Die Kamera in der Socke

VonRainer Hofmann

Mai 31, 2026

Wer ins Exil geht, um über jene zu schreiben, vor denen er geflohen ist, trägt eine stille Annahme mit sich: dass die Entfernung schützt, dass ein Land hinter einem zurückbleibt, sobald man seine Grenze überschritten hat. Der Fall des Ioannis Aidinidis erinnert daran, wie zerbrechlich dieser Glaube ist. Vor einem Londoner Gericht hat die britische Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gegen den 46-Jährigen erhoben. Er soll im Auftrag eines fremden Geheimdienstes einen Journalisten ausgespäht haben, der für Iran International arbeitet – jenen persischsprachigen Sender, der seit Jahren zu den unbequemsten Stimmen gegen die Islamische Republik zählt und mit gleicher Beharrlichkeit über verletzte Menschenrechte wie über die Machtkämpfe in Teheran berichtet.

Mehrfach, so die Anklage, sei Aidinidis nach Großbritannien gereist. Während dieser Aufenthalte habe er Orte aufgesucht, die mit dem Journalisten zu tun hatten, habe Wohnhäuser fotografiert und Fahrzeuge samt ihren Kennzeichen festgehalten. Nichts daran wirkt zufällig. Es ist die geduldige Arbeit dessen, der ein fremdes Leben sammelt, bis er glaubt, es zu kennen. Bei einem seiner späteren Besuche, heißt es, habe er eine Kamera zurückgelassen, verborgen in einer Socke. Dieses Bild hat sich vom Gerichtssaal gelöst und ist in die Welt gewandert, weil es etwas trifft. Eine Socke ist das Häuslichste, was ein Mensch besitzt, sie gehört in die unterste Schublade des Privaten. Dass darin ein Auge stecken soll, das seine Daten über die Grenze schickt, lange nachdem der Beobachter selbst das Land verlassen hat – darin liegt die eigentliche Kälte. Die Überwachung sollte weitergehen ohne den, der sie begonnen hatte. Ein Blick, der niemandem mehr gehört und doch nicht erlischt.

Die britischen Behörden sehen iranische Nachrichtendienste als treibende Hand. Deshalb lautet der Vorwurf nicht allein auf Beobachtung, sondern auf Hilfe für einen fremden Geheimdienst.

Aidinidis wurde in Georgien geboren und lebt, wie das Gericht festhielt, in München. Seine Personalien bestätigte er über einen russischen Dolmetscher; zu den Vorwürfen schwieg er. Das Gericht schickte ihn in Untersuchungshaft. Am 19. Juni soll er erneut erscheinen, vor dem Central Criminal Court in London.

Unter aufwendigem Polizeischutz wurde der 46-jährige Ioannis Aidinidis, der in München lebte, am Freitag zum Gericht gebracht und auf Grundlage des britischen National Security Act angeklagt.

Doch der Fall reicht weiter als bis zu dem Mann, der nun in Haft sitzt. Iran International lebt seit Jahren unter Druck. Seine Mitarbeiter sprechen von Drohungen und von einer Sorge, die nicht weichen will. Anfang 2023 verlegte der Sender seinen Sitz vorübergehend von London nach Washington, weil man die Gefahr für die Journalisten und ihre Angehörigen für zu groß hielt; erst Monate später kehrte die Redaktion zurück. Eine Redaktion auf der Flucht vor jenen, über die sie berichtet – das ist die ältere Geschichte hinter dieser einen.

Was bleibt, sind die Fragen der Ermittler: wer die Beobachtung anordnete und wohin die Bilder am Ende gelangen sollten.

Für die, die im Exil schreiben, steht die Lehre schon jetzt fest. Entfernung ist kein Schutz, nur ein Aufschub. Die Macht, vor der man flieht, hat gelernt, sich klein zu machen, beinahe zärtlich in ihrer Form – und eine Socke genügt ihr, um zu sagen: Ich sehe dich noch.

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