„Ich hoffe, es war das wert“: Samuels letzter Brief an den ICE-Beamten, der seine Mutter holte

VonTEAM KAIZEN BLOG

6. Oktober 2026

Samuel Gonzalez Terrones war 21 und wollte Grafikdesigner werden. Zwei Monate nachdem die Einwanderungsbehörde ICE seine Mutter aus dem gemeinsamen Haus geholt hatte, war er tot. In dem Brief, den er hinterließ, wandte er sich an den Beamten, der sie mitgenommen hatte. „An den ICE-Beamten, der mir meine Mutter weggenommen hat: Ich hoffe, es war das wert.“ Was diesem Satz vorausging, nannte ein Bundesgericht später einen Fehler des Heimatschutzministeriums. Der Fehler trug da schon einen Sarg hinter sich her.

Auszug aus dem Abeschiedsbrief von Samuel: „Die letzte Wand, gegen die ich gestoßen bin, war, dass meine Mutter von ICE weggebracht wurde. Das brachte mich zu dieser endgültigen Entscheidung, weil mir klar wurde, wie hoffnungslos und einsam ich ohne meine Mutter werde und dass sich mein Zustand ohne sie nur noch weiter verschlechtern wird. An den ICE-Beamten, der mir meine Mutter weggenommen hat: Ich hoffe, es war das wert. Ich kann die Ungerechtigkeiten in dieser Welt nicht mehr ertragen, und das hat mich letztlich dazu gebracht, mein Leben zu beenden.“

Samuel war weit mehr als die Krise, die ihn am Ende überrollte. Das zweitjüngste von 7 Geschwistern, einer, der schnell lachte und großzügig war zu den Menschen um ihn herum. Er mochte Videospiele und Schokoladen-Conchas. An guten Tagen half er seinem Vater bei der Gartenarbeit und saß mit den Geschwistern zusammen. Trotz jahrelanger seelischer Not hatte er sich eine leichtere Seite bewahrt. Kurz bevor alles kippte, hatte er eine Behandlung wegen Depression und Schizophrenie begonnen. Seine Mutter Minerva, sagt die Familie, sei diejenige gewesen, die bei ihm blieb und ihn durch die schlimmsten Stunden trug. Der Entwurf, den er für sich im Kopf trug, war ein Leben mit Farben und Bildschirmen, nicht mit Wartesälen und Glasscheiben.

Minerva Terrones Dominguez

Minerva Terrones Dominguez war im Juni auf dem Weg zu einem Lebensmittelgeschäft in San Bernardino, als Bundesbeamte sie anhielten. In ihrem Antrag vor dem Bundesgericht heißt es, man habe ihr gesagt, sie „sehe aus wie jemand“, nach dem gesucht werde. Die Beamten hätten ihre Sachen durchwühlt und sie verspottet, als die EBT-Karte für Lebensmittelhilfe auftauchte, ehe sie sie festnahmen. Nie sei sie verhaftet oder verurteilt worden, sagt ihr Anwalt, nie zuvor in einem Abschiebungsverfahren gewesen. Einen Haftbefehl gab es nicht. Ein Drittel ihres Lebens in diesem Land, 33 Jahre, beendet an einer Straßenecke, weil ein Gesicht ungefähr passte.

Samuel Gonzalez Terrones

Samuel war mit seiner Schwester Sari zu Hause in Rialto, als die Nachricht kam. Ein ICE-Beamter habe angerufen, erzählt Sari, und ihr eine Stunde gelassen, um Minervas Sachen zu holen und sich zu verabschieden, ehe man sie in ein Haftzentrum brachte. Eine Stunde für einen Abschied, den niemand vorbereitet hatte. Samuel brach zusammen. So habe sie ihn nie weinen sehen, sagt seine Schwester. Die Hand, die ihn bislang gehalten hatte, war mit einem Anruf verschwunden. Niemand fragte, was das mit einem jungen Mann macht, der gerade erst begonnen hatte, sich Hilfe zu holen.

Samuel Gonzalez Terrones

Von da an bestimmte die Haft die ganze Familie. Die Geschwister und der Vater nahmen zusätzliche Arbeit an, um den Anwalt zu bezahlen. Das Geld floss zum Juristen, die freie Zeit in die Fahrten nach Adelanto. Samuel, dem die Erkrankung feste Arbeit schwer machte, blieb immer öfter allein in der Wohnung und zog sich zurück. Über zwei Monate sah die Familie zu, wie er sich weiter entfernte. Sonntags fuhr er mit den Schwestern ins Haftzentrum, Stunden zu früh, um auf den Besuch zu warten. Auf der Hinfahrt sei er sichtbar glücklich gewesen, sagt Sari, hinterher hätten alle weinend das Gebäude verlassen. Den Menschen, der ihn durch seine Krisen gebracht hatte, erreichte er nur noch durch eine Besucherscheibe.

Zwei Monate nach der Festnahme nahm sich Samuel das Leben. Am frühen Morgen des 12. August rückte die Polizei von San Bernardino aus, der 21-Jährige wurde noch am Ort für tot erklärt. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, der Verlust der Mutter an ICE habe ihm das Gefühl gegeben, gegen eine letzte Wand gestoßen zu sein. Dann folgte der Satz an den Beamten. Beigesetzt wurde Samuel auf dem Friedhof von Rialto, zwischen Freunden und Angehörigen.

Die Beerdigung war am 22. September um 12 Uhr auf dem Rialto Park Cemetery in Rialto, Kalifornien.

Seine Mutter saß noch in Haft, als die Familie ihr sagen musste, dass ihr Sohn tot war. Sari habe bis nach einer anstehenden Anhörung warten müssen, dann etwa 10 Minuten in einem Besucherraum bekommen, um es ihr zu überbringen. Während Minerva weinte, erlaubten die Beamten der Tochter nicht, ihre Mutter zu umarmen oder auch nur zu berühren. Ein Staat, der eine Mutter festhält, verwehrt ihr sogar die Hand der eigenen Tochter im schlimmsten Moment ihres Lebens.

Drei Tage später, am 31. August, ordnete ein Bundesrichter die sofortige Freilassung an. Dem Haftprüfungsantrag wurde stattgegeben, Minerva kam noch am selben Tag frei. Das Gericht hielt fest, das Heimatschutzministerium habe sie rechtswidrig festgehalten, „allein aufgrund eines Fehlers“ der Behörde. Kein Einwanderungsrichter hatte je festgestellt, dass von ihr eine Gefahr oder Fluchtgefahr ausgehe. Als die Anwälte der Regierung vortrugen, sie könne weiter eingesperrt bleiben, bis ihr Monate später eine Anhörung über eine Freilassung gegen Kaution zustehe, nannte der Richter diese Aussicht „mehr als grausam“. Grausam war die Haft vom ersten Tag an. Ein Wort dafür fand das Gericht erst, als die Regierung sie noch verlängern wollte.

Case Information

Filed: August 11, 2026
Assigned to: Brianna Fuller
Mircheff
Referred to: —
Nature of Suit: Habeas Corpus –
Alien Detainee
Cause: 28:2241 Petition for Writ of
Habeas Corpus (federal)
Completed: September 01, 2026
Last Activity: September 01, 2026

Docket Entries

#1
Aug 11, 2026
PETITION for Writ of Habeas Corpus by a Person in Federal Custody (28 USC 2241), Receipt No. ACACDC-43028493 for $5 filing fee, filed by Petitioner Minerva Dominguez-Terrones. (Attachments: # 1 Exhibit A NTA) (Attorney Arturo Angel Burga added to party Minerva Dominguez-Terrones(pty:pet)) (Burga, Arturo) (Entered: 08/11/2026)
Main Document: Petition for Writ of Habeas Corpus (Attorney Civil Case Opening)
Habeas RECAP PACER
#2
Aug 11, 2026
CIVIL COVER SHEET filed by Petitioner Minerva Dominguez-Terrones. (Burga, Arturo) (Entered: 08/11/2026)
Main Document: Civil Cover Sheet (CV-71)
Habeas RECAP PACER
#3
Aug 11, 2026
The Petitioner has voluntarily consented to have a Magistrate Judge conduct all further proceedings in this case, including trial and entry of judgment. THERE IS NO PDF DOCUMENT ASSOCIATED WITH THIS ENTRY. (car) TEXT ONLY ENTRY (Entered: 08/12/2026)
#4
Aug 12, 2026
NOTICE OF ASSIGNMENT to a U.S. Magistrate Judge. This case has been assigned to Magistrate Judge Brianna Fuller Mircheff. (car) (Entered: 08/12/2026)
Main Document: Notice of Assignment to U.S. Magistrate Judge CV-25B optional html form
Habeas RECAP PACER
#5
Aug 12, 2026
Notice of General Order 26-05 and Briefing Schedule. (car) (Entered: 08/12/2026)
Main Document: Notice (Scheduling Order 2241) – optional html form
Habeas RECAP PACER
Aug 12, 2026
2241 Initial Case Assignment Consent or Declination
#6
Aug 19, 2026
Notice of Appearance or Withdrawal of Counsel: for attorney Patrick James Kearney counsel for Respondents Todd Blanche, Thomas Giles, James Janecka, Markwayne Mullin, David Venturella. Adding PATRICK J. KEARNEY as counsel of record for RESPONDENTS for the reason indicated in the G-123 Notice. Filed by RESPONDENTS PATRICK J. KEARNEY. (Attorney Patrick James Kearney added to party Todd Blanche(pty:res), Attorney Patrick James Kearney added to party Thomas Giles(pty:res), Attorney Patrick James Kearney added to party James Janecka(pty:res), Attorney Patrick James Kearney added to party Markwayne Mullin(pty:res), Attorney Patrick James Kearney added to party David Venturella(pty:res))(Kearney, Patrick) (Entered: 08/19/2026)
Main Document: Notice of Appearance or Withdrawal of Counsel (G-123)
Habeas RECAP PACER
#7
Aug 19, 2026
This action has been fully consented to according to General Order 26-05. The case will proceed before a magistrate judge. THERE IS NO PDF DOCUMENT ASSOCIATED WITH THIS ENTRY. (ch) TEXT ONLY ENTRY (Entered: 08/19/2026)
#8
Aug 19, 2026
RESPONSE filed by Respondents Todd Blanche, Thomas Giles, James Janecka, Markwayne Mullin, David Venturellato (TERMED) Petition for Writ of Habeas Corpus, 1 (Kearney, Patrick) (Entered: 08/19/2026)
Main Document: Response
Habeas RECAP PACER
Aug 19, 2026
Immigration 2241 Full Consent
#9
Aug 31, 2026
(In Chambers) Order Granting Petition (ECF 1) by Magistrate Judge Brianna Fuller Mircheff. Accordingly, Count One in the Petition (Pet. 65-72) is GRANTED. Petitioner Minerva Terrones Dominguez (A# 221-462-773) is ordered immediately released on reasonable conditions. Petitioner’s counsel shall file a status report confirming Petitioner’s release within three days of her release from custody and shall report any delay in Petitioner’s release. Upon receipt of such confirmation, judgment will issue and the Court will close the case. SEE ORDER FOR DETAILS. 1 (ch) (Entered: 08/31/2026)
Main Document: Release Order re Immigration 2241
Habeas RECAP PACER
#10
Aug 31, 2026
STATUS REPORT filed by Petitioner Minerva Terrones Dominguez. (Attachments: # 1 Exhibit A ERO Email confirming release)(Burga, Arturo) (Entered: 08/31/2026)
Main Document: Status Report
Habeas RECAP PACER
#11
Sep 01, 2026
JUDGMENT by Magistrate Judge Brianna Fuller Mircheff, 9. Pursuant to the Order Granting Petition, IT IS HEREBY ORDERED, ADJUDGED, AND DECREED that the Petition (ECF 1) is granted. The Clerk of Court is directed to close this case. [See document for further information.] (MD JS-6, Case Terminated). (san) (Entered: 09/01/2026)
Main Document: Judgment
Habeas RECAP PACER

Freilassung: 31. August 2026
Gerichtliches Abschlussurteil: 1. September 2026

Ein einzelner Beamter trägt diesen Brief auf dem Gewissen, geschrieben aber hat ihn ein Apparat. Er greift eine Frau nach 33 Jahren auf dem Weg zum Einkaufen und verhöhnt ihre Armut an der Lebensmittelkarte. Er rationiert den Abschied auf 60 Minuten und verweigert der Tochter die Umarmung der weinenden Mutter. Zuletzt verbucht er ein totes Kind als Fehler in der Akte. Aus dem Ruder gelaufen ist hier nichts, so zermürbt ein Staat Menschen, die nie auf einer Fahndungsliste standen.

Eine zweite Wunde schlug die Haft im Verfahren selbst. Minervas Anwälte hatten einen Antrag vorbereitet, das Abschiebungsverfahren einzustellen, gestützt auf die außergewöhnliche Härte, die ihre Abschiebung für Samuel bedeutet hätte, ihren Sohn und US-Staatsbürger. Einreichen konnten sie ihn nie. Mit seinem Tod zerfiel der rechtliche Weg, den sie auf sein Bedürfnis nach der Mutter gebaut hatten. Das Kind, dessen Schutz die Abschiebung aufhalten sollte, war nun selbst nicht mehr zu schützen. Die Härte, die man einer Abschiebung erst noch hätte nachweisen müssen, war da längst eingetreten, und sie fiel schwerer aus, als jeder Schriftsatz es hätte fassen können.

Freunde und Angehörige versammeln sich zur Trauerfeier für Samuel Gonzalez Terrones am Grab auf dem Rialto Park Cemetery.

Als Minerva im September am Grab ihres Sohnes stand, hatte ein Gericht längst entschieden, dass man sie so nicht hätte festhalten dürfen. Der Beschluss gab die zwei Monate nicht zurück, die Samuel ohne die Mutter verbrachte, die ihn nach Angaben der Familie stabil gehalten hatte. Er machte das Abgleiten nicht rückgängig, das die Angehörigen mitansehen mussten, und löschte den letzten Brief nicht aus, in dem der Name des Beamten steht. Seinen Fehler hat der Staat erst korrigiert, als Samuel nicht mehr da war. Das Verfahren gegen Minerva ist damit nicht beendet, und der Schaden an dieser Familie endete nicht mit ihrer Freilassung. Auf dem Papier war es ein Verwaltungsirrtum. Im Haus dieser Familie ist es ein leeres Zimmer.

Aus Rücksicht auf die Familie und auf ihren ausdrücklichen Wunsch wurde die Geschichte erst in den vergangenen Tagen in Mexiko, den USA und Europa einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Amerika, was ist nur aus Dir geworden · America, what the hell happened to you? · América, ¿qué demonios te pasó?

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4 Comments
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Esther Portmann
Esther Portmann
1 Tag vor

Das ist erschütternd und unendlich traurig.
Diese Regierung und ihre „Helfer“ besitzen keine Empathie oder Gewissen.
Schrecklich…..

Rainer Hofmann
Administrator
1 Tag vor
Antwort auf  Esther Portmann

.. es ist so eine schlimme Tragödie, die man kaum noch beschreiben kann …

Lea
Lea
1 Tag vor

Einfach nur krank, was dort passiert(e)!

Rainer Hofmann
Administrator
22 Stunden vor
Antwort auf  Lea

… tragödie

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