Kurz vor 7 Uhr am Dienstagmorgen hielt ein Wagen mit 4 Insassen auf dem Parkplatz einer Tankstelle mit angeschlossenem Laden an der vielbefahrenen Staatsstraße 16 bei St. Augustine in Florida, rund 56 Kilometer südlich von Jacksonville. Dort trafen die Männer auf Beamte der Einwanderungsbehörde ICE und der Ermittlungseinheit Homeland Security Investigations. Alle 4 rannten davon. Einer von ihnen, 28 Jahre alt, lief über die Fahrbahn und wurde auf der rechten Spur von einem Sattelzug erfasst. Er starb an der Unfallstelle. Der Fahrer des Lastwagens hielt sofort an und versuchte zu helfen.
Was diese Szene von den Fällen der vergangenen Tage unterscheidet und doch dieselbe Geschichte erzählt, ist allein das Ausbleiben eines Schusses. Kein Beamter feuerte, keine Waffe war im Spiel, und dennoch ist ein Mensch tot. Michel Foucault beschrieb eine Macht, die nicht mehr töten muss, weil sie über das Leben verfügt, indem sie die Bedingungen setzt, unter denen es sich abspielt, und die ihre Wirkung gerade dort entfaltet, wo sie niemanden anrührt. Der Mann von St. Augustine starb nicht durch die Hand eines Beamten. Er starb, weil deren bloße Anwesenheit genügte, um ihn auf eine vielbefahrene Straße zu treiben.

Unschuldig oder schuldig. Schuld gehört dem Schuldigen, sein Leben aber niemandem und bleibt unantastbar

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„Ihr wolltet abhauen, was?“ sagte der Beamte, während der Mann verblutete
Wer ihn dorthin trieb und ob überhaupt jemand ihm nachsetzte, ist bis heute ungeklärt. Ein Sprecher der Autobahnpolizei von Florida teilte lediglich mit, der Fußgänger sei auf der rechten Spur von dem Sattelzug erfasst worden und noch am Unfallort seinen Verletzungen erlegen, der Lastwagen habe unverzüglich angehalten. Ob der Getötete mit den Beamten überhaupt gesprochen hatte, blieb offen. Das Heimatschutzministerium erklärte am Abend, man habe am 14. Juli einen Einsatz nahe St. Johns durchgeführt, die Autobahnpolizei und die Ermittlungseinheit untersuchten einen Vorfall, der zum Tod eines mexikanischen Staatsangehörigen geführt habe. Man werde informieren, sobald Neues vorliege. Ob der Mann das Ziel des Einsatzes war, sagte die Behörde nicht.

Die Identität des Toten wurde nicht veröffentlicht. Wo sich die 3 anderen Insassen befinden, ob sie entkamen oder in Gewahrsam sitzen, blieb ebenfalls unbeantwortet, auf eine entsprechende Anfrage reagierte das Ministerium nicht. Der Wagen wurde im Rahmen der Ermittlungen abgeschleppt. Die Feuerwehr traf als erste ein. Das Büro des Sheriffs von St. Johns County und die Zoll- und Grenzschutzbehörde verwiesen sämtliche Fragen an ICE. Auf einer Aufnahme vom Unfallort ist ein Fahrzeug der Grenzpolizei zu sehen, deren Anwesenheit eine Quelle aus dem Heimatschutzapparat nahelegt. Die Ostspuren der Staatsstraße 16 zwischen Outlet Mall Boulevard und Inman Road blieben gesperrt, der Berufsverkehr staute sich.
Wie wir bereits berichtet hatten, ist es nun offiziell: Die Trump-Regierung hat ICE angewiesen, landesweit die meisten Fahrzeugkontrollen vorerst einzustellen. Ausgenommen bleiben nur wenige Einsätze, die von der Behörde als dringend eingestuft werden. Wir werden auch diese im Auge behalten
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Es ist der 3. Todesfall binnen einer Woche im Zusammenhang mit Einsätzen der Einwanderungsbehörde und mindestens der 10. seit dem Beginn von Trumps Abschiebeoffensive im vergangenen Jahr. Am Montag erschossen Beamte in Biddeford in Maine den 26-jährigen Kolumbianer Johan Sebastián Durán Guerrero, der nach Angaben aus dem Heimatschutzministerium nicht die gesuchte Person war. In der Woche zuvor starb in Houston der Mexikaner Lorenzo Salgado Araujo, der ebenfalls nicht das Ziel des Einsatzes gewesen sei, wie die Behörde später einräumte. Erst am Dienstag ordnete die Regierung an, die meisten Fahrzeugkontrollen auszusetzen. In St. Augustine hätte diese Anordnung nichts geändert. Hier stand kein Fahrzeug im Weg, hier lief ein Mensch.
Die Abgeordnete Angie Nixon aus Jacksonville nannte den Tod die Folge einer außer Kontrolle geratenen Behörde. Ob ICE-Beamte einen Vater auf den Straßen von Houston niederschössen oder einen jungen Mann in Maine erschössen, ob sie im Nordosten Floridas Einsätze führten, die in einem tödlichen Unfall endeten, das Ergebnis bleibe dasselbe: Angst und Chaos, an deren Ende der Tod stehe. Eine Organisation, die sich für Einwanderer in Florida einsetzt, erklärte, das Verhalten des Mannes zeige die Furcht, die in den Gemeinden nach den Schüssen von Texas und Maine umgehe. Die Einzelheiten mögen unklar bleiben, doch eine Tatsache sei unbestreitbar: Menschen stürben in dem Chaos und der Angst, die von den Einsätzen der Behörde erzeugt würden.
Der Fall reiht sich in eine Kette, die längst kein Zufall mehr sein kann. Im vergangenen Sommer starb der 52-jährige Guatemalteke Roberto Carlos Montoya Valdez, als er vor Beamten von einem Baumarkt in Südkalifornien floh und auf einer Schnellstraße bei Monrovia von einem Geländewagen erfasst wurde. Die Behörden erklärten damals, er sei gar nicht verfolgt worden. Im Oktober erfasste ein Pick-up auf einer Schnellstraße im virginischen Norfolk den 24-jährigen Gärtner Josué Castro Rivera aus Honduras, der bei einer Verkehrskontrolle geflohen war. Die Kontrolle sei Teil eines gezielten, auf Erkenntnissen beruhenden Einsatzes gewesen, hieß es, und der Mann habe sich heftig gewehrt. Ebenfalls im vergangenen Sommer starb ein Landarbeiter auf der Flucht vor einer Razzia auf einer Cannabisfarm im kalifornischen Ventura County. Über alle Fälle haben wir im Magazin berichtet.

Die mexikanische Regierung bat am Dienstag die Generalstaatsanwälte der amerikanischen Bundesstaaten, die Todesfälle von Migranten in Gewahrsam oder bei Razzien auf eine mögliche Strafverfolgung hin zu prüfen. Am selben Tag gab Trump bekannt, er nominiere den früheren Streifenpolizisten Lance Schroyer aus Oklahoma zum Direktor der Einwanderungsbehörde.

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Unsere Recherchen zu diesem 10. Todesfall laufen und sind nicht abgeschlossen. Wie wir bereits gestern angedeutet haben, haben wir dafür eigens eine andere Recherche abgebrochen, ein Team ist nach Florida gereist, während wir fast alle weiterhin in Biddeford und in Washington vor Ort bleiben. Bleibt ein Morgen, an dem niemand abdrückte und dennoch jemand starb. Ein Mann rannte, ein Fahrer bremste, und jene Behörde, deren Anwesenheit diesen Lauf überhaupt auslöste, ermittelt nun gemeinsam mit der Autobahnpolizei, was an dieser Kreuzung geschehen ist. Wer prüft, stand selbst daneben.
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