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Wenn die Flüsse die Kühlung verweigern und die AfD die Realität verweigert

VonTEAM KAIZEN BLOG

3. August 2026

In Waddinxveen, 20 km nordöstlich von Rotterdam, gehen in diesem Sommer 140 Freiwillige über Deiche, die kein Wasser mehr kennen. Sie stoßen Metallstäbe in einen Boden, der hart geworden ist, und suchen nach grünen Flecken im Gras, hinter denen sich ein Leck verbergen könnte. Rund 100 Kilometer Deichstrecke laufen sie so ab, in einem Land, dessen Ruf seit Jahrhunderten darauf beruht, dem Meer Grenzen zu setzen. Was früher das Hochwasser ankündigte, meldet sich jetzt in der Dürre. Viele Deiche im Landesinneren bestehen aus Torf, der feucht bleiben muss, um fest zu bleiben. Trocknet er aus, schrumpft er und wird durchlässig. Heikel ist das dort, wo der Boden 5 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Größere Schäden fanden sich bislang nicht, doch die Kontrollen sollen bis in den Herbst laufen, weil Risse sich oft erst spät zeigen.

Das Land kämpft damit gegen die eigene Geschichte. Im Winter muss es das Wasser so schnell wie möglich loswerden, damit nichts überschwemmt wird, im Sommer fehlt genau dieses Wasser in den Feldern und Kanälen. Forscher überlegen, wie sich Regen langsamer ableiten und Böden so behandeln lassen, dass sie mehr Feuchtigkeit halten. Schon Hecken an den Ufern könnten das Wasser bremsen und ihm Zeit geben, tiefer einzusickern. Während an den Deichen nach feinen Rissen gesucht wird, wartet auf dem Rhein das größere Problem.

In Köln fiel der Pegel am Samstag unter den Tiefstand vom Oktober 2018. Menschen spazieren inzwischen über Teile des trockenen Flussbetts, während die Frachter nur noch einen Bruchteil ihrer Ladung tragen dürfen. Ein Schiff, das sonst 2.000 bis 2.500 Tonnen bewegt, kommt je nach Bauart nur noch mit 400 bis 600 Tonnen über Grund. Für dieselbe Menge braucht es mehrere Schiffe, umgeplante Lieferungen und zusätzliche Fahrten auf Straße und Schiene. Hafenbetreiber sprechen von verheerenden Folgen für die Lieferkette, und der Rhein zählt zu den wichtigsten Adern für Rohstoffe, Chemikalien, Treibstoffe und Industriegüter des Kontinents. Wenn die Ladung so weit schrumpft, steigen die Kosten sofort. In Nijmegen liegen ein verrostetes Fahrrad und ein Einkaufswagen offen auf dem Grund der Waal, des wichtigsten niederländischen Rheinarms. Hausboote, die früher frei schwammen, sitzen auf Sand. Anwohner erzählen, das Niedrigwasser habe früher vielleicht einen Monat gedauert, heute überstehe es ganze Sommer.

Für die Landwirtschaft kommt ein weiteres Problem dazu. In den trockenen westlichen Landesteilen drückt salzhaltiges Wasser tiefer in Böden und Kanäle. Obst- und Gemüsebauern dürfen in manchen Regionen kein Wasser mehr aus den Kanälen pumpen, weil die Behörden die letzten Süßwasservorräte sichern müssen. Kleinere Ernten und höhere Preise sind damit keine Sorge für später mehr, sie werden wahrscheinlicher, je länger der Regen ausbleibt. So trifft die Dürre zur selben Zeit die Deiche, die Schifffahrt, die Landwirtschaft und die bewohnten Gebiete.

Weiter im Süden brennt es. Frankreich und Spanien kämpfen gegen schwere Waldbrände, und die Bilanz dieser Saison fällt schon jetzt teurer aus als ein durchschnittliches ganzes Jahr. Einer Recherche zufolge belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden durch Feuer und Hitze in diesem Jahr auf mehr als 3,1 Milliarden Euro, gerechnet allein für die 5 am stärksten betroffenen Staaten Frankreich, Spanien, Portugal, Griechenland und Rumänien. Die EU-Kommission veranschlagt den durchschnittlichen Jahresschaden auf 2,5 Milliarden Euro. In den ersten beiden Monaten der Brandsaison verbrannten fast 500.000 Hektar. Die Zahl erfasst allein die Kosten, um die verbrannten Flächen in ihren früheren Zustand zurückzuversetzen, und der Aufwand je Hektar hängt davon ab, welche Vegetation dort stand und wie alt der Wald war. Die Verluste Griechenlands sind darin noch nicht vollständig abgebildet, und Daten weiterer Mitgliedsstaaten fehlen ganz. Der wahre Schaden liege deshalb höher, heißt es.

In diese Summe fließen zerstörte Häuser nicht ein, ebenso wenig die Schäden auf den Feldern. Es fehlen die Einbußen im Tourismus, die unterbrochene Produktion der Unternehmen, die Gesundheitskosten durch den Rauch und die steigenden Versicherungsprämien. In der Gironde mussten Betriebe der Luft- und Raumfahrt sowie der Rüstung ihre Arbeit aussetzen, der Weinbau und die Austernzucht kamen zum Erliegen, der Tourismus brach weg. In Spanien fielen mit den Wäldern auch die Äcker den Flammen zum Opfer. Manche Ökonomen merken an, Programme zum Wiederaufbau hätten sogar den Effekt, das Bruttoinlandsprodukt rechnerisch zu heben. Ein Zuwachs, der keiner ist, weil er nur ersetzt, was zuvor in Rauch aufging.

Reaktor 1 des Kernkraftwerks Cernavodă

Die Trockenheit bleibt nicht bei den Wäldern, sie greift nach der Energie. In Rhein und Donau sinken die Pegel auf Stände, die es lange nicht gab, und mit dem Wasser fehlt den Kraftwerken die Kühlung. In Rumänien wurde Reaktor 1 des Kernkraftwerks Cernavodă am Dienstag um 11 Uhr kontrolliert vom Netz genommen, weil die Donau zu wenig führte. Der Betreiber nennt den Schritt vorsorglich, entschieden nach den Vorgaben für schwere Dürre und den Prognosen des staatlichen Hydrologieinstituts, und warnt, bei weiter fallendem Pegel könne auch Reaktor 2 folgen. Der Durchfluss war auf rund 1.630 Kubikmeter je Sekunde gefallen, abgeschaltet wurde, um die 3 Kühlpumpen zu schützen, deren Ausfall Reparaturen von Monaten bis zu einem Jahr nach sich zöge. Ans Netz zurück soll der Block, sobald die Lage es erlaubt. Ministerpräsident Ilie Bolojan, der zugleich das Energieressort führt, berief den Krisenstab ein. Für diese Woche rechnet das Ministerium mit einem Spitzenverbrauch von etwa 7.300 Megawatt bei einer eigenen Erzeugung zwischen 4.000 und 4.300 Megawatt, die Lücke soll Importstrom füllen, die Preise für die Haushalte blieben stabil, weil deren Verträge für dieses Jahr feststehen. Zusätzliche 324 Megawatt neuer Leistung sollten ihre Genehmigung erhalten, darunter 176 Megawatt Speicher und 148 Megawatt aus Sonne und Wind, weitere 990 Megawatt stecken noch im Verfahren. Um das verbliebene Wasser zum Kraftwerk zu lenken, ließen die Behörden sogar einen Felsen im Fluss sprengen.

In Ungarn steht das einzige Kernkraftwerk des Landes vor der ersten vollständigen Abschaltung seit mehr als 40 Jahren. Ministerpräsident Peter Magyar sprach am Sonntag von den kritischsten 5 Tagen, die dem Land bevorstünden. Das Werk in Paks, 2 Gigawatt stark, liefert etwa die Hälfte des ungarischen Stroms und lief zuletzt bei gut 10 Prozent seiner Leistung, nachdem die Donau, die von Deutschland bis zum Schwarzen Meer fließt und deren Wasser das Kraftwerk kühlt, auf einen Rekordtiefstand gesunken war. Die Wasserbehörde erwartet, dass der Fluss weiter fällt. Am nächsten Tag werde die Anlage nichts mehr erzeugen, während Tage mit 40 Grad bevorstünden, sagte Magyar in einem Video, das Netz und die öffentlichen Dienste gerieten unter enormen Druck, die Menschen ebenso. Wann genau abgeschaltet werde, entscheide die Werksleitung nach einem strengen Sicherheitsprotokoll. Paks arbeitet mit 4 Reaktoren russischer Bauart und könnte Wochen stillstehen. Freiwillige Einsparungen der Haushalte und von mehr als 300 Unternehmen senkten den Bedarf um 400 Megawatt. Wie Energieminister Istvan Kapitany mitteilte, stehen auf der Liste das ungarische Energieunternehmen MOL, der Batteriehersteller Samsung SDI, die Marke Audi aus dem Volkswagen-Haus und der Zulieferer Denso. Verpflichtende Sparauflagen hält die Regierung vorerst für unnötig, behält sie sich aber ab Montag vor. In mehr als 100 Städten und Dörfern ist der Wasserverbrauch eingeschränkt, bis in die Randgebiete von Budapest. Nach Schätzung eines Vertreters von Magyars Tisza-Partei, Mark Radnai, könnte die Krise das Land 100 bis 200 Milliarden Forint kosten, umgerechnet 315 bis 630 Millionen Dollar.

Mit Stand vom 3. August 2026 fordert die AfD weiterhin ausdrücklich eine Rückkehr zur Kernenergie und den Ausbau der Atomkraft.

Gerade die AfD fordert die Rückkehr zur Atomkraft und stellt sie als günstig und sicher dar. Verlässlich sei sie obendrein. Die Lage in Europa läuft in die andere Richtung. Wenn Rhein und Donau immer öfter unter Niedrigwasser leiden, müssen Reaktoren ihre Leistung drosseln oder ganz vom Netz, weil das Kühlwasser fehlt. Dazu gehört der Strom aus dem Reaktor zu den teuersten überhaupt. Aktuelle Berechnungen veranschlagen die Gestehungskosten neuer Kernkraftwerke auf etwa 160 bis 250 Euro je Megawattstunde, Windkraft an Land liegt bei rund 35 bis 75 Euro, Photovoltaik bei etwa 30 bis 60 Euro. Hinzu kommen Bauzeiten von oft mehr als 10 Jahren und Kostensprünge wie beim französischen Reaktor Flamanville. Ein Punkt fehlt in den Reden der Partei fast völlig, der Durst der Anlagen.

Der Kühlturm braucht das Wasser aus diesem Bach. Und dieses Wasser fehlt gerade in Rhein und Donau. Die AfD wirbt für die Atomkraft mit einem Bild von dem, was ihr fehlt.

Ein großes Kernkraftwerk braucht täglich Hunderte Millionen Liter Kühlwasser, mehrere Reaktoren zusammen gehen in die Milliarden. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Flüsse sinken und die Hitzewellen sich häufen, setzt sie auf eine Technik, deren zuverlässiger Betrieb an genau dieser Ressource hängt. Wer heute den Ausbau der Atomkraft verlangt, muss also sagen, woher das Kühlwasser von morgen kommen soll.

Seit Ende Mai hat Europa 3 große Hitzewellen hinter sich. Nach vorläufigen Zahlen aus nur 5 Ländern kosteten die extremen Temperaturen mindestens 10.000 Menschen zusätzlich das Leben. Diese Ziffer steht neben den Milliarden, und sie lässt sich durch kein Programm wiederaufbauen. Lange hielt sich der Gedanke, der Mensch bilde keinen Staat im Staate der Natur, sondern gehorche denselben Gesetzen wie jedes andere Ding, das existiert. Wer Deiche baut und Reaktoren an ein Ufer stellt, handelt oft, als gälte dieser Satz für ihn nicht. Die Torfdeiche, die nur festhalten, was feucht bleibt, und die Kühlpumpen, die nur laufen, solange der Fluss sie speist, führen ihn sehr genau vor. Die Natur verhandelt nicht, sie stellt Bedingungen. In diesem Sommer legt sie Europa eine Aufstellung vor, deren Endsumme noch niemand kennt.

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