Als Marineinfanterist im Irak warf ihn 2005 die Explosion einer feindlichen Mörsergranate zu Boden. Joe Shearer wurde übel und erbrach sich. Trotzdem stand er wieder auf und ging weiter auf Patrouille, den Kopf voller Schmerz. Monate später traf eine am Straßenrand versteckte Bombe seinen Humvee-Konvoi, und die Druckwelle fuhr durch seinen ganzen Körper. Solange man wieder aufstehen und weitergehen könne, habe man genau das getan, sagt er. Heute ist er 40 und lebt in Colorado Springs, die Diagnose wurde erst vor Kurzem gestellt. Geblieben sind Schwindel und Migräne, dazu eine Empfindlichkeit gegen Licht. Sein Gedächtnis lässt ihn im Stich, und selbst Pflichten gegenüber Frau und Kindern entfallen ihm.

Der Krieg gegen den Iran lässt die Sorge zurückkehren. Fast 700 US-Soldaten wurden bislang durch Drohnen und Raketen auf Stützpunkte im Nahen Osten verletzt, die meisten trugen traumatische Hirnverletzungen davon und kehrten danach in den Dienst zurück. Den Großteil der Fälle aus einem Zeitraum von 2 Wochen im vergangenen Monat nannte der Pentagon-Sprecher Sean Parnell leichte Gehirnerschütterungen. In diesem einen Wort, leicht, steckt die ganze Verharmlosung.
Mehr als 500.000 US-Soldaten wurden seit dem Jahr 2000 mit einer traumatischen Hirnverletzung (TBI) diagnostiziert, doch viele Fälle bleiben unerkannt oder werden zunächst als leichte Gehirnerschütterung eingestuft. Die RAND Corporation wertete für ihre Übersichtsarbeit 480 wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2015 bis Mitte 2025 sowie die Forschungsförderung in diesem Bereich aus. Das Ergebnis fällt zwiespältig aus: Zwar flossen seit 2015 mehr als 2,1 Milliarden US-Dollar in die militärische TBI-Forschung, doch die Arbeiten sind stark zersplittert und häufig schlecht miteinander vernetzt. Der Schwerpunkt liegt auf Diagnostik, Bildgebung und Biomarkern, während Behandlung, Rehabilitation und Langzeitbetreuung deutlich seltener untersucht werden. Besonders überraschend ist, dass ausgerechnet Spezialkräfte, die durch häufige Explosionseinwirkungen besonders gefährdet sind, nur in wenigen Studien gezielt betrachtet wurden. Die Mehrheit der Betroffenen leidet zusätzlich unter weiteren Erkrankungen, vor allem PTBS, neurologischen Störungen, psychischen Belastungen und Schlafproblemen. Langfristige Folgen wie Gedächtnisverlust, kognitive Einschränkungen oder neurodegenerative Erkrankungen stehen zwar zunehmend im Fokus, gelten aber weiterhin als unzureichend erforscht. Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Forschung künftig stärker auf Prävention, Rehabilitation, Langzeitfolgen und die Ursachen explosionsbedingter Hirnverletzungen ausgerichtet werden muss.

Traumatische Hirnverletzungen treten selten allein auf. Am häufigsten werden sie gemeinsam mit PTBS, neurologischen Erkrankungen, psychischen Belastungen und Schlafstörungen untersucht.
Eine Gehirnerschütterung gilt als leichte Hirnverletzung, und viele erholen sich in wenigen Wochen. Andere tragen Beschwerden über Monate oder Jahre, Kopfschmerzen und Schwindel, Probleme mit der Konzentration und jene Benommenheit, die man Brain Fog nennt. Welche es trifft, kann kein Arzt vorhersagen, weshalb manche den Begriff der leichten Hirnverletzung ganz streichen wollen. Mehrere Verletzungen erhöhen die Gefahr bleibender Schäden stark, bis hin zu der Erkrankung CTE, die durch frühere Footballspieler der NFL bekannt wurde. Entscheidend sei, sagt der Hirnspezialist David Okonkwo von der Universität Pittsburgh, dass ein Mensch vollständig genese, ehe er erneut in Gefahr gerate. Schon die Druckwelle allein könne das Gehirn schädigen, anders als ein Schlag gegen den Kopf, erklärt James Kelly von der University of Colorado, der die Invisible Wounds Foundation wissenschaftlich leitet.

Gedächtnisverlust, kognitive Defizite sowie Erkrankungen wie CTE, Alzheimer und Parkinson gehören zu den wichtigsten neurologischen Langzeitfolgen, die in der militärischen TBI-Forschung untersucht werden.
Im Iran-Krieg treffen die Soldaten auf eine neue Art der Kriegsführung. Drohnen explodieren oft dicht am Kopf, während im Irak und in Afghanistan meist am Boden versteckte Sprengfallen lagen. Demokratische Senatoren fordern eine Untersuchung der Versorgung Verletzter nach einem iranischen Drohnenangriff in Kuwait, bei dem zu Kriegsbeginn 6 US-Soldaten starben. Die Senatorin Tammy Baldwin sagt, sie habe mit Soldaten gesprochen, die in Trumps Krieg gegen den Iran solche Verletzungen erlitten hätten und wochenlang nicht einmal untersucht worden seien. Die Defense Health Agency hält dagegen, alle würden nach Vorschrift untersucht.

Die militärische TBI-Forschung konzentriert sich vor allem auf Diagnoseverfahren. Rehabilitation und langfristige Versorgung machen dagegen nur einen kleinen Teil der wissenschaftlichen Arbeiten aus.
Fachleute erkennen Fortschritte bei Diagnose und Behandlung an. Nach Angaben des US-Militärs galten 82 Prozent der zwischen 2000 und 2025 diagnostizierten traumatischen Hirnverletzungen als leicht. Doch die Dunkelziffer sei hoch, weil die Beschwerden sich mit einer posttraumatischen Belastungsstörung überschneiden. Eine Wunde, die keine Spur hinterlässt, muss um ihren Glauben kämpfen. Wir halten für wirklich, was wir sehen, und zweifeln am Schmerz, der sich nicht zeigt.

Keine der beiden Explosionen hinterließ bei Shearer eine sichtbare Verletzung, die Sanitäter kümmerten sich zuerst um schwerer getroffene Kameraden. Niemand habe vor seinem Team schwach wirken wollen, sagt er, also habe man die Verletzungen von selbst versteckt. Mit 19 kam er heim, bestritt eine posttraumatische Belastungsstörung und wusste nicht einmal, was eine Hirnverletzung ist. Albträume und schlaflose Nächte trieben ihn zu Drogen, zeitweise dachte er an Suizid. Erst Jahre später, als er beim Wounded Warrior Project andere Veteranen prüfte, erkannte er die eigenen Zeichen. Manche Gespräche, sagt er, verschwänden vollständig aus seiner Erinnerung.

Auch Frank Sonntag verlor nach einer Mörserexplosion im Irak 2004 einen Teil seines Gedächtnisses. Er war über 50 und bildete Reservisten aus, als eine Explosion in rund 21 Metern die Druckwelle an seinem Ohr vorbeitrieb. Er merkte nichts und holte sich erst 2 Jahre später Hilfe, obwohl Kopfschmerzen und Konzentration immer schlechter wurden. Am Ende brauchte er 30 Minuten für eine E-Mail, und Kollegen berichteten, er spreche nur noch etwa alle 10 Sekunden ein Wort. Auch er dachte an Suizid. Erst als er sich auf dem Heimweg verfuhr, fanden Neurologen die richtige Diagnose. Neben Mitteln gegen die Migräne half ihm vor allem die Sprachtherapie, in der er wieder lernte, Wörter zu bilden und Sätze zusammenzusetzen.

Explosionen dominieren die militärische TBI-Forschung deutlich. Andere Verletzungsarten wie penetrierende oder wiederholte leichte Hirnverletzungen sind wesentlich seltener Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Kelly Parker vom Wounded Warrior Project sagt, jede Hirnverletzung verlaufe anders, wer eine gesehen habe, habe genau eine gesehen. Früh erkennen und rasch behandeln, dazu über lange Zeit begleiten, darauf komme es an, und körperliche Reha und Sprachtherapie, auch Kunsttherapie, könnten viel bewegen. Über das Gehirn wisse man noch erstaunlich wenig, doch es könne sich selbst heilen und neue Verbindungen knüpfen. Der Army-Veteran Spencer Milo kämpft bis heute mit Migräne und Krampfanfällen, dazu mit Lücken im Gedächtnis, seit einer ersten Verletzung 2008 im Irak, als sein Humvee einem Angriff auswich und gegen eine Mauer prallte, und einer zweiten 2011 in Afghanistan durch einen Selbstmordattentäter. Selbst Kameraden fragten ihn, warum er das nicht einfach loswerde. Das Schwere sei, sagt er, dass viele eine Verletzung, die man nicht sieht, für nicht vorhanden halten.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text handelt von Suizid. Wer Hilfe braucht, erreicht in den USA die 988 Suicide & Crisis Lifeline unter 988. In Deutschland ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123 erreichbar. In Österreich hilft die TelefonSeelsorge unter 142. In der Schweiz erreichen Erwachsene die Dargebotene Hand unter 143, Kinder und Jugendliche die 147.
Updates – Kaizen Kurznachrichten
Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.
Zu den Kaizen Kurznachrichten
Danke, dass Ihr das sichtbar macht.
Eine Gehirnerschütterung gehört immer zeitnah abgeklärt und eine Schonung ist ein Muss.
Im Kampf will jeder seinen Mann/Frau stehen.
Wer nicht stark blutet, gebrochene Arme/Beine oder fehlende Gliedmaßen hat, kämpft weiter.
Jede Gehirnerschütterung hinterlässt Mikroverletzungen im Gehirn.
Diese sind per se nicht gefährlich und schränken in der Regel auch nicht ein.
Nur leider bleibt es in der Regel nicht bei einer Gehirnerschütterung.
Training, aktive Kampfhandlungen, das springen in Gräben, etc.
All das sorgt für weitere Erschütterungen, ohne dass man von einer Gehirnerschütterung spricht.
Aber die Folgen werden dann immer sichtbarer.
Dazu leider häufig PTBS und eine unzureichende medizinische Versorgung.
So landen Veteranen auf der Strasse, anstatt man ihnen hilft.
Ihr Leben bekommen sie ohnehin nicht wieder.
Genau so wenig, wie MMA Kämpfer, Boxer, NFL Spieler etc.
Alle haben ein hohes Risiko für CET.
Bei Veteranen gepaart mit PTBS kann das auch für das Umfeld gefährlich werden.😞
Ach ja, und das sind dann die Veteranen, die gemäß Trumps künftig Trucks über die Highways steuern sollen…