In der zweiten Nacht greift das amerikanische Militär den Iran an, diesmal ohne Anlass, nur um Teheran an den Verhandlungstisch zu zwingen. Ein Präzisionsschlag zerstört einen Trinkwasserspeicher, und die Vereinten Nationen nennen die Waffenruhe ein bloß vermindertes Feuer!
Zum zweiten Mal binnen vierundzwanzig Stunden hat das amerikanische Militär in der Nacht zum Donnerstag den Iran angegriffen, und diesmal nannte niemand mehr einen Anlass. Präsident Trump hatte zuvor gewarnt, Teheran werde den Preis zahlen, weil seine Führung sich zu lange Zeit lasse mit dem Verhandeln. Verteidigungsminister Pete Hegseth, vor Reportern auf dem Luftwaffenstützpunkt MacDill in Tampa, sprach es offen aus. Wenn man mit Bomben verhandeln müsse, sagte er, dann verhandle man mit Bomben, und niemand auf der Welt könne das besser.
Damit ist gesagt, was sonst verschwiegen wird. Der Krieg gilt hier nicht als das Versagen des Gesprächs, sondern als seine Fortsetzung mit anderen Mitteln, und die anderen Mittel sind die einzigen, die noch gebraucht werden. Trump und Hegseth ließen am Mittwoch keinen Zweifel, die neuen Schläge seien nicht Vergeltung für eine bestimmte Tat, sondern Druck, damit Teheran einem Frieden zu Trumps Bedingungen zustimme. Ein Frieden, den man mit Bomben erzwingt, trägt seinen Widerspruch in sich.
Trump: „Wir werden den Iran heute hart treffen – falls Sie nicht den Fernseher einschalten.“
Denn derselbe Präsident versichert seit Wochen, ein Abkommen mit dem Iran stehe unmittelbar bevor. Die wiederholten Angriffe strafen diese Beteuerung Lügen, und sie untergraben vollends die Glaubwürdigkeit jener Waffenruhe, die vor zwei Monaten ausgerufen wurde und unter der beide Seiten seither gelegentlich aufeinander feuerten und sich fast täglich widersprachen, wer schuld sei und was überhaupt gekämpft werde, dazu, wie es um die Gespräche stehe. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, fand dafür am Mittwoch ein bitteres Wort, die ausgerufene Waffenruhe sei eher ein vermindertes Feuer als ein Ende des Feuers, wie die wachsende Heftigkeit der Angriffe und der Worte in den letzten achtundvierzig Stunden zeige.
Trump zum Iran-Abkommen: „Zwei oder drei Tage … wir haben eine sehr gute Chance, es zu schaffen.“ (9. Juni 2026)
Das Zentralkommando teilte mit, der Angriff habe um 17.15 Uhr Eastern begonnen, was im Iran auf 0.45 Uhr des Donnerstags fiel, und sei kurz vor Sonnenaufgang abgeschlossen worden. Er habe sich gegen die militärische Aufklärung des Iran und gegen seine Verständigungssysteme gerichtet, dazu gegen Stellungen der Luftabwehr, ausgeführt von der Luftwaffe und der Marine, dazu von der Marineinfanterie, über den angerichteten Schaden schwieg das Kommando. Explosionen hallten über Teheran und Bandar Abbas, über Qeshm nahe der Meerenge und über Minab und Sirik im Süden. Trump selbst nannte einem Reporter des Senders Fox News in Tel Aviv, Trey Yingst, eine Zahl, neunundvierzig Marschflugkörper vom Typ Tomahawk habe man auf Ziele im Iran abgefeuert, dazu Bomben aus Kampfjets. Man werde bald innehalten, fügte er hinzu, doch am Donnerstagabend weitermachen, sollte der Iran in den Verhandlungen nicht klein beigeben.
Der Iran beanspruchte für sich, mit zwei Wellen geantwortet zu haben. Die Revolutionsgarden erklärten über die staatliche Agentur IRNA, sie hätten achtzehn wichtige Ziele amerikanischer Streitkräfte getroffen, auf den Stützpunkten Ali al-Salem und Ahmad al-Dschaber in Kuwait und auf dem Luftwaffenstützpunkt Scheich Isa in Bahrain, als Antwort auf amerikanische Angriffe auf Einheiten der Garden, auf Küstenposten und Befehlsstellen der Polizei sowie auf das Gebiet um den Flughafen von Bandar Abbas. Getroffen und zerstört seien die Ziele, hieß es, unabhängig bestätigen ließ sich das nicht, und weder aus Washington noch aus Kuwait oder Bahrain kam eine Bestätigung.

IRGC: „Am frühen Donnerstagmorgen griffen die Luft- und Raumfahrtstreitkräfte sowie die Marineeinheiten der Revolutionsgarden den Aggressor an und reagierten auf die Provokation des US-Militärs. Dabei wurden nach Angaben der IRGC 18 wichtige US-Militärgüter auf den Luftwaffenstützpunkten Ali Al Salem, Ahmad Al Jaber und Sheikh Isa getroffen und zerstört.“
Die Erschütterung griff über die Grenzen des Iran hinaus. In Bahrain, wo das Hauptquartier der amerikanischen Fünften Flotte liegt, heulten am Donnerstagmorgen die Sirenen, ohne dass das Innenministerium sagte, was sie ausgelöst hatte, und die kuwaitische Armee meldete, ihre Luftabwehr fange feindliche Ziele ab, ob Raketen oder Drohnen und woher, ließ sie offen. Schon nach der ersten Runde am Mittwoch hatte der Iran Raketen auf Bahrain und Kuwait gerichtet, dazu auf Jordanien, alle drei beherbergen amerikanische Soldaten. Im Libanon traf am Mittwoch ein israelischer Luftangriff die südliche Hafenstadt Sidon. Nachdem Teheran die Straße von Hormus für geschlossen erklärt hatte, für jedes Schiff, auch für Öltanker und Handelsschiffe, warnte die Marine der Revolutionsgarden die im Persischen Golf und im Meer von Oman ankernden Schiffe davor, sich zu bewegen, wer sich der Meerenge nähere, gelte als Helfer des Feindes. Das Zentralkommando bestritt, dass die Straße geschlossen sei. Zwar ist die reguläre Flotte des Iran zum großen Teil zerstört, doch die Garden unterhalten noch immer einen Verband kleiner, schneller Boote, um den Verkehr durch eine der wichtigsten Adern der Energie der Welt zu stören, durch die ein Fünftel des Öls der Welt verschifft wird.

Die Drohungen wuchsen ins Maßlose. General Madschid Mousavi, der die Luft- und Raumfahrtkräfte der Revolutionsgarden befehligt, kündigte in einer knappen Erklärung an, man werde die ganze Region in eine Hölle verwandeln. Ihr macht die heilige Straße von Hormus unsicher, schrieb er, so werde man von überall im Iran aus die ganze Region zur Hölle machen, das sei die Antwort auf Amerikas Aggression. Die Garden ließen verlauten, die Streitkräfte des Landes würden auf jeden Angriff machtvoll und endgültig antworten, und die Generäle der harten Linie, die den Iran führen, haben zu erkennen gegeben, dass sie den Streit mit den Waffen auszutragen bereit sind.
Inmitten dieser Bilanz aus Zahlen und Drohungen steht ein einzelnes, stilles Geschehen, das schwerer wiegt als vieles Laute. In der Nacht zum Mittwoch zerstörte ein amerikanischer Schlag in der südlichen Provinz Hormozgan, nahe der Meerenge, was eine Trinkwasseranlage war. Das Zentralkommando hatte selbst mitgeteilt, es habe nahe der Straße mit Präzisionswaffen aus Kampfjets angegriffen. Im Dorf Bemani standen zwei kleine Wasserspeicher auf einem Hügel außerhalb des Ortes, an den hellblauen Leitungen als das erkennbar, was sie waren. Beim kleineren stürzte das Dach ein, der größere blieb stehen, doch mitten in seinem Dach klafft ein kleines Loch, dessen Größe und Lage auf einen gezielten Treffer deuten. Aus den Trümmern barg man Bruchstücke, die die halbamtliche Agentur Tasnim als vom Ort geborgen meldete und die Fachleute des Open Source Munitions Portal, eines Verzeichnisses dokumentierter Waffenreste aus Kriegsgebieten, als die einer Gleitbombe vom Typ GBU-39 bestimmten, einer kleinen, präzisionsgelenkten Bombe der Klasse von etwa hundertfünfzehn Kilogramm, deren Wirkung zu dem sauberen Loch im Dach und den geringen Schäden ringsum passt.

Beide Gebäude lagen abseits, ohne andere Anlage in der Nähe, und gerade das, der Treffer mitten auf dem Dach eines einsam stehenden Hauses, gilt als Zeichen eines gezielten Schlages. Abdolhamid Hamzehpour, der Leiter der Wasserbehörde der Provinz, sagte, beide Speicher seien zerstört worden. Mehr als zwanzigtausend Menschen in einer Stadt und den umliegenden Dörfern war für zwölf Stunden das Wasser abgeschnitten, bei einer Hitze, die in dieser Woche über achtunddreißig Grad stieg. Ob die Vereinigten Staaten die Wasseranlage mit Absicht trafen oder wussten, was in den Gebäuden war, ist unklar. Das gezielte Treffen ziviler Versorgung kann nach dem Völkerrecht ein Kriegsverbrechen sein. Auf Nachfrage erklärte ein Sprecher des Zentralkommandos, ihm seien die Berichte über den Schaden bekannt, mehr sagte er nicht. Auf einer Mauer, die den Schlag überstand, steht in grüner und blauer Schrift eine Mahnung, das Wasser nicht zu verschwenden. Das Wasser sei der Puls des Lebens, heißt es dort. So ruft die Mauer noch zum Sparen, während die Anlage hinter ihr in Trümmern liegt und die Tanklaster anrollen, mit denen Hamzehpour die Menschen versorgte, bis seine Leute binnen zwölf Stunden eine neue Leitung um die zerstörten Speicher herum gelegt hatten.

Anderswo blieb ungewiss, was geschah. In Asaluyeh meldeten iranische Medien Tätigkeit der Luftabwehr und einen möglicherweise abgefangenen Flugkörper, doch die Behörden bestritten jeden Angriff auf South Pars und die nahen Anlagen, die zu den wichtigsten Stätten der Gasförderung des Landes zählen. In Karaj, einer Stadt gut dreißig Kilometer südwestlich von Teheran, berichteten Bewohner von schweren Explosionen in den frühen Stunden des Donnerstags, dort unterhält der Iran eine Raketenfabrik und Stützpunkte, darunter den Militärstützpunkt Bidganeh. Schon im März hatte das amerikanische Militär an der Straße zwischen Karaj und Teheran eine große Brücke getroffen, eine zivile Brücke, die noch gar nicht für den Verkehr geöffnet war.
Über dem Krieg liegt seine Rechnung. Die Verbraucherpreise in den Vereinigten Staaten stiegen im Mai um 4,2 Prozent über dem Vorjahr, so stark wie seit April 2023 nicht mehr, und der Ölpreis sprang am Mittwoch nach oben, während die Verhandlungen über den Iran festsaßen. Trump, der die Teuerung neuerdings großartig nennt, rühmte sich überdies einer geheimen Unternehmung, mit der man Millionen Barrel Öl unter den Augen des Iran durch die Meerenge gebracht habe. Ein Vertreter des Militärs stellte klar, die im Oval Office vor laufender Kamera gemachten Worte meinten nichts weiter als einen längst bekannten Versuch, Handelsschiffe durch die Straße zu lotsen. Das Geheime an der geheimen Mission war, dass es sie als Geheimnis nie gab.
So rückt zurück, was man überwunden glaubte, der offene Krieg in der Mitte des Nahen Ostens. Zwei Mächte tauschen Schläge und nennen es Verhandlung, die eine droht, die Region in eine Hölle zu verwandeln, die andere zerschlägt einen Wasserspeicher und verspricht, der Preis werde wie ein Stein fallen. Es bleibt die Mauer von Bemani, die das Wasser den Puls des Lebens nennt, hinter ihr der zerschlagene Speicher, und darüber ein Frieden, der angeblich unmittelbar bevorsteht und sich doch nur in Einschlägen ankündigt. Vielleicht ist das die Wahrheit, die Hegseth aussprach, ohne sie zu meinen, dass ein Gespräch, das mit Bomben geführt wird, kein Gespräch mehr ist, sondern nur noch der Lärm, den die Macht für eines hält.
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