Das Angebot an den Angreifer

VonRainer Hofmann

Juni 5, 2026

Russland hat die Ukraine überfallen. Nun bietet Wolodymyr Selenskyj Wladimir Putin in einem offenen Brief ein Treffen und eine Waffenruhe entlang der Front an, und die Verantwortung, den Krieg zu beenden, liegt bei dem, der ihn ohne Grund begonnen hat!

Russland hat die Ukraine überfallen. Mit diesem Satz beginnt jede ehrliche Betrachtung dieses Krieges, und an ihm ist nichts zu deuteln. Es war kein Konflikt, der sich allmählich aufschaukelte, sondern der Angriff eines Landes auf ein anderes, ein Krieg, den ein einzelner Mann gewählt hat und den er bis heute fortführt. Am Abend des 4. Juni hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Seite seines Amtes einen offenen Brief an Wladimir Putin veröffentlicht, in dem er dem Angreifer ein unmittelbares Treffen der beiden Staatschefs und eine vollständige Waffenruhe entlang der gesamten Front für die Dauer der Verhandlungen anbietet. Die Verantwortung, diesen Krieg zu beenden, liegt damit dort, wo auch die Schuld an seinem Beginn liegt, bei dem, der ihn ohne Grund entfesselt hat.

Link zum Originalbrief

Der Brief erinnert daran, dass viele in der Ukraine Putin mit Wohlwollen betrachtet hatten, als er vor mehr als sechsundzwanzig Jahren an die Spitze Russlands trat. Das ist vorbei. Heute, schreibt Selenskyj, begrüße die große Mehrheit der Ukrainer, dass die ukrainischen Langstreckendrohnen die Eröffnung von Putins Forum in Petersburg besucht und dabei mehr als tausend Kilometer überwunden hätten, und diese Entfernung sei nicht die Grenze des Möglichen. Sechsundzwanzig Jahre seiner Herrschaft hätten die Beziehung beider Länder von den Fragen des Handels und des bürgerlichen Lebens auf das eine Thema der Treffer und der Verluste verengt. Fast die Hälfte dieser Zeit habe Putin im Krieg gegen die Ukraine verbracht. Was immer er über die NATO, die Geopolitik und die russische Sprache anführe, dieser Krieg sei seine persönliche Wahl, ein Krieg ohne wirklichen Grund, und so werde ihn die Geschichte in Erinnerung behalten. Dies ist der harte Befund, und er trifft zu. Kein Bündnis und keine Sprache zwang Putin, eine Armee über die Grenze zu schicken. Er hat es getan, weil er es wollte.

Allmählich, so der Brief, höre der Krieg sogar auf, den Russen zu behagen. Putin selbst sei er nur recht, solange es nicht um die Sicherheit seiner Residenz am Waldai oder um die Parade in Moskau gehe; sein eigenes Leben sei ihm wertvoll, während er das fremde verbrauche. Den Russen aber missfielen die Drohnen und Raketen, der Benzinmangel und die steigenden Preise, die ständigen Verbote, die drohende zweite Mobilisierungswelle, mit der der Krieg ausgeweitet werden solle, und die Aussicht auf einen Krieg ohne Ende. Noch könne Putin die Russen zwingen, so zu leben, doch seine Mittel schwänden, und es werde ihm an Geld und an politischer Kraft fehlen, um ihre Loyalität weiter zu kaufen, wie er es sechsundzwanzig Jahre getan habe.

Der Kreml hat den Brief von Wolodymyr Selenskyj erhalten. Er werde zu einem späteren Zeitpunkt an Präsident Wladimir Putin weitergeleitet und ihm vorgelegt werden, erklärte Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten.

Es folgt die Buchführung über die Verluste, die Putins Krieg fordert. Wie er selbst sage, müsse man alles zählen. Tags zuvor, schreibt Selenskyj, habe er den Bericht über die Verluste der russischen Armee im Mai erhalten, erneut mehr als dreißigtausend getötete und schwer verwundete Russen, eine Zahl, die man Monat für Monat verzeichne und für die es nach ukrainischen Angaben zu jedem Fall eine Videobestätigung gebe. Dreiundsechzig Prozent davon seien Tote und nur siebenunddreißig Prozent Verwundete, ein Verhältnis, das sich eine Armee im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht leisten könne, und der Anteil der Toten werde weiter steigen. Es sind die Männer, die Putin in einen Krieg schickt, den er nicht hätte führen müssen. Selenskyj räumt zugleich die eigenen Verluste ein. Er sorge sich um die Ukrainer, jeder Verlust schmerze, und selbst ein Verhältnis von eins zu fünf oder eins zu sechs zu Russlands Ungunsten wiege schwer. Putin verschiebe alle paar Monate die Frist für die Einnahme der ukrainischen Gebiete, vor allem des Gebiets Donezk, und auch in diesem Jahr werde er es nicht erobern.

Die Ukraine wolle keinen ewigen Krieg, heißt es weiter, sie wisse, dass es ohne Krieg viel besser sei, und die Mehrheit der Russen sei bereit, dem zuzustimmen. Viele hätten nicht geglaubt, dass die Ukraine sich so lange werde verteidigen können, Putin nicht und seine Berater nicht, und das sei ihr Irrtum gewesen. Im fünften Jahr der vollständigen Invasion fordert Selenskyj ihn auf, sich nicht zu fürchten, aus dem Krieg auszusteigen; das sei jetzt das Wichtigste. Die Ukraine bewahre ihre Unabhängigkeit und werde sie bewahren. Man habe viele in der Welt zur Verteidigung der Ukraine und gegen Putin vereint, Waffen und Geld gefunden; die Ukraine erhalte Unterstützung, Russland Sanktionen. So werde es bleiben, bis Gerechtigkeit für die Ukraine erreicht sei. Man werde jene nicht durchkommen lassen, die behaupten, die Sanktionen würden gelockert und die Hilfe verringert, ohne dass Putin seine Haltung ändere. Das Beispiel Orbáns zeige, mit welcher Schande jene endeten, die sich entschlössen, Russland in diesem Krieg zu helfen.

Der Brief führt vor, wie sehr Putins Lage sich verschlechtert hat. Die Ukraine habe die harten Winter überstanden, in denen er ihre Energieversorgung zu zerstören suchte, sie habe den Krieg auf russisches Gebiet getragen, was Putin ohne die Hilfe Nordkoreas nicht bewältigt hätte; er sei der erste Herrscher Russlands, der in Pjöngjang um Hilfe bitten musste, und heute vollständig von China abhängig, ebenfalls zum ersten Mal in der Geschichte Russlands. Ukrainische Soldaten halfen inzwischen, die Verteidigung von Partnern im Nahen Osten und am Persischen Golf aufzubauen. Auf inneren Aufruhr in der Ukraine habe Putin gehofft, doch aufgelehnt hätten sich seine eigenen militärischen Verbände, und der 23. Juni, der Jahrestag jenes Aufstands aus dem Jahr 2023, lasse sich durch Schweigen nicht aus der Geschichte tilgen. Seine eigenen Beamten, Geschäftsleute und Propagandisten blickten mit erkennbarer Müdigkeit auf ihn. Die Welt sei der Ukraine nicht überdrüssig geworden, worauf er lange gesetzt habe, wohl aber seien selbst jene, die Russland beim Umgehen der Sanktionen helfen, Russlands müde. Aus Aufklärungsunterlagen wisse man, dass Putin bereits Kriegspläne für die Jahre 2027 und 2028 prüfe, dass er auf seine Raketen hoffe, Belarus stärker in den Krieg ziehen wolle und ein Spiel um Transnistrien treibe, während seine Propagandisten allen Nachbarn drohten. Ob er das alles wirklich durchschreiten wolle, fragt Selenskyj, die Wahl liege bei ihm.

JOURNALIST: Präsident Selenskyj hat Präsident Putin einen Brief geschrieben. Er möchte, dass die beiden sich treffen, um über ein Ende des Krieges in der Ukraine zu verhandeln, weil er glaubt, dass Sie wegen des Krieges mit Iran zu beschäftigt sind. Hat er recht?

TRUMP: Nun, ich weiß es nicht. Ich freue mich, dass sie vielleicht über ein Treffen sprechen. Ich denke, wir hatten viel damit zu tun. Ich weiß genau, worauf Sie hinauswollen. Aber ich denke, es wäre großartig, wenn sie sich treffen würden. Sie sollten das regeln.

Erst danach steht das eigentliche Angebot, und es kommt von dem überfallenen Land, nicht vom Angreifer. Genug des Krieges, schreibt Selenskyj, die Ukraine schlage vor, ihn zu beenden, ehrlich und in Würde und mit der Gewähr, dass kein neuer Krieg entfacht werde. Da die Vereinigten Staaten ihre Aufmerksamkeit derzeit ganz dem Iran widmeten, sei es falsch, einfach abzuwarten, bis sie sich dem Krieg in Europa zuwendeten. Er biete ein Treffen an, nicht in Moskau und nicht in Kiew, denn ein ukrainischer Staatschef habe in Putins Hauptstadt ebenso wenig zu suchen wie ein russischer in Kiew, sondern in einem der Länder, die seit jeher solche Begegnungen ausrichteten, in der Schweiz, in der Türkei oder in der arabischen Welt. Man solle ein festes Datum bestimmen. Die in Alaska gegebenen Zusagen über ukrainische und europäische Fragen seien gegenstandslos, denn in Anchorage werde über das Schicksal der Ukraine nicht entschieden. Dem begonnenen zweiseitigen Weg könnten weitere Beteiligte beitreten, vor allem Garanten, die wirklich Einfluss hätten; die Beteiligung Europas sei nötig und die der Vereinigten Staaten ebenso, woraus sich die neue Sicherheitsordnung dieses Teils der Welt ergeben könne. Die vielen Verträge mit Russland und die Minsker Abkommen hätten nicht gewirkt, deshalb müsse man die zweiseitigen Antworten suchen und sich nicht hinter Formeln, technischen Gruppen oder dem Zeitverlust einer Pendeldiplomatie verstecken.

Mit seinem Krieg, schreibt Selenskyj, habe Putin die Ukraine und Russland für immer getrennt; die Front sei nun die Linie, von der aus die Diplomatie beginnen müsse. Die Ukraine sei zu einer vollständigen Waffenruhe für die Dauer der Gespräche bereit, deren Einhaltung entlang der Front die Vereinigten Staaten überwachen könnten. Sie sei zu einem Gefangenenaustausch nach dem Grundsatz alle gegen alle bereit, was ein guter Auftakt zum Ende des Krieges sein könne. Ernsthafte Schritte seien nötig, um die im Krieg verschleppten Zivilisten und Kinder zurückzubringen. Das ist kein Nebenpunkt, sondern eines der schwersten Verbrechen dieses Angriffskriegs, die Verschleppung von Kindern aus einem Land, das man überfallen hat. Und schließlich müsse bestimmt werden, wie die Zukunft aller kommenden Geschlechter von Ukrainern und Russen aussehe. Komme Putin nicht von sich aus zu dem Gedanken, dass der Krieg zu beenden sei, werde die Ukraine weiter um ihr Bestehen kämpfen, gestützt von ihren Partnern; Putin aber werde sehr viel mehr um sein eigenes Bestehen kämpfen müssen. Das sei keine Drohung, sondern eine Tatsache der russischen Geschichte, denn wenn Russland müde werde, geschähen Veränderungen. Er könne seinen Krieg beenden. Ewiges Gedenken allen, deren Leben dieser Krieg genommen habe.

Was bleibt, ist eine einfache moralische Lage, die alle Worte überdauert. Auf der einen Seite steht das Land, das überfallen wurde und gleichwohl ein Treffen, eine Waffenruhe und die Rückkehr der verschleppten Kinder anbietet. Auf der anderen Seite steht der Mann, der diesen Krieg ohne Grund begonnen hat und ihn allein beenden kann. Ein Krieg, den niemand führen musste, wird von einem einzigen Willen am Leben gehalten, und jeder weitere Tote, der von heute an fällt, fällt, weil dieser Wille es so will. Die ehrliche Frage richtet sich daher nicht an Kiew, sondern an Moskau. Sie lautet, ob ein Herrscher, der einen Krieg ohne Vernunft entfesselt hat, die Vernunft aufbringt, ihn zu beenden, oder ob er die Toten der kommenden Monate ebenso wählt, wie er den Krieg gewählt hat. Die Tür steht offen. Verschlossen hält sie nur der Angreifer.

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