Trumps Wochenende an Moskaus Seite: Putins Diesel für Amerikas Zapfsäulen, ein neuer Präsident für Kiew

VonTEAM KAIZEN BLOG

11. Oktober 2026

In Saporischschja gruben Retter am Samstag 20 Tote aus einem zerschlagenen Wohnblock, drei davon Kinder, 18 weitere lagen verletzt im Schutt. Ein Mann saß auf den Trümmern und telefonierte, als wäre das die neue Ordnung der Dinge. Am selben Samstag trat Donald Trump in Washington vor die Mikrofone und erklärte, das Problem sei der Mann unter diesen Bomben. Die Ukraine solle sich „einen neuen Präsidenten“ suchen. Einen Tag zuvor hatte er Putins Diesel gekauft. Dem Beschossenen wird die Schuld gereicht, dem Brandstifter der Markt.

Beide Schritte gehören zusammen. Am Freitag verkündete Trump den Handel, Russland werde Diesel an die USA und an die Weltmärkte liefern, und Washington hob die Sanktionen auf russische Dieselausfuhren bis April auf. Zunächst mehr als 300.000 Tonnen, im November weitere 500.000. Danach eine Million, bald darauf drei weitere Millionen. Der Kreml gab nichts dafür her, Putin bestätigte nach einem Telefonat nur seine „Bereitschaft“ zu liefern, ohne eine einzige Zahl zu nennen. Noch am Freitagabend ließ sein Außenpolitiker Juri Uschakow wissen, man werde erst „nachdenken“, wann die Gespräche überhaupt wieder beginnen. Gut einen Monat nach dem Gesetz, das Putins Ölgeld austrocknen sollte, dreht Trump den Hahn wieder auf. Dasselbe Werkzeug, das Russlands Öleinnahmen abschnüren sollte, benutzt er jetzt, um sie zu mehren.

Am Samstag, vor dem Abflug zu einer Kundgebung in Tennessee, lud er die Schuld bei dem ab, der sie am wenigsten trägt. Selenskyj habe den Krieg „viele Male“ beenden können und wolle nicht, er mache „Probleme für die Welt“, für „unsere Bauern und Viehzüchter“, weil Russland einen großen Teil des Diesels dieser Welt liefere. Man habe ihm gesagt, er dürfe mit Russland tun, was er wolle, nur die Raffinerien solle er in Ruhe lassen. „Er sollte verdammt noch mal aufhören.“ Und dann der Satz, den kein amerikanischer Präsident je über einen Verbündeten im Krieg gesagt hat: „Ich schlage vor, sie holen sich einen neuen Staatschef, der einen Deal machen kann.“

Dazu türmte er Zahlen, die niemand belegt. Hätte er 2022 regiert, wäre der Krieg nie ausgebrochen, der sei „aus Inkompetenz“ entstanden. Selenskyj habe „30 Prozent“ seines Landes verloren und über zwei Millionen Tote zu verantworten. Unabhängige Schätzungen nennen rund 20 Prozent des Staatsgebiets unter russischer Kontrolle, britische Militärs sprechen von etwa einer halben Million gefallener russischer Soldaten, eine verlässliche Zahl ukrainischer Toter liegt nicht vor. Wo ihm die Wirklichkeit fehlt, legt er sich eine zurecht und rechnet dem Opfer die Gräber des Täters an.

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Von Putin verlangte er an diesem Tag kein einziges Zugeständnis. Die ganze Last des Nachgebens lud er auf das überfallene Land. Die Schläge gegen die russischen Raffinerien sind das letzte Faustpfand der Ukraine, das Einzige, was Moskau den Krieg im eigenen Hinterland spüren lässt. Lässt Kiew davon ab, gibt es sein Druckmittel aus der Hand, während die Bomben weiter fallen. Selenskyj hat angeboten, die Angriffe einzustellen, falls auch Russland die ukrainischen Kraftwerke verschone. Putin lehnte die gegenseitige Pause ab.

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Was ein Nachlassen des Drucks bedeutet, buchstabierte Russland noch am selben Tag. Fünf Gleitbomben trafen Wohnhäuser in Saporischschja, mindestens 20 Tote, darunter drei Kinder. In vier Tagen kamen mehr als 60 Menschen um, in der Woche zuvor mehr als 100 Zivilisten. Tage vorher hatte Selenskyj in Pryluky Spielzeug vor einem zerstörten Wohnhaus niedergelegt, in dem 22 Menschen starben, fünf davon Kinder. „Heute hat sich Russland für die aufgehobenen Sanktionen bedankt, mit fünf Gleitbomben auf Wohnhäuser in Saporischschja“, schrieb er. Jede zusätzliche Milliarde, die Moskau verdiene, fließe in Waffen und Drohnen, in Raketen und Söldner. Russland höre erst auf, wenn es nicht mehr kämpfen könne. Mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron sprach er über die Luftabwehr und warnte vor neuen Raketenschlägen in den kommenden Tagen.

Seine Würde behielt der Beschimpfte. Das ukrainische Team werde „bloß als Nebelwand benutzt“, hatte Selenskyj am Freitagabend gesagt, so gehe man unter Partnern nicht miteinander um, und den Dieselhandel nannte er eine „schwache Entscheidung“. Von dem Geschäft erfuhr Kiew erst aus der Ankündigung, die Delegation reiste ohne Ergebnis aus Florida ab. Außenminister Andrij Sybiha hielt dagegen, Selenskyj führe „unsere Nation in einem Krieg um Unabhängigkeit, Freiheit und Würde“, das Volk entscheide, und Zurufe aus dem Ausland bestätigten nur, dass er seine Arbeit gut mache.

Verkündet wurde der Handel, während Trumps Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff in Miami mit ukrainischen Vertretern saßen. Kaum sollten die Gespräche beginnen, telefonierte Trump ausgiebig mit Putin. Die Amerikaner zählten den Ukrainern alles auf, was Washington ihnen gebe, bis zu den geteilten Geheimdienstinformationen, und drängten sie, die Raffinerieschläge einzustellen. Offen gedroht, das Teilen zu beenden, habe niemand, doch die Drohung sei für alle im Raum zu lesen gewesen. Ein amerikanischer Vertreter bestritt das. Viel in der Hand hat Trump ohnehin nicht mehr, nachdem er den Großteil der Hilfe für Kiew gestrichen hat, nur die Aufklärung wiegt noch schwer, und die Waffen, die er den Europäern für die Ukraine verkauft.

Daniel Fried, lange amerikanischer Botschafter in Polen, fand das Bild dafür. Russland stehe abseits und warte, dass der Westen ihm „immer größere und schönere Sträuße vor die Füße“ werfe. Beginne man, hinter Moskau herzulaufen, grinse es nur und warte auf das nächste Angebot. Was Kushner und Witkoff seit Ende September mitbrachten, erschreckte selbst Kiew. Sie boten die Freigabe eingefrorener russischer Vermögen an, im Westen blockiert, einst mit bis zu 100 Milliarden Dollar beziffert. Sie boten den Verkauf von Teilen des Ölriesen Lukoil an Investoren vom Golf an, einige mit Geschäftsverbindungen zu den amerikanischen Verhandlern. Und sie boten an, dem Kreml-Verbündeten Belarus die Ausfuhr von Kali zu erlauben. Alles im Voraus, für eine begrenzte Waffenruhe, der Moskau nie zugestimmt hat. Trump untergrabe nicht allein die Sicherheit der Ukraine, warnte Fried, auch die Europas stehe auf dem Spiel, während Russland seinen verdeckten Krieg gegen den Kontinent verschärfe und man tue, als geschehe nichts.

Die Rechnung dieses Krieges ist unter Trump immer dieselbe. Seit er versprach, ihn in 24 Stunden zu beenden, sagte Kiew einer bedingungslosen Feuerpause zu, Moskau lehnte sie ab. Die Ukraine bekam für ihr Ja keinen Lohn, der Kreml für sein Nein keine Strafe. So tief brachen beide Seiten nicht mehr auseinander seit dem Schreiduell im Oval Office 2025, und 18 Monate europäischer Mühe, Trump bei der Stange zu halten, stehen infrage. Putin besteht weiter auf dem ganzen Donbas, den seine Armee nicht einmal erobern konnte. Der amerikanische Entwurf, an dem Kiew und Europa mitschreiben sollen, soll Gebietsfragen regeln und den Wohlstand nach dem Krieg, dazu eine neue Sicherheitsordnung für Russland und Europa. Die Ukrainer, erschöpft, trügen eine Waffenruhe entlang der heutigen Front mit, die Forderungen des Kreml lehnten sie ab. Außenminister Marco Rubio nennt die Gespräche „schwer fassbar“ und spricht von einer „strategischen Pattlage“. Selenskyj widersprach, man stecke nicht in einer Sackgasse, es fehle allein am Druck auf Moskau. „Legt ihre ganze Wirtschaft lahm. Näht Russland den Mund zu. Füttert es nicht mit euren eigenen Verkäufen.“

Zu Hause brach dem Präsidenten diesmal die eigene Reihe weg. Sein früherer Vize Mike Pence nannte den Handel einen „Verrat“ und einen Schlag gegen das Gesetz des verstorbenen Senators Lindsey Graham. Der scheidende Abgeordnete Don Bacon sprach von einem „schweren Fehler“, der Sache sehe „verzweifelt“ aus, und wer Putins Kriegswirtschaft stütze, handle moralisch falsch. Der Senatsbewerber Mike Rogers warnte, diesem Mann dürfe man „keinen Zentimeter“ geben. Senator Dan Sullivan ließ ausrichten, die Antwort auf hohe Preise heiße Alaska, nicht Russland. Die Demokratin Jeanne Shaheen hielt fest, der Handel verletze ein Gesetz von 2022, das den Kongress vor jeder Einfuhr russischer Energie zu Rate ziehen müsse. Der Republikaner Brian Fitzpatrick schrieb Selenskyj, der Kongress stehe zu „100 Prozent“ hinter ihm. Der Demokrat Chuck Schumer sprach von einem „Pakt mit dem Teufel“, der nur Trumps schwindende Lage retten solle, der Senatsbewerber Chris Pappas von einem „Schlag ins Gesicht“ der Ukraine und der Verbündeten. Nur wenige jubelten, die Abgeordnete Anna Paulina Luna etwa, die den Amerikanern einen großen Nutzen versprach.

Europa schloss die Reihen, die Trump öffnete. Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson bedauerte den Handel, Energiegeld sei die Kriegskasse Russlands, und die EU beschließe am Montag ihr bisher schärfstes Sanktionspaket, 1.600 Einträge gegen Russlands Rüstung. Berlin erklärte, man halte an den Sanktionen fest und arbeite mit den europäischen Partnern an weiteren, die Unterstützung für die Ukraine bleibe „unerschütterlich“. Polens Außenminister Radoslaw Sikorski stellte die trockene Frage, die den ganzen Handel entlarvt. Die Ukraine habe rund die Hälfte der russischen Raffineriekapazität zerstört, selbst in Moskau fehle Treibstoff, woher also solle der Überschuss für den Export kommen.

Für diesen Verrat bekommt der amerikanische Fahrer fast nichts. Der Energieberater Andrew Lipow nannte die Menge „sehr klein“ gegen den heimischen Bedarf, die Gallone Diesel steht bei rund 6,28 Dollar, nach 3,67 vor einem Jahr, getrieben vor allem von Trumps eigenem Krieg gegen den Iran, der eine wichtige Schifffahrtsstraße für Öl verstopft und die Preise aller Ölprodukte nach oben gezogen hat, und für den die Amerikaner ihn laut einer Umfrage ohnehin verantwortlich machen. Er tauscht einen Partner im Krieg gegen ein paar Cent, die vielleicht nie an der Säule ankommen.

In Kiew standen Menschen am Denkmal für die gefallenen Soldaten, zwischen Wut und Ergebenheit. Trump habe „wieder sein wahres Gesicht gezeigt“, sagte der 26-jährige Oleksandr Petrenko, ihn kümmere nur, was die Amerikaner an der Zapfsäule zahlten. Eine Finanzberaterin aus Kropywnyzkyj nannte es keine Überraschung, Trump arbeite seit Langem mit Putin. Es war die Ruhe einer Stadt, die solche Nachrichten längst kennt und doch nicht fassen kann. Die Arithmetik dieses Wochenendes ist schlicht und obszön. Das Land, das blutet, soll seinen Anführer austauschen, das Land, das bombt, bekommt einen Absatzmarkt. Ein Präsident, der versprach, einen Krieg zu beenden, hat gelernt, ihn zu nähren, und nennt den Hunger Frieden.

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