Am Vorabend des Anpfiffs verteidigt der FIFA-Chef Karten bis 73.200 Dollar, nennt das Turnier das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte und dankt Donald Trump, während ein Stuhl für einen inhaftierten Journalisten leer bleibt!
Mexico City – Am Vorabend des ersten Spiels, vor einem Turnier von achtundvierzig Mannschaften und hundertvier Partien, stellte sich Gianni Infantino den Journalisten, was selten genug geschieht, und gab der Welt einen Rat. Man solle locker bleiben, sich entspannen. Gesagt war das über einen Schiedsrichter, den die Vereinigten Staaten nicht ins Land lassen, doch es klang, als gelte es für alles, für die Preise und den Krieg, auch für die leeren Stühle, über die noch zu reden sein wird.
Zuerst die Preise, denn an ihnen lässt sich der Mann am besten erkennen. Die Karten beginnen bei 140 Dollar für die Vorrunde, doch ein gewöhnlicher Platz beim Endspiel am 19. Juli vor den Toren New Yorks wurde mit bis zu 8.680 Dollar ausgewiesen, ein Platz im Gastgeberrang mit bis zu 73.200. Den Preis fürs Finale hob die FIFA erst auf 10.990 Dollar und dann auf 32.970. Vor vier Jahren in Katar lag die Spanne zwischen 69 und 1.607 Dollar. Erst nach viel Tadel bot der Verband den nationalen Verbänden für ihre treuen Anhänger Karten zu 60 Dollar an, hundertdreißigtausend an der Zahl, ein Almosen, ausgereicht von einem Haus, das im selben Atemzug fünfstellige Beträge verlangt. Verteidigt wird das mit einer schönen Sorge um das Geld der anderen. Verkaufte man billiger, sagte Infantino, so wanderten die Karten in diesem Land vollkommen legal in den Zweitmarkt, zu viel, viel höheren Preisen, und wohin ginge das Geld dann, nun, zu jenen, die den Zweitmarkt und den Schwarzhandel betreiben, und nicht zum Fußball. Man darf den Gedanken bewundern. Damit kein Wucherer am Spiel verdient, verlangt die FIFA die Wucherpreise lieber gleich selbst.
Der Durchschnittspreis, beteuerte er, liege für das ganze Turnier unter 500 Dollar und sei mit anderen amerikanischen Sportarten in deren Endrunden vergleichbar, was für die Wiederverkaufspreise stimmen mag, für die ausgewiesenen aber nicht. Die durchschnittliche Karte zur Endspielserie des Baseballs kostete in den letzten Jahren 350 bis 400 Dollar, im American Football lag der Schnitt der vergangenen Spielzeit bei 230 Dollar in der ersten Runde, bei 320 in der zweiten, bei 450 für die Conference-Endspiele und bei 3.300 für den Super Bowl. Unbekümmert zeigte sich Infantino auch über die Ermittlungen der Generalstaatsanwälte in Kalifornien, New Jersey, New York und Texas. Man sei sehr gelassen, sagte er, ehe man sechseinhalb oder sieben Millionen Karten verkaufe, prüfe man das Vorhaben mit den besten Anwälten und den besten Fachleuten, und wenn die FIFA etwas falsch mache, dann mache es vermutlich jeder falsch, der in Nordamerika Karten verkaufe. Man begrüße jede Untersuchung, man lege gern alles offen.

Claudia Sheinbaum Pardo: „Im Nationalpalast habe ich den Präsidenten der FIFA, Gianni Infantino, sowie Vertreter von Verbänden und Konföderationen empfangen, um sie in diesem großartigen Land auf das Herzlichste willkommen zu heißen. Wir stehen am Vorabend der Eröffnung der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2026 in Mexiko.“
Zum Beweis seiner Normalität verwies er auf andere. Die NBA-Finalserie zwischen den New York Knicks und den San Antonio Spurs zeige denselben Anstieg, und tatsächlich reicht dort der Einstiegspreis von etwa 500 Dollar für die ersten beiden Spiele in San Antonio bis zu etwa 10.000 für das dritte in New York, ehe er für das vierte am Mittwoch auf etwa 4.000 fiel. Auch die Endspielserie im Eishockey zwischen den Mannschaften aus Las Vegas und Raleigh verlangte mindestens 600 Dollar Einstieg für jede der ersten vier Begegnungen. Auf der Wiederverkaufsseite der FIFA selbst kostet der billigste Zugang zum Endspiel 9.805 Dollar. Es ist die Verteidigung eines Mannes, der auf die Nachbarn deutet, die auch stehlen, und darin seinen Freispruch sieht.
Dann der Schiedsrichter. Es sei bedauerlich, sagte Infantino, dass dem somalischen Unparteiischen Omar Artan die Einreise verweigert wurde, dem ersten Somalier, der bei einer Weltmeisterschaft pfeifen sollte und den die Grenzbehörde am Samstag in Miami unter Berufung auf ungenannte Bedenken bei der Überprüfung abwies. Man habe nicht alles in der Hand, sagte er, man versuche es, man werde reden und sehen, und manchmal sei es gut, einfach locker zu bleiben, denn lautes Schreien und Brüllen bewirke beim Suchen nach Lösungen oft das Gegenteil. Man sei eben nicht der König der Welt, der über Regierungen und Polizeikräfte gebiete. Die Welt sei aggressiv, die Sicherheit gehe über alles, man habe die Entscheidungen zu achten, und im Hintergrund arbeite man weiter. So spricht ein Mann, der Regierungen bewegt, ein ganzes Turnier in ihr Land zu holen, sobald es um einen einzelnen Schiedsrichter geht, von seiner eigenen Ohnmacht wie von einem Naturgesetz.
Stolz war er auf anderes. Schon jetzt sei es ein Erfolg, den Iran zum Spiel nach Amerika gebracht zu haben, er wisse nicht, wer das sonst geschafft hätte. Man lebe ja nicht auf dem Mond, sondern auf der Erde, und müsse mit den Lagen umgehen, wie sie seien. Dass die iranische Mannschaft ihr Trainingslager aus den Vereinigten Staaten nach Mexiko verlegte und erst kurz vor den Spielen einfliegen wird, in das Land, das ihre Heimat bombardiert, störte den Stolz nicht. Das Turnier, fügte er hinzu, werde wohl das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte.
Infantino behauptet, die FIFA könne Ausschlüsse von Schiedsrichtern, Spielern, Journalisten oder Fans nicht verhindern, da in jedem Gastgeberland Regierungen entschieden. Als Indonesien 2023 jedoch der israelischen U23-Nationalmannschaft die Visa verweigerte, verlegte die FIFA das Turnier umgehend nach Argentinien.

Und ohne einen sei all das nicht zu haben gewesen, ohne Donald Trump. Ohne dessen Einsatz und Mitwirken, sagte Infantino, wäre es schlicht unmöglich gewesen, eine Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten auszurichten, so einfach sei das, er habe die Größe und die Wucht des Turniers sogleich begriffen. Es ist derselbe Mann, dessen Behörden den somalischen Schiedsrichter an der Grenze zurückwiesen und dessen Krieg über dem ganzen Fest liegt, dem der Präsident des Fußballs hier seinen Dank ausspricht.
Großmut gehört dazu. Elf Milliarden Dollar erwartet die FIFA aus dem Turnier, doch es wäre weit mehr drin gewesen. Man hätte alles hinter eine Bezahlschranke stellen können, sagte Infantino, dann kämen wohl dreißig Milliarden zusammen, allein dann könnten Milliarden Menschen das Turnier nicht sehen. Man möge die Bescheidenheit eines Hauses ermessen, das einen Platz für 73.200 Dollar verkauft und sich dafür rühmt, nicht noch mehr genommen zu haben.
Verglichen mit Katar verlief der Auftritt geradezu friedlich. Vor vier Jahren hatte Infantino am selben Punkt die Kritiker abgekanzelt und den Europäern, die Katars Umgang mit den Menschenrechten rügten, eine Lehrstunde erteilt, in einem sonderbaren Auftritt, in dem er bekannte, er fühle sich schwul, er fühle sich wie eine Frau, dazu wie ein Wanderarbeiter, neben weiterem Seltsamen. Mit sechsundfünfzig steht er der FIFA seit 2016 vor und will im kommenden Jahr eine weitere Amtszeit anstreben, die bis 2031 reicht.

Eines aber ließ sich nicht wegreden, weil es schwieg. Auf der Pressekonferenz hielt Infantino einen Stuhl leer, für Christophe Gleizes, einen französischen freien Journalisten, den Algerien im vergangenen Jahr zu sieben Jahren Haft verurteilte, wegen eines Gesprächs mit einem Fußballfunktionär, dem man Verbindungen zu einer verbotenen Unabhängigkeitsbewegung vorwirft. Der leere Stuhl war die ehrlichste Geste des Abends und zugleich die, die am meisten verriet. Dem eingesperrten Journalisten gilt ein Platz an seinem Tisch, dem zurückgewiesenen Schiedsrichter der Rat, nicht zu schreien.
Locker bleiben, das ist das Bekenntnis einer Macht, die es sich bequem gemacht hat. Wer die Preise setzt, kann gelassen sein, und wer das Turnier besitzt, nennt es das größte der Menschheit. Wer einem Präsidenten den Friedenspreis reichte, beruft sich nun darauf, kein König über Regierungen zu sein. Die Ruhe, die Infantino allen anrät, ist die Ruhe dessen, der gewonnen hat, ehe das erste Spiel beginnt. Der Schiedsrichter sitzt zu Hause, der Journalist sitzt in Haft. Der Platz im Stadion kostet ein halbes Jahresgehalt, und über allem schwebt die freundliche Bitte, sich doch nicht so aufzuregen. Vielleicht ist das die wahre Botschaft dieses Turniers, dass am Ende nicht der Ball regiert und nicht das Recht, sondern die Gelassenheit derer, die zahlen lassen.
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