In offiziellen Tabellen wirken Zahlen oft sauber. 60.000. 100.000. 145.000. Reihen, Spalten, Statistiken. Hinter diesen Zahlen sitzen aber Kinder in Wohnungen, in denen plötzlich ein Stuhl leer bleibt. Kinder, die nachts aufwachen und nach ihrer Mutter fragen. Kinder, die nicht verstehen, weshalb ein Elternteil zur Arbeit gefahren ist und nie zurückkam. Eine neue Analyse der Brookings Institution kommt zu dem Schluss, dass die Wirklichkeit möglicherweise deutlich größer ist als die Zahlen, die Behörden bislang nennen. Nach Berechnungen der Forscher könnten seit Beginn der verschärften Abschiebekampagne mehr als 100.000 Kinder von ihren Eltern getrennt worden sein. Etwa drei Viertel davon sollen amerikanische Staatsbürger sein.
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Der Umfang wäre gewaltig. Bereits rund 205.000 Kinder könnten nach den Berechnungen erlebt haben, dass ein Elternteil festgenommen wurde. Rund 145.000 davon wären amerikanische Kinder. Selbst die vorsichtigsten Schätzungen liegen noch bei mehr als 117.000. Die oberen Annahmen reichen bis etwa 175.000 betroffene Kinder. Die Forscher Tara Watson von Brookings und Maria Cancian von der Georgetown University halten ihre mittlere Schätzung von etwa 145.000 Kindern für die wahrscheinlichste Größe.

Die Zahlen unterscheiden sich deutlich von Angaben des Heimatschutzministeriums. Dort geht man davon aus, dass die Eltern von etwa 60.000 amerikanischen Kindern festgenommen wurden. Die Wissenschaftler vermuten, dass viele Betroffene gar nicht nach ihren Kindern gefragt werden oder Angst haben, Angaben zu machen. Für manche Eltern könnte bereits die Nennung eines Namens bedeuten, dass weitere Angehörige ins Blickfeld der Behörden geraten.
Die Entwicklung würde selbst die Familienkrise der ersten Trump-Regierung in den Schatten stellen. Im Jahr 2018 sorgte die sogenannte Null-Toleranz-Politik international für Empörung, als etwa 5.500 Kinder unmittelbar nach Grenzübertritten von ihren Eltern getrennt wurden. Die jetzigen Zahlen wären um ein Vielfaches größer. Nur läuft vieles diesmal nicht vor Fernsehkameras an Grenzzäunen ab, sondern in Städten, auf Parkplätzen, an Arbeitsplätzen und nach Verkehrskontrollen.

Für Ledy Ordonez begann alles in einem Großhandel für Meeresfrüchte in San Antonio. Vergangenen Juli erschienen dort Beamte und nahmen mehrere Menschen fest. Seitdem sitzt sie in einem Abschiebezentrum in Texas. Ihr Sohn Alonzo, amerikanischer Staatsbürger und heute zwei Jahre alt, lebt inzwischen bei Bekannten. Während ihrer Haft verpasste sie fast alles. Die ersten Worte. Neue Schritte. Die kleinen Veränderungen, die Eltern nur einmal erleben können. „Er kann inzwischen laufen und sprechen“, sagte sie. „Ich habe so viel verpasst.“
Besonders bitter ist eine rechtliche Besonderheit, die Familien auseinanderreißen kann. Amerikanische Kinder dürfen nicht in Einwanderungshaft gehalten werden. Eltern stehen deshalb oft vor einer Entscheidung, die kaum wie eine echte Wahl wirkt. Sie können ihre Kinder mitnehmen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden, oder sie zurücklassen. Ledy Ordonez versuchte mit ihrem Sohn gemeinsam in einer Familieneinrichtung bleiben zu dürfen, während ihr Fall geprüft wird. Das funktionierte nicht. Nun droht ihre Abschiebung unmittelbar bevorzustehen. Für Alonzo wird ein Pass benötigt. Sollte dieser nicht rechtzeitig vorliegen, könnte seine Mutter ohne ihn abgeschoben werden. Der Fall liegt nun bei uns seit einigen Tagen auf dem Tisch.
Sie beschreibt die Menschen, die derzeit auf ihren Sohn aufpassen, nicht als Familie. Sie kümmern sich lediglich um ihn, weil sie helfen wollten.
„Wenn sie mich abschieben, möchte ich mein Kind mitnehmen“, sagte sie unter Tränen.

Wenige vergleichsweise dieser Kinder landen jedoch in Pflegeeinrichtungen. Die meisten bleiben bei Verwandten, Nachbarn oder Freunden. Doch auch dort entstehen Probleme. Ältere Geschwister übernehmen plötzlich Verantwortung für jüngere Kinder. Familien, die selbst kaum genug Geld haben, nehmen weitere Menschen auf. Andere Betreuer besitzen nicht einmal die notwendigen Dokumente, um medizinische Entscheidungen zu treffen oder Schulangelegenheiten zu regeln.
Sharon Cartagena von der Organisation Public Counsel berichtet inzwischen regelmäßig von Anrufen durch Schulen, Kirchen und Helfer. Dort sitzen Kinder, deren Eltern plötzlich verschwunden sind und für die niemand genau zuständig ist.
Auch Samantha Lopez gehört zu den Kindern, die inzwischen ohne ihre Mutter leben. Das Mädchen ist drei Jahre alt und amerikanische Staatsbürgerin. Ihre Mutter wurde vergangenen Monat nach einer Verkehrskontrolle an ICE übergeben, als sie auf dem Weg zur Arbeit in einem Restaurant war. Der Vater beschreibt die Gespräche seiner Tochter mit ihrer Mutter als schwer auszuhalten. Das Kind höre aufmerksam zu und beginne dann zu weinen.
„Das hier ist mein amerikanisches Kind, das verletzt wird“, sagte er.
Gleichzeitig wächst in vielen Regionen die Angst vor Razzien an Arbeitsplätzen. In Kalifornien wurden in den vergangenen Monaten verstärkt Schulungen organisiert, in denen Geschäftsinhaber und Beschäftigte über ihre Rechte informiert werden. Dort geht es nicht nur um Migranten selbst, sondern um ganze Nachbarschaften, Betriebe und Familien, die plötzlich mit der Frage konfrontiert sind, was passiert, wenn Beamte vor der Tür stehen.
In Kalifornien gelten zusätzlich besondere Schutzregeln für Arbeitsplätze. Nach dem sogenannten Immigrant Worker Protection Act dürfen Arbeitgeber Einwanderungsbeamten nicht freiwillig Zugang zu privaten Bereichen oder Mitarbeiterunterlagen gewähren. Marisa Almor vom East Bay Sanctuary Covenant erklärte, viele Geschäftsinhaber wüssten gar nicht, dass sie sich selbst rechtlich angreifbar machen könnten, wenn sie ohne entsprechende Grundlage Türen öffnen oder interne Daten herausgeben. Deshalb gehe es bei den Schulungen nicht nur um Schutz für Migranten, sondern auch darum, Unternehmer darüber aufzuklären, was sie dürfen und was sie ausdrücklich nicht tun dürfen.
Während der Schulung wurde außerdem auf einen Unterschied hingewiesen, den viele Menschen nicht kennen. Ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss ist etwas anderes als Verwaltungsunterlagen, die Einwanderungsbehörden häufig mitführen. Nach Angaben der Organisatoren würden Beamte nur selten mit richterlichen Beschlüssen erscheinen. Genau deshalb sei es wichtig, dass Beschäftigte und Geschäftsinhaber Dokumente genau prüfen und nicht automatisch davon ausgehen, dass jeder vorgelegte Zettel sofort Zugang zu allen Bereichen erlaubt.
Die Unsicherheit wurde zusätzlich durch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs verstärkt. Das Gericht erlaubte der Trump-Regierung vorläufig, bei Einsätzen im Raum Los Angeles weiterhin breite Kriterien wie Sprache, offensichtliche ethnische Zugehörigkeit und bestimmte Berufsgruppen zu berücksichtigen. Kritiker befürchten, dass dadurch auch amerikanische Staatsbürger ins Visier geraten könnten, allein wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache oder ihrer Arbeit.

José Antonio Dorado, der die Vereinigung Comunidad y Comerciantes de Fruitvale mitorganisiert, sprach dabei nicht nur über Angst, sondern auch über Zusammenhalt. Sein Ziel sei inzwischen, dass Geschäftsinhaber selbst zu Multiplikatoren werden und weitere Händler schulen. Der 77-jährige frühere Polizeikommissar sieht in den Entwicklungen deshalb auch einen Moment, in dem sich eine Gemeinschaft enger zusammenschließen könnte. Bildung allein reiche nicht aus, sagte er. Entscheidend sei, dass Menschen beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen.
Die Regierung erklärt, Eltern könnten entscheiden, ob sie ihre Kinder mitnehmen oder bei Vertrauenspersonen zurücklassen wollen. Auf dem Papier klingt das wie eine Wahl. In Wohnungen, in Kinderzimmern und in den Stimmen der Betroffenen klingt es deutlich anders. Dort geht es nicht um Formulare oder Zuständigkeiten. Dort geht es um Kinder, die plötzlich lernen müssen, dass eine Tür aufgehen kann und jemand einfach nicht mehr zurückkommt.
Wer in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin im September überlegt, der AfD seine Stimme zu geben, sollte sich genau anschauen, was gerade in Amerika passiert. Dort wachsen Kinder ohne ihre Mütter auf, weil eine Politik in Gang gesetzt wurde, die Menschen nicht mehr als Menschen behandelt, sondern als das, was übrig bleibt, wenn man ihnen den Namen nimmt. Eine zweijährige amerikanische Staatsbürgerin lebt bei Bekannten, während ihre Mutter im Abschiebezentrum sitzt – Das ist keine Vorstellung, das ist ein Land, das aufgehört hat, das zu sein, was es einmal versprach. Wer glaubt, in Deutschland werde das anders, hat die AfD nicht gelesen. Eine Partei, die von Remigration spricht, meint genau das, was in Amerika gerade geschieht. Türen, die aufgehen, und Menschen, die nicht mehr zurückkommen. Familien, die zerrissen werden, weil ein Pass fehlt oder ein Stempel. Wer am 6. oder 20. September einen Regierungsauftrag in falsche Hände gibt, sollte sich nicht wundern, wenn er später in einem Land aufwacht, in dem Kinder am Telefon weinen, weil ihre Eltern verschwunden sind.
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