Achtzig wird er bald, der Toten von Normandie gedachte er nicht

VonRainer Hofmann

Juni 7, 2026

Zum zweiundachtzigsten Jahrestag des D-Day überzog Donald Trump die Netzwerke mit künstlichen Bildern seiner selbst. Für die mehr als viertausend Gefallenen an den Stränden blieb kein einziges Wort!

Es gibt Tage, an denen ein Land nicht von sich selbst spricht, sondern von seinen Toten. Der sechste Juni war ein solcher Tag. Der Präsident der Vereinigten Staaten hielt sich nicht daran. Donald Trump, neunundsiebzig Jahre alt und in wenigen Tagen achtzig, verbrachte den Jahrestag damit, Truth Social mit künstlich erzeugten Bildern und Filmen zu überfluten, deren Gegenstand allein er selbst war. Ein Musikvideo zeigt ihn auf dem Rücken eines Löwen, beim Sprung aus dem Himmel an einem roten Fallschirm, im Schreiten durch jubelnde Menschen und beim Mahl mit den Mächtigen der Welt. Was die künstliche Intelligenz herzustellen vermag, das stellte sie an diesem Tag in seinen Dienst, und sie stellte nichts her als ihn.

Dazu kam ein Bild, das die künftige Präsidentenbibliothek Barack Obamas als riesige Mülltonne zeigt, umstellt von Lagern Obdachloser, und eine Collage, die Rosie O’Donnell verhöhnt. Eine weitere Erfindung entwarf einen „Drohnenhafen“ am Weißen Haus, und im selben Atemzug griff er jenen Bundesrichter an, der den Bau seines geplanten Ballsaals einstweilen gestoppt hatte. In einem Beitrag umarmt er eine überdimensionierte amerikanische Flagge vor dem Washington Monument. In einem anderen ziehen Militärhubschrauber über ihn hinweg, während er in die Ferne sieht, als blicke dort etwas zurück.

Inmitten dieser Flut fehlte ein Einziges, und es war das Einzige, worauf es ankam. Kein Wort fiel über den Anlass des Tages.

Der sechste Juni ist der zweiundachtzigste Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie. Mehr als 156.000 Soldaten gingen an den Stränden des von Deutschland besetzten Frankreich an Land, mehr als viertausend von ihnen starben dort, und es war dieses Sterben, das dem Krieg in Europa seine Wende gab. Während die Stunden vergingen und der Oberbefehlshaber von allem sprach, nur nicht von ihnen, bemerkten es seine Kritiker. Die konservative Vereinigung Republicans Against Trump schrieb auf X, es sei der D-Day, und Trumps erster Beitrag sei ein bizarres KI-Video darüber, wie sehr die Menschen Donald Trump liebten. Kein Wort über die Helden, die die Strände der Normandie stürmten.

Das Weiße Haus gab unterdessen still eine schriftliche Erklärung heraus, die des Jahrestages gedachte und die „größte Generation“ Amerikas ehrte. So kam es, dass das Gebäude an die Toten erinnerte und der Mann darin an sich selbst.

Verteidigungsminister Pete Hegseth reiste nach Frankreich, um der Landung zu gedenken, und benutzte den ernsten Anlass, um Amerikas europäische Verbündete zu belehren. Er warf ihnen Bequemlichkeit vor und verglich die Zuwanderung über den Kontinent mit einer „Invasion“. „Strände in Spanien, in Italien, in Griechenland und Bulgarien. Boote und Männer kommen an“, sagte er. „Wann werden die europäischen Hauptstädte etwas gegen diese Invasion tun? Oder ist es zu spät?“ An eben den Stränden, an denen vor zweiundachtzig Jahren Boote und Männer ankamen, um den Kontinent von der Barbarei zu befreien, erkannte der Minister nur noch die Invasion.

„Traurigerweise werden heute andere europäische Strände von anderen gefährlichen Ideologien gestürmt. In Spanien und Italien und Griechenland und Bulgarien kommen Boote und Männer an.

Es existiert ein Bild vom fünfundzwanzigsten Mai, das den Präsidenten und seinen Stellvertreter JD Vance zeigt, wie sie auf dem Nationalfriedhof von Arlington salutieren. Die Geste der Ehrerbietung gelingt ihm, sofern Kameras in der Nähe sind. Am Tag der Normandie waren keine vonnöten, also unterblieb sie.

Man kann nicht einmal sagen, er habe es nie vermocht. Im vergangenen Jahr teilte er ein Bild zum Jahrestag, und 2024 verbreitete er ein Video, in dem er mit vier Veteranen der Landung sprach. In diesem Jahr beherrschten künstliche Bilder und Filme den Tag, dazu Angriffe auf seine Gegner. Bis zu seinem Ende blieb das Gedenken aus.

Einen Toten zu ehren bedeutet, den Blick von sich selbst abzuwenden und ihn auf einen zu richten, der nicht mehr antworten kann. Es ist die seltene Bewegung, in der ein Mensch für einen Augenblick aufhört, der Mittelpunkt seiner eigenen Welt zu sein. Genau diese Bewegung bleibt diesem Mann versagt, und es scheint nicht Trotz zu sein, sondern Unvermögen. Die künstliche Intelligenz hat ihm das vollkommene Gerät dafür gereicht, einen Spiegel, der jeden Wunsch sogleich in ein Bild verwandelt und neben dem eigenen Gesicht kein fremdes mehr zulässt. Wer an einem solchen Tag nichts zu sehen vermag als sich, dem ist die Welt bereits entglitten. Und es bleibt die Frage, wer in einem Land noch der Toten gedenkt, wenn der, dem das Gedenken zukäme, nur noch sich selbst betrachtet.

Unabhängiger Journalismus · Kaizen Blog

Wir sind dort,
wo es wehtut

Wir sitzen nicht im Warmen und schreiben über die Welt – und wir hören auch nicht beim Schreiben auf. Unsere Hilfe ist dort, wo sie gebraucht wird. Wir sind ein kleines Team. Keine Investoren, keine Millionäre, keine große Redaktion im Hintergrund. Was wir haben, sind Herz, Wille und der Anspruch, Dinge aufzudecken, über die andere oft hinwegsehen. Wenn Sie möchten, dass diese Arbeit weiter möglich bleibt, unterstützen Sie den Kaizen Blog.

Unsere Arbeit lebt von denen, die hinschauen – und dafür einstehen, dass das möglich bleibt.

Updates – Kaizen Kurznachrichten

Alle aktuellen ausgesuchten Tagesmeldungen findet ihr in den Kaizen Kurznachrichten.

Zu den Kaizen Kurznachrichten In English
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
3 Comments
Älteste
Neueste Meistbewertet
Anja
Anja
2 Stunden vor

Narzissten und Soziopathen sehen niemanden außer sich selbst. Das Leid anderer interessiert sie nicht, weil ihnen Empathie fehlt.

Anja Blum
Anja Blum
1 Stunde vor

Wie verroht ist ein Land, das angesichts dessen nicht aufschreit. Wie ignorant und Vergangenheitsvergessen sind die Menschen, die ihrer Geschichte nicht mehr gedenken und ihre Veteranen wahrlich mit Füßen treten. Auf ihren Gräbern tanzen und Tränen der Heuchelei vergießen wenn die Kameras laufen?
Mir fehlen die Worte. Amerika Was ist aus dir geworden!?

3
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x