafür, dass Kubitscheks Gesellschaft in der AfD längst üblich sei.

Der Kreisvorstand lehne „‚Auftrittsverbote‘, Nötigungen und Sabotageaktionen grundsätzlich ab“. Er arbeite ehrenamtlich, habe sogar Gerichte bemüht, um als AfD in Düsseldorf überhaupt öffentliche Räume nutzen zu dürfen. Leitlinien seien „thematische Relevanz, meinungsstarke, freie Debatte und öffentlicher politischer Mehrwert“, man fühle sich einem „lagerübergreifenden Diskurs“ verpflichtet und der Etablierung der AfD als Volkspartei. Die Bundessprecher mögen auf den Landesvorstand einwirken, damit „Auftrittsverbote“ kein Mittel zur Disziplinierung von Funktionsträgern würden.

Der letzte Satz vor der Unterschrift lautet: „In der Hoffnung auf künftige Mäßigung verbleibe ich mit freundlichen Grüßen“. Unterzeichnet hat Salinger, der Mann aus dem Dortmunder Publikum.

Mäßigung erbittet hier ausgerechnet der Kreisverband, der einen Rechtsextremisten ans Rednerpult holen will.

Vier Stunden später antwortet Neuhoff, an Salinger und den Landesvorstand. Zur „Einordnung“ legt er zuerst die eigene Spur offen. Seinen ersten Vortrag am Institut für Staatspolitik habe er im September 2022 gehalten, den zweiten Vortrag im März 2023. Seit der Einstufung im April 2023 sei er dort nicht mehr aufgetreten, „auch, um die Partei zu schützen“. Unmittelbar danach, in Großbuchstaben, der Nachsatz: Das bedeute „NICHT“, dass er die Einstufung des Instituts „für sachlich gerechtfertigt halte“.

Der Rest ist Staatskunst im Wartezimmer. Klüger sei es, sich über „die Realitäten und die bestehenden Machtverhältnisse“ keine Illusionen zu machen. Das Parteiwohl stehe über dem „persönlichen Wollen“. Der Fortbestand der AfD sei „keineswegs so gesichert, wie man glauben möchte, wenn man unsere Umfragewerte sieht“. Daraus folgt der Satz mit der Klammer. Kubitschek, den er „in vieler Hinsicht nach wie vor“ schätze, mit Ausrufezeichen, möge akzeptieren, dass es „objektiv für die AfD besser wäre, wenn wir eine Zeit lang getrennte Wege gehen“. Die Partei verliere dadurch nichts, und Kubitschek gewinne durch 2 oder 3 Vorträge in Kreisverbänden ohnehin nichts Substanzielles. Dann, ganz beiläufig: „Die Bücher aus dem Antaios-Verlag kann man ja weiter bestellen und lesen.“

Die Gesinnung bleibt im Bücherregal. Vor die Tür muss nur der Verleger, und auch er nur bis auf Weiteres.

Am Vortag hatte ein namenloser Sprecher im Namen des Landesvorstands erklärt, Kubitschek teile die Werte der AfD nicht. Jetzt hält ein gewähltes Mitglied dieses Vorstands die Einstufung von Kubitscheks Institut für ungerechtfertigt, bekundet dem Mann seine Wertschätzung und empfiehlt dessen Verlagsprogramm zur weiteren Lektüre. Widerrufen hat die Distanzierung niemand. Gegolten hat sie offenbar auch nicht. Ein Wort fehlt in dieser Mail: Widerspruch. Kein Satz widerspricht Kubitschek in der Sache. Begründet wird die Trennung allein mit der Lage der Partei. Welche Verhältnisse Neuhoff „normal“ nennt, schreibt er nicht. Solche, in denen der Verfassungsschutz anders urteilt? Oder solche, in denen sein Urteil niemanden mehr kümmern muss? Fest steht nur seine Gewissheit, dass sie kommen.

Die Klammer verrät mehr als der Satz davor. Eine Prognose braucht keine Klammer, eine Hoffnung schon. Neuhoff schreibt sie hin wie eine Wettervorhersage für die Republik, ohne Datum, mit festem Glauben an den Umschwung. Bis dahin gilt die Gegenwart als Ausnahmezustand, den man aussitzt. Normal wäre demnach eine Zeit, in der man einen Mann wie Kubitschek wieder einladen kann, ohne dass jemand fragt, wozu.

Im selben Schreiben folgt, ohne Überleitung, ein Absatz über ein Wort. „Noch ein Wort zur Remigration.“ Als Ergänzung zu Abschiebung und Rückführung, die durch staatlichen Zwang erfolgten, sei der Ausdruck „sehr wohl geeignet“. Remigration könne die Rückwanderung „aus persönlichem Entschluss“ bezeichnen, etwa, „weil die Anreize zum Verbleib hier in D oder in Europa zu gering geworden sind“. So trage man der Bedeutung des Wortes Rechnung, der Umkehrung einer Migration, die ja ebenfalls aus persönlichem Entschluss erfolgt sei. Als „OBERBEGRIFF“ für alle Formen der Rückkehr tauge er nicht. Der Entschluss, von dem Neuhoff spricht, fällt also dort, wo zuvor jemand die Gründe zum Bleiben beseitigt hat. Welche Anreize sinken sollen, verrät er nicht. Eine Freiwilligkeit, deren Bedingungen andere schaffen, heißt im Deutschen Druck. Sellners Buch zur Remigration erschien bei Antaios, jenem Verlag, dessen Bücher man nach Neuhoffs Worten „ja weiter bestellen und lesen“ kann.

Auffällig ist ein Wort, das in diesem Sommer durch die Partei wandert. Neuhoff verzichtete auf Schnellroda, „um die Partei zu schützen“. Am 8. Mai 2025 hatte der Bundesvorstand für die Beamten in den eigenen Reihen eine Handreichung verschickt, die Mitglieder zu verfassungskonformer Wortwahl anhielt, ausdrücklich zum „Schutz der gesamten AfD“. Geschützt wird in beiden Fällen die Partei vor den Folgen ihrer Nähe. Die Nähe selbst steht nirgends zur Disposition.

Am Schluss der Mail steht eine Notiz in eigener Sache. Er habe die Bundessprecher „aus dem Antwortverteiler rausgenommen“, weil er wisse, dass beide „mit solchen NRW-Interna nicht behelligt werden wollen“ und Wichtigeres zu tun hätten. Weidel und Chrupalla hatten die Beschwerde erhalten. Die Antwort mit dem Satz über die normalen Verhältnisse ging zunächst nicht an sie.

Salinger lässt das nicht gelten und setzt beide wieder in Kopie, Neuhoffs Mail samt Klammer unten im Verlauf. Neuhoffs Rückmeldung erkläre nicht, warum der Landesvorstand über ein Nachrichtenportal mit dem Kreisverband rede statt über die bekannten internen Wege. Weil wiederholt in die Einladungen „hineingefunkt“ werde und das systematisch wirke, binde er die Bundesspitze erneut ein. So etwas solle „keinesfalls Schule machen“.

Dann holt er weiter aus. Die „politmediale ‚Kampfzone‘“ sei inzwischen so ausgeweitet, dass sogar Kandidaten zu Kommunalwahlen ausgeschlossen würden, die Rezensionen zu Tolkien oder Besprechungen von Nibelungenfilmen verfasst hätten. Bei Neuhoffs Vorstandskollegen Uwe Detert reiche schon der Vorwurf, „Verschwörungstheorien“ zu verbreiten, um ihn auszuschließen. Im Juli 2025 habe er im Landeswahlausschuss erlebt, wie der Kandidat einer Leverkusener Kleinstpartei unter anderem wegen Kritik an Moscheebauten ausgeschlossen worden sei, obwohl er zuvor viele Male als Kandidat für das Oberbürgermeisteramt zugelassen worden war.

Neuhoffs Hinweise zu Kubitschek, zu seinen Auftritten in Schnellroda und zur Einschätzung des Verfassungsschutzes nehme er „dankend zur Kenntnis“. Er sehe aber keinen Grund, sich angesichts der „immer lächerlicher werdenden öffentlichen Gemengelage“ „künstlich zu verbiegen und dem Kontaktschuldvorwurf zu frönen“. Tolkien und die Nibelungen dienen ihm dabei als Kronzeugen einer Verfolgung, in deren Mitte ein Verleger aus Schnellroda steht.

Hier stehen sich zwei AfD-Politiker gegenüber, und über Kubitschek sind sie sich einig. Der eine will ihn auf Abstand halten, bis die Zeiten günstiger sind. Der andere will ihn sofort zeigen, weil er die Zeiten für lächerlich hält. Kontaktschuld nennt Salinger, was anderswo schlicht Gesellschaft heißt, und er weigert sich, sie zu verleugnen. Neuhoff verleugnet sie nicht einmal. Er vertagt sie. Mit seinen Ideen setzt sich im ganzen Schriftwechsel keiner auseinander. Eine Antwort von Weidel oder Chrupalla enthält der Verlauf nicht.

Am 15. September 2025 kam Götz Kubitschek ins Bürgerhaus Bilk. Mehr als 500 Menschen protestierten vor dem Gebäude, Demonstranten blockierten zeitweise die Zufahrt, die Polizei sicherte den Ort. Kubitschek gelangte hinein und hielt seinen Vortrag. Drinnen hörten AfD-Anhänger zu, was ein Rechtsextremist sich für die ersten 100 Tage vorstellt. Vor der Tür stand ein Teil der Stadt, hinter der Tür die Partei, dazwischen eine Polizeikette. Von einem lagerübergreifenden Diskurs, wie ihn der Kreisvorstand beschworen hatte, war an diesem Abend wenig zu sehen. Auf der Internetseite der AfD Nordrhein-Westfalen stand die Veranstaltung derweil als „Bürgerdialog“. Derselbe Landesverband, in dessen Namen ein Sprecher erklärt hatte, Kubitschek vertrete nicht die Werte der Partei, kündigte seinen Auftritt im eigenen Terminkalender an. Das Nein ging an die Presse, das Ja in den eigenen Terminkalender.

Lesen Sie auch unseren Artikel: Investigative Recherche: Die AfD bettelte bei Trump und bringt ihren Beamten die verfassungstreue Wortwahl bei

Distanz zum Vorzeigen, Nähe zum Gebrauch. Eine Partei, die ihre Nähe zum Rechtsextremismus nur noch nach der Wetterlage dosiert und sie im Übrigen bewusst pflegt und hinnimmt, liefert die Begründung selbst, warum ein Verbotsverfahren mehr als nur berechtigt ist.

Neuhoff hatte geraten zu warten, bis wieder normale Verhältnisse herrschen. Der Düsseldorfer Kreisverband wartete nicht. Für ihn waren sie offenbar schon da.

Fortsetzung folgt …

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Esther Portmann
Esther Portmann
2 Stunden vor

Danke für den Bericht, ich weis ihr habt viele Stunden mit der Sichtung der Mails verbracht.

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