Es kommt selten vor, dass ein Geschäftsführer seinen Präsidenten öffentlich zur Kündigung einlädt. Am Freitag tut Kevin Lamour, der oberste Betriebschef der FIFA, genau das. In einer Erklärung schreibt der Franzose, der seit 2024 im Amt ist, die Mitarbeiter seien getäuscht worden, sie verdienten Besseres als Verachtung und Einschüchterung. Und falls ihn diese Worte den Posten kosteten, so werde er das hinnehmen; wenigstens schlafe er in dieser Nacht gut. Zurückgetreten ist er nicht.
Getäuscht worden seien sie von Gianni Infantino, dessen über Monate hinweg vorbereiteter Plan, Anteile am künftigen Gewinn der Weltmeisterschaft an privates Kapital zu verkaufen, den Verband seit Wochen erschüttert. Es sei, schreibt Lamour, das Projekt eines einzigen Mannes. Nicht nur dürfe es nicht kommen; es sei an der Zeit, dass die Verantwortlichen des Fußballs sich die richtigen Fragen stellten und die richtigen Entscheidungen träfen.
Der Zeuge, der ging
Wenige Stunden zuvor war Carlos Cordeiro gegangen, Infantinos leitender Berater, ein früherer Banker von Goldman Sachs und einstiger Präsident des amerikanischen Fußballverbandes, der die FIFA in der Arbeitsgruppe des Weißen Hauses zur Weltmeisterschaft vertreten hatte. Er könne nicht danebenstehen, während die FIFA erwäge, einen Anteil an der Weltmeisterschaft zu verkaufen. In die Gespräche über den Plan, hinter dem ein New Yorker Investmentfonds von Joshua Kushner stehe, sei er nicht einbezogen worden. Er habe keinerlei Beteiligung, er lehne ihn ohne Vorbehalt ab.

Cordeiro kennt den Preis dessen, was hier verhandelt wird. Nach 35 Jahren im Bankgeschäft, sagt er, verstehe er den Wert dieses Vermögens und die Folgen, einen Teil davon fortzugeben. Die geplante Tochtergesellschaft, 20 Milliarden Dollar schwer, nennt er ein schlechtes Geschäft für den Fußball.
Die Rechnung
Die Zahlen geben ihm ein Fundament. Die FIFA sitze auf Reserven in Milliardenhöhe und habe keine Schulden; allein im Umkreis der eben beendeten Männer-Weltmeisterschaft habe sie in 4 Jahren 15 Milliarden Dollar eingenommen. Vor diesem Hintergrund einen dauerhaften Anteil am wertvollsten Gut des Fußballs zu verkaufen, um 4,2 Milliarden Dollar zu erlösen, ergebe wenig Sinn. Es verpfände die Zukunft, ohne dass ein Grund es rechtfertige.
Infantino will die Handelsgeschäfte des Verbands, die Welt- und Klubweltmeisterschaften der Männer wie der Frauen, in eine Gesellschaft von 20 Milliarden Dollar auslagern, an der Private 20 Prozent halten sollen. Der Ankerinvestor ist Joshua Kushner, der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des amerikanischen Präsidenten. Cordeiro begleitete Infantino über Jahre zu dessen Besuchen bei Trump.
Was verkauft wird
Ein Denker um 1900 beschrieb, wie das Geld jeden Wert in bloße Menge übersetzt und alles, was es berührt, vergleichbar und veräußerlich macht. Genau das geschieht hier mit einem Spiel, das seinen Wert nie aus einer Bilanz bezog, sondern aus dem, was Menschen ihm zuschreiben. Die Weltmeisterschaft gehörte, in einem uneigentlichen Sinn, allen; nun soll ein Fünftel ihres Ertrags jemandem gehören, der dafür zahlt. Was als Anteil firmiert, ist die Umwandlung eines gemeinsamen Guts in eine Ware, deren Rendite an einen Namen fällt.
Lamour kam vor 2 Jahrzehnten aus der Politik zum Fußball, als Gehilfe des damaligen UEFA-Präsidenten Michel Platini. Er hielt die Verbindung zu den Föderationen Afrikas und Asiens, die nun über Infantinos Angebote entscheiden, je 20 Millionen Dollar bis zum 19. September. Es ist dieselbe Art von Zahlung, die Zustimmung kaufen kann, bevor die Frage nach dem Warum überhaupt gestellt ist.

Infantino führt die FIFA seit mehr als 10 Jahren und schien im März ohne Gegenkandidat wiedergewählt zu werden; bis zum 18. November können Herausforderer sich melden. Ausgerechnet Lamour, der ihn 2016 im inneren Kreis zum überraschenden Sieg mit trug, stellt sich ihm nun entgegen. Europäische Verbände drohen mit einem Boykott des Turniers, Asien opponiert.
Cordeiro, 5 Jahre an Infantinos Seite, sagt, er habe dort mit Menschen gearbeitet, denen das Spiel am Herzen liege; er hoffe, auch sie erhöben nun die Stimme, denn Entscheidungen dieses Gewichts müssten im Interesse des Fußballs fallen und nicht im Interesse derer, die an ihm verdienen. Der Vorschlag gehöre zurückgewiesen.
Auf der einen Seite steht ein Vermögen, das niemand geschaffen hat und viele hüten; auf der anderen ein Plan, der es zu Geld macht. Wer am Ende gut schläft, wird sich daran entscheiden.
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