Fast acht Jahre nach der Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi bewegt sich der Fall erneut. In Frankreich wurde nun ein gerichtliches Ermittlungsverfahren gegen Kronprinz Mohammed bin Salman eingeleitet. Vorausgegangen waren jahrelange Recherchen, die internationale Zusammenarbeit einer investigativen Journalistengemeinschaft, zu der auch wir gehören, die Weitergabe von Erkenntnissen sowie der Druck von Menschenrechtsorganisationen und juristischen Initiativen über mehrere Länder hinweg. Die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft bestätigte inzwischen Ermittlungen wegen Vorwürfen der Folter und des gewaltsamen Verschwindenlassens.

Ausgangspunkt war eine Entscheidung des Berufungsgerichts in Paris vom 11. Mai. Das Gericht erklärte Beschwerden von Reporter ohne Grenzen und TRIAL International für zulässig. Der Schritt gilt als neuer Versuch, Verantwortung in einem Fall zu klären, der international zwar einen politischen Schock auslöste, juristisch jedoch bislang erstaunlich wenige Folgen hatte.
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Jamal Khashoggi wurde am 2. Oktober 2018 im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul getötet. Der Journalist und Kolumnist der Washington Post hatte das Gebäude betreten, um Unterlagen für seine geplante Hochzeit mit Hatice Cengiz abzuholen. Er verließ das Gebäude nie wieder. Zunächst erklärte Saudi-Arabien, Khashoggi habe das Konsulat lebend verlassen. Später sprach Riad von einer Auseinandersetzung, danach von einer vorsätzlichen Tötung.

Ermittler in der Türkei und Untersuchungen der Vereinten Nationen kamen später zu deutlich schwerwiegenderen Schlüssen. Laut den Erkenntnissen war bereits vor Khashoggis Ankunft ein Team saudi-arabischer Sicherheitskräfte eingeflogen worden. Darunter befand sich auch der Gerichtsmediziner Salah al-Tubaigy. Türkische Geheimdienste sollen Tonaufnahmen besitzen, die Vorbereitungen, die Tötung selbst und die anschließende Zerstückelung des Körpers dokumentieren. Die sterblichen Überreste Khashoggis wurden bis heute nicht gefunden.

Amerikanische Geheimdienste kamen später zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung Mohammed bin Salmans an der Operation „mittel bis hoch“ gewesen sei. Der Kronprinz selbst bestritt, den Befehl erteilt zu haben, erklärte jedoch später, die Tat sei „unter seiner Verantwortung“ geschehen.
Besonders brisant ist nun, dass frühere juristische Versuche mehrfach scheiterten. In den Vereinigten Staaten erhielt Mohammed bin Salman unter der Regierung von Joe Biden Immunität nach seiner Ernennung zum Premierminister Saudi-Arabiens. Das führte dazu, dass ein amerikanisches Verfahren eingestellt wurde. Der Fall war international bekannt, politisch diskutiert und geheimdienstlich bewertet worden, ohne daraus ernsthafte rechtliche Folgen entstehen zu lassen – genau das könnte sich nun erstmals ändern. Frankreich öffnet jetzt eine Tür, die lange verschlossen schien. Noch bedeutet das keine Anklage. Doch nach Jahren politischer Abschirmung bewegt sich ein Fall wieder, von dem viele bereits glaubten, er würde endgültig in Archiven verschwinden. Dafür steht auch der investigative Journalismus: ein einsamer Wanderer durch finstere Stunden, der seine Wahrheit dem Wind abringt, während immer weniger Menschen überhaupt noch stehen bleiben, um ihn auf diesem Weg zu unterstützen.
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