Der Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte in Europa sagt, das Bündnis sei bereit, noch in dieser Nacht zu kämpfen. Im selben Land, das diese Allianz trägt, kauft der Präsident den Diesel des Gegners und spricht vom Abzug seiner Truppen. General Alexus Grynkewich, der amerikanische Oberbefehlshaber, trat am Montag beim Warschauer Sicherheitsforum auf und zeichnete, was er seine „Siegestheorie“ nannte. Ein Krieg stehe weder unmittelbar bevor noch sei er unvermeidlich, sagte er.
Den Frieden halte man am besten, indem man sich auf den Krieg vorbereite und zugleich die Drähte offen lasse, um Missverständnisse auszuräumen. Der Satz trägt seinen Widerspruch in sich und ist der Alltag jeder Abschreckung. Seine Theorie sei einfach, sagte Grynkewich. „Wir werden den ersten Angriff abwehren. Sollte der Angriff anhalten, werden wir ihn abschwächen und jeden weiteren Vormarsch des Feindes verhindern. Und wenn es erforderlich ist, werden wir die feindlichen Streitkräfte und das operative Kriegführungssystem, das gegen uns eingesetzt wird, zerschlagen.“
Einzelheiten nannte er nicht, weder den Ort noch die Art des Angriffs. Eine Antwort gelte nicht allein den angreifenden Truppen, auch allem, was sie stützt und lenkt. Mit allen Teilstreitkräften wolle man Moskau hindern, Gebiet zu nehmen und es zu halten. Eine Drohung ohne Ort trifft überallhin. Der Anlass liegt in einer Reihe verdeckter Schläge quer über den Kontinent. In Estland brannte ein Rüstungsbetrieb, hinter dem Feuer vermuten die Behörden Russland. In Deutschland sollte am Flughafen Leipzig eine mit Sprengstoff beladene Drohne ein ukrainisches Flugzeug treffen, der Versuch flog auf. Vor London vereitelten britische Stellen einen russischen Plan gegen eine Drohnenfabrik. Westliche Regierungen zählen mindestens 211 solcher Vorfälle seit dem Beginn der russischen Invasion, der Kreml weist das zurück. Regierungen und Nachrichtendienste in Europa warnen seit Wochen, Russland könne das Bündnis mit mehr heimlichen Angriffen oder einem begrenzten Vorstoß auf die Probe stellen.
Während der General von Entschlossenheit spricht, erschüttert der eigene Präsident das Fundament. Donald Trump hat einem Kauf von russischem Diesel zugestimmt, um vor den Zwischenwahlen die Preise daheim zu drücken. Früher im Jahr kündigte er an, amerikanische Soldaten aus Europa abzuziehen. Sein Krieg gegen Iran hat dem Kontinent überdies die modernen Flugabwehrraketen knapp werden lassen. Die Hand, die das Bündnis führen soll, greift zugleich nach der Kasse des Gegners. Nach außen zeigt die Allianz die Faust, nach innen bietet sie die offene Flanke.
Grynkewich wollte das nicht laut kommentieren. Wo Soldaten stünden, sei am Ende eine politische Entscheidung, sagte er, doch niemand dürfe das Engagement der Vereinigten Staaten für das Bündnis infrage stellen. Die Partner müssten geschlossen auf Moskaus Treiben antworten und klarmachen, wo die roten Linien verlaufen. Die richtige Antwort auf die Sabotage sei, die Ukraine noch stärker zu stützen. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk warnte, Russland plane eine Eskalation mit Drohnen und Raketen gegen jene Europäer, die der Ukraine helfen. Andere Hauptstädte riefen zur Ruhe. Der dänische Militärnachrichtendienst sieht ein geringes, doch wachsendes Risiko, dass Russland einen begrenzten Schlag gegen einen Grenzstaat der NATO führt. Mit solchen Mitteln, so die Warnung, lasse sich die NATO auch spalten.
Besonders heimtückisch ist die Idee, die beide Seiten durchdenken. Russland könnte ukrainische Drohnen beschaffen und Europa damit angreifen, um die eigene Spur zu verwischen. Solche Treffer, vermutet Tusk, werde Moskau als „versehentlich“ ausgeben, um den Willen der Verbündeten zu lähmen, einem Angegriffenen beizustehen. Das Ziel wäre, europäische Mittel von der Ukraine wegzuziehen und Zwietracht in das Bündnis zu tragen. Ein Unfall, der keiner ist, wäre die bequemste Waffe, weil niemand für ihn haftet. Die Lüge ist schon in die Tat eingebaut.
Kommen sehe man einen solchen Angriff, überrascht werde die NATO kaum, sagte Grynkewich. Verlassen will sie sich auf ein Netz aus Sensoren und autonomen Systemen. Nur hakt es genau dort. Bei Übungen taten sich einige Staaten schwer, eindringende Drohnen zu erkennen und abzuwehren. Mehrere Angriffsdrohnen stürzten in NATO-Länder an den Grenzen zu Russland und Belarus. Im Mai schickte Vilnius seine Einwohner in die Schutzräume, nachdem eine Drohne vom Kurs abgekommen war. Eine Allianz, die den Himmel noch nicht schließt, verspricht trotzdem, in einer Nacht zu siegen.
Grynkewichs Sprecher, Oberst Martin O’Donnell, räumte ein, das Netz zwischen den Sensoren und den Waffen, die Drohnen abschießen sollen, sei noch im Bau. Abgeschossen habe es bislang keine. Einen umfassenden Angriff auf die NATO könne Russland ohnehin schwer beginnen, solange es in der Ukraine Krieg führt, sagen der dänische Dienst und der Oberst gleichermaßen. Der Satz beruhigt, solange der Krieg dort dauert, und er klingt anders an dem Tag, an dem er endet.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten In English