Wolodymyr Selenskyj saß am 18. August im Weißen Haus und legte Donald Trump eine Präsentation vor. Darin eine Karte des Nahen Ostens. Darin der Hinweis, dass der Iran das Design seiner Einweg-Angriffsdrohnen verbessert. Darin ein konkretes Angebot: Drohnenwälle in der Türkei, in Jordanien, in den Golfstaaten. Radar. Abfangsysteme. Regionale Knotenpunkte. Ein Schutzschirm für amerikanische Stützpunkte, aufgebaut auf ukrainischem Wissen, finanziert durch amerikanisches Geld. Trump wies sein Team damals an, daran zu arbeiten. Passiert ist nichts.
Seit dem 28. Februar, seit Beginn der amerikanischen Angriffe auf den Iran, haben iranische Shahed-Drohnen sieben US-Soldaten getötet. Eine Shahed kostet zwischen 20.000 und 50.000 Dollar. Ihr Abschuss kostet oft ein Vielfaches. Washington verschießt Millionenraketen gegen eine billige, simple Waffe, die in Serie gebaut wird und die Ukraine seit Jahren kennt. Russland setzt sie unter dem Namen Geran tausendfach ein. Die Ukrainer haben sich damit arrangiert. Sie haben günstige Abfangdrohnen entwickelt, Sensoren gebaut, ein System geschaffen, das nicht auf teure Abfangwaffen setzt, sondern auf Geschwindigkeit und Masse. Das alles stand in der Präsentation vom August.

Ein amerikanischer Beamter, der die Präsentation damals gesehen hat, beschreibt die Stimmung in Washington so: Man habe gedacht, das sei wieder Selenskyj being Selenskyj – ein Selbstdarsteller eines Klientenstaates, der nicht genug Respekt genieße. Jemand habe entschieden, das Angebot nicht anzunehmen. Heute sagt derselbe Beamte, wenn es vor diesem Krieg einen taktischen Fehler gegeben habe, dann sei es dieser gewesen. Vergangene Woche wandte sich Washington offiziell an Selenskyj. Nicht mit einem Angebot. Mit einer Bitte um Hilfe. Das ist die eigentliche Nachricht. Nicht dass Drohnen töten. Nicht dass der Iran aufrüstet. Sondern dass sieben Monate zwischen Warnung und Einsicht lagen, und dass in diesen sieben Monaten sieben Soldaten gestorben sind.
Die Ukrainer hatten ihr Angebot wie ein Geschäft strukturiert. Zugang zu Produktion und Know-how im Gegenzug für amerikanische Investitionen. Man könne bis zu 20 Millionen solcher Waffen herstellen, hieß es. Man habe nur 50 Prozent der eigenen Kapazität nutzen können, weil das Geld fehle. Die USA sollten die andere Hälfte finanzieren und an der Produktion beteiligt werden. Amerikanische Drohnendominanz, so das Versprechen, sei möglich. Niemand kaufte es.
Am Freitag kündigten die USA an, ein eigenes Abwehrsystem namens Merops zu stationieren. Armeeminister Dan Driscoll, intern als der Drohnen-Typ bezeichnet, treibt neue Lösungen voran. Bereits unter der Biden-Regierung lief ein Programm zur schnellen Drohnenproduktion unter dem Namen Replicator. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte im vergangenen Jahr Reformen angekündigt, um China und Russland im unbemannten Luftkampf zu überholen. Die Ankündigungen liefen, während die Drohnen flogen. Die offizielle Linie aus dem Weißen Haus klingt anders. Sprecherin Anna Kelly erklärt, die iranischen Vergeltungsschläge seien um 90 Prozent zurückgegangen, weil die ballistischen Fähigkeiten Teherans vollständig zerschlagen würden. Die Darstellungen anonymer Quellen seien unzutreffend. Hegseth und die Streitkräfte hätten alle Szenarien eingeplant, der Erfolg der Operation Epic Fury spreche für sich.
Gleichzeitig äußern regionale Partner Unzufriedenheit über die bisherigen Abwehrmaßnahmen. Ein US-Beamter sprach von einer enttäuschenden Reaktion auf die iranischen Drohnenangriffe. Ein anderer räumt ein, die ukrainischen Systeme hätten früher geholfen. Bilder zeigen Apache-Hubschrauber, die iranische Drohnen mit Bordkanonen bekämpfen. Großbritannien schickt Wildcat-Hubschrauber mit Martlet-Raketen. Alles sind Antworten auf ein Problem, das Kiew längst gelöst hatte und dessen Lösung Washington im August auf dem Tisch lag. Im November hatte ein weiterer US-Beamter gesagt, Militärs hätten längst den Wunsch, in die Ukraine zu reisen, um Technik und Taktik direkt zu übernehmen. Die Ukrainer befänden sich in einer existenziellen Krise. Hundert Prozent.
Was bleibt, ist eine schlichte Rechnung. Eine Shahed kostet 50.000 Dollar. Eine Warnung, die ignoriert wird, kostet mehr. Sie kostet alles, wenn man Menschenleben als Teil der Rechnung begreift. Washington wollte sich im August nicht belehren lassen von jemandem, den manche in der Administration nicht ernst nahmen. Jetzt bittet dieselbe Stadt denselben Mann um Rat. Sieben Tote später. Fast auf den Tag genau sieben Monate danach. Das ist kein Versagen aus Unwissenheit. Es ist ein Versagen aus Haltung.
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