Innerhalb von zwei Jahren ist die Zahl der Hochverratsverurteilungen in Russland um 460 Prozent gestiegen. Diese Zahl stammt nicht aus einem Leak, nicht aus einem westlichen Geheimdienstbericht, nicht aus einer Schätzung von Memorial oder Human Rights Watch. Sie stammt aus längeren Recherchen am Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation selbst. Das Land, das den Anstieg meldet, ist dasselbe Land, das ihn produziert. Wer Statistik und Strafverfolgung in einer Hand hält, schreibt Geschichte mit der eigenen Tinte und liest sie sich selbst vor.

Putins System steht auf drei Säulen. Gewalt, Korruption und Einschüchterung. Drei Säulen, die nichts tragen außer den Mann, der auf ihnen steht.
460 Prozent. In der trockenen Sprache der Justiz klingt das nach einer Buchhaltungsrubrik. Übersetzt in Lebensläufe heißt es etwas anderes. Tausende Menschen sitzen heute in russischen Lagern, die vor zwei Jahren noch frei waren. Mütter, denen man nicht sagt, in welchem Lager der Sohn ist. Anwälte, die vor verschlossenen Aktenräumen stehen. Verfahren, die hinter doppelten Türen geführt werden, in einer Justiz, die ihren eigenen Schatten verwaltet, als wäre er das Wesentliche.
Selbst in dieser Höhe glauben Menschenrechtler den Zahlen nicht. Die wahre Zahl, sagen sie, liege etwa beim Doppelten. Der Grund ist nüchtern, fast banal. Ein erheblicher Teil der Verfahren wegen Hochverrats läuft hinter geschlossenen Türen. Viele Urteile werden nicht in voller Länge veröffentlicht. Andere Fälle erscheinen in offiziellen Übersichten überhaupt nicht, weil sie als Verschlusssache geführt werden, weil ein Beamter sie für zu heikel hielt, weil der Apparat selbst entscheidet, was Statistik werden darf und was schweigen muss. Wer in Russland heute wegen Hochverrats verurteilt wird, kann in einem Aktenzeichen verschwinden, das nie ein Mensch außerhalb der Behörde lesen wird. Verschwunden, begraben, gerichtlich bestätigt, aber unsichtbar für alle, die später fragen werden, wo er hingegangen ist.
Hochverrat selbst ist in Russland längst kein klar abgegrenzter Tatbestand mehr. Ursprünglich bezog sich der Vorwurf auf klassische Spionage, auf direkte Zusammenarbeit mit feindlichen Diensten, auf den Verrat von Staatsgeheimnissen, die diesen Namen verdienten. Heute reicht weniger. Sehr viel weniger. Der Kontakt zu einer ausländischen Organisation. Die Weitergabe von Informationen, die man im Westen jeder freien Zeitung am Kiosk entnehmen kann. Die Unterstützung eines Projekts, das der Staat für unerwünscht erklärt hat, ohne dass ein Gesetz vorher gesagt hätte, was unerwünscht bedeutet. Der Begriff wurde gestreckt wie ein Gummiband, bis er nichts mehr genau benennt und alles erfassen kann. Und genau das ist sein neuer Sinn. Nicht Schärfe. Sondern Reichweite.

Sergei Veselov hat Zahlen an eine Bushaltestelle geschrieben. Geschätzte Zahlen russischer Gefallener im Krieg gegen die Ukraine. Mit Kreide vermutlich, oder mit einem Marker, mit etwas, das Worte sichtbar macht und sie wieder verschwinden lässt, wenn der Regen kommt. Veselov wurde wegen angeblicher Beteiligung an feindlichen Aktivitäten verurteilt, kombiniert mit dem Vorwurf der Falschinformation und einem politischen Motiv. Dreizehn Jahre Gefängnis. Dreizehn Jahre für eine Schätzung, die jeder, der lesen kann, in jeder unabhängigen Quelle nachprüfen kann. Was Veselov getan hat, war nicht spionieren. Er hat erinnert, an Tote, die der Staat lieber nicht zählt. Erinnerung, das hat Russland uns 2026 beigebracht, ist ein Verbrechen geworden, das man in Jahrzehnten misst.
Dmitry Kolker war Physiker. Er arbeitete an internationalen Forschungsprojekten, die offiziell genehmigt waren, an Daten, deren Weitergabe der Staat selbst freigegeben hatte. Er wurde wegen Hochverrats angeklagt und starb während des Verfahrens, bevor das Urteil gesprochen war. Kein Westen hat seine Akten gesehen. Kein freier Anwalt hat ihn verteidigen dürfen, soweit er das wollte. Er ist gestorben, bevor das System ihn formal vernichten konnte. Mehrere andere russische Wissenschaftler haben ein ähnliches Schicksal erlitten, nach dem gleichen Strickmuster. Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern. Austausch wissenschaftlicher Daten. Alle Genehmigungen vorhanden. Und trotzdem, am Ende, eine Verurteilung wegen Weitergabe sensibler Informationen. Es ist nicht die Tat, die strafbar gemacht wird. Es ist das Gegenüber. Wer mit dem Westen redet, wird Verräter, selbst wenn er die Fragen, auf die er antwortet, vorher aus dem eigenen Ministerium auf den Tisch bekam.
Eine Verkäuferin aus Sotschi, deren Namen die Öffentlichkeit nicht kennen darf, wurde wegen Hochverrats verfolgt, weil sie eine SMS mit militärischen Beobachtungen verschickt hatte. Eine Frau, die einen Truppentransport am Straßenrand stehen sah und einer Bekannten schrieb, was ihr aufgefallen war. Selbst auf hoher politischer Ebene wurde später die Frage gestellt, wie eine Supermacht durch eine SMS gefährdet sein könne. Die Frage ist berechtigt. Die Antwort blieb aus. Die Verkäuferin sitzt trotzdem.
Ein ehemaliger freier Mitarbeiter von Radio Free Europe wurde 2026 wegen Hochverrats festgenommen. Sein Name wird in russischen Medien nicht genannt, in westlichen Medien hüllt man sich zu meist in Schweigen. Sein Name: Aleksandr Andrejew. Vorwurf, Zusammenarbeit mit der Ukraine. Details kaum öffentlich. Verfahren weitgehend im Dunkeln. Aleksandr Andrejew. Ein Name, der in den westlichen Schlagzeilen kurz erschien und dann wieder schnell verschwand, als hätte ihn niemand richtig festhalten wollen. Die Unterstützung westlicher Medien für Männer wie ihn war dünn. Sehr dünn. So dünn, dass man sie gegen das Licht halten musste, um sie überhaupt zu sehen.

Informationen holen, das ging. Daran scheiterte es nie. Wenn ein Korrespondent eine Geschichte brauchte, einen Hintergrund, eine russische Stimme, die das Regime von innen beschreibt, dann war Andreyev fast immer erreichbar. Und jetzt? Alle anderen sind immer mit etwas anderem beschäftigt.
Im Fall Aleksandr Andrejew wird das eigentliche Muster im Fall sichtbar, klar wie ein Glas Wasser, das man gegen das Licht hält. Kontakt zu ausländischen Medien reicht. Es muss kein Geheimnis verraten werden. Es muss kein Beweis erbracht werden. Es genügt das Telefonbuch des Verdächtigen, sortiert nach Vorwahlen außerhalb der Russischen Föderation.

Ivan Safronov war Journalist. Er berichtete über Rüstungsfragen, mit Quellen, mit Recherche, mit dem Handwerk seines Berufs, mit dem leisen Stolz eines Mannes, der weiß, wovon er schreibt. Später wurde genau diese Arbeit als Verrat ausgelegt. Zweiundzwanzig Jahre Haft. Seine Anwälte nannten das Urteil selbst absurd. Was Safronov geschrieben hatte, war Journalismus. Was die russische Justiz daraus machte, war Hochverrat. Es ist derselbe Text, betrachtet durch zwei Brillen. Die eine trägt der Bürger, die andere trägt der Staat. Und nur die zweite urteilt.

Ein Gericht in Russland hat den Anwalt Dmitri Talantow zu sieben Jahren Haft verurteilt, nachdem er Iwan Safronow verteidigt hatte.
Es gibt sogar Fälle, in denen das Verfahren auf einer Verwechslung beruht. Ein Aktivist wurde strafrechtlich verfolgt, weil Ermittler ihn mit einer anderen Person verwechselt hatten. Der Fehler wurde erkannt, der Fehler wurde dokumentiert, der Fehler blieb folgenlos. Das Verfahren lief weiter. In einem Rechtsstaat würde so etwas eine Schlagzeile produzieren, eine Entschuldigung, eine Entschädigung, eine Entlassung des verantwortlichen Staatsanwalts. In Russland 2026 ist es eine Aktennotiz, die niemand mehr ändert. Wer einmal in der Maschine steckt, wird durchgereicht, egal ob er der Richtige war. Die Maschine kennt keine Korrektur. Sie kennt nur den Vorwärtsgang.
Was diese Fälle verbindet, ist nicht die Schwere der angeblichen Tat. Es ist die Beliebigkeit. Eine Bushaltestelle, eine Datenweitergabe, eine SMS, ein Anruf nach Kiew, ein Artikel über Rüstung, eine Personenverwechslung. Aus jedem dieser Vorgänge kann Hochverrat werden. Und genau das ist der eigentliche Zweck. Nicht Sicherheit. Nicht Spionageabwehr. Sondern Abschreckung. Die Botschaft an jeden Russen, der heute noch glaubt, er könne reden, schreiben, denken, ist klar formuliert. Tu es nicht. Wir machen dir einen Prozess. Wir nennen es Hochverrat. Du wirst zwanzig Jahre brauchen, um zu beweisen, dass du es nicht warst, und du wirst die zwanzig Jahre nicht erleben.
Auch die Geschwindigkeit der Verfahren hat sich verändert. Ermittlungen greifen früher. Anklagen werden in Tagen formuliert, nicht in Monaten. Urteile fallen ohne lange Auseinandersetzung. Anwälte berichten von eingeschränktem Zugang zu den Akten ihrer eigenen Mandanten. Familien berichten, dass sie wochenlang nicht wissen, wo ihr Sohn, ihr Bruder, ihre Tochter überhaupt festgehalten wird. Es ist nicht mehr Justiz, wie der Westen sie versteht. Es ist eine Maschine, die Fälle frisst und Urteile ausspuckt, möglichst schnell, möglichst ohne Zeugen, möglichst ohne den Hauch von Öffentlichkeit, der in einer Demokratie das Korrektiv ist.
All das fügt sich in ein größeres Muster. Seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine baut der russische Staat seine Kontrolle systematisch aus. Neue Gesetze. Verschärfte Strafrahmen. Eine wachsende Zahl von Verfahren gegen Journalisten, gegen Aktivisten, gegen Wissenschaftler, gegen Menschen mit internationalen Kontakten. Jedes einzelne dieser Werkzeuge greift in das nächste, wie Zahnräder einer Uhr, deren Sinn nicht das Zeigen der Zeit ist, sondern das Zermalmen dessen, was zwischen die Räder gerät. Zusammen ergeben sie ein Instrumentarium, mit dem ein Staat erreicht, was er erreichen will. Schweigen am Frühstückstisch. Selbstzensur am Telefon. Die Angst, bei der Suche im Internet das falsche Wort einzugeben.
Wenn 460 Prozent die offizielle Zahl ist, und Menschenrechtler von etwa doppelt so vielen ausgehen, dann reden wir in Wahrheit über eine Steigerung von annähernd tausend Prozent in zwei Jahren. Eine solche Steigerung existiert nicht in einem Rechtsstaat. Sie existiert nur in einem Staat, der entschieden hat, dass Justiz ein Werkzeug ist und kein Gericht. Wer sich in der russischen Geschichte umschaut, erkennt das Muster. Es hat einen Namen. Mehrere Namen. Sie alle stehen in Geschichtsbüchern, die Russen ungern aufschlagen. Sie werden bald wieder darin stehen, mit einem neuen Namen, in einem neuen Kapitel.
Wer heute in Russland eine Zahl an eine Bushaltestelle schreibt, riskiert dreizehn Jahre seines Lebens, wie Sergei Veselov. Wer eine SMS verschickt, riskiert dasselbe. Wer ein Telefonat mit der falschen Vorwahl führt, riskiert dasselbe. Wer wie Ivan Safronov Journalismus betreibt, riskiert zweiundzwanzig Jahre. Wer wie Dmitry Kolker an freigegebenen Daten forscht, riskiert sein Leben, weil das Verfahren ihn auch dann zermalmt, wenn am Ende kein Urteil mehr gesprochen wird, weil der Mensch zwischendurch starb. Es gibt Länder, in denen man für ein Verbrechen ins Gefängnis kommt. Und es gibt Länder, in denen man ins Gefängnis kommt, damit andere kein Verbrechen wagen. Russland ist 2026 das zweite Land geworden. Vielleicht war es das immer. Aber jetzt ist es so deutlich, dass selbst der eigene Oberste Gerichtshof es in Zahlen erfasst, die niemand mehr glaubt.
Hochverrat war einmal ein Wort für etwas Konkretes. Heute ist es ein Wort für alles, was der Staat nicht hören will. Und in genau dieser Verwandlung liegt seine Schärfe. Wer ein Wort entkernt, kann es jedem ins Gesicht werfen. Es trifft, weil es leer geworden ist. Es bricht das Leben des Getroffenen, weil hinter dem Wort kein Inhalt mehr steht, den man widerlegen könnte. Man kann nicht widerlegen, was nichts mehr bedeutet. Man kann nur sitzen. Dreizehn Jahre. Zweiundzwanzig Jahre. Eine ganze Generation, die in einer Zelle altert, während draußen die Welt weitergeht und vergisst.

Der Handschlag zweier Männer, der vielleicht einer der größten Hochverratsfälle der Geschichte sein könnte.
Das ist die russische Justiz im Jahr 2026. Eine Maschine, die ihre eigenen Zahlen meldet und gleichzeitig dafür sorgt, dass diese Zahlen niemand mehr ernst nehmen kann. Eine Justiz, die mit jedem neuen Urteil das nächste Wort entleert, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt außer dem Wort des Staates. Wer in einem solchen Land lebt, lernt schweigen. Wer schweigt, überlebt vielleicht. Wer redet, gehört zu den 460 Prozent. Oder zu den unsichtbaren weiteren, die in keiner Statistik mehr auftauchen, weil ihr Verfahren so geheim geführt wurde, dass selbst die eigene Familie nicht erfährt, wo der Vater geblieben ist.
Russland zählt sich selbst, und die Welt zählt mit, was Russland nicht zählen will. Die Differenz zwischen beiden Zahlen ist die wahre Geschichte dieses Jahres. Die offizielle Statistik zeigt einen Staat, der streng durchgreift. Die wahre Statistik zeigt einen Staat, der seine eigenen Bürger zermürbt, einen nach dem anderen, in geschlossenen Sälen, hinter schweigenden Türen, in Akten, die niemand öffnen darf. Wer einmal in dieser Maschine landet, kommt nicht mehr heraus mit der Person, die er einmal war. Und das ist, am Ende, der eigentliche Zweck.
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Danke für die Recherche.
Es wäre schön, wenn das auch mal zu den Russland-Anbetern von der AfD und BSW durchkommen würde.
Und ich frage mich immer wieder, was Putin gegen Trump in der Hand haben muss, damit ihm dieser so aus der Hand frisst.
vielen Dank, ja, es wird da noch einiges zu trump/putin zu recherchieren sein um da genaueres sagen zu können