Während sich die Vereinigten Staaten auf ein prunkvolles Fest zum 250. Jahrestag rüsten, zeigt eine neue Umfrage von NORC, dass immer weniger Amerikaner ihr Land noch für außergewöhnlich halten und an seinen Traum glauben. Am wenigsten die Jungen!
Nur noch etwa ein Viertel der Befragten sagt, ihr Land stehe über allen anderen der Welt. 44 Prozent halten es für eines der besten, neben einigen anderen, und annähernd drei von zehn meinen inzwischen, es gebe bessere Länder als die Vereinigten Staaten. In einer Umfrage desselben Instituts vom Juni 2016 hatten das erst neunzehn Prozent gesagt. Auch die gewählte Regierung gilt vielen nicht mehr als das, was die Nation ausmacht. Rund zwei Drittel der Erwachsenen nennen eine demokratisch gewählte Regierung noch äußerst oder sehr wichtig für die Identität des Landes, doch 2021 waren es achtzig Prozent gewesen.
Für viele ist das Problem die Menschen, die man in die Ämter setze. Die Politiker hätten ein Regierungssystem beschädigt, das doch dazu erdacht war, Vertretung zu sichern und den Missbrauch der Macht zu verhindern. Das Land sei nicht mehr, was es war, sagen viele, und sie glauben, die Gründerväter wären enttäuscht, wie es heute steht. Jene, die die Regierung mit ihren gleichrangigen Gewalten errichteten, hätten geglaubt, sie zögen Schranken ein, die verhinderten, dass ein Einzelner oder eine Gruppe zu viel Macht an sich risse. Doch sie hätten nicht vorausgesehen, wie leicht diese Geländer nachgäben, sobald die Menschen im System aufhörten, sie zu wahren. Sie würden sich im Grabe umdrehen, sagen ebenfalls viele, und sehr enttäuscht von uns sein. In diesem Satz liegt mehr Staatslehre als in manchem Lehrbuch. Eine Verfassung ist kein Werk, das von selbst läuft, sie hält nur, solange Menschen sich weigern, sie zu brechen.
Der Zweifel ist auch eine Sache des Alters. Unter den Erwachsenen unter dreißig sagen 44 Prozent, es gebe bessere Länder als das eigene, unter den über Sechzigjährigen nur zweiundzwanzig. Und während einundachtzig Prozent der Älteren die Demokratie für einen wesentlichen Zug der amerikanischen Identität halten, ist es bei den Jüngeren nur noch etwa die Hälfte. Ein Land, dessen Jugend nicht mehr an es glaubt, hat eine andere Zukunft vor sich als eines, dessen Jugend es noch tut. Der Verdruss reicht über die jüngsten Generationen hinaus. Kent Stage, zweiundsechzig, eingetragener Republikaner aus Indiana, pensionierter Unteroffizier des Heeres und einst Marineinfanterist, hält das gegenwärtige System nicht für fähig, die Probleme des Landes zu lösen. Er wünscht sich Amtszeitbegrenzungen und mehr Menschen aus der arbeitenden Bevölkerung in den Parlamenten. Eher vertraue er einem Anwalt, der den Krankenwagen hinterherjagt, und einem zwielichtigen Gebrauchtwagenhändler als einem Politiker, sagt er. Die Amtsträger träfen Entscheidungen zum Wohl der eigenen Familien, während unsereins weiter die alte Mühle treten müsse.
Auch an das Land der Gelegenheiten glauben viele nicht mehr. Etwa die Hälfte der Erwachsenen, einundfünfzig Prozent, sagt, der amerikanische Traum, wonach harte Arbeit zum Aufstieg führe, habe einmal gegolten, heute aber nicht mehr. Ein knappes Drittel meint, er gelte noch, fünfzehn Prozent, er habe nie gegolten.
Inzwischen geben viele Amerikaner ihre eigene Wohnung auf und mieten ein Zimmer, um zu sparen. Nur zweiundzwanzig Prozent der unter Dreißigjährigen halten den Traum noch für gültig, unter den über Sechzigjährigen sind es sechsundvierzig.
Der Zweifel verläuft auch entlang der Parteien. Unter den Republikanern sagen siebenundfünfzig Prozent, der Traum gelte noch, unter den Unabhängigen etwa ein Viertel, unter den Demokraten siebzehn. Und während etwa die Hälfte der Republikaner ihr Land über alle anderen stellt, tun das nur sieben Prozent der Demokraten. Quintin Sharpe, achtundzwanzig, lebt in einem Urlaubsort am Lake Geneva in Wisconsin, arbeitet als Finanzplaner und ist Republikaner. Für ihn ist der Traum noch erreichbar, und er ist stolz auf sein Land. Es sei ein großartiges Experiment gewesen, sagt er, die Gelegenheit sei da für jeden, der für sie arbeiten wolle. Er halte das Land für eine Leistungsgesellschaft, in der die besten Ideen und der beste Arbeitswille sich durchsetzten, ohne Ansehen der Herkunft oder der Hautfarbe. Den 250. Jahrestag wird er gemeinsam mit seiner Frau bei einem Feuerwerk über dem See begehen.
Auch der Glaube an eine gemeinsame Kultur schwindet. Etwas mehr als die Hälfte, sechsundfünfzig Prozent, nennt eine geteilte amerikanische Kultur und einen gemeinsamen Wertekanon äußerst oder sehr wichtig für die Identität des Landes, 2017 waren es noch fünfundsechzig. Die Jüngeren halten seltener als die Älteren eine einzige Werteordnung für wichtig. Über die Vielfalt aber sind die Amerikaner zutiefst geteilt. Etwa die Hälfte, einundfünfzig Prozent, hält es für äußerst oder sehr wichtig, dass Menschen aus anderen Teilen der Welt kommen können, um der Gewalt zu entrinnen oder ihr Auskommen zu finden, und fünfundfünfzig Prozent sagen das über die Vermischung von Kulturen und Werten aus aller Welt. Doch nur etwa vier von zehn Republikanern sehen diese Vermischung als wesentlich für das Land an, unter den Demokraten sind es sechsundsiebzig.
Auch sprechen viele von einer Unruhe und einer Spannung, die dicht unter der Oberfläche lägen, gerichtet vor allem gegen Hispanics. Manche Menschen trügen inzwischen ihre Papiere bei sich, die ihren Aufenthaltsstatus belegen, für den Fall, dass man sie anhält. Es falle schwer zu feiern und die als America 250 angekündigten Festlichkeiten als positiv zu empfinden, wenn die Stimmung gegen Einwanderer und gegen die Gemeinschaften der Nichtweißen so heftig sei. Inzwischen werde sogar die Staatsbürgerschaft in Frage gestellt.
Eine Nation ist am Ende ein Glaube, den ein Volk von sich selbst hat, und kein Feuerwerk kann ersetzen, was an diesem Glauben verloren geht. Das Fest wird laut sein und die Lichter werden über den Seen stehen, und unter ihnen werden Menschen ihre Papiere bei sich tragen, damit sie beweisen können, dass sie hierhergehören. Zweihundertfünfzig Jahre nach dem Anfang feiert ein Land ein Versprechen, an das seine Jungen kaum noch glauben und vor dessen Hütern eine Dreiundneunzigjährige sich fürchtet. Die Gründer, wie bereits erwähnt, würden sich im Grabe umdrehen. Vielleicht ist das die genauere Art zu sagen, dass ein Versprechen nicht an dem Tag stirbt, an dem es gebrochen wird, sondern an dem, an dem niemand mehr erwartet, dass es gehalten wird.
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